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Rhetorik-Trainerin Der "Gottkanzler" musste scheitern - Wie soll Schulz dem gerecht werden?

Martin Schulz, zerknirscht
Martin Schulz saß rhetorisch bedauerlicherweise mit im verhassten Trump-Zug
© Michael Sohn/AP
Nun gab es auch in Nordrhein-Westfalen eine Klatsche für die SPD - und für Martin Schulz. Wieso ist der "Schulz-Zug" verunglückt? Laut einer Sprachwissenschaftlerin hat auch die Helden-Rhetorik rund um den Kandidaten Schuld am Misserfolg der SPD.

Martin Schulz ist der große Coup der SPD. So schien es zumindest. Schnell wurde er zum Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten der Sozialdemokraten gekürt. Der 24. Januar war der Tag, der alles verändert hat. Oder? Die SPD war in Meinungsumfragen plötzlich oben, Tausende Menschen traten in die Partei ein und im Internet startete ein Phänomen: der Schulz-Hype. Plötzlich kursierten Fotomontagen von Martin Schulz als Supermann, als Donnergott Thor, als französischer Revolutionär im Gemälde von Eugène Delacroix und als Freiheitsstatue.

Ursprünglich war dieser Hype bloß Satire. Die hatte schon vor Schulz' Kanzlerkandidatur angefangen, im November 2016 begannen auf der Online-Plattform Reddit einige Nutzer damit, Schulz im Stil von Donald Trump-Unterstützern zu huldigen, als ironische Reaktion auf den Wahlsieg des neuen US-Präsidenten. Sie übersetzten Bilder und Begriffe aus dem US-Wahlkampf einfach eins zu eins: Statt "The Donald" feierten sie "The Schulz". Der "Trump-Train" - schon im Juli 2015 hatte jemand auf Twitter einen Account namens "The Trump Train" gestartet - wurde zum schon bald vielzitierten "Schulz-Zug". Und Trumps Slogan "Make America Great Again" wurde entsprechend zu "Make Europe Great Again" - abgekürzt zu allem Übel auch noch mit dem Akronym "MEGA".

Presse übernahm den ironischen Hype aus dem Netz

Was als Spaß begann, wurde von der Presse schnell ganz ironiefrei übernommen, die Zeitungen und Magazine titelten mit Begriffen wie "Gottkanzler", "Schulz-Express" und "Der Eroberer".

Der Medienhype war unkontrollierbar - und wie es schien ein Segen für die SPD. "Wir steuern das nicht aus der Parteizentrale", zitierte die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" die SPD-Generalsekretärin Katarina Barley. "Was im Netz passiert, passiert."

Und was ist nun passiert? In den Landtagswahlen hat die SPD drei Niederlagen in Folge erlebt. Zu früh gefreut? Martina Cyriax ist studierte Psycholinguistin und arbeitet als Rhetorik-Trainerin in Hamburg. Im Gespräch mit dem stern erzählt sie, weshalb die Helden-Rhetorik rund um Schulz der SPD nun das Leben schwer macht.

Wahlkampf der SPD ähnelte Trumps Wahlkampf

Frau Cyriax, "Der Eroberer" wurde Martin Schulz im Februar auf dem stern-Cover genannt, andere Medien betitelten ihn mit "Heilsbringer", "Sankt Martin" oder gar "Gottkanzler". Das sind große Worte. Wie sollte ein Mensch diesen Bezeichnungen gerecht werden ? 

Eben, das geht nicht. Da baut sich ja doch sehr was auf mit diesen Begriffen. Die Sprache hat sich da insgesamt sehr verändert, es ist doch eine sehr starke bildhafte Sprache, die da in der Berichterstattung verwendet wird. Das ist mir jetzt auch bei Emmanuel Macron wieder aufgefallen, da fiel ja sogar schon das Wort Erlöser. Das ist alles sehr metaphorisch geworden, auch durch die sozialen Medien, die Sätze werden immer kürzer. Das Bild in der Sprache ist auf dem Vormarsch, es zählt inzwischen fast schon mehr als der Satz. Obwohl wir uns kognitiv besser mit Zahlen und Fakten beschäftigen sollten, schaffen wir lieber schnelle Bilder. Zum Schulz-Zug gibt's ja immer ein Kopfkino, der rollt da so schön durchs Land ...

