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stern-Gespräch

Anwalt und Politiker: Gregor Gysi über 70 Jahre Bundesrepublik und sein Leben vor, nach und mit der Einheit

Er brachte Kohl und Gorbatschow zum Lachen und hat auch sonst viel für die Deutsche Einheit getan. Gregor Gysi ist zum Bundesbürger geworden – ein Wandel durch Annäherung.

Gregor Gysi im stern-Gespräch über 70 Jahre Bundesrepublik

Im Blick den Reichstag: Gregor Gysi, 71, in seinem Bundestagsbüro.

Herr Gysi, wir haben bislang mit Joschka Fischer, Wolfgang Schäuble und Alice Schwarzer über 70 Jahre Bundesrepublik gesprochen. Sind Sie neidisch, dass die Ihnen vier Jahrzehnte Westen voraushaben?

Nein. Solche Überlegungen habe ich mir abgewöhnt. Meine Eltern wohnten 1948 im amerikanischen Sektor von Berlin, in Nikolassee. Da hätten sie ja bleiben können. Keine Ahnung, was aus mir geworden wäre. Ich will nicht im Nachhinein darunter leiden, dass ich nicht im Westen gelebt habe. Die Sie nannten, hatten eben andere Probleme als ich.

Die 50er Jahre

Sie sind in Johannisthal im Berliner Osten aufgewachsen. Gibt es einen bestimmten Geruch, ein Geräusch, das Sie mit Ihrer Kindheit verbinden?

Geräusch nicht, Geruch auch nicht, aber: Ruhe. Bei Johannisthal wäre man nicht auf die Idee gekommen, in einer Großstadt zu leben. Das hatte etwas Gemütliches. Wir sagten auch: "Wir fahren in die Stadt", wenn es Richtung Friedrichstraße ging.

Wurde zu Hause berlinert?

Von meinem Vater gelegentlich, von meiner Schwester und mir sowieso, aber von meiner Mutter nicht.

Ihre Eltern waren überzeugte Kommunisten. Spürte man das im Hause Gysi?

Bei meiner Mutter bin ich mir nicht völlig sicher. Sie hatte sich der Bewegung meines Vaters angeschlossen. Das war auch echt. Aber sie hatte eine andere Kultur, sie hatte ja eine adlige Mutter und einen bürgerlichen Vater. Das hat sie auch geprägt. Diese Mischung haben wir als Kinder gespürt.

Wurde viel über den Krieg geredet?

Es wurde relativ viel über die Nazidiktatur gesprochen, weniger über den Krieg, mehr über die Folgen.

Der Holocaust, das waren die anderen? Die im Westen?

Das war generell ein Problem meiner Kindheit: dass die Nazis im Wesentlichen im Westen in den Ämtern geblieben waren und wir das Gefühl vermittelt bekamen, wir sind das Gegenstück zu denen, die sich mit ihrer Vergangenheit nicht richtig auseinandersetzen wollen.

Der zweite Name des Fünfjährigen: Florian. Sein Vater Klaus Gysi trat 1931 der KPD bei und wurde später DDR-Kulturminister.

Der zweite Name des Fünfjährigen: Florian. Sein Vater Klaus Gysi trat 1931 der KPD bei und wurde später DDR-Kulturminister.

Jemals am Abendbrottisch gehört: Geh doch rüber, wenn's dir hier nicht passt?

Nicht zu Hause. Aber nachdem ich über die DDR mal gemeckert hatte, sagte einer zu mir: "Du kannst auch gerne zu Herrn Globke rübergehen." Da war ich sauer.

West-Berlin war eine ferne Welt für Sie?

Nein. Ich stieg in Schöneweide in die S-Bahn, und in Baumschulenweg wurde durchgesagt: "Wir weisen Sie darauf hin, dass Sie den demokratischen Sektor von Berlin verlassen" – dann war ich in West-Berlin. Im Unterschied zu anderen Kindern durfte ich allerdings kein Geld tauschen, dort nicht umherfahren, das haben meine Eltern verboten. Die anderen gingen immer ins "Aki", ins Kino, und erzählten mir dann, welche tollen Filme sie gesehen hatten. Ich durfte nur meine Oma in Nikolassee besuchen, die Mutter meiner Mutter.

