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Islamischer Staat: "Niemals einen Menschen geköpft": Begegnung mit dem deutschen IS-Kämpfer Martin Lemke

Er soll getötet und gefoltert haben. Doch das bestreitet der Deutsche. Das Leben in Raqqa sei gut gewesen. Bis er mit drei Frauen und sechs Kindern auf der Flucht war. Was soll nun passieren mit Familie Lemke?

Von Steffen Gassel

IS-Kämpfer Martin Lemke: "Ich habe niemanden geköpft"

Der deutsche Hüne des Dschihad geht, als könne er sich kaum aufrecht halten. Mit gebeugtem Kreuz, Kopf und Kinn frisch geschoren, schleicht der Zwei-Meter-Mann zur Tür herein. Er trägt ein kariertes Hemd unter einem blauen Pullover, über die langen, dürren Beine hat er eine graue Jogginghose gezogen, die Füße stecken in einfachen Plastiksandalen. Sein Blick haftet am Boden. Niedergeschlagen, fast gebrechlich wirkt der 28-Jährige. Doch sein Händedruck ist fest und kalt. "Nennen Sie mich Nihad. Das ist mein islamischer Name", sagt er. Seinen Geburtsnamen möchte er nicht sagen. "Aber Sie wissen, wer ich bin? Sie wissen, mit wem Sie reden?"

Dutzende deutsche IS-Kämpfer

Hinter der Koketterie steckt Kalkül. Martin Lemke – ein kurdischer Geheimdienstmann hat ihn vor Beginn des Treffens identifiziert – weiß: Er gehört zur Terror-Prominenz. Unter den Dutzenden deutschen IS-Kämpfern in den Gefängnissen der kurdisch-geführten SDF-Miliz in Nordostsyrien ist er einer der berüchtigtsten. Kein Deutscher hat es im "Islamischen Staat" so weit gebracht wie er. Diesen Umstand möchte er sich nun zunutze machen. "Ich habe vor, nach meiner Strafe in Antiterrororganisationen zu arbeiten. Im Antiterrorkampf", sagt der mutmaßliche Top-Terrorist. Vor seiner Flucht hat er sich über eine Vertraute den deutschen Sicherheitsbehörden als Kronzeuge angeboten. Seine Ausreise in den Islamischen Staat sei "ein Fehler" gewesen, sagt er heute, "eine Kurzschlussreaktion". Nun wolle er "die deutsche Regierung und den Verfassungsschutz unterstützen".

Ist Martin Lemke alias Nihad zu trauen?

Diese Frage steht im Raum, seit der ausgebildete Schweißer aus Zeitz in Sachsen-Anhalt das kleine Eckzimmer mit den zugezogenen Vorhängen betreten hat. Es liegt auf einem Stützpunkt des kurdischen Geheimdienstes nahe der Stadt Qamischli in Nordsyrien. Präsident Baschar al-Assad hat seine Truppen vor mehr als sechs Jahren fast vollständig aus diesem Teil des Landes abgezogen. Heute beherrscht die kurdisch-geführte Miliz "Syrische Demokratische Kräfte" (SDF) das Gebiet entlang der türkischen Grenze.

Lemkes Söhne Dschafar, 1, (r.) und Schakir, 3, (l.) werden von fremden IS-Frauen im Lager al-Hol betreut

Lemkes Söhne Dschafar, 1, (r.) und Schakir, 3, (l.) werden von fremden IS-Frauen im Lager al-Hol betreut

Auf den Tag genau vor drei Wochen hat Lemke sich etwa 300 Kilometer südlich von hier der SDF-Miliz ergeben. Ein Foto von der Festnahme zeigt ihn mit verfilztem Haar und wirrem Blick. Seine Zweitfrau Sabina, eine Dagestanerin, seine Drittfrau, die 19-jährige Deutsche Leonora Messing, und vier seiner sechs Kinder hatte er bei sich. Es war eine Flucht in letzter Sekunde. Denn das Kalifat, das sich auf der Höhe seiner Macht über ein Gebiet von der Größe Großbritanniens erstreckte, steht nach jahrelangem Kampf gegen die von Bombern der US-Airforce und britischer und französischer Artillerie unterstützten SDF unmittelbar vor dem Kollaps.

