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FDP-Chef auf Erfolgskurs: Die Prinzenrolle des Christian Lindner

Vier Jahre hat Christian Lindner darauf hingearbeitet. Jetzt steht seine aufpolierte FDP vor der Rückkehr ins Parlament und wohl auch in die Regierung. Unterwegs mit einem, der auf den größten Triumph seiner politischen Karriere zusteuert.

Er ist wieder wer. Er spürt das. Und manchmal bekommen es auch andere schon wieder zu spüren. Die Menschentraube um ist riesig an diesem Samstagnachmittag im Auditorium der Universität Göttingen. Der Saal pickepackevoll, die Luft zum Schneiden, wie in der Umkleidekabine eines Boxklubs. Einer ist tatsächlich schon umgefallen.

Christian Lindner ist gerade fertig mit seiner Rede. Ein Routineauftritt. Es ging um Digitalisierung und Hochschulpolitik, um den verrückten Trump und, natürlich, ganz viel um seine runderneuerte . Auffällig oft fiel in dem Zusammenhang ein Begriff: Demut.

Jetzt steht er noch ein bisschen herum und lässt Fotos mit sich machen, viele Fotos. Mit Demut hat das nicht allzu viel zu tun. Mit Selbstbewusstsein schon. Die Linie seines Anzugs sieht aus, als wäre sie ihm mit feiner Mine auf den Leib gezeichnet worden. Er wirkt jetzt wie aus den Riesenplakaten seiner Wahlkampfkampagne gehüpft, die gerade für so viel Furore sorgt. Perfekt gestylt, lässig, cool. Gäbe es einen Contest " sucht den Mini-Macron" – Lindner würde ihn um Längen gewinnen. Man kann sagen: Lindner wirkt – modern.

Lindners Gewichtsklasse: Irgendwo zwischen Fliegen- und Superschwergewicht

Da kämpft sich ein weißhaariger Herr im kurzärmligen Karohemd durch die Traube zu ihm vor. Der Mann ist vom Apothekerverband -Lippe. Er will kein Selfie, er hat eine Beschwerde vorzubringen: Lindner habe ihn trotz wiederholter Einladung nicht zu einem Gespräch treffen wollen. Der FDP-Chef weiß schon, worum es geht. Es ist eine dieser Situationen, in der man als Politiker aufpassen muss, dass es nicht peinlich wird. Lindner sagt: "Wir haben Ihnen doch andere Redner angeboten."

"Ja, aber das ist doch nicht das Gleiche, Herr Lindner."

So geht es ein paarmal hin und her. Dann verliert Lindner die Geduld: "Wenn der Vorsitzende des Apothekerverbands fragt, kommt der Vorsitzende der FDP gern. Aber nicht zu jedem lokalen Verband. Tut mir leid." Der Mann aus Westfalen-Lippe schluckt. Lindner legt nach: "Sie werden das verstehen: Das ist nicht meine Gewichtsklasse. Ich bin der Vorsitzende der Freien Demokraten."

Ja, die Gewichtsklasse. Wie soll man die einordnen? Irgendwo zwischen Fliegen- und Superschwergewicht? Das macht die Wahrnehmung dieses Christian Lindner ja gerade so schwer. Im Moment ist er bloß Chef einer Partei, die seit vier Jahren nicht mehr im ist (Fliegengewicht), viel deutet darauf hin, dass in gut drei Wochen dieser Zustand wieder beendet ist (mittel). Und wenn's richtig gut läuft, dann sitzt die FDP sogar wieder im nächsten Kabinett (schwer). Womöglich gar allein an Merkels Seite – dann wird's sogar superschwer.

Alle Augen auf ihn: Wer sich Lindner als Redner einlädt, kann dieser Tage ziemlich sicher sein, dass die Hütte voll wird – wie hier in Göttingen

Alle Augen auf ihn: Wer sich Lindner als Redner einlädt, kann dieser Tage ziemlich sicher sein, dass die Hütte voll wird – wie hier in Göttingen

Es ist also ein schmaler Grat, auf dem sich dieser Christian Lindner wenige Wochen vor der Bundestagswahl durchs Land bewegen muss. Eine Frage von Demut und Selbstbewusstsein und von der richtigen Dosierung dieser Tugenden. Denn Demut und FDP bildeten bislang ja eher so etwas wie ein natürliches Gegensatzpaar. Sooo lange sind die Zeiten noch nicht her, dass die Liberalen glaubten, als "Partei der Besserverdienenden" über die Runden zu kommen. Sehr gut in Erinnerung ist noch ihre Übung mit der Mehrwertsteuerreduzierung für Hoteliers am Beginn der letzten schwarzgelben Koalition – die FDP als klassische Klientelpartei.

