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Berlin³: Warum Juso-Chef Kevin Kühnert der SPD so gut tut

Kevin Kühnert und die Kampagne seiner Jusos haben die Sozialdemokraten schon jetzt stärker belebt, als zehn Jahre Opposition es könnten.

Juso-Chef Kevin Kühnert auf dem SPD-Parteitag

Schlagkräftiger und lebendig: Juso-Chef Kevin Kühnert auf dem SPD-Parteitag am Sonntag

DPA

Damit erst gar kein Missverständnis entsteht: Ich bin sehr dafür, dass die SPD sich durchringt und weiter mit der Union regiert. Sie hat das die beiden letzten Male sehr ordentlich gemacht, dem Land hat es gut getan. Dass es der SPD geschadet hat, lag allein an ihr, nicht am Regieren. Sehr frei nach Karl Kraus: Es genügt nicht, ständig an sich selbst zu zweifeln, man muss auch noch doof genug sein, seine Erfolge kaputtzureden.

Das, wenigstens, könnten sich die Genossen in der Opposition ersparen, aus Mangel an Erfolgen. Ansonsten sehe ich nichts, was für die SPD in der Opposition besser werden würde. Altweiberbrunnen, die man abgewrackt besteigt und aufgeblüht wieder verlässt, gibt es nur im Märchen. Und als Regierungsverweigerungspartei hat die Linke die größere Erfahrung und street credibility.

Ende der notwendigen Vorrede.

Jusos beleben die SPD stärker als zehn Jahre Opposition

Und jetzt rein ins Vergnügen: Ich hoffe trotzdem schwer, dass Kevin Kühnert sich in seinem Kampf gegen die GroKo nach der knappen Niederlage auf dem SPD-Sonderparteitag nun erst recht richtig ins Zeug legt. Der junge Mann und die Kampagne seiner Jusos haben die Sozialdemokraten schon jetzt stärker belebt, als zehn Jahre Opposition es könnten. Eine so ernsthafte - und im Übrigen von beiden Lagern ziemlich unvergiftet geführte - Diskussion wie auf dem Bonner Treffen hat man bei den Genossen lange nicht mehr erlebt.

Ja, sie quälen sich in diese Regierung. Ja, es ist kein nach Wiederholung schreiendes Vergnügen, dabei zuzusehen. Ja, einige aus der SPD-Führung heucheln, dass der Eimer tanzt. Aber: Es besteht die Hoffnung, dass die Partei im Laufe dieses mühseligen und mühsamen Findungsprozesses eben auch – zu sich selbst findet und ihren Frieden mit sich als (kleinere) Regierungspartei macht.

Bekenntnis zur GroKo

Das alles ist nicht Kevin Kühnerts Verdienst allein. Aber er hat einen großen Anteil daran. Der 28-Jährige ist kein Eiferer, auch kein Ideologe. Er argumentiert ruhig und weitgehend sachlich, sogar ziemlich abgeklärt für sein Alter. Er ist ein sehr guter Redner – und er hat gute Argumente.

Nach Merkels Jamaika-Debakel schlingerten nicht wenige aus der SPD-Führung eher in Richtung GroKo als dass sie steuerten; sie hofften mit einer Minderheitsregierung und trocken gewaschenem Pelz davonzukommen. Mit seinem Auftreten und seinen Argumenten hat Kühnert sie dazu gezwungen, sich klar zur Großen Koalition zu bekennen – und gute Gründe für ihre Haltung vorzubringen. Dem Niveau der Auseinandersetzung hat das nicht geschadet.


Verantwortung für das große Ganze

Auch dass die SPD vor dem Basisentscheid einen enormen Zulauf an neuen Mitgliedern bekommt, kann sich Kühnert zugute halten. Die Parteiführung sollte sich darüber freuen und nicht den Juso-Chef anmaulen. Wer sagt denn, dass die Neuen nach der Abstimmung wieder austreten? Und wer sagt, dass sie alle gegen die GroKo stimmen?

Natürlich nutzt der Juso-Chef, der erst im Dezember gewählt wurde, die willkommene Chance auch, um sich zu profilieren und bekannt zu machen. Er wäre behämmert, würde er es nicht tun. Er wäre auch falsch auf seinem Posten. Allerdings macht Kühnert es nicht um jeden Preis. Er will wirklich, "verdammt noch mal", dass von der SPD noch etwas übrig ist, wenn er aus dem Juso-Alter raus ist. Wäre das nicht so, hätte er am Sonntag in Bonn durchgezogen in seiner Rede. Er hätte es gekonnt. Er hätte triumphieren können. Der Preis wäre allerdings ein chaotisch verlaufender Parteitag gewesen – und am Ende hätte die Spaltung der SPD gedroht. Also hat er nicht aufgedreht, sondern sich runtergedimmt. Damit war er immer noch schlagkräftiger und lebendiger als SPD-Chef Martin Schulz. Aber eben nicht so aufrührerisch, dass es hätte gefährlich werden können. Das ist die größte Leistung Kühnerts an diesem Tag gewesen: So kurz vor dem Ziel abzubremsen, uneitel und unegoistisch, aus Verantwortung für das große Ganze. Dass Andrea Nahles trotzdem eine Wutrede halten musste, um die GroKo-Mehrheit zu sichern, das darf Kühnert als Trostpreis mitnehmen.

Kühnert tut der SPD gut

Apropos. Seit Andrea Nahles hat es niemand mehr von der Juso-Spitze in die erste Reihe der SPD geschafft. Viele ihrer Nachfolger und Nachfolgerinnen sind in der Versenkung verschwunden, etliche hat man schlicht vergessen. Kevin Kühnert, den Namen wird man sich merken müssen. Wenn es stimmt, dass jede Krise schlummernde Talente ans Licht fördert und neue Helden gebiert – dann ist Kühnert das beste aktuelle Beispiel. Seiner Partei tut er gut. Um das festzustellen, muss man gar nicht seiner Meinung sein. Viel Besseres lässt sich über einen (Nachwuchs-)Politiker kaum sagen.

Oder doch. In den abgewandelten Worten eines früheren Juso-Vorsitzenden, der es sogar ins Kanzleramt schaffte: Die SPD sollte mehr Kühnert, weniger Schulz wagen!