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Interview

Besuch in Ludwigshafen : Maike Kohl-Richter: "Ich habe meinem Mann ein Versprechen gegeben"

Nach Helmut Kohls Tod steht seine Witwe im Feuer. Aus Sorge um das Lebenswerk ihres Mannes will Maike Kohl-Richter nun ein paar Dinge richtigstellen. Ein Gespräch über böse Briefe, falsche Freunde und den Erbstreit mit den Kanzlersöhnen.

Maike Kohl-Richter - die Frau an der Seite des Altkanzlers

An diesem Donnerstag, 15. Februar, entscheidet das Oberlandesgericht Köln darüber, ob Maike Kohl-Richter als Erbin Anspruch auf das Helmut Kohl zugesprochene Schmerzensgeld hat - oder ob der Anspruch mit Kohls Tod erloschen ist. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir die Titelgeschichte aus dem stern, Heft 4/2018.

Als wir an der bekannten Holztür klingeln wollen, öffnet sie sie bereits. Marbacher Straße, Ludwigshafen, Stadtteil Oggersheim. Eine Korkenzieher-Hasel hat im Vorgarten letztes Laub abgeworfen. Die Straße liegt still. Der klotzige Kanzlerbungalow ist nun das Haus der Witwe. Maike Kohl-Richter, 53, ist dünn geworden. Eine zierliche Frau in schwarzer Hülle. Sie hat Fotos von Helmut Kohl aufgestellt, riesige, kleine, selbst geschossene. Auf dem Esstisch steht Käsekuchen. Aber seit Monaten bekommt sie fast keinen Bissen hinunter. In den Souterrain-Räumen, in denen Helmut Kohl einst seine Erinnerungen auf Tonband sprach, hat sie den Amtsschreibtisch ihres Mannes originalgetreu mit Medaillensammlung und Erinnerungsfotos aufstellen lassen, nachdem das Berliner Altkanzlerbüro Unter den Linden aufgelöst worden war. Man denkt, gleich kommt er um die Ecke und greift zum Telefonhörer.

Die promovierte Volkswirtin findet, eigentlich sei es noch viel zu früh für ein Interview. Aber es ist viel passiert, viel Falsches sei verbreitet worden. Jetzt will sie reden – und kämpfen. Immer wieder steigen ihr Tränen in die Augen.

Am 16. Juni starb Helmut Kohl. Frau Kohl-Richter, wie geht es Ihnen heute, mehr als ein halbes Jahr nach seinem Tod?

Was soll ich sagen? Es geht mir nicht gut, natürlich nicht. Ich habe meinen Mann verloren, ich vermisse ihn. Er fehlt mir sehr.

Wie haben Sie Weihnachten verbracht?

Heiligabend allein, hier zu Hause.

Und Silvester?

Genauso.

Gibt es denn niemanden, der sich um Sie kümmert?

Doch. Ich wollte es so. Ich habe zwischendurch selbstverständlich Freunde und Familie getroffen und Besuch gehabt. Ich bin gut aufgehoben. Es gibt immer jemanden, der für mich da ist.

Haben Sie mal Urlaub gemacht, sich irgendwie erholen können?

Das fragen unsere Freunde auch. Und sie drängeln, dass ich das tue. Aber ich hatte bislang noch gar keine Zeit. Und mir ist auch nicht danach.

Wie war das mit der Trauerfeier, hatten Sie alle Details selbst geplant?

Es gab keine Detailplanung im Vorfeld. Es gab ein paar Eckpunkte, die ich mit meinem Mann besprochen hatte, wie die europäische Trauerfeier, die er sich gewünscht hat. Alles andere habe ich intuitiv entschieden. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass alle Beteiligten so engagiert mitgewirkt haben. Mein Mann wäre an diesem Tag sicher sehr stolz auf sein Land und auf Europa gewesen.

Ihr Mann war neun Jahre lang krank. Dennoch kam sein Tod überraschend für Sie. Warum?

