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"Hamburg, mach nicht dicht!": Kunstaktion soll Obdachlosen helfen, den Winter zu überleben

Rund 550 Menschen leben in Hamburg derzeit im Winternotprogramm, müssen zwischen 9.30 und 17 Uhr ihre Unterkünfte verlassen und raus in die Kälte. Mit einer Kunstaktion soll bei den Behörden um Verständnis geworben werden, diese Zeit zu verkürzen. 

In Schlafanzügen spielen Obdachlose den Alltag in Hamburg vor

2015 ist eine Petition des Obdachlosenmagazins "Hinz&Kunzt" gescheitert, die sich für die Tagesöffnung der Unterkünfte in Hamburgs Winternotprogramm einsetzten – trotz 57.000 Unterschriften. Nun soll eine Kunstaktion bei den Behörden für erneute Aufmerksamkeit sorgen.

Laut klingen die Trillerpfeifen der Straßenkehrer in den Ohren, die mit großen Besen die Obdachlosen von den Gehwegen vertreiben wollen. Doch die bewegen sich einfach nicht. In Schlafanzügen liegen sie auf Isomatten und ignorieren den Lärm. Was befremdlich aussieht, wirkt auch erschreckend vertraut.

Am Mittwochmorgen um 8.30 Uhr inszenierten das Hamburger Obdachlosenmagazin "Hinz&Kunzt" und das Scharlatan Theater in einer Kunstaktion ein Problem, das seit Jahren aktuell – aber immer noch ungelöst ist. Der stern hat das Event am Nikolausmorgen mit Facebook live begleitet.


"Hamburg, mach nicht dich!"

Für fast acht Stunden aus dem Haus geworfen, bei jedem Wetter. So muss es sich für die Bewohner der beiden Notunterkünfte anfühlen, die die Stadt Hamburg für die Bedürftigen zur Verfügung stellt: Obdachlose, die in der Hansestadt überwintern. Eines der Häuser befindet sich direkt beim Verlagshaus von Gruner+Jahr, wo auch der stern sitzt. Aus den Fenstern der Redaktion sehen wir jeden Tag, was diese Öffnungszeiten für die Menschen bedeuten. Wenn wir morgens zur Arbeit kommen, laufen sie uns in kleinen Gruppen entgegen, es ist kaum richtig hell und sie mussten das Haus verlassen. Bevor wir Feierabend haben, warten sie schon darauf, wieder zurückgehen zu können, manchmal direkt unter unseren Fenstern, manchmal sind sie dabei ganz schön laut. Viele von ihnen sind Rumänen und sprechen kein Deutsch. Wozu auch, um Integration geht es ihnen nicht, es geht ums Überleben.

Am kommenden Wochenende wird es wieder frieren, die Temperaturen sollen unter null Grad sinken. Es wird Zeit, dass sich etwas tut, wissen die Verkäufer des Hamburger Magazins "Hinz&Kunzt", die alle selbst schon auf der Straße gelebt haben, es zum Teil immer noch tun. Sie wollen schon seit Langem helfen, hatten 2015 bereits eine Online-Petition gestartet, in der sie Tagesöffnung im Winternotprogramm forderten. 57.000 Menschen hatten unterzeichnet, doch die Aktion versandete, Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) lehnte ab. 2017 versuchte Die Linke es mit einem Antrag auf Tagesöffnung, die jedoch im Sozialausschuss scheiterte.

Obdachlose liegen der Straßenreinigung im Weg

Immer im Weg: Die Obdachlosen dürfen tagsüber nicht in die Notunterkunft und stören auf der Straße. Für die Kunstaktion "Hamburg, mach nicht dich!" inszenierte das Hamburger Obdachlosenmagazin "Hinz&Kunzt" mit dem Scharlatan Theater die bittere Realität.

Nun soll Kunst helfen, im Dialog mit der Stadt zu bleiben. Der Winter beginnt erst gerade, noch wäre Zeit dafür zu sorgen, dass er auch für die Bedürftigen im Winternotprogramm menschenwürdig wird. Dass sie tagsüber eine Möglichkeit haben, zur Toilette zu gehen. Dass sie auch tagsüber Schutz vor der Kälte finden. Offiziell sind die Häuser am Tag verschlossen, damit geputzt werden kann.

"Hamburg, mach nicht dicht!", der Titel der Aktion, ist bewusst doppeldeutig gewählt: einerseits geht es darum, die Bedürftigen nicht den ganzen Tag auszusperren, anderseits darum, dass sich der Senat vor dem Problem nicht verschließt, sondern für eine humanitäre Lösung zugänglich zeigt.


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