"Auferstanden aus Ruinen" gelernt?

Klar. Habe ich auch gesungen. Und dann durften wir sie plötzlich nicht mehr singen, wegen "Deutschland einig Vaterland".

1958 ließen sich Ihre Eltern scheiden. Eher ein Schock oder ein Lehrbeispiel?

Das war schon ein Schock. Da meine Mutter sehr darunter litt, haben meine Schwester und ich mitgelitten. Es hatte aber auch den Vorteil, dass mein Vater Sachen mit uns machte, die wir nie erlebt hätten, wenn er noch bei uns gewohnt hätte: Zirkus, Kino, Friedrichstadt-Palast. Und wir gingen gut essen. Auch ins "Ganymed". Du zahltest in Mark der DDR, aber die hatten dort immer was aus West-Berlin. Einmal gab es Froschschenkel, ein anderes Mal Weinbergschnecken. Das verdanke ich – wenn Sie so wollen – der Scheidung meiner Eltern.

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie viel Westen steckte in Gregor Gysi?

Zu wenig. Die anderen Kinder erlebten West-Berlin anders als ich. Für mich war es eher fremd. In der DDR gab es keine Spielzeugpistolen, alle hatten so was, bloß ich nicht. Darunter habe ich schon gelitten! Also: eine 3.

Die 60er Jahre

Kurz vor dem Bau der Mauer bummelten Sie über den Ku'damm. Hatten Sie da wenigstens Westmark dabei?

Das war nicht nötig. Kurz vorher hatte Ulbricht ungefragt gesagt, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu bauen. Wenn es sonst keiner gemerkt hat, mein Vater wusste seit dem Tag, dass sie kommt. Er hat einen Freund angerufen, einen vermögenden Franzosen mit Mercedes und Chauffeur, der führte meine Schwester und mich richtig durch West-Berlin. Wir aßen in einem Hilton-Restaurant, gingen ins Kino, waren auf der Siegessäule, sahen den Kurfürstendamm. Das war typisch mein Vater. Er dachte: Bevor die Mauer kommt, musst du es einmal den Kindern zeigen lassen.

Fühlten Sie sich eingemauert?

Ich war am 13. August 1961 in Seehausen in der Altmark in den Sommerferien. Da war ich der King als Berliner. An diesem Tag gab es kein Brot, und die Züge fuhren nicht mehr. Meine Hoffnung war, dass das bis in die Schulzeit anhält. Leider fuhren sie wieder. Als ich zurück nach Berlin kam – das war gespenstisch, zu viele Militärfahrzeuge, zu viele Panzer. Du hattest das Gefühl, es ist ein anderes Zeitalter. Damals dachte ich, die Mauer steht höchstens zwei Jahre.

Juni 63, John F. Kennedy redet vor dem Schöneberger Rathaus: "Ich bin ein Berliner." Fühlten Sie sich angesprochen?

Wissen Sie, dass Kennedy über mein Leben entschieden hat? Weil Chruschtschow ihn gefragt hat: Was halten Sie denn von Berlin? Kennedy hat geantwortet: West-Berlin muss frei bleiben. Wenn er gesagt hätte: Ganz Berlin muss unter Viermächtestatus bleiben, wäre die Mauer um Berlin herumgebaut worden. Ich hätte dann formal zum Osten gehört, aber immer in den Westen fahren können. Das hat mein Leben geprägt. Ein Satz von einem amerikanischen Präsidenten! Wir als Berliner Kinder sagten noch: Wir fahren in die DDR. Wir fühlten uns gar nicht richtig zugehörig.

"Ich bin ein Berliner", sagt US-Präsident Kennedy 1963 vor dem Schöneberger Rathaus. "Er hat über mein Leben entschieden", sagt Gysi.

"Ich bin ein Berliner", sagt US-Präsident Kennedy 1963 vor dem Schöneberger Rathaus. "Er hat über mein Leben entschieden", sagt Gysi.

Ihr Lieblings-Beatle?