Wenn Sie mit einem Menschen leben – und ich möchte an dieser Stelle noch einmal sagen, weil es fortlaufend falsch verbreitet wird: Mein Mann war seit seinem Unfall 2008 körperlich angeschlagen, aber er war geistig bis zuletzt vollkommen klar –, wenn Sie also mit einem Menschen leben wie meinem Mann, der in den vergangenen Jahren so oft fast gestorben ist und sich immer wieder und zum Teil sensationell erholt hat, dann leben Sie zwar damit, dass der Tod täglich eintreten kann, aber Sie glauben nicht täglich an den Tod.

Wie war das am 16. Juni?

Als mein Mann an dem Morgen gestorben ist, war das gerade ein Moment, in dem wir glaubten, er erholt sich wieder. Wir hatten das Gefühl, er schläft sich gesund. Wir hatten ein paar schlimme Wochen mit vielen Aufs und Abs hinter uns. Aber dieses Mal hat er sich nicht gesund geschlafen, sondern ist friedlich eingeschlafen. Das war ein Schock. Ich glaube auch nicht, dass ich ihn schon überwunden habe.

Wir sehen hier im Haus viele Fotos Ihres Mannes. Sie tragen Schwarz, Trauer.

Natürlich.

Was vermissen Sie am meisten?

Meinen Mann. Seine Nähe. Unsere Gesten. Dass er meine Hand nimmt. Dass er einfach da ist.

Wie reagieren die Menschen in Ihrer Umgebung auf Ihre Trauer?

Ganz unterschiedlich. Es gibt Ignoranz und Hilflosigkeit, und es gibt viele herzliche Menschen. Sie lernen in dieser Extremsituation der Trauer die Menschen noch einmal von einer anderen Seite kennen.

Sie bekamen auch "böse Briefe". Worum ging es?

Ich habe neben mitfühlenden und respektvollen Briefen auch solche bekommen, in denen ich beschimpft wurde und man mir erklärte, wie ich das Grab meines Mannes zu gestalten, mein Leben zu führen und mich zu benehmen hätte.

Maike Kohl-Richter bei der Beerdigung ihres Mannes, Altkanzler Helmut Kohl, am 1. Juli 2017 in Speyer

Maike Kohl-Richter bei der Beerdigung ihres Mannes, Altkanzler Helmut Kohl, am 1. Juli 2017 in Speyer

DPA


Wer schreibt solche Briefe?

Menschen, die mich nicht kennen und ihre eigene Unzufriedenheit an mir abarbeiten. Das Grab ist mit einer Holzplatte abgedeckt. Manche finden das lieblos. Zwischen meinem Mann und mir ist gar nichts lieblos. Das Grab muss sich erst einmal senken, bevor ich es endgültig gestalten kann.

Wie erklären Sie sich den Furor?

Das ist auch Ergebnis einer allgemeinen Veränderung. Das ist nicht nur ein Fall Kohl oder ein Fall Kohl-Richter. Unsere Gesellschaft ist generell distanzloser und respektloser geworden. Und bei meinem Mann und mir ist diese Übergriffigkeit noch einmal sehr viel ausgeprägter.

Seit wann erleben Sie das persönlich?

So extrem seit dem Unfall meines Mannes 2008. Sie müssen nur die Zeitungen aufmachen und schauen, was seither für ein Bild von uns verbreitet wird. Es gibt wenig, was über mich und uns noch nicht behauptet wurde. Ich bin ein gutmütiger Mensch, aber ich sage auch: Es reicht jetzt wirklich. Es scheint überhaupt kein Ende zu finden. Es hört nicht einmal im Tod meines Mannes auf.

Haben Sie deshalb eine Überwachungskamera am Grab Ihres Mannes aufstellen lassen?

Auch. Viele Menschen gehen ans Grab und wollen einfach nur beten, verhalten sich friedlich. Sie sind dankbar für das, was mein Mann getan hat. Andererseits kann ich die heutige Übergriffigkeit nicht ausblenden. Mein Mann soll im Tod geschützt sein. Die Kamera gibt mir ein Stück Ruhe und Sicherheit.

