HOME
Stern-Gespräch

Joschka Fischer blickt zurück: "Ja, Sie haben in der Politik mit vielen Idioten zu tun"

Er lernte im Taxi fürs Leben, war mit dem Staat über Kreuz. Dann zog er auf die politische Bühne – und schließlich mit den Grünen in den Krieg. Joschka Fischer ist nun 70. Sein Blick zurück – auf sich selbst und diese Republik.

Joschka Fischer 2018

Joschka Fischer im März 2018. Am 12. April feierte der ehemalige Außenminister seinen 70. Geburtstag

Herr Fischer, Sie sind nun 70. Die Bundesrepublik wird es im nächsten Jahr  …

Was soll man dazu sagen?

Die 50er Jahre

Sie haben Ihre Kindheit in einem vom Krieg zerstörten Land verbracht. Haben Sie noch einen bestimmten Geruch in der Nase, ein Geräusch im Ohr?

Eher ein Gefühl. Ich habe damals ja noch nicht viel verstanden von der Politik. Aber da war bei mir eine konkrete Kriegsangst, dieses Gefühl – es könnte bald schon wieder Krieg geben –, es wurde durch die Erwachsenen auf mich übertragen. Und dann sind da die Bilder: Stuttgart – in Schutt und Asche, die Kreisstadt Crailsheim, furchtbar zerstört. Dann die Soldatengräber am Wegesrand, das Birkenkreuz mit dem Stahlhelm drauf. Und ich erinnere mich, wie in unserer Nachbarschaft ein Spätheimkehrer aus russischer Gefangenschaft zurückkam, schäbige Klamotten, eine alte Wehrmachtsmütze auf dem Kopf. Nach zehn Jahren Abwesenheit für seine Familie ein fremder Mann. Das vergisst man nicht.

Hört sich nicht nach unbeschwerter Kindheit an.

So war Deutschland damals. Aber ich hatte eine wundervolle Kindheit! Meine Eltern waren Heimatvertriebene, Ungarndeutsche, wir lebten in Langenburg, Hohenlohe, traumhaft schön, idyllische Umgebung. Im Tal die Jagst, ringsrum die Wälder, ein großes Schloss mit Park. Es gab kaum Autos und für einen kleinen Jungen viel zu entdecken in dieser romantisch verwunschenen Welt. Und die Eltern hatten anderes zu tun, als ständig auf ihre Kinder aufzupassen.

Beim "Wunder von Bern" , dem WM-Sieg gegen die Ungarn, waren Sie sechs Jahre alt – noch zu jung für eine Erinnerung?

Nein. Aber die Freude über den WM-Titel 54 war bei uns in der Familie nicht sehr entwickelt. Für meinen Vater waren die Ungarn mit Ferenc Puskás die Traummannschaft schlechthin. Im Fußball war er halt Ungar geblieben, trotz Vertreibung. Er hatte nach Helmut Rahns Tor zum 3 : 2 Tränen in den Augen. Meine erste Fernseh-WM war dann 1958, Schweden. Da hatte einer in unserem Dorf, am Stadtrand von Stuttgart, einen Fernseher. Und da saß das halbe Viertel davor.

Spürte man als Kind die Spießigkeit der 50er Jahre?

Natürlich nicht. Der Horizont war ein sehr enger. Die Mediengesellschaft existierte nicht, jedenfalls nicht in meinem Umfeld. Und dass alles wieder aufgebaut werden musste – dazu gab es keine Alternative.

Rückblickend betrachtet: War Konrad Adenauer der Richtige?

Unbedingt. Er hatte begriffen, was die Konsequenzen aus dem Scheitern des preußischen Deutschlands waren. Und er hatte begriffen, von welcher enormen Bedeutung die Westbindung für die Bundesrepublik Deutschland war. Und das nicht nur wegen des Kalten Krieges, sondern aus Gründen der deutschen und europäischen Geschichte. Adenauer, aber auch de Gaulle, haben viel für Europa getan. Das kann man nicht hoch genug schätzen.

Herr Fischer, auf einer Skala von eins bis zehn – wie nah waren Sie in den 50er Jahren der Bundesrepublik?

Zehn. Was kann man sich als kleiner Junge denn schon groß aussuchen?