Auf einem Flecken von etwa 700 Quadratmetern beim Dorf Baghuz im unteren Euphrat-Tal haben sich die letzten Getreuen des Kalifen in aussichtsloser Lage verschanzt. Tausende sind wie Lemke und seine Familie in den vergangenen Wochen aus Baghuz geflohen und von den Kurden festgesetzt worden: die Männer in Gefängnissen, deren Orte geheim gehalten werden. Frauen und Kinder in bewachten Zeltlagern. Auch die beiden überlebenden Ehefrauen Lemkes mit vier Kindern leben im Camp. Und seine zwei kleineren Söhne aus der Ehe mit Lemkes verstorbener Frau Julie sind hier, drei Jahre und ein Jahr alt, der jüngere schwer verletzt, die er allein ließ auf der Flucht und die jetzt von anderen betreut werden. Auch diese Kinder sind Teil der Geschichte des Martin Lemke.

"Horror"

Die Spuren des entbehrungsreichen Rückzugskampfs stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Immer wieder hustet Lemke trocken. Der Dschihadist klagt über die Enge seiner zwei mal eineinhalb Meter großen Zelle ohne Tageslicht, über das kalte Trinkwasser, das ihm Schluckbeschwerden bereite. "Horror", sagt er über die letzten Wochen im Kalifat. "Viele Kinder gestorben, viele Frauen gestorben. Hunger. Kein Essen, kein Wasser. Regen. Kälte. Kein Haus. Man kann das nicht mit Worten erklären." Zum Gespräch mit dem stern entschloss er sich unter einer Bedingung: Sein Gesicht darf nicht gezeigt werden.

Diese dürre Gestalt mit hängendem Haupt und fast unterwürfigem Blick soll ein mörderischer Terrorist sein? Die Vorstellung scheint auf den ersten Blick absurd. Doch die Vorwürfe gegen Lemke wiegen schwer. Als Mitglied des Geheimdienstes "Amnijat", einer Art IS-Stasi für Spionageabwehr, soll es seine Aufgabe gewesen sein, Abweichler und Verräter im IS aufzuspüren, zu foltern und zu töten. Zeugen haben ausgesagt, er habe Verhöre inhaftierter Deutscher geleitet. Im zum IS-Gefängnis umfunktionierten Stadion der IS-Hauptstadt Raqqa, wo Lemke mit seiner Familie jahrelang lebte, soll er Häftlinge bis zum Tod gefoltert haben. Nach Recherchen der Wochenzeitung "Die Zeit" prahlte er in einer Facebook-Nachricht an einen Bekannten: "Ich habe Menschen die Köpfe abgeschlagen."

Auch die 19-jährige Leonora lebt dort als Gefangene

Auch die 19-jährige Leonora lebt dort als Gefangene

Das Zitat bringt Lemke zum Lachen. "Nein, das stimmt nicht", sagt er dann. "Ich habe, Allah sei gepriesen, niemals einem Menschen den Kopf abgeschlagen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das gepostet habe. Es wurden Menschen die Köpfe abgeschlagen, aber nicht ich." Kurz darauf fällt ein bemerkenswerter Satz: "Es wird viel geredet, aber niemand weiß die Wahrheit." Wirklich niemand?