Paul McCartney. Er war so anders. Meine Mutter sagte damals: Die spielen doch immer dasselbe, das ist doch immer das gleiche Lied. Ich hätte nie gedacht, dass ich das auch mal sagen würde, habe ich aber bei meinem Sohn, als er AC/DC hörte.

1967 treten Sie der SED bei. Der erste Schritt auf der Karriereleiter?

Es gab Rechtsanwälte, die nicht in der SED waren. Durch mein Elternhaus bestand die Frage für mich nicht. Ich war überzeugt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, mit vielen Mängeln, so doof bin ich ja nicht, aber auf der richtigen Seite.

Sie haben jüdische Wurzeln. Haben Sie Antisemitismus gespürt?

Nein, auch später nicht. Was ich gespürt habe, war eine tief sitzende Intellektuellenfeindlichkeit. Einen bestimmten Humor mochten Funktionäre nicht, Ironie mochten sie auch nicht, sie war ihnen eher fremd. Aber ich konnte nicht anders sein.

Haben die Studentenunruhen in Ihnen die Hoffnung geweckt, dass sich der Westen zum Besseren wenden könnte?

Die APO richtete sich gegen das verstaubte, verkrustete Wesen an den Universitäten und gegen die Eltern und Großeltern, die die Nazigeschichte nicht aufgearbeitet hatten. Beides kam zusammen. Und die Rettung war Willy Brandt. Da habe ich verstanden, wie wichtig ein Regierungswechsel sein kann. Selbst wenn die Union begriffen hätte, dass man mit der DDR-Führung reden, den gesamten Osten anders behandeln müsste – sie hätte den Wandel ihren Wählern nicht erklären können. Man kann sich in Grundsatzfragen nicht so ohne Weiteres um 180 Grad drehen.

Ihr Sehnsuchtsort in dieser Zeit?

Paris. Ich dachte, es kann doch nicht sein, dass ich bis zur Rente warten muss, bis ich einmal Paris sehen kann. Ich habe mich zweimal geirrt, was die Mauer angeht. Erst dachte ich, sie steht nicht lange. Dann glaubte ich, sie steht ewig.

Sex, Drugs & Rock 'n' Roll. Stimmt die Reihenfolge?

Umgekehrt. Ich kannte den Rock 'n' Roll, bevor das andere kam oder nicht kam.

Wie viel Westen steckte in Gregor Gysi?

Etwas mehr durch die Studentenbewegung und den Einmarsch der Sowjets in die CSSR. Der Prager Frühling 68 löste bei uns Hoffnungen aus, die militärisch plattgemacht wurden. Eine 4.

Die 70er Jahre

Haben Sie Willy Brandts Besuch in Erfurt im West- oder im Ostfernsehen verfolgt?

Beides. Ich wechselte in solchen Situationen immer die Kanäle. In Erfurt riefen sie: "Willy Brandt ans Fenster!". Da habe ich gestaunt, dass die Staatssicherheit das nicht in den Griff bekam. Brandt war ja auch in Buchenwald. Er hatte einen Kranz für Rudolf Breitscheid dabei, einen ermordeten Sozialdemokraten. Da haben sie ihm einfach noch einen für Ernst Thälmann in die Hand gedrückt. Hat mir mein Vater erzählt.

Der Kniefall in Warschau ...

Das war etwas Besonderes. Dass die Bevölkerung der Bundesrepublik die Kraft hatte, einen wie Willy Brandt zu wählen, der gegen die Nazis gekämpft hatte, war für mich ein ungeheuer wichtiges Signal. Ich dachte, das ist eine kulturelle Veränderung, an der auch die DDR nicht vorbeikommt. Der Kniefall imponierte mir auch, weil ich wusste, er zieht auch Zorn und Hass auf sich in der Bundesrepublik.

Haben Sie später mit dem DDR-Spion Günter Guillaume über Brandt geredet?

Einmal. Der hatte die Sicht: Ich weiß gar nicht, warum sich alle so aufregen, ich hab doch geholfen.

Gysi mit seinen Söhnen George (l.) und Daniel. Anfang der Siebziger trennte sich der Rechtsanwalt von seiner ersten Frau.

Gysi mit seinen Söhnen George (l.) und Daniel. Anfang der Siebziger trennte sich der Rechtsanwalt von seiner ersten Frau.