Die 60er Jahre

Wer sich an die 60er Jahre erinnern kann, hat sie nicht erlebt, sagt Keith Richards. Sortieren Sie für uns doch mal die Begriffe Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll nach ihrer damaligen Wichtigkeit für Sie.

Das müssen Sie ganzheitlich sehen.

Was war zuerst da, die erste Liebe oder die erste Lederjacke?

Weiß ich nicht mehr.

Nazi-Lehrer gehabt?

O ja, reichlich. Sogar einen Zeichenlehrer, der den schönen Namen Braun trug – und es noch durch und durch war.

Der Mantel des Schweigens lag noch über allem?

Nicht durchgängig. Es gab damals die Landesbildstelle Baden-Württemberg. Von dort hatte sich mein Gymnasium Erwin Leisers Dokumentation "Mein Kampf" für den Unterricht ausgeliehen. Dieser Film hat mich zutiefst erschüttert, die Gräuel in den KZs. Ich habe damals die Bilder von Bergen-Belsen zum ersten Mal gesehen. Das stockkonservative CDU-geführte Baden-Württemberg hatte das schon als Unterrichtsstoff.

1969 konnten Sie das erste Mal wählen, seinerzeit war man erst mit 21 wahlberechtigt.

Es gilt das Wahlgeheimnis.

Nach all den Jahren immer noch?

Ja, lebenslang. Was ich gewählt habe, behalte ich für mich. Ich nehme das ernst.

Sie haben an der Frankfurter Uni Adorno gehört, als Nichtstudent. Haben Sie ihn auch verstanden?

Jein. Das war bei mir immer eine Art Lernen in Rückkoppelung. Man hat es gehört, dann musste man es noch mal nachlesen. Aber – es war ein Lernen! Mit der Zeit wurde es immer besser. Ich war übrigens mehr fürs Lesen. Bei den Proseminaren gab es zu viele Ablenkungen.

Optische?

Auch.

Jürgen Habermas hat mal auf die Frage, was von 68 geblieben ist, geantwortet: Rita Süssmuth.

Keine schlechte Antwort. 68 ist durch.

Ihr Skalenwert für die Sechziger?

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Fischer ist durch und durch Bundesrepublik-West: mit allen Ups and Downs, vom katholischen Messdiener zum Linksradikalen zum Bundesaußenminister. Ein Mehrfachaussteiger. Aber meine Identifikation mit der Republik in den Sechzigern? Nicht sehr entwickelt.

Welcher Wert?

Drei.

Die 70er Jahre 

Joschka Fischer 1974

Staatsfern und meinungsstark: Joschka Fischer (ganz unten, Blick in Richtung Kamera) nimmt im April 1974 an einer Demonstration gegen Fahrpreiserhöhungen teil. Nachdem die Widerständler versuchten, den Straßenbahnverkehr lahmzulegen, rückte die Polizei an.

Ihr Lebensgefühl in einem Song: "Macht kaputt, was euch kaputt macht" oder "Stairway to Heaven"?

Wenn Sie einen Gegensatz zu "Stairway to Heaven" suchen, dann ist das bei mir eher "Highway to Hell". Sie sehen daran ganz gut meine innere Zerrissenheit: Als guter Messdiener war ich immer für "Stairway to Heaven". Aber in der theologischen Abbildung fand ich die Hölle natürlich stets viel interessanter als die Aussicht, in einem langen, weißen Nachthemd ewig Halleluja zu singen. Das ist auf die Dauer ein bisschen öde. In der Hölle hingegen schien mehr los zu sein.

Waren die Siebziger mit dem Kampf gegen einen vermeintlich ins Faschistische zurückfallenden Staat die Zeit der größten Anmaßung?

Der schwerste Fehler, den Post-68 gemacht hat, war, die größte Leistung der Republik nicht begriffen zu haben: nämlich die Entwicklung des Rechtsstaats und der Demokratie mit ihrem staatlichen Gewaltmonopol.

Sie waren Mitglied der berüchtigten Frankfurter "Putztruppe", haben Steine auf Polizisten geworfen. Hat die RAF es erst ermöglicht, dass aus dem Radikalo Fischer der Politiker und Realo Fischer wurde?

Nein. Die RAF war von Anfang an eine Riesenherausforderung, weil sie eine ultimative Zuspitzung bedeutet hat. Es war in der Szene immer die Frage: Driften welche ab?

Kein Lernprozess?

Nicht durch die RAF.

