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Kurden-Demo in Köln: Emotionaler Appell: "Eskalationsstufe erreicht, die nicht vorstellbar war"

Sie wünschen sich Frieden und warnen vor einem möglichen Bürgerkrieg in der Türkei: In Köln haben Tausende Menschen gegen die Politik des türkischen Präsidenten Erdogan protestiert. 

"Wir wollen in Frieden zusammenleben": Kurden und auch Türken demonstrierten in Köln gegen die Politik des türkischen Präsidenten Erdogan

"Wir wollen in Frieden zusammenleben": Kurden und auch Türken demonstrierten in Köln gegen die Politik des türkischen Präsidenten Erdogan

Rund 6.500 Demonstranten haben am Samstag in Köln friedlich gegen die Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, 62, protestiert. Unter den Rednern bei der zentralen Abschlusskundgebung auf dem Heumarkt war auch der Parteivorsitzende der Linken, Bernd Rixinger (61). Er warf Erdogan vor, aus der Türkei eine "Diktatur" zu machen und kritisierte auch die Bundesregierung und Angela Merkel scharf. Auslöser der zweiten großen Kurdendemonstration in Köln innerhalb von acht Wochen war die Festnahme der HDP-Vorsitzenden Selahattin Demirtas (43) und Figen Yüksekdag (44) sowie weiterer Abgeordneter der demokratischen Oppositionspartei HDP in der Nacht zu Freitag. Die Demonstration in Köln war die größte in Nordrhein-Westfalen, daneben protestierten Menschen unter anderem in Stuttgart, Mannheim, Leipzig, Hildesheim und Nürnberg.

"Das, was Erdogan macht, hat mit Demokratie und Menschenrechten nichts zu tun", sagte Rixinger. "Schuldig ist die AKP-Regierung, mitverantwortlich sind jedoch die Bundesregierung und die EU", rief Rixinger den Tausenden Demonstranten zu, die am Mittag in Köln vom Ebertplatz zum Heumarkt gezogen waren. Im Gespräch mit dem stern berichtete der Linken-Vorsitzende, der als einziger Bundespolitiker nach Köln gekommen war, dass Demirtas und die zehn weiteren HDP-Politiker bei ihrer Verhaftung "keinen Anwalt hinzuziehen" durften. Nach den "Säuberungen" gegen Beamte, Lehrer, der Schließung von rund 170 Medienhäusern und die Verhaftung von kritischen Journalisten sei mit der Verhaftung der "von fünf Millionen Menschen gewählten demokratischen HDP-Abgeordneten eine Eskalationsstufe erreicht, die nicht vorstellbar war".

Rixinger appellierte daher an Kanzlerin Merkel, "mit Erdogan keine freundlichen Gespräche mehr zu führen". Ebenso müsse die EU die "Beitrittsgespräche stoppen", die Bundesregierung dürfe "keine Waffen mehr an den NATO-Bündnispartner Türkei liefern" und die Bundeswehr müsse "sofort abgezogen" werden.

Auch der Parteivorsitzende der Linken, Bernd Rixinger, nahm an der Demonstration teil. Seiner Meinung nach mache Erdogan aus der Türkei eine "Diktatur".

Auch der Parteivorsitzende der Linken, Bernd Rixinger, nahm an der Demonstration teil. Seiner Meinung nach mache Erdogan aus der Türkei eine "Diktatur".


Kurdensprecherin Dersim Dagdeviren (37) arbeitet als Kinderärztin in Gelsenkirchen. Sie übersetzt für Demirtas und appelliert an die Bundesregierung: "Handlungen und klare Worte müssen folgen"

Kurdensprecherin Dersim Dagdeviren (37) arbeitet als Kinderärztin in Gelsenkirchen. Sie übersetzt für Demirtas und appelliert an die Bundesregierung: "Handlungen und klare Worte müssen folgen"


Rixinger bezeichnete den verhafteten HDP-Vorsitzenden Selahattin Demirtas als seinen "politischen Freund" und wolle ihn so bald wie möglich besuchen, erklärte er gegenüber stern.de. Der türkische Justizminister Bekir Bozdag hatte Medienberichten zufolge die Verhaftung damit begründet, dass die Abgeordneten einer Vorladung der Staatsanwaltschaft nicht nachgekommen seien. Eine der Organisatoren der Demonstration in Köln, die Kurdensprecherin und Übersetzerin von Demirtas, Dersim Dagdeviren (37), wies die Vorwürfe zurück: "Einige verhaftete Abgeordnete haben überhaupt keine Vorladung erhalten, so etwa der inzwischen freigelassene Ziya Pir." Wie Rixinger kritisierte sie sowohl die Bundesregierung als auch die EU und die NATO scharf. Gegenüber stern.de sagte sie: "Wir hoffen, dass die deutsche Politik die Botschaft dieser Demonstration ernst nimmt und nicht länger nur Besorgnis äußert." Vielmehr müssten nun "Handlungen und klare Worte" folgen. Dazu gehört ihrer Meinung nach auch, das Flüchtlingsabkommen mit Erdogan aufzukündigen. Dieses Abkommen bezeichnete Bernd Rixinger als "schändlichen Deal, mit dem sich die Bundesregierung und die EU Erdogan ausgeliefert haben".

"Wir wollen in Frieden zusammenleben"

Dem Aufruf zur Kundgebung waren am Samstag über 6000 Menschen aus NRW gefolgt. Darunter nicht nur Kurden, sondern auch Armenier, Aleviten - und auch Türken. So wie der LKW-Fahrer Aydin Haydar (56), der seit 1980 in Köln lebt. Er macht sich große Sorgen um sein Heimatland: "Erdogan ist ein Faschist. Er macht die Türkei zur Diktatur. In der Türkei wird ein Bürgerkrieg ausbrechen, wenn Erdogan so weiter macht. Er soll endlich aufhören." Von der Unterdrückung der Meinungsfreiheit seien längst nicht mehr nur die Kurden betroffen, sondern auch die Türken selbst. "Immer mehr Türken flüchten doch nach Deutschland", so wie der ehemalige Chefredakteur der Cumhuriyet, Can Dündar. Und dies sei dann auch ein Problem für Deutschland und die EU. Deswegen müssten "alle zusammenstehen, egal ob Türken, Kurden, Aleviten oder Armenier. Wir wollen doch alle wie normale Menschen in Frieden zusammenleben." Ob diese Äußerungen derzeit besonders mutig seien? "Wir haben keine andere Wahl, wir müssen zusammenstehen und unsere Stimme erheben", so Haydar.

Aydin Haydar kommt aus der Türkei und lebt seit 1980 in Köln. Die Situation in seinem Heimatland bezeichnet er als dramatisch. Erdogan sei ein Faschist. Kurden wie Türken müssten zusammenstehen, um einen Bürgerkrieg zu verhindern.

Aydin Haydar kommt aus der Türkei und lebt seit 1980 in Köln. Die Situation in seinem Heimatland bezeichnet er als dramatisch. Erdogan sei ein Faschist. Kurden wie Türken müssten zusammenstehen, um einen Bürgerkrieg zu verhindern.


Mit dieser Einstellung steht der türkische LKW-Fahrer offenbar beispielhaft für die rund 6.500 Demonstranten, die – von drei kleineren Delikten abgesehen – friedlich für Solidarität, Freiheit und Frieden auf die Straße gingen und damit, so Organisatorin Dersim Dagdeviren, den inhaftierten HDP-Politikern "ihre Stimme wiedergaben."

  • Frank Gerstenberg