Leichtathletik-Frage: Renate Stecher oder Heide Rosendahl?

Dann natürlich Renate Stecher. Ich war immer an der Seite der DDR-Sportlerinnen und -Sportler. Für viele Sportfans aus der DDR gab es eine klare Reihenfolge: erst die eigenen Leute, dann die BRD-Sportler, dann die westliche Welt, dann die Dritte Welt, dann die USA, schließlich die sozialistische Welt – und ganz am Ende die Sowjetunion. Mich ärgerte das so sehr, dass bei mir schon deshalb die Sportler aus der UdSSR weiter vorne kamen.

Jemals im Intershop gekauft?

1974 noch nicht, später schon. Das Problem war nicht der Intershop an sich. Das Problem war, dass die SED-Führung nicht darüber sprach. Das geht nicht. Wir hatten faktisch zwei Währungen, und das ganze Leistungsprinzip geriet deswegen durcheinander – der eine ist fleißig und kriegt 'ne Prämie von 100 Mark Ost, der andere ist faul, hat aber 'ne Tante im Westen und kriegt 200 Mark West, und dem geht es viel besser. Das musst du aus ökonomischen Gründen vielleicht zulassen, aber du musst öffentlich erklären, warum es so ist.

Wissen Sie noch, was Sie am 22. Juni 1974 um 21.03 Uhr gemacht haben?

Nein.

Da schießt Jürgen Sparwasser das 1:0 im WM-Spiel gegen die Bundesrepublik.

Das war schon ein kleiner Triumph. Ich hätte gerne mal gewusst, ob das Politbüro zusammen in Wandlitz saß und die Sektkorken knallten.

Mitte der Siebziger. Sie schreiben Ihre Dissertation: "Zur Vervollkommnung des sozialistischen Rechts im Rechtsverwirklichungsprozess". Ihr bester Gedanke?

Bis wohin geht eine zulässige Interpretation des Rechts, und wo beginnt bei der Interpretation die Gesetzesverletzung? – damit habe ich mich beschäftigt und auch dem Obersten Gericht der DDR Gesetzesverletzungen nachgewiesen. Deswegen wurde die Dissertation für den Austausch mit dem Westen nicht zugelassen. Aber man durfte sie in der DDR lesen.

"Ein kleiner Triumph": 22. Juni 1974, Jürgen Sparwasser erzielt das 1:0 für die DDR in der WM-Vorrunde

"Ein kleiner Triumph": 22. Juni 1974, Jürgen Sparwasser erzielt das 1:0 für die DDR in der WM-Vorrunde

1976 wird Wolf Biermann ausgewiesen. Haben Sie sein Konzert in Köln verfolgt?

Ja, und mir wurde ein bisschen unheimlich, weil ich nicht wusste, was passiert. Ihm die Staatsbürgerschaft zu entziehen war ein riesiger Fehler. Damit war der Frieden gebrochen, den die Staatsführung mit kritischen Künstlern gemacht hatte. Die konnten mit dem Kompromiss leben, dass Wolf Biermann in der DDR nicht singen darf, aber auch nicht eingesperrt wird. Die Ausbürgerung hat eine Welle ausgelöst – und dann hatte Honecker nicht die Kraft, sie rückgängig zu machen.

Ihr schmerzhaftester Kompromiss, den Sie in der DDR machen mussten?

Der bestand darin, dass ich in Verhandlungen zwar auf exakte Einhaltung der Gesetze bestehen konnte, aber sie selbst nicht kritisierte.

Haben Sie jemanden gekannt, der jemanden gekannt hat, der einen der 10.000 VW Golf ergattert hat, die 1977 in die DDR geliefert wurden?

Unsere Schätzi ...

Die Haushälterin Ihrer Eltern.

... war befreundet mit einer Frau, die im Werk für Fernsehelektronik arbeitete, und die war verheiratet mit einem Mann, der bei der Baustoffversorgung Lkw fuhr, und der sagte zu mir: "Das war wirklich mal 'ne Maßnahme für Arbeiter." Der hatte den Volkswagen. Im Unterschied zu mir.

