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Bundestagswahl Drei Kanzlerkandidaten gab es schon einmal: Als Guido Westerwelle Schuhgröße 18 trug

Guido Westerwelle im FDP-Logo im Hintergrund
Trat als Kanzlerkandidat der FDP 2002 gegen Gerhard Schröder (SPD) und Edmund Stoiber (CDU/CSU) an: Guido Westerwelle (im Mai 2002)
© Picture Alliance
Wenn wir im Herbst bei der Bundestagswahl unsere Stimme abgeben, haben wir die Auswahl aus drei Kanzlerkandat:innen. Das gab's noch nie, sollte man meinen. Stimmt aber nicht. Die FDP schwankte 2002 zwischen Populismus und Spaßpartei.

Die Treter stehen heute im Deutschen Schuhmuseum im pfälzischen Hauenstein. Ein Paar braune Schnürschuhe mit einer gelben 18 unter der Sohle. Sie könnten auch ohne Weiteres im Haus der Geschichte in Bonn Platz finden, denn die 18 steht nicht für eine enorme Schuhgröße, sondern für eine historische Wahlkampfstrategie. Diese führte dazu, dass zur Bundestagswahl 2002 drei Kanzlerkandidaten antraten. Das bis heute einzige Mal. Erst jetzt, 19 Jahre später, haben die Wähler:innen mit Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) wieder die Auswahl aus drei Menschen, die das höchste Regierungsamt anstreben – wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen.

Denn während SPD-Kandidat Scholz heute der Außenseiter ist, waren die Sozialdemokraten damals in der Regierung. Während Gerhard Schröder damals versuchte, erneut die 40-Prozent-Marke zu knacken, dürfte Scholz heute schon zufrieden sein, wenn er die Hälfte der Stimmen einfahren würde. Tatsächlich ist es nicht mal sicher, ob nicht eine "Strategie 18" für Scholz und Freunde ein ambitioniertes Projekt wäre. Mit der echten "Strategie 18" oder auch dem "Projekt 18" ist eine andere Partei fest verbunden: die FDP des Jahres 2002. Die Liberalen versuchten damals nach der Maxime "Frech geht vor" einen Wahlkampf zu führen, der mit 18 Prozent nicht weniger als eine vollkommen unrealistische Verdopplung der üblichen Stimmenzahl anstrebte. Und weil das so gut passte, kürten sie ihren damaligen Vorsitzenden Guido Westerwelle gleich zum Kanzler- statt zum Spitzenkandidaten.

Die FDP hatte ihren Kompass verloren

Was war da nur in die zuvor stets so staatstragende FDP gefahren? Es war eingetreten, was sich bei Politikern so manches Mal beobachten lässt, wenn sie ihren Kompass verlieren: Orientierungslosigkeit. Mit dem Wahlsieg von Rot-Grün waren die Liberalen 1998 nach langen Jahren als Juniorpartner aus der Bundesregierung geflogen. Und dann ging es weiter bergab. Sowohl bei der Europawahl 1999 als auch bei den meisten Landtagswahlen desselben Jahres scheiterte die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde und war somit raus aus vielen Parlamenten. Guter Rat war teuer und so versuchten sich die Blaugelben in Neuorientierung. 

FDP-Mann Wieland Schinnenburg hält der AfD wortwörtlich den Spiegel vor

Zwei Köpfe rissen das Ruder an sich: Jürgen Möllemann, der starke Mann aus der FDP-Hochburg Nordrhein-Westfalen, und Guido Westerwelle auf Bundesebene. Möllemann versuchte es mit Populismus: Israel-Kritik, latentem Antisemitismus und umstrittenen Wahlplakaten, auf denen Adolf Hitler zwischen Guru Osho und Horrorfigur Freddy Krueger zu sehen war. Untertitel: "Wenn wir nicht schnell für Lehrer sorgen, suchen sich unsere Kinder selber welche." Möllemann machte die NRW-FDP zu einer Protestpartei nach Vorbild der österreichischen FPÖ und stilisierte sich selbst zu einer Art Rhein-Ruhr-Haider. Mit Erfolg: Der Stimmenanteil konnte bei der NRW-Wahl 2000 von vier auf 9,8 Prozent mehr als verdoppelt werden. Titel der Wahlkampfstrategie: "Werkstatt 8".

Guido Westerwelle im "Big Brother"-Container

Aus "Werkstatt 8" wurde für die Bundestagswahl 2002 "Strategie 18". Denn der neue FDP-Chef Guido Westerwelle war sehr angetan vom Erfolg in NRW. Nach dem dortigen Vorbild nahm er das Wahlergebnis im bevölkerungsreichsten Bundesland und verdoppelte es als Zielvorgabe für den Bund. Letzter Anstoß für einen grundlegenden Imagewechsel der bis dato "Partei der Besserverdienenden" war die Hamburg-Wahl 2001, als die rechtspopulistische Schill-Partei 19,4 Prozent holte, während die FDP mit ihrem konventionellen Wahlkampf mit Mühe auf 5,1 Prozent kam.

Westerwelle wählte für die Bundesebene dennoch keinen rechtspopulistischen Kurs, sondern eher den Weg einer Spaßpartei. Zwar wurde auch ihm die 18 vorgeworfen – eine Chiffre für AH, den Initialen Hitlers aus dem ersten und achten Buchstaben des Alphabets – doch das spielte angesichts vieler anderer Aktionen eine untergeordnete Rolle. Westerwelle tourte vielmehr mit dem "Guidomobil", einem gelb-blauen Wohnmobil durch die Lande und machte auf Volksfesten, an Schwimmbädern und Stränden oder auch vor McDonald's-Filialen als liberaler Kanzlerkandidat Wahlkampf. Er trat im Trash-TV auf, indem er dem "Big Brother"-Container einen Besuch abstattete  und zeigte in Talkshows seine Schuhe mit der gelben 18 unter der Sohle vor.

Die "Strategie 18" ging für die FDP nicht auf

Der Spaßwahlkampf und die "Strategie 18" brachten der FDP letztlich viel Aufmerksamkeit, aber nicht die erhofften Stimmen. Nicht zuletzt, weil Jürgen Möllemann mit rechtspopulistischen Aktionen dazwischenfunkte. 7,4 Prozent erreichten die Liberalen bei der Bundestagswahl 2002 und Guido Westerwelle musste sich in der TV-Runde der Parteivorsitzenden am Wahlabend fragen lassen: "Herr Westerwelle, sind 18 minus Möllemann sieben?"

Die Hinwendung zum Populismus hatte zwar jüngere Wählerschichten erschlossen, führte aber auch zu Parteiaustritten, darunter der der FDP-Ikone Hildegard Hamm-Brücher nach 50-jähriger Mitgliedschaft. Die FDP wandte sich letztlich von dem Kurs wieder ab; NRW-Mann Jürgen Möllemann wurde praktisch aus der Partei gedrängt. Am 5. Juni 2003 kam er bei einem Fallschirmsprung ums Leben. Am Vormittag desselben Tages war seine Immunität als Abgeordneter wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung aufgehoben worden. Ob es sich um einen Unfall oder um Suizid handelte, konnte nie abschließend geklärt werden. Guido Westerwelle vollzog die Rückwendung zur staatstragenden bürgerlichen Partei mit und wurde 2009 Außenminister und Vizekanzler in Angela Merkels zweitem Kabinett. Er starb am 18. März 2016 an Leukämie.

tkr

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