Je länger das Gespräch währt, desto klarer wird: Martin Lemke ist trotz aller körperlichen Schwäche wach und bedacht in allem, was er sagt. Er verfolgt eine klare Strategie. Bereitwillig räumt er ein, wovon er glaubt, dass es ihn als Kronzeugen interessant machen könnte. Vorwürfe, die ihn als Täter belasten, streitet er konsequent ab. Ja, er sei ab Mitte 2015 eineinhalb Jahre lang Amnijat-Mitglied gewesen. Und zwar als einziger Deutscher im "Wilayat ar-Raqqa", dem Verwaltungsbezirk Raqqa des Kalifats. Dort aber habe er nur in einem "technischen Büro" gearbeitet. "Ich habe Laptops formatiert, Handys formatiert, Reparaturen gemacht. Ich habe Verschlüsselungen gemacht für Festplatten, USB-Sticks. Solche Sachen. Ich bin von meinem Arbeitsplatz nach Hause, von zu Hause zu meinem Arbeitsplatz. Ich habe weder was gehört, noch was gesehen. Keine Nachrichten, kein Fernsehen, nichts."

Dem Zeugen, der ihn am schwersten belastet hat, droht IS-Mann Lemke aus der Haft in Syrien mit dem Rechtsstaat: "Ich werde diesen Mann zur Rechenschaft ziehen für das, was er da gesagt hat. Wenn ich die Möglichkeit habe, werde ich meinen Anwalt informieren. Er ist ein großer Lügner. Und ich werde rechtlich gegen ihn vorgehen."

Eigenbrötler

Die Ermittlungsakten, die Indizien, Beweisstücke und Zeugenaussagen, sie sind die eine von zwei Seiten der Geschichte des mutmaßlichen Terroristen Martin Lemke, des gelernten Schweißers, der im Jahr 2011 zum Islam konvertiert, sich fortan Nihad nennt, im November 2014 Deutschland den Rücken kehrt und ins IS-Kalifat aufbricht. Sollte sich die Bundesregierung dazu durchringen, die 42 Frauen und Männer mit deutschen Pass samt ihren über 80 meist kleinen Kindern, die sich aktuell in kurdischen Haftanstalten in Nordsyrien befinden, zurück nach Deutschland zu holen, dann werden deutsche Gerichte diese Seite der Geschichte beleuchten und ihr Urteil fällen.

Noch bremst zwar Horst Seehofer, dessen Ministerium die Rückführungen letztlich genehmigen muss. "Jeder Einzelfall muss vor Ort geklärt werden, bevor irgendjemand ins Flugzeug gesetzt wird", hat der Innenminister unlängst erklärt. Doch seitdem US-Präsident Donald Trump die Europäer per Tweet ultimativ zur Rücknahme ihrer Staatsbürger aus Nordsyrien gedrängt hat, ist der Druck auf die Entscheider in Berlin merklich gestiegen. Der Fall Lemke ist vonseiten deutscher Ermittler soweit "geklärt", dass einer Strafverfolgung in Deutschland kaum etwas im Wege stünde. Martin Lemke wartet, wie die meisten anderen deutschen IS-Häftlinge in Syrien, in seiner Zelle ungeduldig auf eine Kontaktaufnahme der deutschen Behörden.

Doch die Geschichte des Dschihadisten aus Zeitz hat noch eine zweite Seite. Es ist die des Familienmenschen Martin Lemke. Sie wird deutsche Gerichte wohl nur am Rande interessieren, wenn sie der Frage nachgehen, welche Verbrechen jenseits der bloßen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ihm nachzuweisen sind und welche Strafe angemessen ist. Und doch ist diese Seite der Geschichte mindestens ebenso wichtig für alle, die verstehen wollen: Was ist Martin Lemke für ein Mann?

Es ist die Geschichte eines Außenseiters, eines Eigenbrötlers und Torwart-Talents, der mit Anfang 20 eine Faszination für den Islam entwickelt und kurz darauf konvertiert. Auch seine Freundin überredet er dazu. Die beiden heiraten in einer Leipziger Moschee. Doch Lemkes zunehmend radikale Ansichten in Glaubensdingen belasten die Beziehung bald. Als er eine Zweitfrau nehmen will, trennt seine erste Frau sich von ihm. Da ist Lemke, der 2012 mit anderen Salafisten Koran-Exemplare verteilt hat, schon auf dem Radar der Sicherheitsbehörden.