Der Regimekritiker Rudolf Bahro wurde von Ihnen anwaltlich vertreten. Er wurde zu acht Jahren Haft verurteilt, 1979 aber in die Bundesrepublik abgeschoben. War das ein guter Deal?

Es war der einzig mögliche. Die Abteilung Staat und Recht hatte befürchtet, er würde im Westen über die DDR herziehen. Ich sagte, das macht er nicht. Hat er auch nie. Ich kannte ihn.

Wie viel Westen steckte Ende der Siebziger in Gregor Gysi?

Ich würde mal sagen: 4,5.

Die 80er Jahre

Um wie viele Jahre hat der Milliardenkredit die Existenz der DDR verlängert?

Franz Josef Strauß wollte auf keinen Fall die Existenz der DDR gefährden. Er war sich mit Honecker einig, dass, wenn es tatsächlich zum Dritten Weltkrieg käme, dieser in Deutschland begönne. Die USA und die Sowjetunion hätten dann 48 Stunden Zeit gehabt zu verhindern, dass der Krieg auf Frankreich oder Polen übergreift – Deutschland wäre aber auf jeden Fall komplett zerstört gewesen. Das wollten Strauß und Honecker so nicht durchgehen lassen.

Neidisch darauf, dass im Westen Hunderttausende gegen die Nachrüstung auf die Straße gingen?

Na klar. Bei uns war das Demonstrationsrecht ja sehr eingeschränkt.

1976: Der DDR-Liedermacher Wolf Biermann wird ausgebürgert. Am 13. November gibt er sein legendäres Konzert in Köln.

1976: Der DDR-Liedermacher Wolf Biermann wird ausgebürgert. Am 13. November gibt er sein legendäres Konzert in Köln.

Haben Sie nach Tschernobyl noch Pilze gegessen?

O ja. Am Ostbahnhof gab es viele polnische Stände – und davor immer irre Schlangen. Nach Tschernobyl standen die Polen immer noch da – aber niemand stand mehr an. Da habe ich alles aufgekauft. Warum auch immer, ich habe keine Angst diesbezüglich.

Wann haben Sie gespürt, dass es mit der DDR zu Ende geht?

Das war, als es zu den Sanktionen nach der Luxemburg-Liebknecht-Demo 1988 gekommen war. Da sperrte man Leute ein, die dann unter der Bedingung entlassen wurden, dass sie vorübergehend in den Westen gehen. Idiotischer geht es ja nun wirklich nicht. Ein Land hat immer zwei Möglichkeiten. Es kann etwas verbieten und muss es dann unterbinden. Oder es kann etwas erlauben. Wenn es beides nicht kann, ist es am Ende.

Sind Sie am Morgen des 4. November 1989, dem Tag der Alexanderplatz-Demonstration, nervös gewesen?

Natürlich. Es war ja das erste Mal, dass ich auf einer Kundgebung gesprochen habe. Und dann waren da gleich Hunderttausende. Ich habe mir die Rede auch vollständig aufgeschrieben. Sie war allerdings zu lang.

Ihr bester Satz?

Zwei. Der erste kam am Anfang und bezog sich auf die Staatssicherheit: "Ich habe mir, was sonst nicht meine Art ist, diesmal alles aufgeschrieben, damit ich hinterher noch weiß, was ich wirklich gesagt habe ..." Und der zweite Satz war: "Ich wünsche mir für jeden Haushalt ein Telefon und dass der Satz 'Das möchte ich dir lieber nicht am Telefon sagen' für immer der Geschichte angehört." Nicht schlecht, oder?

Haben Sie verstanden, warum so viele beim Mauerfall weinten?

Ja, natürlich. Eine Sehnsucht wurde erfüllt.

Und selbst?

Nein, nicht geweint. Es hat mich aber schon berührt. Meiner Lebensgefährtin habe ich gesagt: "Das ist der Anfang vom Ende der DDR, darüber muss ich jetzt erst mal nachdenken." Außerdem hatte ich am nächsten Tag 'ne Mordsache. Und ich kenne doch die deutsche Justiz. Wegen Weltereignissen fällt keine Verhandlung aus.

1989: Gysi wird Chef der SED/PDS und bekommt nach seiner Wahl einen Besen geschenkt. Der Auftrag: sauber machen.

