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Flutkatastrophe in Deutschland Die Macht der Bilder: Hat Laschet seinen "Deichgraf"-Moment verspielt?

Armin Laschet (l.) spricht mit einem Erftstädter in einer Notunterkunft
Armin Laschet (l.) spricht mit einem Erftstädter in einer Notunterkunft
© Oliver Berg / DPA
Deutschland hat schon einige Hochwasser erlebt, aus denen politische Hochwasser-Helden hervorgegangen sind. Ein Rückblick – und ein Ausblick nach dem Feixen im falschen Moment von Kanzlerkandidat Laschet.

Armin Laschet reagierte schnell. Schon am Donnerstagvormittag war er vor Ort. Seitdem stapfte er in Gummistiefeln durchs Matschwasser...

Ministerpräsident Armin Laschet (l., CDU) im Gespräch mit Bürgermeister Patrick Haas (SPD) in Stolberg bei Aachen
Ein von der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen via Twitter veröffentlichtes Bild zeigt Ministerpräsident Armin Laschet (l., CDU) im Gespräch mit Bürgermeister Patrick Haas (SPD) in Stolberg bei Aachen
© Land NRW / DPA

... lauschte den Geschichten von Menschen, die in den Fluten alles verloren haben... 

Armin Laschet (l.) spricht mit einem Erftstädter in einer Notunterkunft
Armin Laschet (l.) spricht mit einem Erftstädter in einer Notunterkunft
© Oliver Berg / DPA

... und sprach mit den Helferinnen und Helfern, die in den Kampf gegen die Wassermassen zogen.

Armin Laschet (M.) spricht mit Ersthelfern in Erftstadt
Armin Laschet (M.) spricht mit Ersthelfern in Erftstadt
© SEBASTIEN BOZON / AFP

Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen zeigte Präsenz, während "eine Flutkatastrophe von historischem Ausmaß" (Laschet) eine Schneise der Zerstörung auch durch sein Bundesland zog. Doch besonders hängen bleiben könnte ein Eindruck, über den sich Laschet selbst wohl am meisten ärgern dürfte: Der Bundespräsident will Trost spenden – und der Landesvater lacht herzhaft im Hintergrund. 

Armin Laschet (M.) lacht während Bundespräsident Steinmeier (nicht im Bild) ein Pressestatement gibt
Armin Laschet (M.) lacht während Bundespräsident Steinmeier (nicht im Bild) ein Pressestatement gibt
© Marius Becker / AFP

 

"Ich war den ganzen Tag unterwegs, es gab emotionale Begegnungen, die mich auch wirklich erschüttert haben. Und deshalb ärgere ich mich umso mehr über diese wenigen Sekunden", sagte Laschet am Sonntagabend, der wiederholt sein Bedauern für den "unpassenden" Lacher äußerte, der "durch eine Gesprächssituation entstanden" sei. Doch da war der Sturm der Empörung bereits über ihn hereingebrochen. 

"Hier feixt Laschet, als Steinmeier über das Leid der Opfer spricht", titelte die "Bild am Sonntag". Sogar der britische "Guardian" und die "New York Times" berichteten über die Szene, die unter dem Hashtag "#Laschetlacht" zu einem Twitter-Trend avancierte. "Ich bin wirklich sprachlos", sagte der eher selten sprachlose SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. "Eine Frage des Charakters", meinte SPD-Vizechef Kevin Kühnert – wenngleich auch Bundespräsident Steinmeier beim Scherzen erwischt wurde

Laschet kommt in diesen Tagen eine besondere Rolle zu und, wie sein Lacher zeigt, auch mehr Aufmerksamkeit, als ihm womöglich lieb sein dürfte. Er ist Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, damit qua Amt als Krisenmanager in der Verantwortung, und im Nebenjob der Kanzlerkandidat der Union, damit Anwärter auf die Nachfolge von "Krisenkanzlerin" Angela Merkel (CDU). 

"Ein Bild mit Symbolkraft"

Die Rolle der Krisenmanagerin oder des Krisenmanagers kann, so zynisch es klingt, ein Gewinn für Amtsträger sein. Aber auch der Beginn einer Niederlage. In Katastrophenzeiten schlägt die Stunde der Exekutive, die Menschen fragen sich, auf wen sie sich verlassen können – und das Verhalten der Verantwortlichen bietet Aufschluss darüber. Zumal in Wahlkampfzeiten. Dabei wandeln Politiker auf einem schmalen Grat zwischen Krisenhilfe und dem Vorwurf, aus dem Leid im Wahlkampf Kapital schlagen zu wollen. Mitgefühl darf nicht als kalkuliertes Mittel erscheinen.