Und jetzt – alles anders?

Das alles muss irgendwie auch mitgedacht werden, wenn man Christian Lindner bei seinem Feldversuch beobachtet, wie er mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlen will, dass er und seine FDP in den Bundestag gehören. Dass die Zeit der selbstgefälligen Hallodris vorbei ist, von denen sich doch sehr viele im Angesicht des Abgrunds vom operativen politischen Geschäft verabschiedet haben. Lindner blieb.

Irgendwie schaffte Christian Lindner als Einziger rechtzeitig den Absprung 

Es ist ziemlich genau vier Jahre her, dass die FDP aus dem Bundestag flog, damals kaputt gemacht von einer Gruppe Dilettanten, die nach einem nicht für möglich gehaltenen Wahlergebnis von 14,6 Prozent in bemerkenswerter Selbstüberschätzung praktisch alles falsch machten, was man auf großer Bühne falsch machen kann.

Und, ja, Christian Lindner war einer dieser Dilettanten.

Irgendwie schaffte er als Einziger rechtzeitig den Absprung und parkte sich im Düsseldorfer Landtag. Und tauchte erst wieder auf, als wirklich alles, aber auch alles, was der Partei geblieben war, in Trümmern lag – protegiert übrigens in jenen Wochen vom großen alten Mann der FDP, Hans-Dietrich Genscher, der damals noch Zeit fand, gemeinsam mit Lindner ein Buch herauszugeben.

Die Partei nahm ihm den Ausflug in die rheinische Tiefebene nicht übel, letztlich hatte sie keine andere Wahl. Im Gegenteil – sie schenkte ihm den Vorsitz. Da war er 34. So jung wie noch niemand zuvor an der Spitze der FDP. Er ist jetzt, knapp vier Jahre später, 38. Und, wie gesagt, gut drei Wochen vor der Wahl, scheint sogar eine schwarz-gelbe Regierungsmehrheit möglich. Reicht das nicht, ist ein Jamaika-Bündnis mit Union und Grünen eine realistischere Option als die allseits ungeliebte Große Koalition. Lindner steht kurz vor dem größten Triumph seiner politischen Karriere. Eine Partei aus vierjähriger Bedeutungslosigkeit direkt zurück auf die Regierungsbank zu führen – so etwas gab es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie.

Mehr als gute Laune: Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei der Bundestagswahl gleich für eine Regierungsbeteiligung reicht, ist ziemlich groß

Mehr als gute Laune: Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei der Bundestagswahl gleich für eine Regierungsbeteiligung reicht, ist ziemlich groß

Ein brüllend heißer Tag im August. Der Zug rollt gerade an, da sitzt Christian Lindner schon zurückgelehnt im Bordrestaurant eines ICE von Berlin nach Leipzig. Er hat sich eine Cola und einen schwarzen Kaffee bestellt, wie immer. Am Morgen hatte der FDP-Chef einen Termin in einem "Coworking-Space" in Berlin. Routine auch das. Wegen der vielen Fotos und Mal-eben-Interviews hätte er beinahe seinen Zug verpasst, was eine kleine Katastrophe gewesen wäre. Denn Wahlkampf der FDP heißt in diesen Zeiten: Was macht Christian Lindner wann und wo – und wie schafft man es, ihn möglichst viel möglichst überall machen zu lassen?

Nach den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung war der Zug schon weg, aber irgendwie ist Lindner an einen dieser Taxifahrer geraten, deretwegen man in Berlin lieber nicht Fahrrad fährt.

"Wenn du nichts mehr hast, bleibt eines: deine Haltung"

Doch Lindner bekommt davon nichts mit. Es gibt zu viel zu tun. Das Handy. Die Mails. Es sind sehr viele Mails. Lindner ist ein Digital-Junkie. Er ist an diesem Tag erst seit Kurzem wieder aus dem Mallorca-Urlaub zurück. Seine Lieblingsinsel. Ein paar Tage Kraft tanken vor dem großen Endspurt. Eine Auszeit? Das nicht.