1989: Gysi wird Chef der SED/PDS und bekommt nach seiner Wahl einen Besen geschenkt. Der Auftrag: sauber machen.

Sie werden am 9. Dezember 1989 mit 95 Prozent zum Vorsitzenden der SED/ PDS gewählt. War Ihnen klar, dass Sie Geschichte schreiben würden?

Manchmal schon. Im Dezember 1989 habe ich mit Michail Gorbatschow telefoniert. Der sagte mir: "Wenn Sie die SED aufgeben, geben Sie die DDR auf. Wenn Sie die DDR aufgeben, geben Sie die Sowjetunion auf." Da habe ich gesagt: "Wissen Sie, auf den Schultern eines kleinen Berliner Advokaten reicht mein Verein. Da brauche ich nicht noch die ganze Sowjetunion obendrauf." Das war das einzige Mal, dass er lachen musste.

Wie viel Westen war Ende der Achtziger in Ihnen?

Vorher hatte der Westen in mir ja schon zugenommen. Mit meiner neuen Rolle nahm er wieder ab, weil ich wusste: Du bist verpflichtet, die ostdeutschen Interessen zu vertreten. 4.

Die 90er Jahre

Ihre erste Begegnung mit Helmut Kohl?

Nach der Bonner Runde im Bundestag. Es war meine erste Rede, die erste und zweite Reihe der SPD rief die ganze Zeit, wann ich ihnen endlich ihr Eigentum wiedergebe. Ich hatte das Egon Bahr längst zugesagt, durfte nur auf seinen Wunsch hin noch nicht öffentlich darüber reden. Deshalb sagte ich: "Meine Damen und Herren von der SPD, Sie hatten doch sehr enge Kontakte zu Erich Honecker. Wenn Sie von ihm Ihr Eigentum zurückverlangt hätten – das hätte Mumm gezeigt. Heute ist es nicht mehr besonders tapfer." Kohl saß auf seinem Stuhl und lachte sich kaputt.

Jemals bedauert, ein Ostprodukt gegen ein Westprodukt ersetzt zu haben?

Die Brötchen. Die schmeckten in der DDR viel besser, nicht so aufgeblasen.

Haben Sie sich mal für Ossis geschämt?

Na klar. Für Wessis aber auch.

Wegen des Opportunismus der einen und der mangelnden Solidarität der anderen?

Ich war Anfang 90 bei Generälen der NVA, einer hatte ganz viel Lametta. Das Interessante war, dass der mich siezte. Ich sagte, dass ich gekommen sei, um ihnen einen Vorschlag zu machen – nämlich die Wehrpflicht in der DDR abzuschaffen. Dafür hätte ich ein edles und ein unedles Motiv. "Das edle Motiv ist, dass die DDR gerade aufhört zu existieren. Man kann nicht ernsthaft junge Leute unter Strafandrohung verpflichten, in eine Armee zu gehen, um ein Land zu verteidigen, das sich aufgibt." Und das unedle Motiv? "Wenn wir die Wehrpflicht abschaffen, muss Kohl sie wieder einführen. Und das gönn ich ihm." Dann sagten die zu mir: "Herr Gysi, wir haben ein Handwerk gelernt. Wir sind Soldaten, die ihr Land verteidigen können. So wie wir die DDR verteidigen konnten, können wir selbstverständlich auch die Bundesrepublik verteidigen." Aber sie hatten gar keine Chance. Die Entsolidarisierung, die es da gab, die hat mich wirklich gestört.

1990: Gysi hält seine erste Rede im Bundestag und greift dabei die SPD an. Bundeskanzler Kohl amüsiert sich wie Bolle.

1990: Gysi hält seine erste Rede im Bundestag und greift dabei die SPD an. Bundeskanzler Kohl amüsiert sich wie Bolle.

Wann haben Sie erkannt, welche Wucht die Stasi-Vorwürfe gegen Sie entfalten?