Haben Sie am Steuer Ihres Taxis was fürs Leben gelernt?

O ja, sehr viel. Ich war lange geprägt von einem idealistischen Menschenbild: Der Mensch ist gut an sich, man muss nur die Verhältnisse so verändern, dass er sich entfalten kann. Im Taxi habe ich erkannt, dass der Mensch von extremer Ambivalenz ist: großmütig und hundsgemein in einem. Und dass sich das nie ändern wird. Da wurde ich definitiv zum Realo!

Fischers Universität fürs Leben?

Was glauben Sie – nachts im Taxi! Ich fuhr mal ein altes Mütterchen. Sagt sie zu mir, in breitestem Hessisch: Jungär Mann, isch könnt ja jetzt mit Ihne mache, was isch wollt ... Da wurde mir klar, was im Kopf von Menschen, auch von alten Mütterchen, abläuft, wenn sie sich in einem scheinbar rechtsfreien Raum bewegen. Oder die GIs, die abgebrannt aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel kamen und in ihre Kasernen südlich von Gießen mussten. Ich konnte auf das Geld nicht verzichten, also musste ich so fahren, dass deren Angst während der Fahrt größer war als ihr Wunsch, umsonst davonzukommen.

So wird man zum Realpolitiker.

Zum Realisten! Ich wurde ja oft verhöhnt: Das Einzige, was er hat, ist 'n Taxischein. Stimmt. Bin ich stolz drauf. Ich habe das Leben kennengelernt, wie es wirklich ist.

Zeit gehabt, Ihren beiden Kindern ein guter Vater zu sein?

Dazu will ich nichts sagen.

Ihr Skalenwert für die Siebziger?

Da muss man differenzieren. Ende der Siebziger war die Identifikation – weil: Lernprozess – schon sehr, sehr stark. Aufs Gesamtjahrzehnt bezogen: fünf.

Die 80er Jahre

Joschka Fischer 1985

Für seine Vereidigung zum hessischen Umweltminister besorgte sich Fischer 1985 extra nagelneue weiße Sneaker.

Haben Sie Ihre Turnschuhe am Morgen Ihrer Vereidigung als hessischer Umweltminister auf Hochglanz gebracht?

Nein, die waren frisch aus dem Karton. Die alten waren für den Anlass zu abgerockt.

"Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch" – so etwas hatte man im Bundestag vorher noch nie gehört. Da war jede Menge Adrenalin im Körper, oder?

Aber hallo. Ich war richtig sauer. Mein damaliger Fraktionskollege Jürgen Reents, der später zur Linken gegangen ist, sollte von der Sitzung ausgeschlossen werden, weil er in seiner Rede Kohl als von Flick gekauft bezeichnet hatte. Das hätte sich Bundestagspräsident Richard Stücklen, ein CSU-Mann, bei keinem Abgeordneten aus einer anderen Fraktion erlaubt. Ich sah darin einen Akt der Diskriminierung von uns und war empört.

Gab es viele Arschlöcher, die Ihnen in Ihrer Karriere begegnet sind?

Die Kategorie würde ich nicht mehr öffentlich verwenden. Aber lassen Sie es uns etwas abrüsten: Ja, Sie haben in der Politik mit vielen Idioten zu tun und werden selbst von vielen als Idiot oder sogar Oberidiot angesehen. Daraus lernen wir: Die Politik ist menschlich, allzu menschlich.

1983 waren Sie 35. Aus heutiger Sicht ist das exakt die Hälfte Ihres bisherigen Lebens. Die bessere?

Dazu gibt es ein wunderschönes Gedicht von Hölderlin – "Die Hälfte des Lebens" –, das mich damals sehr bewegt hat. Anders. Nicht besser. Ganz anders. Die erste Hälfte war Aufbruch, Rebellion, Selbstfindung. Die zweite war geprägt durch die große Politik.

Beim Mauerfall geweint?

Nein. Aber ich habe mich sehr gefreut. Wenn sich die Freiheit durchsetzt, ist das immer ein emotionaler Moment.

Ihr Skalenwert für die 80er Jahre?

Umweltminister in Hessen, der Kampf um die realpolitische Orientierung der Grünen, der Kampf um Rot-Grün im Bund – also: Das war schon sehr nah an der Zehn.

Neuneinhalb?

Neun.