Weggefährten Ihres Mannes sprechen in Interviews über die Unversöhnlichkeit am Ende seines Lebens. Briefe seien nicht beantwortet worden, Besucher nicht empfangen. Viele haben deshalb Sie im Verdacht.

Bevor ich etwas zu mir sage, will ich eines klarstellen: Mein Mann war bis zum Tod ein zutiefst versöhnlicher Mensch. Seine Politik, sein Lebenswerk wären ohne diese Bereitschaft zur Versöhnung gar nicht erklärbar. Nun zu den Vorwürfen: Die kenne ich alle. Ich kenne auch die Menschen, die sie aufbringen. Es gibt anständige Weggefährten, die bis heute treu an unserer Seite sind und die den Unfall meines Mannes als Schicksalsschlag begriffen haben, der uns gezwungen hat, unser Leben grundlegend umzustellen. Und dann gibt es Weggefährten, die meinen, sie müssten ein Stück vom historischen Kohl-Mantel abhaben. Die sorgen sich vor allem um ihr Bild in der Geschichte und haben den Unfall dafür ausgenutzt.

Das klingt jetzt sehr hart.

Vielleicht, aber es ist meine Erfahrung. Und es verläuft immer gleich. Die, von denen Sie hier reden, sind in der Regel mit einem nicht erfüllbaren Forderungskatalog oder einer bestimmten Anspruchshaltung an meinen Mann herangetreten. Und während sie ihm sozusagen ins Gesicht schlugen, wollten sie von ihm gleichzeitig die "Absolution". Ich sage immer: Man muss nur genau hinschauen, wer was mit welcher Motivation sagt. Dann entzaubern sich die meisten Vorwürfe von ganz allein.

An wen denken Sie?

Ich will keine Namen nennen, aber ein Beispiel erzählen. Als wir vor Jahren, nach dem Unfall, hier bei uns auf der Terrasse mit einem alten Weggefährten saßen, der bis heute als Freund gilt, fragte er mich, ob ich mit ihm ins Theater gehen wolle. Dann legte er den Kopf so zur Seite in Richtung meines Mannes und sagte: "Der da kann doch nicht mehr."

Kann er es freundlich gemeint haben?

Nein. Es war schäbig. Wir waren fassungslos. Mein Mann hat ihn nie wieder eingeladen. Wenn der Betroffene später in Interviews gefragt wurde, ob er meinen Mann noch besuche, hat er sich damit herausgeredet, dass man schwerkranke Freunde schonen müsse, und erzählt, ich vertrüge keine Kritik an der Politik meines Mannes. So leicht lässt sich die Wahrheit verdrehen.

Überall im Haus hat sie Porträts von ihm aufgebaut, große und kleine

Ein Stück Berliner Mauer im Garten. Und er immer in ihrer Nähe. Überall im Haus hat sie Porträts von ihm aufgebaut, große und kleine


Dass Sie immer die Schuldige gewesen sein sollen, verletzt Sie das?

Ja. Wenn mein Mann zu etwas Ja gesagt hat, war es mein Mann, und wenn mein Mann zu irgendetwas Nein gesagt hat – wie im Beispiel eben – dann soll immer ich es gewesen sein. Das ist meinem Mann gegenüber respektlos. Und es verletzt mich, wenn ich als eine Person dargestellt werde, die ihren Mann geheiratet haben soll, um ihn zu beherrschen. Ausgerechnet ich. Ich habe meinem Mann seine Selbstbestimmtheit nicht genommen. Ich habe ihm nach seinem Unfall geholfen, sie sich zu erhalten.

Früher waren Sie für die Medien "die Maike", jetzt sind Sie "die Kohl-Witwe" . Lesen Sie, was über Sie geschrieben wird?

