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Corona-Maßnahmen Zu unwissenschaftlich: Darum steht das Corona-Gutachten in der Kritik

Die Mitglieder des Corona-Kommission verteidigen ihr Corona-Gutachten
Christoph Schmidt (l-r), Präsident Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Hendrik Streeck, Virologe, Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, und Jutta Allmendinger, Soziologin, bei der Pressekonferenz zum Evaluationsbericht
© Fabian Sommer / DPA
Das Gutachten zu den Corona-Maßnahmen polarisiert. Unter Fachleuten entbrennt Kritik an dem Papier. Zu unwissenschaftlich, lautet das vernichtende Fazit. Jetzt wehren sich die Kommissionsmitglieder.

Die Bewertung der bisherigen Corona-Maßnahmen sollte Klarheit bringen und der Politik dabei helfen, sich auf den Herbst vorzubereiten. Doch das Ergebnis, das die Mitglieder des Sachverständigenausschusses Ende letzter Woche dann präsentierten, enttäuschte auf ganzer Linie. (Warum, lesen Sie hier.) Eindeutige Erkenntnisse darüber, welche Schutzmaßnahmen besonders nützlich waren, blieben aus, ebenso klare Leitlinien für die Politiker. Stattdessen fällten die Experten ein ernüchterndes Urteil: Die Maßnahmen lassen sich demnach abschließend nicht eindeutig bewerten.

Statt Klarheit bringt der sehnlichst erwartete Expertenbericht jetzt vor allem eines: Streit – auch unter Fachleuten. In der Kritik steht vor allem das Kapitel zu den Maßnahmen. Dieses sei schlecht und entspreche nicht der guten wissenschaftlichen Praxis, bemängeln Fachleute. "Es gab offensichtlich nicht genug personelle Ressourcen für systematisch Literaturrecherche", moniert etwa die Leiterin des Zentrums für neuartige Viruserkrankungen am Universitätsklinikum Genf, Isabella Eckerle.

Dabei hätten einige Mitglieder des Expertengremiums als Universitätsprofessoren Zugang zu qualifizierten wissenschaftlichen Mitarbeitern gehabt, um die Recherche durchzuführen. "Bei der Relevanz dieser Arbeit für jetzige & kommende Pandemien wäre dies doch eine sinnvole Investition gewesen", schreibt sie auf Twitter.

Fehlende Transparenz und mangelnde Wissenschaftlichkeit

Die personellen Einsparungen hatte bereits der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Universität Marburg im Gespräch mit dem stern kritisiert und die Erwartungen an den Evaluationsbericht gedämpft. "Für mich ist es völlig unverständlich, dass nach einer langen Zeit mit Einschränkungen nicht massiv in wissenschaftliche Programme investiert wurde, die uns bei der Klärung vieler Fragen geholfen hätten", sagte er im Interview. Wohin das nun führt, hat der Virologe Friedemann Weber auf Twitter zusammengefasst. "Wichtige Aussagen sollten auf wissenschaftlich geprüften Studien basieren, und nicht nur auf ungeprüften preprints, die im Prinzip jeder ins Netz stellen kann. Im Evaluationsbericht ist das leider nicht immer der Fall."

Auf seinem Twitterprofil hat er mehrere Stellen aus dem Gutachten des Corona-Sachverständigenausschusses gesammelt, die sich jedoch lediglich auf Quellen beziehen und noch kein wissenschaftliches Begutachtungsverfahren durchlaufen haben. Die Begutachtung wissenschaftlicher Untersuchungen durch Fachkollegen (auch Peer-Review genannt) und die anschließende Veröffentlichung in einem Fachjornal gelten als wissenschaftliche Qualitätsmerkmale.

Preprints zu zitieren sei zwar in Ordnung, sofern diese Untersuchungen noch sehr frisch seien. Problematisch am Expertenbericht sei jedoch, dass sich das Gremium in Teilen auf Preprints aus dem Jahr 2020 bezieht, twittert Weber. Diese Publikationen haben es über zwei Jahre lang nicht in wissenschaftliche Fachmagazine geschafft. "Wichtige Aussagen aber sollten auf wissenschaftlich geprüften Studien basieren und nicht nur auf ungeprüften Preprints, die im Prinzip jeder ins Netz stellen kann", so Weber.

Zudem hätten die Autoren des Gutachtens nicht offengelegt, wie viele Preprints sie zitieren. "Insgesamt sind mehrere Prozent der genannten Quellen in dem Bericht falsch zugeordnet oder falsch wiedergegeben", sagt Matthias Linden, Physiker am Max-Planck-Institut, der "Süddeutschen Zeitung". Dem Bericht mangele es demnach sowohl an einer systematischen Literaturrecherche als auch an einem Methodenteil, in dem dargestellt wird, warum bestimmte Studien für die Untersuchung herangezogen wurden und andere nicht, fassen die Fachleute ihre Kritik zusammen. Auch die Gegenüberstellung von Maßnahmen und Inzidenzen sei amateurhaft.

