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Streng geschütztes Wildtier: Deutschland diskutiert sich einen Wolf – Soll man die Tiere künftig abschießen?

Der Wolf ist in Deutschland wieder heimisch - und fühlt sich hier wohl. Was Naturschützer freut, ist der reinste Horror für Schäfer. Sollen die Tiere künftig gejagt werden? Ein Termin im Bundestag sollte Klarheit bringen.

Wolf Alexander aus dem Wildpark Eekholt

Ja, Wölfe können auch freundlich gucken. Dieser Wolf heißt Alexander und lebt im Wildpark Eekholt in Schleswig-Holstein

DPA

Der Wolf ist zurück in Deutschland. Diese Botschaft entzückt Naturschützer seit ein paar Jahren. Denn seit der Jahrtausendwende vermehren sich die Tiere wieder. Doch die Vorfahren der Haushunde reißen auch immer wieder Schafe. Fotos von Wölfen, die in der Nähe von Siedlungen herumlaufen, alarmieren die Anwohner. Was tun?

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will die Ausbreitung von Wölfen in Deutschland genau beobachten lassen. Sie mache sich Sorgen um Schäfer und andere Tierhalter mit Herden in Freilandhaltung, sagte die CDU-Politikerin der "Bild"-Zeitung.

Wölfe sind nach deutschem und europäischem Naturschutzrecht streng geschützt. Doch das könnte sich ändern. Eine Diskussion im Bundestag in Berlin diese Woche offenbarte das Informationschaos um die Tiere. Hier ein paar Wolfs-Fakten

Debatte um den Wolf - Worum geht es und wie viele gibt es?

Rund 150 Jahre lang galt der Wolf in Deutschland als ausgestorben. Nun ist er zurück in mehreren Bundesländern, vor allem Niedersachsen und in Ostdeutschland.

Doch wie viele Wölfe es in Deutschland gibt, ist auch unter Experten umstritten. Das zeigte der Termin im Umweltausschuss des Bundestags am Mittwoch: So sagte Wolfgang Köck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, dass  es hierzulande etwa 150 erwachsene Wölfe gebe. Dagegen sprach beispielsweise Eberhard Hartelt vom Deutschen Bauernverband von mehr als 1000 Wölfen, die zu Beginn dieses Jahres in Deutschland lebten.

Wieder andere Experten schätzen die Zahl der erwachsenen Tiere auf 150 bis 160, die Gesamtzahl auf 800.

Sicher ist aber: Die Zahl der Wölfe wächst – und sie wächst immer schneller. Wenn die Tiere ausreichend Nahrung finden und nicht gejagt, vertrieben oder zum Beispiel durch Verkehrsunfälle getötet werden, dann vermehren sie sich rasch. Wölfe jagen - nicht nur Wild, sondern auch Schafe und andere Nutztiere. Sie haben keine Fressfeinde. 2016 wurden über 1000 Nutztiere durch Wölfe getötet oder verletzt. Vor allem Schafe und Ziegen werden gerissen, aber auch Rinder.

Warum ist es so problematisch, wenn Wölfe Weidetiere jagen?

Die Weidetierhaltung ist wichtig für den Naturschutz. Für Schäfer ist es nicht nur finanziell, sondern auch emotional belastend, wenn ihre Tiere gerissen werden: Jeder Angriff sei "ein Trauma für Mensch und Tier, schon die Angst davor ist unerträglich", sagt Andreas Schenk vom Bundesverband der Berufsschäfer. In Niedersachsen zum Beispiel werden Schafe auch zum Schutz der Deiche eingesetzt, auch am Wasser schlugen Wölfe schon zu. Dazu kommen die Sorgen der Menschen vor allem im ländlichen Raum, etwa um ihre Kinder.

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Sind Wölfe gefährlich für Menschen?

Normalerweise nicht. Laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) sind Berichte über Angriffe aus früheren Jahrhunderten zum größten Teil auf tollwütige Wölfe zurückzuführen, Deutschland ist seit 2008 tollwutfrei. Das Risiko, dass Wölfe lernen, Menschen als Beute zu betrachten, sei "sehr gering". Aber die instinktive Vorsicht der Tiere könne sich "deutlich verringern", wenn sie "gezielt angelockt oder angefüttert" würden.

Durch welche Gesetze ist der Wolf geschützt?

