HOME

Das Ende von Schwarz-Gelb: Merkels Angst, Brüderles Armageddon

Die Wähler schreiben Geschichte. Sie katapultieren Angela Merkel in die Stratosphäre ihrer Macht - und vernichten die FDP. Szenen einer Nacht.

Von S. Albers, B. Haas, L. Himmelreich, H.P. Schütz

Stille. Würde jetzt ein Haar zu Boden fallen, man würde es hören. Dann das ein oder andere leise Stöhnen. Auf der Leinwand steht eine Zahl: 4,6 Prozent. Das brennt in den Augen. Das ist der Exitus der FDP. Die Liberalen werden keinen einzigen Abgeordneten im Bundestag stellen. Erstmals nach Gründung der Bundesrepublik. Die Karrieren von Guido Westerwelle, Daniel Bahr, Rainer Brüderle, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: beendet. Hunderte Mitarbeiter: arbeitslos. "Scheiße", raunt einer im Berliner Congress Center. "Ich glaube das nicht."

Die CDU-Zentrale an der Klingelhöfer Straße ist brechend voll. Es gibt Falafel, Würstchen, Gulasch, Wein, Bionade. Das "TeAM" ist angerückt, die super engagierten Youngster in "Cool bleiben, Kanzlerin wählen"-T-Shirts. Sie singen schon: "Oh wie ist das schön." Oder rufen, rhythmisch, "Angie, Angie, Angie!" Überall im Konrad-Adenauer-Haus hängen Bildschirme. Irgendwo muss ein VJ sitzen, der die Übertragung der Wahlberichterstattung steuert. Sobald etwas Negatives im TV über die Union kommt, schaltet er weg. Sobald die Opposition zu sehen ist, schaltet er weg. Künast - zapp. Nahles - zapp. Punkt 18 Uhr drehen sie alle durch. 42 Prozent. Es ist ein Moment der Ekstase. Ein kurzer, ganz kurzer. Bis das Ergebnis der FDP kommt.

Mit wem soll Angela Merkel eine Koalition bilden?

"Feiern dürfen wir heute"

Bei der FDP harren sie aus. Der Wein findet reißenden Absatz. Manche hoffen, dass sich das Ergebnis noch ändert. Es ändert sich nicht. "Ich könnte Rösler an die Wand klatschen", sagt ein Liberaler. "Jetzt bekommen wir zu spüren, wie Merkels kompromisslose Machtpolitik funktioniert", ein anderer. Dass Brüderle um Zweitstimmen gebettelt hat, dass er gesagt hat, wer Merkel wolle, müsse FDP wählen, liegt vielen wie ein Brechmittel im Magen. Hat eine liberale Partei überhaupt noch einen Platz in Deutschland? Die Wähler sagen: nein. Ein Abgeordneter, ab heute arbeitslos, sagt: "Ja, aber nicht diese."

Um 18.42 Uhr betritt Angela Merkel die Bühne. "Sieg! Sieg! Sieg!" brüllt das "TeAM". Es klingt wie bei den Burschenschaften. Merkel, im mittelblauen Blazer, ist ein wenig blass um die Nase, sie lächelt sanft. Das ist der Tag ihres historischen Triumphes. Sie steht nun in einer Reihe mit Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Sie hat diesen Wahlkampf mit in diesen Zeiten schier unermesslichen 42 Prozent gewonnen, sie hätte beinahe die absolute Mehrheit erreicht. Ihre Hände formen die Raute. Sie sagt: "Wir werden verantwortungsvoll mit dem Regierungsauftrag umgehen." Und sie ringt sich einen weiteren Satz ab. Einen Merkel-Satz: "Feiern dürfen wir heute schon."

"Es ist nicht das Ende"

Im Congress Center haben sich die Reihen bereits gelichtet, als die Parteiführung auf die Bühne tritt. Brüderles Gesicht: fahl. Die Augen von Christian Lindner und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: gerötet. Westerwelle: kaut auf der Unterlippe. Philipp Röslers Frau Wiebke steht hinter ihrem Mann, schnauft tief und ringt um Fassung. Brüderle ergreift zuerst das Wort: "Es ist nicht das Ende der Partei." Es ist ein verzweifelter Versuch, seinen Parteifreunden Mut zu machen. Anschließend gesteht Rösler sein politisches Scheitern. Er werde "die Verantwortung übernehmen", sagt er. Er wollte mit 45 Jahren aus der Politik ausscheiden, freiwillig. Jetzt ist er 40.

