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Altbundeskanzler: Der Streitfall Kohl in vier Kapiteln

Von wegen: Ruhe in Frieden. Über den Tod von Altbundeskanzler Helmut Kohl hinaus halten die Konflikte an. Es sind sogar neue hinzugekommen.

Alt-Kanzler Helmut Kohl (M.) sitzt im Juni 2000 am Zeugentisch vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss in Berlin

Alt-Kanzler Helmut Kohl (M.) sitzt im Juni 2000 am Zeugentisch vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss in Berlin. Das Gremium beschäftigte sich mit der Aufklärung der CDU-Spendenaffäre.

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Familie

Das Verhältnis von Helmut Kohl zu seinen Söhnen war schon lange Zeit angespannt. In den Jahren nach dem Freitod seiner ersten Frau Hannelore 2001 verschlechterte es sich noch einmal deutlich. Walter Kohl veröffentlichte im Jahr 2011 das Buch "Leben oder gelebt werden", in dem er seine Erinnerung als "Sohn vom Kohl" verarbeitete. Der 54-Jährige ist unter anderem als Lebenscoach tätig, lebt mit seiner Frau Kyung-Sook im Taunus und hat aus einer ersten Ehe einen Sohn. Peter Kohl, 52, wohnt mit seiner Frau Elif Sözen und einer Tochter in der Schweiz.

Beide Söhne behaupten, dass Maike Kohl-Richter sie seit dem Unfall 2008 sukzessive vom Vater fernhielt. Peter rechnete 2013 in einem Vorwort zur Neuauflage des bereits 2002 erschienenen Buchs "Hannelore Kohl. Ihr Leben" – und später auch in Interviews – mit deren Nachfolgerin ab. Beide blieben dem Staatsakt in Straßburg und der Beisetzung in Speyer fern. Sie hatten sich einen Staatsakt in Berlin und die Beisetzung im Ludwigshafener Familiengrab gewünscht. Maike-Kohl Richter ist die Alleinerbin Kohls. Die Söhne verzichteten schon im April 2016 auf einen Pflichtteil. Im Gegenzug erhielten Peter, Walter und ihre Kinder zusammen vorab eine Million Euro aus dem Vermögen.

Erinnerungen

Der frühere WDR-Journalist Heribert Schwan, 73, führte um die Jahrtausendwende mit Helmut Kohl in dessen Bungalow über 600 Stunden lang Gespräche, aus denen drei Erinnerungsbände entstanden. Nach einem Bruch zwischen Kohl und Schwan behielt der Journalist die Bänder mit den aufgezeichneten Gesprächen und brachte mit dem Co-Autor Tilman Jens 2014 das Buch "Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle" heraus.

Bereits vor dem Erscheinen entschied das Oberlandesgericht Köln, Schwan habe die 200 Tonbänder an Kohl herauszugeben. Schwan ging in Berufung. Kohl wollte das gesamte Buch verbieten lassen und scheiterte damit zunächst. Insgesamt 116 teils abträglich formulierte Zitate über Michael Gorbatschow, Angela Merkel, Maggie Thatcher und viele andere Weggefährten ließ das Landgericht Köln nach einer Klage Kohls auf Unterlassung dann aber doch verbieten.

Der Bundesgerichtshof bestätigte, dass die Tonbänder Kohl gehörten. Schwan sollte auch Abschriften und Kopien zurückgeben. Kohl klagte auf fünf Millionen Euro Schmerzensgeld. Im April 2017, zwei Monate vor Kohls Tod, gestand das Landgericht Köln dem Altkanzler wegen besonders schwerer Verletzung des Persönlichkeitsrechts eine Million Euro zu, das höchste Schmerzensgeld, das in Deutschland je einer Einzelperson zugesprochen wurde. Am 15. Februar soll das Oberlandesgericht Köln entscheiden, ob der Anspruch mit dem Tod erloschen ist oder auf die Erbin übergeht. Eine Pension erhält Maike Kohl-Richter aufgrund der späten Heirat nicht.

Schwarze Kassen

In der "Parteispendenaffäre" kam 1999 heraus, dass in der CDU über viele Jahre Gelder unklarer Herkunft in die Parteikasse geschleust worden waren. Helmut Kohl gab zu, Spendengelder in Höhe von 2,1 Millionen D-Mark erhalten, aber deren Herkunft nicht deklariert zu haben. Den Spendern habe er sein Ehrenwort gegeben, sie nicht zu nennen. Daran hielt er auch fest, als ihn Parteifreunde aufforderten, die Namen zu nennen. Kohl schwieg und legte den Ehrenvorsitz nieder.

Die CDU musste eine hohe Strafe zahlen. Kohl brachte mit einer privaten Sammelaktion rund acht Millionen Mark für seine Partei auf. Wolfgang Schäuble, der im Zuge der Affäre den CDU-Vorsitz aufgeben musste, äußerte im Lauf der Jahre mehrfach die Auffassung, dass es die anonymen Spender gar nicht gegeben habe. Das Geld habe vielmehr aus schwarzen Kassen gestammt, die zu Zeiten des Großindustriellen Friedrich K. Flick angelegt worden waren.

Der Dokumentarfilmer Stephan Lamby präsentierte Anfang Dezember 2017 eine Indizienkette für diese Version ("Bimbes – die schwarzen Kassen des Helmut Kohl"). Zeitzeugen und Unterlagen stützten die Schäuble-These, einen definitiven Beweis dafür, dass Kohl die Spender erfunden hat, konnte die ARD-Doku aber nicht führen.

Akten

Bereits vor Kohls Tod entbrannte ein Streit um Hunderte Aktenordner, die im Keller des Oggersheimer Bungalows lagern. Der Altkanzler hatte Unterlagen aus der Konrad-Adenauer-Stiftung kommen lassen, als er den vierten Band seiner Memoiren plante und schrieb. Die Stiftung will sie nun zurück. Das Bundesarchiv beansprucht den amtlichen Teil des Aktenschatzes. Was sich genau in den Ordnern befindet, was davon amtlich und was privat ist, bleibt allerdings unklar. Auch für den privaten Nachlass, für Dokumente und Briefe fände sich im Bundesarchiv eine Lösung, bot dessen Leiter der Witwe nur wenige Tage nach Kohls Tod an.

Der ehemalige Kanzler selbst hatte sich eine Helmut-Kohl-Stiftung gewünscht. Der politische Nachlass solle seriös – etwa für Historiker – und öffentlich zugänglich sein. Seine Ehefrau Maike solle die entscheidende Ansprechpartnerin für alle Angelegenheiten nach seinem Tod sein. Auch die Söhne forderten die Errichtung einer Stiftung. Für den Nachlass mehrerer Kanzler gibt es solche Institute. Der Anwalt von Maike Kohl-Richter hatte im Herbst die Gründung einer Helmut-Kohl-Stiftung angekündigt, gegenüber dem stern bestätigte sie lediglich, dass sie dazu Gespräche führe.

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