Noch von der Insel hat er mit Interviews Hallo-wach-Signale gesendet. Erstens, hat Lindner darin gesagt, sei das Rennen um die Kanzlerschaft gelaufen, es gehe nur noch um Platz drei. Zweitens solle man den Krim-Konflikt in den Gesprächen mit Russland "einkapseln".

Erstens war ein glattes politisches Foul, und mit Demut hatte es auch nichts zu tun. Man äußert sich im Wahlkampf nicht zu den Chancen der Mitbewerber.

Zweitens war das Hantieren mit einem Begriff aus der Diplomatie ("einkapseln"), der bedeutet: Man klammert ein bestimmtes Thema erst mal aus, um auf anderen Gebieten Fortschritte zu erzielen.

Der Aufschrei war riesig. Ein veritabler Shitstorm zog über Lindner hinweg. Sämtliche Verteidiger des Völkerrechts fühlten sich auf den Plan gerufen – und die Kanzlerin ließ erklären, dass man die Annexion der Krim nicht akzeptiere. Lindner sitzt im Bordrestaurant und zuckt nur mit den Schultern. "Wenn du nichts mehr hast, bleibt eines: deine Haltung. Und die musst du bewahren, egal, was passiert."

Er tippt, als er das sagt, auf seinem Laptop herum. Er sagt, die Sache mit der Krim sei seine ganz feste Überzeugung. Und außerdem sei das der Zweck eines Wahlkampfs: das Profil der Partei so zu schärfen, dass die Leute eine Wahl treffen könnten. Christian Lindner wirkt zufrieden. Manchmal ist Haltung noch besser als Demut.

Schaut man sich die Kampagne der Partei an, hat man das Gefühl, die FDP bestehe inhaltlich und personell aus: Christian Lindner

Im ICE-Bordrestaurant gibt es praktisch niemanden, der Lindner nicht erkennt. Wie jede bekannte Persönlichkeit hat er es perfektioniert, Blickkontakt zu vermeiden, wenn er nicht angesprochen werden will. Schaut man sich die Kampagne der Partei an, hat man das Gefühl, die FDP bestehe inhaltlich und personell aus: Christian Lindner. Keine andere Partei ist so deckungsgleich mit ihrem Vorsitzenden. Merkel und die Union sowieso nicht – und bei Martin Schulz ist das legendäre 100-Prozent-Ergebnis längst eher Fluch als Segen.

So wie Lindner sich in Szene setzen lässt, so will sich die FDP heute sehen. Oder, präziser: So will er, dass sich die FDP heute sieht. Irgendwie schon immer da, irgendwie aber auch upgedatet mit hippem Dreitagebart, das iPhone stets im Anschlag, gern auch mal T-Shirt statt Anzug. Dazu ein Anflug von Selbstironie, was in der Politik eine wahrhaft seltene Tugend ist. Eigenen Schwächen wird dort in der Regel mit Verkniffenheit begegnet.

Lindners jahrelange One-Man-Show hat ihren Preis. Es gibt neben dem Chef noch einige in der Partei, die Kabinettsposten übernehmen könnten, aber das Personalangebot ist bei Lichte besehen ausgesprochen dünn. Es geht dabei gar nicht nur um die erste Reihe. Büroleiter, Mitarbeiter, Referenten – all diese Stellen müssen demnächst erst wieder neu besetzt werden. Immerhin gut 500 Arbeitsplätze sind bei der FDP nach der letzten Bundestagswahl weggefallen. Man hat manchmal den Eindruck, Lindner würde im Sinne der Nachhaltigkeit seines eigenen Tuns ganz gern vermeiden, den personellen Wiederaufbau parallel zu Koalitionsverhandlungen mit Merkel zu organisieren. Schließlich kann man als Mittelgewicht starten und später immer noch Schwergewicht werden.

Er weiß, dass er sich mit Riesenschritten auf ein Paradoxon zubewegt: Je erfolgreicher er ist, desto wahrscheinlicher wird er nach dem 24. September genau in diese Situation kommen. Desto größer ist die Gefahr, die gleichen Fehler zu machen wie in der letzten Regierung.

