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"Creative Sisters United" Kunstkollektiv bekennt sich zu gefälschter CSU-Kampagne – und kritisiert die Flüchtlingspolitik von Seehofer scharf

Horst Seehofer sitzt mit einer Maske im Sitzungssaal
Das Bundesinnenministerium dementierte jeglichen Zusammenhang zu der #endlichdahoam-Kampagne eines Künstler:innenkollektivs
© Michele Tantussi / Reuters / DPA
In der gefälschten Kampagne #endlichdahoam fordert Bundesinnenminister Horst Seehofer die Aufnahme von Geflüchteten, die teils seit Jahren in Flüchtlingscamps verharren. Das Künstler:innenkollektiv "Creative Sisters United" bekennt sich bei stern zu der Aktion und fordert im Gespräch mehr Menschlichkeit.

"Satire" nennen es die Urheber:innen mittlerweile: Bei der Polit-Kampagne #endlichdahoam im Netz und in den sozialen Medien gab sich ein künstlerisches Kollektiv als die CSU aus. Unterlegt mit malerischer Musik, großen Worten und bayerisch akzentuierter Stimme im Video, Horst Seehofer nachahmend, forderte es in der Kampagne alle Kommunen und Landkreise auf, so viele Geflüchtete wie möglich aus den Flüchtlingscamps aufzunehmen (stern berichtete).

Die Website ging am Dienstagmorgen online, das Dementi von Horst Seehofers Sprecher Steve Alter folgte am Nachmittag via Twitter. Der Instagram-Account der Kampagne, Medieninformationen zufolge bereits im April eröffnet, wurde am selben Tag von der Plattform genommen. Dabei war die Seite von "CSU – Endlich Dahoam" auf den ersten Blick professionell aufgezogen und formulierte Sätze wie: "Im Sinne meiner Partei und ihrer christlichen Werte: Wir möchten dem Leid an den Grenzen der Europäischen Union noch vor der kommenden Bundestagswahl ein Ende setzen." Bei näherer Betrachtung wurden allerdings schnell Auffälligkeiten deutlich.

Das CSU steht für "Creative Sisters United"

Inzwischen bekannte sich ein selbsternanntes Künstler:innenkollektiv namens "Creative Sisters United" zu der Aktion, der Internetauftritt wurde vollständig umgestellt. stern hat mit einer Vertreterin des Kollektivs gesprochen, alle wollen anonym bleiben. Der einzige Hinweis: Im Impressum wird mittlerweile ein Name genannt, der "aus dem Dunstkreis der Künstler:innen" stammen soll – mehr wird nicht verraten.

Die Idee zu der Aktion kam ihnen nach den Bränden im Flüchtlingscamp Moria im September 2020. Mehrere der Beteiligten sollen auch dort gewesen sein um vor Ort zu helfen, doch das reichte ihnen nicht. So entstand die Aktion, die letztendlich online ging, weil das Kollektiv der Überzeugung ist, dass Geflüchtete weder im Wahlkampf noch in den kürzlich veröffentlichten Wahlprogrammen bedacht werden.

Ein Screenshot der Internetseite "Endlich Dahoam", mit Bild von Horst Seehofer und einem Bibel-Zitat
Auf der Homepage "CSU – Endlich Dahoam" sowie in einem aufwendig produzierten Video, das von einem Sprecher vertont wird, der den Bundesinnenminister Seehofer imitiert, vermittelte das Künstler:innenkollektiv den Eindruck, im Namen der CSU zu sprechen. Die CSU dementierte den Zusammenhang zur Partei auf Anfrage. (Screenshot vom 30.06., 12:39 Uhr)
© Screenshot "CSU – Endlich Dahoam"

"Die Lüge sollte der Wahrheit entsprechen"

Warum auf diesem Weg veröffentlichen, sich als falsche Person ausgeben? Ein legitimes Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, das vermutlich von der Kunstfreiheit gedeckt ist, so die Sprecherin: "In diesem Fall sollte die Lüge eigentlich der Wahrheit entsprechen – dass der Innenminister einer christlichen Partei sich für Geflüchtete einsetzt. Es ist ja im Grunde verdreht, dass wir in der Realität leider mit einer ganz anderen Entwicklung konfrontiert sind."

Deshalb formuliert die Sprecherin das Ziel des Kollektivs: "Eine Kampagne, die zwar professionell aufgesetzt ist, sich aber inhaltlich ganz klar von Horst Seehofer und der CSU unterscheidet, sodass die Echtheit eigentlich beim ersten Betrachten zu hinterfragen ist. Tippfehler, ausgedachte Botschafter:innen, einen Hosting-Service in Island. Allerdings sollte die Qualität so hoch sein, dass der Diskurs angeregt wird."

"Mit Blick auf das, was in Griechenland und an den Grenzen passiert, sind wir als Bürgerinnen und Bürger verzweifelt"

Von Sätzen wie "Horst Seehofer ist Initiator der 'Endlich Dahoam'-Kampagne" ist mittlerweile wenig übrig geblieben, auch das Parteilogo der CSU ist weg. Stattdessen findet sich ein Bekenntnis zur Kunst und ein offener Brief mit klaren Forderungen: die sofortige Ermächtigung aufnahmefähiger und -williger Partner sowie ein sofortiger Kurswechsel in der Asylpolitik der Bundesregierung. Zudem wird mittlerweile zum Spenden aufgefordert, für Nichtregierungsorganisationen wie Watershed und die zivile Hilfsorganisation Sea-Eye.

Kritische Reaktionen in beide Richtungen

Und das Echo? Gerade auf Twitter reagieren manche Menschen säuerlich ob des Stilmittels. Von einer "bislang einmaligen Desinformationskampagne vor einer Bundestagswahl gegen die CSU" ist hier die Rede. Andere feiern die Aktion und kritisieren, dass die Künstler:innen denunziert werden, anstatt das eigentliche Thema zu behandeln: die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik.

Auch deshalb will das Kollektiv auf stern-Nachfrage anonym bleiben, damit statt über die Schaffenden über Geflüchtete und die dramatischen Lagen in den Camps gesprochen wird, so die Sprecherin: "Wir sehen die Gefahr, dass Europa abhärtet. Was in Ländern wie Griechenland an den europäischen Grenzen passiert, passiert da seit Jahren: Menschen sterben und ertrinken weiterhin im Mittelmeer, die Zustände in den Lagern sind katastrophal, ich war selber da. [...] Deutschland hat die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet und wir brechen damit, genauso wie mit dem eigenen Asylgesetz."

Quellen:  CSU – Endlich Dahoam / Instagram / Twitter / Creative Sisters United / Sea-Eye


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