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stern-Chefredakteur Putins Besessenheit, ein neuer Kalter Krieg und überlastete Politiker: Gregor Peter Schmitz über den aktuellen stern

"Große Hoffnung auf politische Entspannung kann diese Ausgabe nicht bieten", sagt stern-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz zum neuen Magazin
"Große Hoffnung auf politische Entspannung kann diese Ausgabe nicht bieten", sagt stern-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz zum neuen Magazin
Deutschland verliert sich in unversöhnlichen Debatten, Putin hält unbeirrt am Sieg in der Ukraine fest und in Brasilien deutet sich ein Machtwechsel an. Gregor Peter Schmitz über das aktuelle stern-Magazin.

Robert Habeck, Bundeswirtschaftsminister im Krisenmodus, hat um Verständnis für die Betroffenen der aktuellen Krisen geworben. Allerdings ging es ihm diesmal nicht um Menschen, die irgendwo im Land Nebenkostenrechnungen nicht mehr bezahlen können, sondern um jene ganz nahe an seiner Bürotür, jene im Bundeswirtschaftsministerium. "Es ist jetzt kein Scheiß, den ich erzähle: Die Leute werden krank. Die haben Burnout, die kriegen Tinnitus. Die können nicht mehr." 20 Gesetze und 28 Verordnungen hätten seine Beamten binnen weniger Monate erlassen, so Habeck: "Die Leute, irgendwann müssen die auch schlafen und essen."

Falls Habeck auf Verständnis gehofft hatte (wohl auch für sich selbst), war er das, was ihm Kritiker ohnehin vorwerfen: naiv. Rasch hagelte es Vergleiche mit Bäckern, mit Einzelhändlern, mit Gastronomen, die auch alle nicht mehr könnten, vor allem wegen Habecks Politik. Verständnis ist im politischen Krisenalltag offenbar nicht mehr vorgesehen; und Schwäche zuzugeben ist eher was für Kuschelmonate.

Unversöhnlich scheinen auch andere politische Debatten dieser Tage. Wenn etwa bekannte Wirtschaftsbosse und Umweltschützer aufeinandertreffen, wirkt es oft, als habe die Zeitenwende auch die Zeit zurückgedreht und Fronten verhärtet. Dann donnern (meist betont männliche) Wirtschaftsvertreter, nun müsse erst einmal der industrielle Kern des Landes gerettet werden, die Kapitalabflüsse hätten historische Ausmaße erreicht. Und dann sind da (meist, aber keineswegs nur weibliche) Stimmen, die darauf hinweisen, dass die größte Krise nach wie vor die Umweltkrise sei. Was sei eine Rezession gegen die Aussicht, dass wir bald nicht mehr ausreichend Grundwasser haben werden, heißt es etwa. Und: Müssen wir uns nicht angesichts der Klimakrise ohnehin auf grünes "Schrumpfen" einstellen, wie die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann vorhersagt, weniger Autos, Flüge, Wohnungen …?

Die Industrie oder doch das Klima retten?

Wer soll zwischen diesen Polen vermitteln? Der Kanzler etwa, so als Führungsaufgabe. Aber ob Scholz nun eher die Industrie retten will oder doch das Klima, lässt er meist unklar. Klar ist bei ihm eigentlich nur, dass er schon immer recht hatte, auch bei der Energiepolitik, welche halt die Vorgängerregierung vermasselt habe. Das stimmt wohl, allerdings gehörte Scholz dieser an, immerhin als Vizekanzler. Eine Erzählung, wie wir Klima und Industrie zusammenbekommen sollen, kann er nicht dem (ohnehin offenbar überlasteten) Vizekanzler Habeck überlassen. Der hofft gerade auch, dass wir mit ein bisschen Glück und gutem Wetter über den Winter kommen.

Große Hoffnung auf politische Entspannung kann diese Ausgabe nicht bieten, wir entschuldigen uns vorab. In unserer Titelgeschichte beschreibt ein Team um Russland-Expertin Bettina Sengling und Reporter Julian Hans, weshalb Wladimir Putin zwar schwach ist, aber auch besessen gefährlich. Meine Kollegen Steffen Gassel und Michael Streck fragen den renommierten Historiker Niall Ferguson, ob der Kalte Krieg schon wieder in vollem Gange sei – diesmal allerdings zwischen China und den USA.

Unser Reporter Jan Christoph Wiechmann berichtet, dass der rechte Zündler Jair Bolsonaro in Brasilien verlieren könnte. Aber ist der linke Überzeugungstäter Luiz Inácio Lula da Silva die bessere Lösung? Und in Italien ist (leider) eingetreten, was unsere Autorin Andrea Ritter schon vorige Woche beschrieben hat: Die gefährlichste Frau Europas regiert nun in Rom.

Herzlich Ihr
Gregor Peter Schmitz

Erschienen in stern 40/2022

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