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Nach Abschiebung durch Türkei: Deutsche Ex-IS-Anhängerin landet in Hamburg – und wird noch am Flughafen verhaftet

Sie reiste nach Syrien, um sich dem IS anzuschließen. Doch dann sagte sich die Hamburgerin Elina Frizler, 30, wieder los von der Terrormiliz – und flüchtete. Am späten Mittwochabend kam sie nach Deutschland zurück – und wurde sofort verhaftet. 

Ankunft in Hamburg: Ex-IS-Anhängerin landet in Deutschland – doch zu einem Wiedersehen mit ihrer Mutter kommt es nicht

Ein Beutelchen mit Haarfärbemittel, eine Sonnenbrille und ein paar türkische Lira-Scheine: Das waren die wenigen Besitztümer, die die ehemalige Hamburger IS-Anhängerin Elina Frizler dabei hatte, als sie am späten Mittwochabend nach Deutschland zurückkehrte.

Die 30-Jährige war in einen langen, beigen Mantel gehüllt und hatte ein lose sitzendes Kopftuch über das rötlich gefärbte Haar geschlungen, als sie um kurz nach 21.30 Uhr von Bundespolizisten aus dem Flugzeug geleitet wurde. Elinas Frizlers Söhne Bilal, 4 und Hamza, 2, trugen dicke Winterjacken und Mützen. Beide Kinder sind während Elina Frizlers sechsjährigem Aufenthalt in Syrien zur Welt gekommen und betraten gestern erstmals deutschen Boden.

Mutter von Elina Frizler: "Ich flehe Sie an, lassen Sie mich doch nur kurz zu ihr"

"Ich bin so froh, dass Elina und die Kinder endlich in Sicherheit sind", sagte Ludmila Frizler, Elina Frizlers Mutter, die die lang ersehnte Ankunft ihrer Tochter und Enkel von der Besucherplattform des Hamburger Flughafens aus verfolgen musste, zum stern. Anschließend wartete die Mutter bis in die späte Nacht vor dem Gebäude der Bundespolizei am Flughafen, wo ihre Tochter erkennungsdienstlich behandelt wurde.

Elina Frizlers Mutter verfolgte die Ankunft ihrer Tochter von der Besucherplattform aus

Elina Frizlers Mutter verfolgte die Ankunft ihrer Tochter von der Besucherplattform aus

"Ich flehe Sie an, lassen Sie mich doch nur kurz zu ihr", sagte Ludmila Frizler zu einem Polizeibeamten am Rolltor zum Parkplatz des Polizeigebäudes. Doch ein Wiedersehen blieb ihr vorerst verwehrt.

Schon auf dem Flug von Istanbul nach Hamburg war Elina Frizler von zwei Beamten des Staatsschutzes begleitet worden. Wohl noch vor der Ankunft der Maschine in Hamburg hatte sie so erfahren, dass ihre Verhaftung und die Inobhutnahme der Kinder bevorstand. Nach der Landung der Turkish Airlines Maschine TK 1667 auf dem Flughafen Hamburg um 21.27 Uhr wurden Mutter und Söhne in einem abgedunkelten Polizeifahrzeug vom Rollfeld zum Polizeigebäude gebracht.

Verzweifelt versucht Ludmila Frizler, einen Blick durch den Zaun auf ihre Tochter und die Enkel zu erhaschen

Verzweifelt versucht Ludmila Frizler, einen Blick durch den Zaun auf ihre Tochter und die Enkel zu erhaschen

Für einen kurzen Augenblick waren alle drei durch eine Lücke im Zaun zum Polizeiparkplatz zu sehen. Sie wirkten ruhig und gefasst. Elina Frizlers Anwältin, Ina Franck, wartete bereits auf ihre Mandantin. "Elina war ruhig und kooperativ, selbst als sie ihre Söhne in die Obhut der Behörden übergab", sagte die Anwältin in den frühen Morgenstunden zum stern. Die Mitarbeiter des Jugendamts hatten Kuscheltiere für die Jungen mitgebracht. Beide Jungen wirkten waren gut genährt und relativ guter Verfassung. Bei beiden wurde, wohl infolge der langen Haft in Syrien, Läusebefall festgestellt. Noch in der Nacht wollten die Jugendamtsmitarbeiter bei einer Apotheke die zur Behandlung notwendigen Medikamente besorgen.