Das hat 'ne Weile gedauert, bis mein Rechtsanwalt sagte: "Sie müssen sich dagegen wehren." Und dann habe ich mich gewehrt. Und wissen Sie was? Das war gut, es hat die Einstellung der Mitglieder meiner Partei zur Rechtsstaatlichkeit positiv verändert. Der Mainstream war gegen mich. Die Gerichte haben trotzdem für mich entschieden. Deshalb ist die Unabhängigkeit der Justiz für sie ein so hohes Gut geworden.

Dominierte die Gauck-Behörde den Blick auf die DDR?

Ja, zu sehr. Sie suggerierte, dass die Staatssicherheit das mächtigste Organ der DDR war. Das stimmte nicht. Das war die Partei. Letztlich hat die Parteiführung entschieden, was die Staatssicherheit machen durfte und was nicht.

Hätte Gerhard Schröder Kanzler werden können, wenn er in der DDR groß geworden wäre?

Nein, schon vom Typ her nicht. Die Merkel ist es auch nur geworden, weil die Union eine schwere Spendenkrise hatte. Plötzlich drehte sich da was, weil alle im Westen irgendwie etwas damit zu tun hatten, nur sie aus dem Osten eben nicht. Da haben sich die Kerle in der Union gesagt: Wir machen das Mädchen für zwei Jahre zur Vorsitzenden, und dann schicken wir sie wieder nach Hause. Ihre Begabung bestand darin, gerade diese nach Hause zu schicken.

Wie viel Westen war in Ihnen?

In den Neunzigern war logischerweise viel Osten in mir, denn das war ja meine Rolle. Aber kulturell hatte der Westen schon schwer aufgeholt – also: 5.

Die Nullerjahre

Liegen noch irgendwo Millionen aus dem SED-Vermögen?

Nee. Ich habe die Urkunde 1990 unterschrieben, dass das komplette Auslandsvermögen an die Treuhand überstellt wurde. Und innerhalb der DDR kann ich es ausschließen. Ich hatte ja auch unterschrieben, dass wir den dreifachen Betrag zurückzahlen müssten, wenn irgendwo irgendein Betrag gefunden worden wäre. Da hätten wir uns ruiniert.

Haben Sie bei 9/11 gedacht: Das verändert die Welt mehr als der Mauerfall?

Nein. Obwohl der Terroranschlag in New York die Welt verändert hat. Aber das Ende des Kalten Krieges hat die westliche Welt stärker verändert, weil der Osten in sozialen Fragen fortan als Korrektiv gefehlt hat. Der Staatssozialismus hatte seine besten Folgen für die Bürger im Westen.

Wann haben Sie das erste Mal an die Einheit geglaubt?

Die innere Einheit wird noch eine Generation dauern, was auch daran liegt, dass immer noch nicht der gleiche Lohn für gleiche Arbeit bezahlt wird, dass es immer noch nicht die gleiche Rente gibt. Im 29. Jahr der deutschen Einheit ist das indiskutabel! Und dann war die erste Jugend nach dem Mauerfall DDR-ischer, als ich das für möglich gehalten hätte.

Ist Oskar Lafontaines Hauptmotiv: Rache an der SPD?

Nein. Er war zwar tief verletzt. Aber im Kern ging es ihm schon darum, erfolgreich eine linke Partei aufzubauen.

1999: Gysi privat mit seiner damaligen Frau Andrea Lederer ("'ne Westfrau") und der gemeinsamen Tochter Anna

1999: Gysi privat mit seiner damaligen Frau Andrea Lederer ("'ne Westfrau") und der gemeinsamen Tochter Anna

Wäre Karl-Theodor zu Guttenberg heute Kanzler, wenn er seine Doktorarbeit nicht gefälscht hätte?

Nee. Dazu war er eine Idee zu eitel. Das ist in der Union nicht so beliebt.

Sind die Deutschen an den falschen Stellen zu streng?

Nein. Ich habe die Wissenschaftler schon im Fall Guttenberg und in anderen Fällen verstanden. Wenn du sagst, das spielt gar keine Rolle, machst du dich angreifbar. Ist Ihnen aufgefallen, dass bisher alle gefälschten Dissertationen aus dem Westen stammen? Im Westen hatten einige die Möglichkeit, das auf Mitarbeiter abzuwälzen. Dann schummeln die natürlich. So was gab es in der DDR nicht. Du musstest es schon allein schreiben.