Tja, "Witwe" ist jetzt der neue Kampfbegriff. Und nein, ich lese das natürlich nicht alles. Ich versuche, das zu vermeiden. Aber vieles – im Internet, an der Tankstelle, im Supermarkt – kann ich gar nicht übersehen. Ich fühle mich wie Freiwild, das zum Abschuss freigegeben ist.

Walter Kohl, der ältere Sohn Ihres Mannes, will aus dem Radio erfahren haben, dass sein Vater gestorben ist. Konnten Sie oder wollten Sie ihn nicht anrufen?

Ich wusste, die Nachricht wird über die Medien verbreitet, und das fand ich angesichts des Verhaltens der Söhne in den vergangenen Jahren vollkommen ausreichend.

Walter Kohl: "Das Thema Erbschaft ist in der Familie komplett erledigt"

Was genau meinen Sie?

Ich meine, wie sie uns – bis heute – medial regelrecht vorführen.

Ihr Mann wollte seine Söhne nicht mehr sehen. So hat er es uns im stern-Interview 2014 gesagt. Warum nicht?

Mein Mann hat furchtbar darunter gelitten, dass seine Söhne die Vater-Sohn-Beziehung zum Geschäftsmodell gemacht haben. Sie suchen seit Jahren den Weg in die Medien. Das alles hat ein Muster ... Wie lang kann ich antworten?

So lang Sie wollen.

Also, damit es einmal richtiggestellt ist: Der Konflikt mit den Söhnen ist in Wahrheit ein alter Konflikt. Ich habe ihn nur geerbt. Ich bin nicht die Ursache. Mit unserer Hochzeit im Mai 2008 ist es sozusagen nur eskaliert. Wir hatten unsere Hochzeit in schwerer Zeit, noch in der Reha-Klinik, vorgezogen. Mein Mann hat versucht, beide über den Termin zu informieren. Aber Walter Kohl hat ihn am Telefon nur angeherrscht, er solle seine Angelegenheiten vorher regeln.

"Angelegenheiten" heißt Testament, Erbe, Geld?

Immer. Mein Mann hatte seit März 2006 versucht, mit seinen Söhnen eine gütliche Einigung über eine testamentarische Regelung zu finden. Dabei sollte auch ich berücksichtigt werden. Ohne Erfolg. Seither attackierten sie ihren Vater und mich noch massiver als vorher schon. Es gab damals furchtbare Szenen.

Durften die Söhne deshalb nicht zur Hochzeit kommen?

Was hätte mein Mann denn tun sollen? Sie einladen, damit sie – wie jetzt bei seinem Tod – die Hochzeit überschatten oder gar sprengen?

Das Erbe sei geregelt, sagte Walter Kohl mehrfach im TV.

Das ist 2016 erledigt worden, das ist richtig. Mein Mann hatte seinen Söhnen eine Verständigung über sein Erbe zu Lebzeiten angeboten, um weitere juristische Konflikte zu vermeiden. Vorausgegangen war eine Klage der Söhne im Jahr 2015, während er nach einer Hüft-OP monatelang auf Intensivstationen lag und um sein Leben kämpfte.

Die Familien der Söhne haben zusammen eine Million Euro erhalten.

Das stimmt. Es war gemessen am Vermögen meines Mannes und dem, was sie vorher schon bekommen hatten, fair und großzügig. Mein Mann war über die Einigung sehr froh und hoffte, dass es damit endlich Frieden, öffentlich Ruhe und nach seinem Tod keinen weiteren Streit geben würde. Diese Einigung wollten die Söhne schon im Januar 2017 wieder aufbrechen und ihren Vater erneut verklagen – diesmal "wegen arglistiger Täuschung". Sie waren der Meinung, dass meinem Mann aus den bis heute laufenden juristischen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit seinen Memoiren ein Geldsegen winken würde ...

Sie meinen die "Rekordentschädigung" von einer Million Euro, die Ihrem Mann vom Kölner Landgericht im Zusammenhang mit dem Buch von Heribert Schwan* im April vergangenen Jahres zugesprochen wurde? (*Siehe Leserbrief von Heribert Schwan am Ende dieses Interviews)

Darum ging es, ja. Das Urteil hatten wir im Januar 2017 noch nicht, es ist auch noch nicht rechtskräftig. Diese Klageandrohung der Söhne war ein letzter tragischer Höhepunkt des Familienkonflikts vor dem Tod meines Mannes.