Die 90er Jahre

Joschka Fischer 1999

Auf dem Parteitag 1999 in Bielefeld warfen Kriegsgegner einen Farbbeutel auf den Außenminister. Er erlitt dabei einen Riss im Trommelfell.

Ihr Höchstgewicht?

Weiß ich nicht mehr. Deutlich zu viel.

Was hatte der Gerd, was Sie nicht haben?

Schröder war Sozialdemokrat. Für mich als Grüner kam ein Denken an das Kanzleramt nie infrage. Mein Denken zielte immer auf die Grünen als Regierungspartei.

Sie waren damals angetan von Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte. Wirklich mal daran geglaubt?

Es sprach schon vieles dafür: Der nicht vorhergesehene Exitus des Sowjet-Kommunismus, das Zusammenbrechen des Ostblocks, der Fall der Mauer – das waren alles Dinge, bei denen kaum jemand in meiner Generation davon ausging, das noch erleben zu dürfen. Es war unter dem Gesichtspunkt historischer Erfahrungen präzedenzlos, dass eine Weltmacht, thermonuklear bis an die Zähne bewaffnet, in dieser Geschwindigkeit abtritt. Kollabiert. Weg. 'Ne riesige Pleite. An diesem Ereignis knabbern wir noch heute.

Wann hatten Sie das Gefühl, Ihren Zenit erreicht zu haben?

Ich hab das nie so gesehen. Ich wollte was. Ich wollte nicht Außenminister werden. Ich bin es nur geworden, weil ich wollte, dass die Grünen regieren. Daher war der Höhepunkt wohl 1998 mit der Bildung der rot-grünen Bundesregierung. Das Amt ergab sich daraus als Konsequenz. Es durfte keine Konfrontation mit Schröder, dessen Impulsivität Sie ja kennen, gegen die Grünen in der Balkan- oder Kosovofrage geben, das wäre nicht gut ausgegangen.

Parteitag in Bielefeld. Mai 1999. Ein Gegner der deutschen Beteiligung am Balkankrieg wirft Ihnen einen Beutel mit roter Farbe ans Ohr. Sie plädieren danach umso vehementer für den Einsatz. Ihr wichtigster politischer Moment?

Schon ein sehr wichtiger. Hätte ich die Abstimmung verloren, wäre ich aufgestanden, von allen Ämtern zurückgetreten, hätte meinen Austritt aus der Partei erklärt und wäre gegangen. Seit dem Massenmord an bosnischen Männern in Srebrenica war ich entschieden. Da bin ich zum Interventionisten geworden. Damals tauchten vor meinem geistigen Auge die Bilder auf, über die wir vorhin gesprochen haben.

Die KZ-Bilder.

Und wenn ich mir morgens beim Rasieren im Spiegel in die Augen schaute, trieb mich diese Frage um: Kannst du noch länger schweigen? Was ist das Argument wert, dass es die Partei zerreißen kann, wenn Tausende Menschen dahingemetzelt werden? Ich war der Meinung: Das muss ein Ende haben, und das wird nicht mit friedlichen Mitteln gehen, leider. Es war eine sehr, sehr harte Auseinandersetzung.

Wen hat die Diskussion um den Bundeswehreinsatz auf dem Balkan mehr verändert: die Grünen, Joschka Fischer oder die Republik?

Wohl alle Beteiligten. Wie ich im Nachhinein festgestellt habe, ging der Riss ja nicht nur durch die Grünen, er reichte tief hinein in die Wählerschaft der Union. Ich hatte immer gedacht, die Rechten seien automatisch für Militär. Dieses historisch gewachsene Vorurteil musste ich korrigieren. Die These, die Grünen hätten in dieser Frage stellvertretend einen Konflikt für die Gesellschaft ausgetragen, stimmt. Das haben sie. Und sie haben gelernt. Sie haben ihre Position in der Opposition nicht wirklich wieder geräumt. Hätte ich nicht gedacht.

Hat es Sie mit der Republik versöhnt, dass Joschka Fischer mit seiner Biografie Außenminister werden konnte?

Dessen bedurfte es nicht.

Bei der Skalafrage sind wir vermutlich bei einer Zehn angekommen?

Glatte Zehn, ja.

Die nuller Jahre

Joschka Fischer 2003

Joschka Fischer (links) mit Bundeskanzler Gerhard Schröder 2003 im Bundestag. Bei der Wahl 2002 war die rot-grüne Koalition wiedergewählt worden.

