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Großdemo gegen Stuttgart 21 "Wir sind unumkehrbar"


Bei der ersten Großdemo seit Monaten protestieren Tausende gegen den Stuttgarter Bahnhofsneubau. Die Hausdurchsuchung bei Parkschützern und prognostizierte Kostensteigerungen heizen die Stimmung an. Die Verschiebung der Stresstests beruhigt die Gemüter nur wenig.
Von Anna Hunger, Stuttgart

Am Montag wurde bekannt, dass Stuttgart 21 erheblich teurer wird, als es die Bahn beteuert hatte. Am Donnerstag durchsuchte die Polizei das Büro der Parkschützer nach Beweismaterial zur Montagsdemonstration, bei der ein Beamter verletzt worden war. Und am Freitag beschloss Schlichter Heiner Geißler, dass die Bahn die Ergebnisse des Stresstests um ein paar Tage verschieben muss, weil Projektgegner und das Gutachterbüro SMA nicht ausreichend informiert waren.

Diese letzte Nachricht ist Balsam auf der Seele der Stuttgart-21-Gegner. Zwei von ihnen sind Gabi und Helmut Haas aus Leinfelden, beide im leuchtend grünen K21-T-Shirt, das diejenigen tragen, die lieber den bestehenden Kopfbahnhof optimiert hätten, als ihn unter die Erde zu legen. "Oben bleiben" eben. Die Stimmung sei gut im Widerstand, sagt Gabi Haas. Gerade in dieser Woche, in der die "Geldverschiebereien" herausgekommen sind. "Die Bahn steht wieder mal als Lügner da." Eins zu null für den Widerstand, findet Haas.

Diskussion geht vielen längst auf den Geist

Ganz so optimistisch sind nicht alle S21-Gegner. Und so viele wie erwartet, sind auch nicht zur ersten Großdemo seit Monaten gekommen, findet Stefan Arlt. Die Veranstalter sprechen von 15.000 Teilnehmern, die Polizei zählt nur 7000. Vielleicht ist es zu heiß und in Konkurrenz mit dem Freibad, vermutet er. Er sitzt im "Parkschützer"-T-Shirt auf einer Mauer mitten in der Menge. Viele seiner Freunde, die früher noch mit auf die Demos kamen, ginge die Diskussion über den Bahnhof mittlerweile auf den Geist, sagt er. "Die sind der Meinung, es sei sowieso gelaufen." Stresstest bestanden - fertig. Dafür seien die Übrigen entschlossener denn je, sagt er.

Das sehe man schon an der Auseinandersetzung auf dem Areal des Grundwassermanagements am 20. Juni, bei dem Stuttgart 21-Gegner nach einer Montagsdemo den Bauabschnitt hinterm Südflügel gestürmt, einen Polizisten verletzt und erhebliche Sachschäden angerichtet hatten. Das sei zwar "schwierig", weil es den Protest nicht weiterbringe, sagt Arlt. Aber es würde eben die Wut zeigen, die sich mittlerweile aufgestaut habe. Die Durchsuchung des Parkschützerbüros am Donnerstag sei überzogen kommuniziert worden, sagt der Parkschützer. "Das wurde zu einem Riesenthema aufgebauscht, was es eigentlich nicht war."

Man habe sich die letzten Wochen stark mit Polizeieinsätzen beschäftigt, ruft Brigitte Dahlbender, Sprecherin des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 von der Bühne herunter. "Aber wir werden unsere Friedfertigkeit beweisen!", sagt sie und appelliert an die Polizei: "Deeskalieren! Gemeinsam!" Das Aktionsbündnis habe es immerhin hinbekommen, dass der Gutachter SMA mehr Zeit gewonnen hat. "Das ist die Quittung für die Bahn, weil sie uns wieder mal hintergangen hat. Wir lassen uns nicht über den Tisch ziehen."

Stefan Arlt sieht das anders. "Die SMA ist eben nicht fertig geworden", sagt er. "Wenn wir als Gegner weiterhin gesagt hätten, wir bleiben der Präsentation fern, hätte das auch keinen interessiert. Dann wären wir eben nicht dabei gewesen."

"Gerade eine schwierige Zeit"

Die Bahn demontiere sich momentan selbst, sagt Demonstrantin Susanne Warndorf. Seit mehr als zwei Jahren engagiert sie sich gegen das Projekt S21. Es sei gerade eine schwierige Zeit, sagt sie. Die Landesregierung sei in Bedrängnis, und der Protest werde durch Medien und Polizei kriminalisiert. Aber es gebe immer noch gute Chancen, das Projekt zu stoppen. Mit mehr Engagement. Das habe zwar nach der Landtagswahl abgenommen, komme aber langsam wieder. Der Zusammenhalt unter der Projektgegnern sei nach den Wirren der letzte Wochen nur größer geworden. "Wir wissen wieder, aus welcher Richtung der Gegenwind weht." Susanne Warndorf ist sich sicher: Der Protest wird wieder Ausmaße annehmen wie im vergangenen Sommer. Sie hat sich einen Hut gebastelt mit einem komplizierte Drahtgestell, das ein Transparent hält: "Wir sind unumkehrbar" steht darauf.


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