Seine zweite Frau wird 2013 die 21-jährige französische Studentin Julie Maninchedda. Im Rahmen eines Doppelstudiengangs in deutscher und französischer Literatur ist sie im Herbst 2012 für ein Auslandsjahr nach Leipzig gezogen. Julie ist bereits in Frankreich zum Islam übergetreten. Sie nennt sich seither Schirin. An Lemkes Seite in Leipzig beginnt sie sich zu radikalisieren. Sie trägt Gesichtsschleier. Wenn Julies Eltern aus Frankreich zu Besuch kommen, lässt er sie keinen Moment mit ihnen allein. Sprechen sie Französisch miteinander, reagiert er ungehalten.

Vermeintlich idyllische Jahre

Im April 2014 bringt Julie in Leipzig den gemeinsamen Sohn Yasir zur Welt. Wenig später zieht das Paar mit dem Kleinkind nach Hildesheim. Lemke nimmt dort an einem dreimonatigen Seminar an der Moschee des irakischstämmigen Predigers Abu Walaa teil. Der gilt heute als einer der wichtigsten deutschen IS-Rekruteure. Seit September 2017 läuft am Oberlandesgericht Celle ein Prozess wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung gegen ihn. Am 2. November 2014 fliegt Lemke mit Julie, dem sechs Monate alten Yasir und Sabina, einer Zweitfrau aus Dagestan, die er inzwischen geehelicht hat, von Hannover nach Istanbul. Die Reisekosten von 2000 Euro hat der Kreis um Abu Walaa bezahlt. Wenige Tage später überquert die Familiengruppe die Grenze zu Syrien.

Wenn Martin Lemke heute auf sein Leben im Kalifat zurückblickt, dann spricht er von zwei unterschiedlichen Perioden. Die erste fällt in die Zeit zwischen November 2014 und Herbst 2017, während der er mit seiner Familie in der IS-Hauptstadt Raqqa am Euphrat lebt. Die zweite Periode ist die Zeit danach, die Zeit des Kriegs und der Flucht bis zur Gefangennahme Ende Januar 2019. Das ist auch die Zeit, in der sein Familienleben für Lemke zur Belastung wird.

Die Ausländerinnen unter den IS-Gefangenen wohnen wie diese Frau in bewachten Zeltstädten. In den Camps sollen 2500 Kinder aus über 30 Ländern leben.

Die Ausländerinnen unter den IS-Gefangenen wohnen wie diese Frau in bewachten Zeltstädten. In den Camps sollen 2500 Kinder aus über 30 Ländern leben.

"In der Zeit von Raqqa", sagt Lemke, "war alles gut. Zu dieser Zeit hat uns der IS noch Geld gegeben jeden Monat. 50 US-Dollar pro Person und 35 US-Dollar pro Kind. Das war die beste Zeit. Wenn etwas war, konnte man ins Krankenhaus gehen. Man konnte ab und zu mit seiner Familie spazieren gehen." Während dieser vermeintlich idyllischen Jahre heiratet Lemke seine Drittfrau, Leonora Messing aus Sangerhausen, nicht weit entfernt von seinem Geburtsorts Zeitz. Sie ist eine Bekannte von Julie aus der Leipziger Zeit und hat sich, von Julie angelockt, 2015 mit nur 15 Jahren heimlich von zu Hause zum IS aufgemacht.

Zunächst bewohnt Lemke mit seinen drei Frauen eine große Wohnung. Doch bald entscheidet er: Jede Frau soll ihren eigenen Haushalt führen. "Es war einfach, drei Wohnungen zu nehmen. Es gibt syrische Zivilisten, die sind zum Beispiel nach Deutschland gegangen. Der IS hat das Haus beschlagnahmt. Ich habe zwei Mietwohnungen gehabt und eine vom IS." Außerdem kauft er für 800 US-Dollar einem afrikanischen IS-Mann eine Jesidin mit ihren zwei Kindern ab. Er bringt sie im Haus der Zweitfrau unter.