Der Bundeskanzlerin dürfte dieser Umstand bewusst sein, einen entsprechenden Eindruck hat sie – ob gewollt oder nicht – zweifellos vermieden. Sie reiste am Sonntag nach Rheinland-Pfalz und besuchte mit SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer die Flutopfer. Und damit nicht nach Nordrhein-Westfalen zu Parteifreund Laschet, der ihr ins Kanzleramt folgen will. Hand in Hand schritten Merkel und Dreyer durch die Trümmer. Ein CDU-Lokalpolitiker sah darin "ein Bild mit Symbolkraft". "Wenn man sieht diese zwei Frauen, Hand im Hand gehen, erkennt man keine Spur von Wahlkampf!", kommentierte eine Twitter-Nutzerin, "Merkel und Dreyer zeigen Charakter und Größe , so kann und soll es gehen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (l., CDU) und Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz
Bundeskanzlerin Angela Merkel (l., CDU) und Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, begutachten die Flutschäden in Schuld
© Christof STACHE / AFP

Deutschland hat schon viele Hochwasser erlebt und ebenso viele Hochwasserhelden. Als Prototyp des anpackenden Krisenbewältigers dürfte Helmut Schmidt gelten. Der damalige SPD-Innensenator zog im Februar 1962 die Einsatzleitung bei der großen Sturmflut an sich und profilierte sich über seine Hamburg hinaus als verlässlicher Krisenmanager. Jahre später zog er ins Kanzleramt ein.

Dass Hochwasser durchaus das Potenzial haben, Wahlen zu entscheiden – oder zumindest eine große Rolle darin spielen können –, weiß man aber spätestens seit Gerhard Schröder. Er stapfte 2002 in Gummistiefeln durch die Elbeflut. Das Bild ist auch fast 20 Jahre danach noch präsent: Über dem blütenweißen Hemd trägt er einen grünen Regenparka, die dunkelgraue Anzughose in die wadenhohen, schwarzen Stiefel gestopft.

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (l., SPD) und der ehemalige sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt
Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (l., SPD) und der ehemalige sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) gehen am 14. August 2002 durch die nach einem Hochwasser verwüstete sächsische Kreisstadt Grimma
© Waltraud Grubitzsch / DPA

Nicht wenige sagen, diese Gummistiefel hätten die Bundestagswahl entschieden. Vor der Flut liegt die SPD in Umfragen noch sieben Punkte hinter der Union. Dann kommt der Regen im Osten, die Elbe steigt, bis die gewaltigen Wassermassen Dämme brechen und Häuser wegreißen. Schröder reist in die Hochwassergebiete, lädt später zu einem Krisengipfel, schnürt ein Hilfspaket. Sein damaliger Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) sagt im Rückblick: "Diese Möglichkeiten hatte ich als Herausforderer nicht". Die SPD holt in Umfragen auf und gewinnt im September 2002 mit hauchdünnem Vorsprung die Wahl. 

Im Kampf gegen das Hochwasser bei der Oderflut 1997 machte sich Matthias Platzeck seinerzeit einen Namen. Der damaligen Umweltminister von Brandenburg zeigte Präsenz...

Aus einem Polizeihubschrauber schaut Brandenburgs damaliger Umweltminister Matthias Platzeck auf den Oderdeich
5. August 1997: Aus einem Polizeihubschrauber schaut Brandenburgs damaliger Umweltminister Matthias Platzeck (SPD) auf den mit Sandsäcken verstärkten Oderdeich im Oderbruch
© R4200/ / Picture Alliance

... und Entschlossenheit im Kampf gegen das Oder-Hochwasser. Sein zupackender Auftritt machte ihn bundesweit bekannt und brachte ihn den Namen "Deichgraf" ein.

Der damalige brandenburgische Umweltminister Matthias Platzeck
2. August 1997: Der damalige brandenburgische Umweltminister Matthias Platzeck (SPD) steht auf einem Deich bei Hohenwutzen. Im Kampf gegen das Oder-Hochwasser machte sich Platzeck seinerzeit einen Namen als "Deichgraf" und wurde bundesweit bekannt. 
© Kay Nietfeld/ / Picture Alliance

Wenig später wurde er Oberbürgermeister von Potsdam, bevor er die Nachfolge von Manfed Stolpe als Ministerpräsident von Brandenburg antrat. 

Hat Armin Laschet seinen "Deichgraf"-Moment verspielt? Sicher ist, das sein Lacher zur Unzeit kommt. Die "Süddeutsche Zeitung" titelte unlängst: "Laschet, Krisenmanager in eigener Sache". Sein Feixen im falschen Moment könnte ihm als Defizit ausgelegt werden – von wegen: Da will jemand ins Kanzleramt einziehen, dem es in der Krise an Ernsthaftigkeit fehlt. Wenn auch nur für einige Sekunden. 

fs

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