Das ist unter anderem in der EU über die sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) geregelt. Der Wolf gehört zu den streng geschützten Anhang-IV-Arten. Er darf deshalb in Deutschland nicht gestört, gefangen oder getötet werden. Ausnahmen kann es für "Problemwölfe" geben, wenn sie Herden reißen oder dem Menschen zu nahe kommen - sie dürfen abgeschreckt - oder im Beamtendeutsch - "entnommen", sprich getötet werden. Wölfe sind auch durch das Washingtoner Artenschutzabkommen sowie die Berner Konvention geschützt.

Wolfgang Köck vom Helmholtz-Zentrum betonte im Umweltausschuss den hohen Schutz des Wolfes auch durch europäisches Recht. Bei einer "Minimumpopulation" von 1000 erwachsenen Tieren könne "theoretisch auch eine Bejagung wieder in Betracht" kommen. Da er allerdings nur von 150 erwachsenen Wölfen ausgehe, stelle sich die Frage aber nicht.

Was wünschen sich die Schäfer von der Politik?

Einheitliche Regelungen für den Herdenschutz etwa mit Zäunen und Hunden sowie für finanzielle Hilfen. "Wir müssen aufhören, frei nach Schnauze zu arbeiten", sagt Schenk vom Schäfer-Verband und fordert ein "Herdenschutz-Kompetenzzentrum" im Bund. Die zum Umweltausschuss geladenen Schäfer betonen aber: Die prekäre wirtschaftliche Lage ihres Berufsstands ist das größere Problem. "Wir sind schon lange dabei unterzugehen", sagt Schenk, sein Kollege Frank Hahnel berichtet von fehlendem Nachwuchs im Beruf. Sie fordern seit langem Weidetierprämien.

Was sagen die Jäger zu dem Thema?

Ganz einig sind sie sich nicht. Der Deutsche Jagdverband (DJV) will den Wolf in das Bundesjagdgesetz aufnehmen - was nicht heißt, dass er gejagt wird: "Die meisten Tiere im Jagdrecht genießen ganzjährige Schonzeit", sagt Helmut Dammann-Tamke vom DJV. Die Jäger wollen erster Ansprechpartner sein und lehnen die Idee spezieller "Fang- und Entnahmetrupps" für Wölfe ab. Sie betonen, dass Wölfe sich stark vermehren, wodurch weniger die Wolfsdichte, aber ihre Ausbreitung schnell zunehmen werde. Hohe Zäune überall in der Landschaft könnten nicht die Lösung sein. "Akzeptanz wird man nur erreichen, wenn man dem Wolf klar macht, halte dich fern vom Menschen und seinen Nutztieren", sagt Dammann-Tamke. Dagegen lehnt der Bayerische Jagdverband die Übernahme des Wolfes in das Jagdrecht ab, wie auch der Ökologische Jagdverein (ÖJV) Brandenburg. "Unser Verein versteht vollkommen die Problemlage, warnt aber eindringlich davor, den Wolf als alleinigen Grund für die ökonomischen Schwierigkeiten zu brandmarken", erklärte der ÖJV im vergangenen Jahr.

Was plant die Bundesregierung?

SPD und Union wollen die EU auffordern, den Schutzstatus des Wolfs zu überprüfen, "um die notwendige Bestandsreduktion herbeiführen zu können", heißt es im Koalitionsvertrag. Zudem wollen Bund und Länder einen Kriterienkatalog zur "letalen Entnahme" von Wölfen entwickeln - diese Umschreibung fürs Abschießen hat der Koalition Spott eingebracht.

Welche Vorschläge gibt es im Bundestag?

Die vier Oppositionen setzen in ihren Anträgen unterschiedliche Schwerpunkte: Die Grünen fordern, die Wiederansiedlung des Wolfs etwa durch zusammenhängende Lebensräume zu unterstützen und unterstützen die Förderung nach einer Weidetierprämie. Auch die Linke ist für die Prämie, die nach Angaben der Schäfer 30 bis 40 Millionen Euro kosten würde, und einen einheitlichen Anspruch auf Entschädigungen.

Die FDP will den Wolf ins Bundesjagdrecht aufnehmen, einen etwas geringeren Schutzstatus für Wölfe in der EU und mehr Geld für Geschädigte. Sie betont die Notwendigkeit des "Bestandsmanagements" zusätzlich zum Herdenschutz. Die AfD will verstärkt feststellen, ob Tiere wirklich Wölfe sind oder Mischlinge, die nicht geschützt sind - wobei die Biologin und Wolfsforscherin Ilka Reinhardt im Ausschuss darauf hinweist, dass Mischlinge schon nachgewiesen würden. Die AfD will auch die Bedingungen für die Einstufung als "problematisch" verringern und eine regionale Obergrenze für Wölfe.


anb / DPA / AFP