Stefan Huster, Vorsitzender des Ausschusses, hatte bereits vor der Veröffentlichung des Gutachtens darauf hingewiesen, dass Zeit und Geld für die Arbeit gefehlt hätten, dem Ausschuss jedoch kein zusätzliches Personal zugestanden wurde. Charité-Chefvirologe Christian Drosten hatte das Gremium unter anderem deshalb im April verlassen. Eine sorgfältige Bewertung hielt er für nicht machbar. Er dürfte sich nun bestätigt fühlen, denn die Kritik der Kollegen verbreitet er auf Twitter kommentarlos weiter. Sein Ausscheiden aus dem Gremium kommentierte er jüngst mit den Worten: "Mein Rückzug aus dem Sachverständigenausschuss war nicht deswegen ein Fehler, weil ich mich dadurch irgendeiner Verantwortung entzogen hätte. Ein Fehler war es deswegen, weil ich als Mitglied weiter hätte versuchen können, auf Qualität zu bestehen."

Kommissionsmitglieder verteidigen ihr Corona-Gutachten

Das wollen die Mitglieder des Gremiums allerdings nicht einfach so auf sich sitzen lassen. In einem Gastbeitrag für "Zeit Online" wehren sich drei Mitglieder gegen die Kritik. "Die Kommission wird eingesetzt, arbeitet, liefert pünktlich. Und muss am Tag der Abgabe von führenden Politikerinnen und Politikern lesen, dass man 'eh schon alles wisse' und das Gutachten kein 'Bremsklotz' sein dürfe", schreiben die Sozialforscherin Jutta Allmendinger, der Volkswirt Christoph Schmidt und der Virologe Hendrik Streeck.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) verteidigte seine eigenen Anmerkungen zur Arbeit der Kommission am Dienstagabend in der ZDF-Sendung "Markus Lanz". "Ich weiß, wie undankbar das ist", sagte er mit Blick auf die ehrenamtliche Tätigkeit der Gutachter. Fehler bei der Besetzung der Kommission – etwa mit zu wenigen Virologen – seien in der vergangenen Legislaturperiode gemacht worden. "Ich hatte mit der Besetzung nichts zu tun." Das Gutachten sei einer von mehreren Bausteinen bei der Beurteilung der Corona-Vorbereitungen für den Herbst, die nun mit Tempo vorangebracht werden müssten, bekräftigte Lauterbach.

"Eine detaillierte Bewertung von einzelnen Maßnahmen der Corona-Pandemie ist schlichtweg nicht möglich", schreiben Allmendinger, Schmidt und Streeck. Der Kommission sei früh klar gewesen, dass sie die übergeordneten Erwartungen nicht erfüllen konnte. Grund hierfür sei unter anderem gewesen, dass die Mitglieder des Sachverständigenausschusses von den Bundestagsfraktionen und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ausgewählt wurden. Die Kommission hatte keinen EInfluss auf die Zusammensetzung. "Die statistische Expertise war zwar vertreten, aber mehr Mitglieder aus der Epidemiologie und der Public-Health-Forschung hätten der Kommission gutgetan."

Die Kommissionsvertreter verwiesen in dem Beitrag wiederholt darauf, dass ihnen weder zusätzliche personelle oder finanzielle Ressourcen zugestanden worden seien. Zudem hätte man Gesundheitsminister Karl Lauterbach im Vorfeld darauf hingewiesen, dass "mit dieser knappen Ausstattung keine umfassende Evaluation möglich sein würde".

"Alle mit Regierungsverantwortung müssen jetzt vorsorgen"

Ob nun selbst verschuldet oder nicht: Die Politik muss sich nun selbst helfen. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) mahnte bereits an, das Land schon jetzt für den Herbst zu wappnen. "Alle, die Regierungsverantwortung tragen, müssen jetzt Vorsorge für den Herbst treffen. Ein Pandemie-Herbst des Chaos muss verhindert werden. Dafür braucht es vorsorgende Entscheidungen", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Dabei gehe es nicht um neue Maßnahmen, sondern bereits bewährte Vorkehrungen: "Maskenpflicht in Innenräumen, Kontaktbeschränkungen für bestimmte Bereiche, besonderer Schutz für empfindliche Gruppen, um gerade auch Kindern den Schulbesuch zu sichern."

Unternehmen sollten wieder mehr Arbeit im Homeoffice ermöglichen. Im vergangenen Herbst und Winter hätten Personalausfälle schätzungsweise mehr als sieben Milliarden Euro Kosten verursacht, sagte Göring-Eckardt. "Ein solcher Schaden darf sich gerade jetzt nicht wiederholen."

Quellen:Sueddeutsche Zeitung, Zeit Online, mit Material von DPA


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