Ihr Lebensgefährte kam bei Kämpfen in Syrien ums Leben

Elina Frizler war gemeinsam mit ihrem damaligen Lebensgefährten Erkan E. 2013 von Hamburg in die Türkei ausgereist und hatte sich wenig später mit E. dem "Islamischen Staat" (IS) in Syrien angeschlossen. Seit Jahren ist gegen sie ein Ermittlungsverfahren wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung anhängig. Einer der belastenden Punkte soll ein Propaganda-Video aus ihrer frühen Zeit beim IS sein, in dem sie ein Kalaschnikow-Gewehr in der Hand halten soll, was als Verstoß gegen das Kriegswaffenkotrollgesetz gewertet werden könnte. In den vergangenen Monaten hat Elina Frizler sich wiederholt und entschieden vom IS distanziert – unter anderem in Sprachnachrichten, die sie noch aus Syrien an den stern geschickt hat.

Die ehemalige IS-Anhängerin Elina Frizler

Elina Frizlers Lebensgefährte Erkan E. war 2015 bei Kämpfen in Syrien ums Leben gekommen, als sie mit ihrem ersten Kind schwanger war. Der zweite Sohn stammt von einem anderen Mann, den Elina wohl im Rahmen einer vom IS angebahnten Zwangsehe heiraten musste. Anfang 2018 hatte sich die Mutter mit ihren beiden Kleinkindern der kurdischen Miliz "Syrische Demokratische Kräfte" ergeben, die unterstützt vom Westen gegen den IS kämpft. Seit April 2018 lebten die Kinder und sie im Haftlager Ain Issa in Nord-Syrien unter prekären Bedingungen.

Sprachnachrichten von der Flucht

Im Zuge der türkischen Invasion in Nord-Syrien im vergangenen Oktober hatten die kurdischen Bewacher des Lagers ihre Posten geräumt. Elina und ihre Kinder hatten sich auf tagelangen Fußmärschen zur türkischen Grenze durchgeschlagen. Immer wieder hatte sie dem stern in Sprachnachrichten von unterwegs über ihre verzweifelte Lage berichtet. Auch die "Hamburger Morgenpost" recherchierte der 30-Jährigen hinterher.

Elina Frizler

Zuletzt hatten Elina und ihre Kinder mehrere Wochen unter türkischer Aufsicht in einem Lager auf syrischem Territorium nahe der Stadt Dscharablus auf ihre Abschiebung nach Deutschland gewartet. Mitte Dezember war ein DNA-Test durchgeführt worden, der die Verwandtschaft von Mutter und Söhnen gerichtsfest klären sollte. Nachdem die türkischen Behörden der deutschen Botschaft in Ankara Anfang Januar das positive Ergebnis des Tests übermittelt hatten, stand der Rückkehr von Elina Frizler und ihren Söhnen nach Deutschland nichts mehr im Weg.

"Die Kinder können doch für nichts etwas"

Elina Frizler soll am Donnerstagvormittag dem Haftrichter am Oberlandesgericht Hamburg zugeführt werden. Der Ausgang der Haftprüfung ist unklar. Neben der Frage der juristischen Ahndung ihrer Zeit beim IS dürfte auf deutsche Gerichte auch die Frage zukommen, ob und wie die lange Haftzeit in Syrien auf eine eventuelle Haftstrafe in Deutschland anzurechnen ist.

Das Flugzeug, mit dem die ehemalige IS-Anhängerin nach Deutschland reiste, kommt am Hamburger Flughafen an

Das Flugzeug, mit dem die ehemalige IS-Anhängerin nach Deutschland reiste, kommt am Hamburger Flughafen an

Ludmila Frizler bemüht sich in Abstimmung mit den Behörden darum, ihre Enkel baldmöglichst selbst in Obhut zu nehmen. "Es zerreißt mir das Herz", sagte die Großmutter der Jungen noch am Flughafen zum stern. "Die beiden Kleinen können doch für nichts etwas."

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mik