Wie viel Westen war in Ihnen?

Ich hab 'ne Westfrau geheiratet. Was meinen Sie, wie einen das verändert! Ich bin mindestens bei 8.

Die 10er Jahre

Wann war Angela Merkel auf dem Zenit?

Mitte der letzten Legislaturperiode. Da galt sie als mächtigste Frau der Welt. Wenn sie da gesagt hätte, dass sie zum Ende der Legislatur aufhört, dann wäre das ein Abgang mit Glanz und Gloria gewesen.

Wie viele Flüchtlinge pro Jahr kann Deutschland verkraften?

Auf jeden Fall mehr, als viele glauben.

Und wie viele Nazis verkraftet das Land?

Eigentlich gar keine. Aber es sind ja nun mal welche da. Die dürfen nur nicht zu stark werden.

Joschka Fischer hat uns anvertraut: "In der Politik haben Sie es mit vielen Idioten zu tun." Hat er recht?

Das würde ich so nie sagen. Aber: Die Politik verbeamtet, weil wir keine Umbruchzeiten mehr haben. Nach Umbruchzeiten wie nach 45 kommen Persönlichkeiten wie Wehner, Brandt, Adenauer, Strauß. Und nach dem Umbruch der DDR kamen Leute wie de Maizière, Gauck, Merkel und vielleicht ja auch ich.

2007: (noch) Seit an Seit mit Oskar Lafontaine. Gysi ist gemeinsam mit dem Saarländer bis 2009 Chef der Linksfraktion.

2007: (noch) Seit an Seit mit Oskar Lafontaine. Gysi ist gemeinsam mit dem Saarländer bis 2009 Chef der Linksfraktion.

Je ausgemalt, was passiert wäre, wenn der Osten den Westen angeschlossen hätte?

Na klar. Ich könnte Ihnen noch heute die Namen für die Ersten Sekretäre der Bezirksleitungen der SED in Bayern nennen.

Ihre beste geklaute Pointe?

Hier mache ich von meinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch.

In welche Talkshow müssen Sie unbedingt noch gehen?

Zu "Wer wird Millionär?" werde ich eingeladen, aber traue mich nicht hin. Angst vor Blamage. Also deshalb die Late-Night-Show mit Letterman, aber erst wenn ich perfekt Amerikanisch spreche, also nie.

Wie viel Westen ist in Ihnen?

Ich bin jetzt endgültig Bundesdeutscher.

... was von Gregor Gysi bleiben wird

Ihr bestes Jahrzehnt?

Mein mutigstes waren die Neunziger. Aber mein bestes war das darauffolgende, weil ich zunächst von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt, dann aber akzeptiert wurde.

Das beste Jahrzehnt der Bundesrepublik?

Das begann nach 68.

Würden Sie bitte die Begriffe Sex, Drugs & Rock 'n' Roll in die für Sie heute relevante Reihenfolge bringen.

Das fragen Sie einen 71-Jährigen im Ernst? Da geht es ja nicht mehr um Häufigkeit, sondern um Bedeutung. Drugs fallen aus.

Sammeln Sie noch Flugmeilen?

Nein.

Werden Sie in Ihrem Leben noch mal "Das Kapital" von Marx durchlesen?

Ich habe in meinem Leben den ersten Band gelesen – und das hat mir auch gereicht.

Die zehn besten Redner der deutschen Geschichte: Rosa Luxemburg, Gustav Stresemann, Joseph Goebbels, Franz Josef Strauß, Carlo Schmid, Joschka Fischer, Gregor Gysi, Friedrich Merz, Oskar Lafontaine, Sahra Wagenknecht, Guido Westerwelle.

Wehner fehlt! Der konnte 18 Relativsätze bilden und fand dann immer noch das richtige Schlussverb. Ich würde das nie finden.

Es waren aber vorher schon elf. Es sind also sogar zwei zu viel.

Dann streichen wir Goebbels – aus inhaltlichen Gründen.

Es ist immer noch einer zu viel ...

Na, dann streichen Sie halt noch mich.

Die spinnen, die Deutschen: Ein Brasilianer erklärt, was er an den Deutschen lustig findet


kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(