Durfte sich Walter Kohl deshalb nicht von seinem Vater am Totenbett verabschieden?

Das ist falsch, er hat sich verabschiedet. Er war am Abend hier. Und wenn er seither in Talkshows sagt, dass er sich in Würde und Frieden verabschieden konnte, dann ist das richtig, aber das war nicht wegen, sondern trotz Walter Kohl so. Unser Freund Kai Diekmann ...
... der frühere Chefredakteur der "Bild"-Zeitung ...

... dem ich sehr dankbar bin, dass er an diesem schweren Tag an meiner Seite war, hat Walter Kohl an jenem Abend die Tür aufgemacht. Und das Erste, was dieser tat – er griff unseren Freund noch im Eingangsflur massiv an: "Da ist ja der Richtige, der die Tür aufmacht!" Alle im Raum nebenan, am Bett meines Mannes, wussten in dem Moment: Hier kommt ein hochaggressiver, ganz und gar unversöhnlicher Mensch. Als er in den Raum kam und ans Bett seines Vaters trat, lud sich die Atmosphäre mit Aggression auf. Als er gegangen war, haben wir mit einem Priester gebetet. Es war für alle eine physisch spürbare Erleichterung, wie mit dem Gebet die Aggression wieder verschwand.

War das der Grund, warum Sie wenige Tage später die Tür nicht geöffnet haben, als Walter Kohl erneut davorstand mit seinem Sohn und seiner Nichte?

Nein, das war vielschichtiger. Ich war an diesem Tag mit meinem verstorbenen Mann endlich einmal allein. Nur unsere beiden Mitarbeiter waren im Haus. Ich hatte eine sehr schwere Nacht hinter mir. Wir waren in einem Trauerhaus. Unser Haus war in den vergangenen Jahren ja bereits still geworden, weil mein Mann krank war. Ich musste lernen, dass diese Stille, die mit seinem Tod eingetreten war, eine neue Stille war. Und dann stehen plötzlich drei Menschen vor der Tür, die sich noch am Vorabend jedem Kontakt verweigert hatten, und klingeln Sturm. Wie sollte ich da die Tür aufmachen?

Das heißt, Sie hatten Angst?

Natürlich hatte ich Angst! Angst vor der Wucht, wenn ich geöffnet hätte, Angst um unseren Frieden, Angst um die Stille.

Was genau heißt, sie hatten sich "am Vorabend jedem Kontakt verweigert"?

Ich hatte unseren Freund Stephan Holthoff-Pförtner ...

... den früheren Anwalt Ihres Mannes, der heute Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten in Nordrhein-Westfalen ist.

Ja, ich hatte ihn als unseren Freund gebeten, mit den Söhnen Kontakt aufzunehmen und alles Notwendige zu besprechen. Es hat dann unter Zeugen drei Versuche gegeben, Walter Kohl zur vereinbarten Zeit und unter der vereinbarten Nummer zu erreichen. Er ist einfach nicht ans Telefon gegangen. Was soll man dann noch tun?

Es gab am nächsten Tag dann diese inzwischen berühmte Szene vor der verschlossenen Tür.

Berühmt würde ich das nun wirklich nicht nennen. Dieser Auftritt bleibt traurig und unwürdig. Er diente nur dazu, den Vater noch im Tod zu beschädigen und als Söhne maximale Aufmerksamkeit zu erzielen. Es war die übliche mediale Inszenierung. Es folgt seit Jahren demselben Muster: Wir reichen die Hand, die Hand wird gebissen, und dann finden wir uns in der Presse wieder: Mein Mann und ich werden als maximal unversöhnlich dargestellt, und ich gelte als Monster, das die armen Kinder von Vater und Großvater fernhält.