Das Amt verändert den Inhaber stärker als der Inhaber das Amt. Zitat Joschka Fischer. Wie stark trifft das auf Joschka Fischer selbst zu?
O ja, das Amt hat mich natürlich beeinflusst. Eins der dramatischsten Erlebnisse für mich persönlich war, als Kofi Annan zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz erstmals eine Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen einberufen hatte. Ich vertrat die Bundesrepublik, es sprachen alle, die Vertreter Israels, Polens, der Siegermächte. Und irgendwie bekam man die kollektive emotionale Stimmung mit: Na, nun fehlt noch einer, der, der das Volk der Täter zu vertreten hat. Ich sage Ihnen, so schwer hatte ich noch nie die deutsche Schuld und die Last der deutschen Geschichte gespürt. Deswegen, wenn ich diese ganzen Neurechten höre, sage ich nur: Es ist einfach, hier provokativ und dumm daherzureden, aber in Gegenwart der Opfer und der Weltgemeinschaft über Auschwitz zu sprechen ist etwas völlig anderes.

Die Last, ein Deutscher zu sein, wird der Außenminister nie los?

Augenblick! Nach der Veranstaltung kamen so viele, vor allem Vertreter der Opfer und früherer Siegermächte, auf mich zu und haben mir gratuliert. Nicht mir als Person! Sondern mir als Repräsentanten der Bundesrepublik zu den Leistungen der deutschen Demokratie. Fast im selben Moment. Dieses Vertrauen, diesen moralischen Kredit, den unser Land aufgebaut hat – das müssen wir wie unseren Augapfel hüten im Interesse der deutschen Demokratie.

Bei den Bildern von 9/11 geweint?

Nein. Ich hatte keine Zeit. Ich habe sofort in den Reaktionsmodus geschaltet. Ich kam von einem Essen mit einem Kollegen, mein Büroleiter sagte: Da ist ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen. Meine erste Frage war: Terroranschlag oder Unfall? Wusste man noch nicht. Klingelt das Telefon. Der griechische Außenminister am Apparat. Der wusste auch nichts. Ich gucke auf den Bildschirm, Maschine fliegt in den zweiten Turm, da war mir klar: Terroranschlag. Und ich sagte: Gebt mir den Bundeskanzler. Vom ersten Augenblick an musste gehandelt werden. Alle Pläne waren Makulatur. Nichts galt mehr.

Die Wucht von Hartz IV begriffen?

Ja. Wo standen wir denn damals, warum denn Hartz IV? Warum? Der Staatshaushalt lief uns aus dem Ruder. Weitere 100 000 Arbeitslose kosteten weitere zwei Milliarden Euro im Sozialetat. Die erhoffte wirtschaftliche Erholung trat nicht ein, wir hatten fünf Millionen Arbeitslose. Fünf! Das ging so nicht weiter. Ich sehe keinen Anlass, mich davon zu distanzieren, weil ich mich an die Situation nur zu gut erinnere. Es war der richtige Schritt.

Abschiedsschmerz beim letzten Auftritt als selbst ernannter "letzter Live-Rock ’n’ Roller der deutschen Politik"? Oder Erleichterung?

Warum habe ich das gesagt mit dem Live-Rock ’n’ Roller? Ganz einfach, weil ich die Plätze vollgekriegt habe. 2005 habe ich den Frankfurter Römerberg vollgekriegt, oder wir, die Grünen und ich zusammen. Das war Live-Performance! Aber: Wehmut gab’s keine. Als es vorbei, war’s vorbei.

War Merkel die Richtige?

Sie hatte unglaubliches Glück. Schröder hat die notwendigen Reformen gemacht, und hätte er nicht die Nerven verloren, wäre er 2006 wiedergewählt worden; er als Kanzler, nicht mehr Rot-Grün. Das war vorbei. Die Grünen waren nicht in der Lage, die Verluste der SPD auszugleichen.

Auf der Skala bleiben wir bei Zehn?

Diese Frage ist, seitdem ich Mitglied der Bundesregierung war, definitiv entschieden. Alles andere wäre albern.

Die 10er Jahre

Hat das Alter auch Vorteile?