Der Begriff Schulz-Zug kommt ja aus dem Wahlkampf von Donald Trump. Glauben Sie, dass das Schulz Sympathien gekostet hat? Schließlich dürfte kein Politiker, der in Deutschland Kanzler werden will, Wert darauf legen, die Wähler an Trump zu erinnern.

Das wusste ich noch nicht, es ist aber sehr wichtig zu wissen, wo diese Sprachströmungen überhaupt herkommen. Das passt auch gut - mir sind im Wahlkampf der SPD seit Martin Schulz noch mehr Gemeinsamkeiten mit Trumps Wahlkampf aufgefallen. Auch die Presse hat in der Berichterstattung den Ton aus dem Trump-Wahlkampf übernommen.

Zum Beispiel?

Dass es eben keine große Diskursfähigkeit mehr gibt, keine dialektische Auseinandersetzungen mehr, stattdessen gleich einen Stempel. Alles wird unterteilt in winzige Häppchen und in stark bildhafte Sprache gepackt. Ich könnte mir vorstellen, dass Trumps Hemdsärmeligkeit als vermeintliches Erfolgsrezept auch für den hiesigen Wahlkampf gesehen wurde. Hillary Clinton war eher vernunftgeprägt und sachlich und Trump hat eben mit Bildern und Emotionen gewonnen.

Glauben Sie, dass es einem Menschen politisch das Genick brechen kann, wenn er von Anfang an mit Begriffen wie "Heilsbringer" und "Gottkanzler" verbunden wird? 

Insgesamt ist es problematisch, wenn man einem Menschen gleich so eine Erhöhung zuschreibt. Diese Zuversicht lastet dann auf ihm. Trotzdem wird das heute gern gemacht, ein Mensch wird medial immer wieder gerne auf ein Podest gestellt. Ob das wohl die Lust ist zu beobachten, wie jemand scheitert? Da wird Martin Schulz anfangs so weit aufgebauscht, dass er die Erwartungen kaum erfüllen kann. Da ist die Debattenkultur offenbar am Ende, es findet gar keine gemäßigte Debatte mit neutralen Begriffen mehr statt.

Woher kommt das? 

Das klingt immer so technikfeindlich, aber das kommt natürlich auch durch die sozialen Medien. Da gibt es nur Daumen rauf - Daumen runter, dazwischen nichts. Das ist so schön griffig, das ist schnell erledigt, sich einfach auf eine Seite zu schlagen.

Gerade das Wort Gottkanzler haben viele Journalisten häufig in Anführungszeichen verwendet. Wirkt ein Begriff auf den Leser oder Zuhörer denn anders, je nachdem ob er ernst gemeint ist oder nur als Zitat auftaucht beziehungsweise ironisch verwendet wird? 

Ich glaube nicht, dass das einen Unterschied macht. Zunächst kann ich dazu sagen: Viele Menschen verstehen Ironie nicht. Die übernehmen einen Begriff wie Schulz-Zug oder Gottkanzler und verwenden den dann ganz selbstverständlich wieder in anderen Kontexten. Der Schulz-Zug war für viele Menschen anfangs einfach eine griffige Formulierung aus den Medien. Aber nach und nach merken die Rezipienten dann, dass diese Metapher vielleicht doch gar nicht so passend ist wie anfangs gedacht. Und dann verkommt der Begriff zur Floskel. Das kann passieren, wenn ein Begriff allzu häufig auftaucht. Von der ursprünglichen Strahlkraft ist dann nicht mehr viel übrig, das Wort kann dann keine Emotionen mehr auslösen, die Wirkung fällt weg. Das ist das Problem der Floskel. 

Inwieweit tragen die Memes dazu dabei, die im Internet die Runde machen? Photoshop-Montagen von Schulz als Supermann, Thor oder Freiheitsstatue? 

Die Macht der Bilder ist natürlich ungebrochen. Diese Bilder sind dann die Verknüpfung zur Metaphorik in der Sprache. Dann spielt es auch keine Rolle, ob das Bild nur Satire oder ernst gemeint ist, das man da sieht. Das ist genau wie beim Experiment: "Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten". Das Bild ist dann da. Und mit dem Bild die Erwartung - in dem Fall an Schulz, den Supermann. Das ist das Bild, das sich dann letztlich einpflanzt. 

jen

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