Die Söhne fehlten auch bei den Trauerfeierlichkeiten in Straßburg und Speyer. Waren sie nicht eingeladen?

Sie waren überall eingeladen. In Straßburg wie in Speyer waren bis zuletzt Plätze für sie freigehalten. Niemand wusste, ob sie kommen. Sie haben sich wieder nur über die Medien zu Wort gemeldet.


Kleiner Schnitt: Auch Weggefährten, Historiker und Archivare bemängeln, dass Sie Helmut Kohl sogar noch nach dessen Tod abschotten und auf seinen Akten sitzen. Was sagen Sie dazu?

Es sind immer die Gleichen, die das in negativer Weise verbreiten. Und es geht dabei um mehr als die Akten. Ziel ist: Ich soll diskreditiert werden. Es geht darum, zu verhindern, dass ich bei der Entscheidung, wie der politische Nachlass meines Mannes verwaltet wird, die zentrale Rolle übernehme. Es berührt mich sehr, wie auch hier der Wille Helmut Kohls infrage gestellt wird. Mein Mann hat bereits 2007 handschriftlich testamentarisch verfügt, dass ich bezüglich seines Lebenswerks seine legitime Alleinerbin und Ansprechpartnerin sein soll. Das war sogar noch vor dem Unfall und vor unserer Heirat. Er hat mir vertraut. Ich würde mir von manchem mehr uneigennützige Unterstützung wünschen und weniger Eifersüchteleien.

Haben Sie schon konkrete Pläne? Wird es eine Helmut-Kohl-Stiftung geben?

Im Moment ist noch nichts spruchreif. Mein Mann ist ja auch noch nicht so lange tot. Ihm war wichtig, dass der Nachlass zusammenbleibt und seriös zugänglich ist und dass ich für seine Angelegenheiten zuständig bin. In diesem Sinne führe ich die Gespräche. Ich bin sicher, dass es am Ende eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung geben wird.

Sind Sie eine Gralshüterin?

Das klingt mir zu geheimnisvoll. Wichtig ist: Die Entscheidung muss angemessen sein und in Ruhe getroffen werden. Es ist in gewisser Weise eine Entscheidung für die Ewigkeit.

Dass Ihr Tag heute immer noch vom Leben Helmut Kohls bestimmt ist – ist das für Sie eher Last oder Trost?

(Antwort nach einer Pause:) Es ist natürlich überhaupt keine Last. Es ist aber auch kein Trost. Es ist normal. Es gehört dazu, es gehört zu meinem Leben mit meinem Mann dazu.

Was denken Sie, wenn jetzt wieder über "die schwarzen Kassen" Ihres Mannes spekuliert wird und darüber, dass es seine Parteispender möglicherweise gar nicht gab?

Ich habe die Fernsehdokumentation dazu neulich gesehen. Sie war einfach schlecht gemacht und wimmelte von Unterstellungen und Halbwahrheiten. Ich finde diese Art von Journalismus fahrlässig. Es fing schon damit an, dass der Aufhänger des Films eine vermeintlich neue Aussage Wolfgang Schäubles aus dem Jahr 2015 war. Lesen Sie das Tagebuch meines Mannes aus dem Jahr 2000. Unter dem Datum 18. Januar hat er bereits damals veröffentlicht, dass Wolfgang Schäuble sich zu der These verstiegen habe, er hätte in Wahrheit überhaupt keine Spender gehabt.

Und, gab es sie doch?

Natürlich.

Hat Ihr Mann Ihnen die Namen verraten?

Dazu äußere ich mich nicht.

Wenn man Ihren Schreibtisch mit den vielen Aktenbergen sieht, woran arbeiten Sie gerade?

Ich tue das, was alle Frauen in meiner Situation tun: umorganisieren, Papiere und Versicherungen prüfen, umstellen et cetera. Darüber hinaus sind meine Tage im Moment sehr von der Nachlassfrage bestimmt und davon, die Gerichtsprozesse um sein Lebenswerk weiterzuführen. Sie haben auch diese Prozesse geerbt.