Das FDP-Programm ist ambitioniert

Vor dem Fenster zieht Ostdeutschland vorbei. Im Sonnenlicht blitzen seine Manschettenknöpfe, auf denen eine Spinne in der Mitte ihres Netzes zu sehen ist. Er sagt: "Die Inhalte müssen stimmen, sonst gibt es mit uns keine Regierung."

Er sagt das immer. Er muss das sagen (Demut!). Es ist sein Mantra der Selbstvergewisserung. Er wird sich zu gegebener Zeit mit seinem Kumpel Wolfgang Kubicki darüber verständigen müssen. Kubicki hält viel von Lindner, von Demut hält er nicht so viel. Gerade hat er gesagt, dass ihm die "moralische Impertinenz von Katrin Göring-Eckardt auf den Senkel" gehe und er sich ein Jamaika-Bündnis in Berlin schwer vorstellen könne. Im Prinzip aber will Kubicki regieren.

Das Programm, mit dem die FDP in Koalitionsverhandlungen gehen würde, ist ambitioniert. Bildung: Bei den Ausgaben soll Deutschland unter die Top 5 der OECD-Staaten. Digitalisierung: soll mindestens mal ein eigenes Ministerium kriegen. Einwanderungspolitik: Einführung eines Punktesystems nach kanadischem Vorbild. Lindner hat so oft von diesen Forderungen geredet, dass er sie schon um der Selbstachtung willen nicht einfach wird aufgeben können.

Und dann? "Wir verkaufen uns nicht für Dienstwagenschlüssel." Als der Zug in Leipzig ankommt, wartet am Gleis bereits Lindners Fahrer, um ihn in einem 7er-BMW durch Ostdeutschland zu chauffieren. Am Abend sitzt er in Chemnitz auf dem Podium mit einem Mann von SAP und einem Mittelständler. Lindner ist fast eine Stunde zu spät. Zu diesem Zeitpunkt sind im Publikum schon viele Arme vor der Brust verschränkt. Es geht darum, wie Fachkräfte nach Sachsen geholt werden könnten. Und Christian Lindner begibt sich auf dünnes Eis.

"Es ist gut für den Respekt vor einem Politiker, wenn er nicht nur Opportunes sagt"

"Ich spreche mal ein Tabu aus: Glaubt denn einer von Ihnen, wenn am Montag Abend sogenannte Patrioten das Abendland mit dummen Parolen verteidigen, dass eine junge, weltoffene Familie hier ihr Leben aufbauen will?" Nach diesem Satz werden noch mehr Arme vor der Brust verschränkt. Er hat an diesem Abend vermutlich nicht viele Stimmen für seine Partei gewonnen. Aber die, die er geholt hat, sagt er, seien nachhaltig. "Es ist gut für den Respekt vor einem Politiker, wenn er nicht nur Opportunes sagt. Ich verzichte nicht darauf, eine Wahrheit auszusprechen, nur weil sie den Leuten nicht gefällt."

Sonntagabend vor zwei Wochen. Anne Wills Produktionsleiter schwitzt schon lange, so richtig in dicken Tropfen, als Christian Lindner endlich auftaucht. 20 Minuten noch, bis die Sendung beginnt. In der Welt des Livefernsehens ist das sehr wenig.

Vielleicht muss man das so machen, wenn man als Politiker was auf sich hält – zu spät kommen und dann mit großem Tamtam in die Arena einreiten. Lindner wird auf einen Stuhl in die Maske gesetzt, man kennt sich von früher, aus der Zeit vor 2013. Dann kriegt er ein Lätzchen umgehängt und sagt: "Die Damen hier bauen mich immer sehr nett auf, nicht nur im Gesicht, vor allem emotional." Das kann er offenbar gebrauchen.

Anne Will, Sonntagabend, direkt nach dem "Tatort". 3,5 Millionen Zuschauer. Das ist die oberste Gewichtsklasse der deutschen Politik. Die Maskenbildnerin sagt: "Schön, dass Sie wieder da sind!" Lindner entspannt jetzt ein bisschen. Ja, er ist wieder da.

Und er ist auch schon wieder wer.

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