Feiern dürfen sie, hat die Kanzlerin gesagt. Aber sie feiern nicht so richtig. Was, wenn die Union mit der absoluten Mehrheit von nur einer Stimme regieren müsste? Wie soll man den Laden bei einer kritischen Euro-Abstimmung zusammen halten? Wie könnte die Union mit einem rot-grünen Bundesrat umgehen? Wer will eigentlich noch mit ihr koalieren, wenn Merkel jeden Partner kaputt regiert? Gedämpfter Jubel. Umweltminister Peter Altmaier sagt stern.de : "Ich bin froh, dass Volkspartei in der Bundesrepublik doch noch möglich ist. Angela Merkel hat die Ernte von zehn Jahren Politik heute Abend eingefahren." Verteidigungsminister Thomas de Maizière hatte mit 38 Prozent gerechnet. "Aber Angela Merkel ist es perfekt gelungen, die Zustimmung der Bevölkerung auf ihre Person voll auf die Partei zu übertragen." Sie hat gewonnen, nicht die CDU, das ist auch eine Erkenntnis dieses Abends.

"Ich bin schon erstaunt"

Bei der FDP bricht eine blonde Frau in der ersten Reihe in Tränen aus. FDP-Generalsekretär Patrick Döring steigt von der Bühne herunter, nimmt sie in die Arme. Sofort drängen sich die Kameraleute um ihn. "Nein", sagt er, keine Interviews. "Ich wollte nur eine Mitarbeiterin trösten." Die meisten Spitzenleute verschwinden und lassen sich nicht mehr blicken. Entwicklungsminister Dirk Niebel bleibt, er betritt kurz nach sieben das Foyer, auch seine Augen sind gerötet. Aber auch er will keine Fragen beantworten. Rösler mischt sich noch unters Volk. Er berührt hier einen Mitstreiter, lässt sich dort in den Arm nehmen. Er nimmt sich dafür Zeit - fünf Minuten. Dann ist er weg.

In der CDU-Zentrale steht Lothar de Maizière, der Cousin des Verteidigungsministers. Er war der letzte Ministerpräsident der DDR. Er hat Merkel entdeckt, er hat sie groß gemacht, er ist neben ihr verblasst. Er sagt stern.de: Merkel habe es geschafft, den Witz über Mutti zur Mutter der Nation zu drehen. "Ich bin schon erstaunt, dass man ohne Thema so einen starken Wahlkampf machen kann. Als Angela noch meine zweite Regierungssprecherin war, war sie in der formalen Logik nicht zu schlagen. Sie hatte immer ein großes politisches Verständnis. Aber ich habe ihr dieses Durchsetzungsvermögen nicht zugetraut. 23 Jahre verändern den Menschen." Merkel ist zu diesem Zeitpunkt schon weg, sie sitzt in der Berliner Runde von ARD und ZDF. Sie macht sich dort klein. Sie hat alle besiegt und darf es niemanden wissen lassen. Weil sie womöglich einen Koalitionspartner braucht.

Der Blick: glasig

Der alte Koalitionspartner kippt ins Nichts. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verlässt gegen 20 Uhr mit ein paar Vertrauten das Congress Center. Als sie beim Alexanderplatz über die Ampel, geht spricht ein Teenager sie an: "Sind Sie Frau Leutheusser-Schnarrenberger?" Die Justizministerin bejaht. Ihr Blick ist immer noch glasig. Der Junge sagt: "Wenn es in der FDP mehr Leute wie Sie geben würde, die sich nicht nur um die Wirtschaft kümmern, hätten sie mehr Leute gewählt." Dann verschwindet Leutheusser-Schnarrenberger in die Nacht.

Mitarbeit: Lutz Kinkel, Hans-Martin Tillack