Ja. Wenn es ginge: der Körper eines 40-Jährigen mit dem Kopf eines 70-Jährigen wäre keine schlechte Mischung. Der große Vorteil des Alters ist die Erfahrung. Merken Sie bei älteren Fußballspielern: Wer ein kluges Stellungsspiel hat, muss sich nicht die Lunge aus dem Hals rennen.

Wer bestimmt, wann Sie aufstehen: Sie selbst oder der Hund?

Ich selbst.

Haben Sie Angst davor, Deutschland mal allein lassen zu müssen?

Nein. Der Gedanke ist mir noch gar nicht gekommen. Wieso auch?

Gibt es einen Gedanken, den Sie vor zehn Jahren noch nicht hatten, mit dem Sie heute beratend unterwegs sind?

Was vor zehn Jahren noch nicht so im Zentrum stand, waren die Konsequenzen der Digitalisierung. Das treibt mich sehr um. Da werden im Moment die Weichen gestellt für den Rest des Jahrhunderts, wenn wir da abgehängt werden, dann war’s das. Das wäre für uns eine Katastrophe. Und ich kann nur sagen, wir sind nicht gut aufgestellt, die Deutschen nicht, die Europäer insgesamt auch nicht.

Wie kommt's?

Vielleicht wollen wir nichts mehr. Vielleicht ist das auch ein Ergebnis unserer jüngeren Geschichte: dass wir nichts mehr wollen. Alte, reiche Leute, die nicht wirklich mehr etwas wollen. Ich habe nichts gegen Besitzstandswahrung. Nur kann man Besitzstände nicht wahren, wenn man keine Vorsorge trifft. Die späteren Generationen werden die schwarze Null verfluchen. Was soll das? Wer soll für unseren Schutz sorgen, wenn die Arbeitsteilung mit den USA nicht mehr funktioniert? Wir selbst oder niemand!

Inzwischen Respekt vor Merkel?

Ich war nie ein Freund ihrer Eurorettungspolitik, aber wenn man in Rechnung stellt, dass sie nicht das Proeuropäische mit der Muttermilch eingesaugt hat, hat sie das ordentlich gemacht. Sie hat gewaltig gelernt mit den Jahren und ist eigentlich ein Glück für das Land. Das große Dilemma der Angela Merkel ist: Sie kommt nicht in den Modus, den Menschen ihre Politik zu erklären. Wo geht es hin, was sind die Konsequenzen aus Trump, aus China, was treibt Putin, was Erdogan, warum müssen wir was machen? Sie kann es, da bin ich mir sicher. Ich fordere nichts, was nicht geht. Wenn sie es aber nicht macht, wird sie eine sehr, sehr schwierige finale Phase ihrer Amtszeit haben.

... was bleiben wird

Wenn Sie jetzt noch mal für Ihre sieben Jahrzehnte die Begriffe Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll in die richtige Reihenfolge bringen würden?

Ich kann nur sagen: Das war mein Leben, und so ein Leben wollte ich führen.

Ihr bestes Jahrzehnt?

Weiß ich nicht.

Bestes Jahrzehnt der Bundesrepublik?

Ich will mal ganz ketzerisch sein: Da sind wir vermutlich mittendrin. Dieses ganze Gejammere, dieses Idyllisieren der 70er Jahre seitens der Linkspartei, von Lafontaine und seiner Gattin – ich kann's nicht hören! Ich hab sie miterlebt. Deutschland war damals wesentlich ärmer und ungerechter als heute. Dasselbe gilt für die Neurechten mit ihrer 50er-Jahre-Seligkeit. Nix wie hin! Sollen sie haben. Gönne ich ihnen. Wir haben keinen Anlass zu Pessimismus! Die Generationen meiner Eltern und Großeltern, die hatten Probleme, wirklich Probleme. Wir nicht. Jetzt kommen große Herausforderungen auf uns zu, ja, aber mit etwas Bereitschaft, ins Risiko zu gehen, ist alles zu bewältigen.

Die Top Ten der bedeutendsten Politiker der Nachkriegszeit: Adenauer. Erhard. Strauß. Brandt. Schmidt. Genscher. Kohl. Schäuble. Schröder. Fischer. Merkel. Leider einer zu viel. Wer muss runter?

Wir können keinen Kanzler streichen. Ach, nehmen Sie mich. Der Fischer war immer an allem schuld, der gehört nicht auf diese Liste.