Die Umstellung von einer auf drei Wohnungen ist ein Erfolg. "Man muss der Frau ihre Rechte geben. Das heißt: Ich schlafe eine Nacht bei dieser Frau, eine Nacht bei dieser Frau, eine Nacht bei dieser Frau. Und die Frau möchte sich schön machen. Und wenn sie das vor der anderen Frau macht, bekommt die andere Frau vielleicht Eifersucht", erklärt Lemke in ungelenkem Deutsch mit sächsischem Akzent. "Um Probleme zu vermeiden, ist es besser, einzelne Wohnungen zu beziehen. Es macht es einfacher. Man ist beruhigter. Weil jede Frau ihren eigenen Lebensstil hat. Ihre eigene Art und Weise zu kochen, zu putzen, der Umgang mit Kindern."

"Eine Frau wurde getötet"

2016 bringt Julie, Lemkes französische Erstfrau, ihren zweiten Sohn zur Welt. Sie nennen ihn Schakir. "Meine Frauen und ich, wir haben nie viele Probleme gehabt", sagt Lemke. 2017 wird Julie zum dritten Mal schwanger, auch die 17-jährige Leonora erwartet ihr erstes Kind.

3500 Kilometer entfernt von Raqqa in der französischen Kleinstadt Libercourt südlich von Lille machen sich zu dieser Zeit die Eltern von Julie große Sorgen. Seitdem sie vor drei Jahren mit Martin Lemke ins Kalifat aufgebrochen ist, hat sich die Tochter regelmäßig per Whatsapp und E-Mail gemeldet. Sie schickt Bilder und kurze Clips der beiden Enkel Yasir und Schakir mit ihren Spielzeugautos. Manchmal kommt auch ein Videoanruf nach Raqqa zustande. Doch dann bricht der Kontakt zu Julie plötzlich ab. Es dauert Monate, bis sie sich Anfang Januar 2018 verzweifelt bei den Eltern meldet. Lemke habe ihr verboten, zu Hause anzurufen. Seit Monaten misshandele und schlage er sie. "Mein Gesicht wird gerade wieder normal", erzählt Julie, die inzwischen im achten Monat schwanger ist.

Die Idylle von Raqqa ist zu diesem Zeitpunkt längst dahin. Im September 2017 haben die SDF-Milizen den IS aus seiner Hauptstadt am Euphrat vertrieben. Wochen zuvor ist Lemke mit seinen Frauen und Kindern nach Sussa an der irakischen Grenze gezogen. Auch hier fallen die Bomben der Anti-IS-Koalition.

Julie erzählt ihren Eltern, sie sei vor wenigen Tagen von Lemke weggelaufen. Doch der habe sie wieder eingefangen und in ein Frauenhaus gesteckt. Nachdem sie die Scheidung eingereicht habe, habe er ihr die beiden Söhne weggenommen. "Ich habe Angst, dass er mich umbringt, wenn ich hingehe, um sie zu besuchen", schreibt Julie nach Hause. Am 5. Februar bringt sie ganz allein in einem zerstörten Krankenhaus ihr drittes Kind zur Welt. Sie nennt den Jungen Dschafar. Nur Wochen nach der Niederkunft heiratet sie einen IS-Kämpfer aus Marokko. "Sie hatte keine andere Wahl", sagt ihr Vater Patrice Maninchedda. "Sie konnte als Frau mit einem kleinen Kind nicht allein bleiben mitten im Krieg."

Martin Lemke erwähnt von alldem nichts. Das Telefonat mit Julies Eltern kommt erst nach seinem Interview mit dem stern zustande. Von Julie erzählt Lemke erst wieder, als er von der Zeit vier oder fünf Monate vor dem Ende der Flucht in Baghuz spricht. Es ist der einzige Moment des Gesprächs, in dem er für einen kurzen Augenblick die Fassung verliert. "Ich hab drei Frauen gehabt", flüstert Lemke. "Eine Frau wurde getötet." Tränen rinnen über seine Wangen. Er wirft den Kopf vornüber und hält sich die linke Hand vors Gesicht.