Können Sie darüber sprechen?

Nicht über Rechtsfragen. Die Verfahren laufen ja noch.

Worum geht es?

Ab Herbst 1999 hat mein Mann zur Vorbereitung seiner Memoiren angefangen, sein Leben auf Tonbändern festzuhalten. Diese hat er mit weiteren Unterlagen einem Mitarbeiter anvertraut, der Entwürfe fertigte.

Sie sprechen von Heribert Schwan.(Siehe Leserbrief von Heribert Schwan am Endes dieses Interviews)

Nachdem mein Mann ihm 2009 gekündigt hatte, hat er die Tonbänder und andere Unterlagen nicht zurückgegeben, obwohl er dazu verpflichtet gewesen wäre. Das ist ein Verfahren und verkürzt gesagt der Ausgangspunkt der Rechtsstreitigkeiten. Im Oktober 2014 hat Schwan aus den Unterlagen mit einem Co-Autor ein Buch auf den Markt gebracht, das vor allem wegen drastischer Zitate über Dritte, die meinem Mann zugeschrieben werden, Aufmerksamkeit erregt hat. Mein Mann hat die Autoren und den Verlag des Buches auf Entschädigung und Unterlassung verklagt. Das Landgericht Köln hat ihm am 27. April 2017 unter anderem wegen besonders schwerer Verletzung seines Persönlichkeitsrechts eine Rekordentschädigung von einer Million Euro zugesprochen. Die Urteile hat mein Mann noch erlebt. Sie sind allerdings noch nicht rechtskräftig. Wir befinden uns derzeit in den Berufungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Köln.

Ist der Anspruch im Entschädigungsverfahren mit dem Tod Ihres Mannes nicht ohnehin erloschen?

Zu Rechtsfragen möchte ich mich, wie gesagt, nicht äußern. Das tun wir vor Gericht.

So ein Streit kostet Nerven. Warum führen Sie ihn überhaupt weiter?

Natürlich zerrt das an den Nerven. Es hat meinen Mann und mich auch bereits viel gemeinsame Lebenszeit gekostet. Aber es geht ja nicht um einen Blechschaden am Auto. Es geht um nichts weniger als die eigenen Lebenserinnerungen meines Mannes und darum, was von dem Staatsmann Helmut Kohl in Erinnerung bleibt. Dafür kämpfe ich, und das ist allen Kampfes wert.

Auch um den Preis, dass Sie selbst dabei – salopp gesagt – vor die Hunde gehen?

Ich bin zäh. Unterschätzen Sie mich nicht. Und ich habe meinem Mann zu Lebzeiten ein Versprechen gegeben, das werde ich einlösen.

Frau Kohl-Richter, man hat manchmal wirklich das Gefühl, Sie sind auf einer Helmut-Kohl-Mission.

Sagen wir lieber so: Ich habe meinen Mann sehr geliebt, und unsere Liebe bleibt. Sein Tod ändert daran nichts.

*Nach der Veröffentlichung des Interviews in Heft 4/2018 schrieb Heribert Schwan dem stern einen Brief mit folgendem Inhalt:

"Die Entstehungsgeschichte der Memoiren habe ich als Ghostwriter doch ganz anders in Erinnerung als Frau Kohl-Richter. Helmut Kohl hat nie von sich aus daran gedacht, "sein Leben auf Tonbändern festzuhalten". Das war meine Idee, während unserer Gespräche zur Stoffsammlung, ein Tonband laufen zu lassen. Diese Tonbänder hat mir Kohl auch nicht anvertraut, sondern ich habe sie nach der Aufzeichnung mitgenommen und behalten. Ich habe auch keine "Entwürfe" gefertigt, sondern in eigener Verantwortung die Texte für die Autobiografie verfasst, die ich ihm dann gezeigt habe. Kohl hat daraufhin nie mehr als nur kleinere redaktionelle Änderungen vorgeschlagen.“ Heribert Schwan, Köln