Kriegswirren

Sie waren damals auf einer verzweifelten Dauerflucht vor den Bomben. "Wir sind von Platz zu Platz geschickt worden. Rückzug, Rückzug, Rückzug", sagt Lemke. Irgendwann im Oktober oder November 2018 suchen sie im Weiler Schafa'a am unteren Euphrat Unterschlupf. Julie findet mit Dschafar, ihrem neuen Ehemann und einem wenige Tage alten Säugling, ihrem vierten Kind, Unterschlupf in einem verlassenen Haus. Dort sterben Julie, ihr Mann und der Säugling im Splitterhagel. Der neun Monate alte Dschafar überlebt schwer verletzt.

"Sein rechtes Bein war gebrochen, oben und unten. Sein halbes Gesicht war offen, wurde genäht. An der linken Seite am Brustkorb ist ein Splitter reingekommen, wurde auch operiert", sagt Lemke. Wenige Tage später gibt er seinen verletzten Sohn und dessen knapp drei Jahre alten Bruder in die Obhut einer fremden usbekischsyrischen Familie. "Babysitting", nennt er das. "Zu diesem Zeitpunkt waren meine deutsche und meine dagestanische Frau schwanger. Es war schwer mit einem verletzten Kind. Die Verbände müssen immer gewechselt werden. Es war schwer."

Julies ältesten Sohn Yasir, seinen Erstgeborenen, gibt er seiner dagestanischen Zweitfrau Sabina in Pflege. Der Junge ist fünf Jahre alt, er weiß, dass seine Mutter tot ist, wird Lemkes Drittfrau Leonora später dem stern erzählen: "Der sagt: 'Mama ist im Paradies. Und Papa ist im Gefängnis.' Der versteht alles, das beschäftigt ihn, tut ihm weh."

In den Kriegswirren der folgenden Wochen verliert Lemke den Kontakt zu der Familie, bei der Dschafar und Schakir sind. Als er Ende Januar mit seinen beiden Frauen Leonora und Sabina am ersten Checkpoint der Kurden ankommt, haben diese zwei Säuglinge im Arm, drei und einen Monat alt, auf der Flucht entbunden. Auch Yasir und Leonoras erste Tochter Habiba, knapp eineinhalb Jahre alt, haben das Kalifat überlebt.

Lemkes Frauen und ihre Kinder befinden sich heute im Camp al-Hol nahe der Stadt Hassakeh, am Rand der Steinwüste. Im Ausländerlager drängen sich Gruppen von Frauen in bodenlangen schwarzen Abayas am Zaun. Leonora, die Drittfrau von Lemke, kommt mit Tochter Habiba auf dem Arm zum Interview. Das Kind hat hellblonde Locken und blaue Ohrstecker, es weint viel. "Habiba muss nach Hause, nach Deutschland", sagt Leonora. "In Deutschland gibt es Zahngel. Hier nicht." Was hat sie im Kalifat am meisten vermisst? "Deutsches Essen. McDonald's. Kartoffelklöße. Richtig ostdeutsche Hausküche. Und natürlich meine Eltern."

Chronische Bauchschmerzen

Hat Martin Lemke seine Frau Julie geschlagen? "Ich weiß nicht, was bei denen zu Hause passiert ist. Aber die haben sich gezofft, das weiß ich." Können Sie sich vorstellen, dass er eine Schwangere schlug? "Kann sein." Ihr sei das aber nie passiert. Und warum hat er Julie die Söhne genommen? Leonora besteht darauf, dass Julies neuer Mann die Kinder nicht haben wollte. Er habe im Ehevertrag festschreiben lassen, dass er sich scheiden lasse, wenn die Jungen bei Julie bleiben würden: "Wir hatten eine Vereinbarung, drei Tage sind die Kinder bei uns, drei Tage bei ihr. Und dann ist sie nicht mehr gekommen."

Und warum hat Lemke die Kinder nach Julies Tod weggegeben? "Ich war 18", sagt Leonora, "Ich hatte auf einmal vier Kinder. Und ich war schwanger. Das hab ich nicht geschafft. Und dann ging die Hungerperiode im IS los."

In Frankreich hatten Julies Eltern wieder monatelang kein Lebenszeichen mehr von ihrer Tochter bekommen. Julies Mutter appelliert Anfang Dezember in einem Video an Frankreichs Präsidenten: "Monsieur Macron, ich rufe um Hilfe. Unsere Kinder und Enkel werden in diesem Augenblick bombardiert." Etwa in der Zeit, als Leonora mit den Kindern festgenommen wird, klingelt bei Julies Eltern das Telefon. Die Frau am anderen Ende der Leitung ist eine befreundete Mutter, deren Tochter wie Julie zum IS gegangen war. Sie überbringt die Nachricht von Julies Tod.

Tage später registriert das Rote Kreuz im Lager al-Hol zwei elternlose Kleinkinder. Pflegemütter unter den dort inhaftierten IS-Frauen haben sie unter ihre Fittiche genommen. Es sind der kleine Dschafar und sein zwei Jahre älterer Bruder Schakir. Als die stern-Reporter ihn sehen, wirkt Dschafars Haut wie dünnes, transparentes Papier und ist von Narben übersät, eine davon zieht sich quer über seine linke Wange. Sein rechtes Bein ist dürr und steif. Er kann nicht krabbeln. Schakir leidet an chronischen Bauchschmerzen.

Julies Eltern kämpfen darum, ihre drei Enkel aus dem Lager zu holen. Die Großmutter wandte sich über die Presse erneut an Präsident Macron. "Diese Kinder sind Franzosen. Es sind die Kinder unserer Tochter. Wir wollen sie zu französischen Bürgern erziehen", sagt sie. "Die Kinder sind doch die Unschuld in Person." Bisher hat sie keine Antwort aus dem Élysée-Palast erhalten.

In seiner Einzelzelle, circa 100 Kilometer vom Zeltlager al-Hol entfernt, weiß Martin Lemke zum Zeitpunkt des stern-Interviews nicht, ob seine Söhne Schakir und Dschafar die Flucht überlebt haben. Seit er die beiden vor Monaten in die Obhut der fremden syrischen Familie gab, hat er keine Nachricht mehr von ihnen erhalten. Doch das könnte sich bald ändern.

Seine Mutter hat vor wenigen Tagen von Deutschland aus über den Suchdienst des Internationalen Roten Kreuzes einen Brief an Lemke abgeschickt. Darin steckt ein Vollmacht-Formular, mit dem er das Sorgerecht für Julies Söhne auf seine Mutter übertragen soll. Denn auch sie möchte die drei Brüder in Obhut nehmen.

Julies Eltern wissen nichts von diesem Brief. Eine Zeit lang hatten sie Kontakt zu Martin Lemkes Mutter, doch in den vergangenen Wochen kam keine Nachricht mehr aus Deutschland. Lemkes Mutter wiederum weiß aus den Medien, dass Julies Eltern sich um die Aufnahme ihrer Enkel bemühen. Sie selbst meidet den Kontakt mit Journalisten.

Keine Chance

Eine Vertraute von Lemkes Mutter antwortete auf eine Anfrage des stern: "Martin ist der Vater. Er lebt. Insofern gibt der die Vollmacht an seine Mutter und dann läuft das. Klar, die Mutter von Julie möchte das gerne, die hat das überall gesagt. Aber die hat keine Chance."

Ob, wann – und wo – Martin Lemke seine Kinder wiedersehen wird: Auch damit werden sich wohl europäische Gerichte befassen müssen.

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