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20 Jahre Mauerfall - Spektakuläre Flucht: Der Arzt, der ins Wasser ging

Peter Döbler wollte raus aus der DDR. Der Arzt träumte davon, irgendwann einen Blauen Marlin zu fangen. Deshalb schwamm er, 45 Kilometer durch die Ostsee. Die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht.

Von Kerstin Herrnkind

Der Strand von Kühlungsborn heute. Hier startete Peter Döbler im Juli 1971 seine Flucht

Der Strand von Kühlungsborn heute. Hier startete Peter Döbler im Juli 1971 seine Flucht

Der 25. Juli 1971 ist ein malerischer Sommertag. Die Sonne sengt vom Himmel, erwärmt das Wasser der Ostsee auf 18 Grad. Von Südost weht ein leichter Wind. Seit Tagen sehnt Peter Döbler dieses "Kaiserwetter" herbei. Denn das Wetter ist überlebenswichtig für seinen Plan. Der 31-jährige Arzt aus Rostock will von Kühlungsborn in der DDR nach Fehmarn in die Bundesrepublik schwimmen. 45 Kilometer durch die Ostsee. Die Strecke ist über zehn Kilometer länger als der Ärmelkanal zwischen Dover und Calais. 26 Stunden muss er von Ost nach West in die Freiheit schwimmen, hat Peter Döbler sich ausgerechnet. Nur eine Wassertemperatur von mindestens 18 Grad schützt seinen Körper davor auszukühlen. Der Südostwind soll ihn in die Freiheit treiben.

Gegen 16.30 Uhr, als die meisten Badegäste ihre Sachen zusammenpacken und den Strand verlassen, geht Döbler ins Wasser. Seine Kleider versteckt er im Gebüsch. Seine Haut glänzt in der Sonne vom Fett der Vaseline, mit der sich der Arzt dick eingeschmiert hat. Unauffällig schmuggelt er ein Bündel ins Wasser. Darin hat Döbler seinen Taucheranzug, Bleigewichte, ein Röhrchen Schmerztabletten, Appetitzügler, Schokolade, Klebeband, einen aufblasbaren Schwimmring, einen Kompass und seine eingeschweißten Zeugnisse verstaut.

Der Arzt schwimmt zu einer Sandbank, versenkt das Bündel und beschwert es mit dem Bleigurt. Döbler hat seine Flucht in den vergangenen zwei Jahren generalstabsmäßig vorbereitet. Er hat Seekarten, die ihm Freunde aus der BRD mitgebracht haben, auswendig gelernt und sich meteorologische Kenntnisse angeeignet. Außerdem hat Döbler, der seit Kindesbeinen ein begeisterter Schwimmer und Angler ist, für seine Flucht in der Ostsee trainiert, lange Strecken zu schwimmen. Inzwischen ist er in der Lage, über 20 Stunden lang ohne Unterbrechung zu schwimmen. Sein Körper empfindet solche Touren nicht einmal mehr als Anstrengung.

Selbstgebastelte Schwimmflossen an den Händen

Der Arzt schwimmt eine Weile hin- und her, beobachtet den Strand, der sich langsam leert. Ab und an schlendern bewaffnete Einheiten den Strand entlang. Sie schöpfen keinen Verdacht. Einige kennen Döbler sogar vom Sehen. Denn er kommt oft zum Schwimmen und Angeln an den Strand im mecklenburgischen Kühlungsborn, 25 Kilometer von Rostock entfernt.

In einem unbeobachteten Moment taucht Döbler nach seinem Bündel und schlüpft in den Taucheranzug. Seine Habseligkeiten, darunter die eingeschweißten Zeugnisse, mit denen er hofft, drüben in der Bundesrepublik ein neues Leben anfangen zu können, versteckt er in seinem Bleigurt. Der Arzt schwimmt nach Norden, raus aus dem Blickfeld der Grenzsoldaten. Um nicht aufzufallen, krault er nicht. Seine Füße stecken in Schwimmflossen. Der Bleigürtel hält seinen Körper unter Wasser. An den Händen hat Döbler kellenartige Schwimmhilfen, die er sich selbst gebastelt hat.

Flucht aus einem unerträglichen Leben

Langsam versinkt die Sonne am Horizont. Die See ist ruhig. Gegen 22 Uhr - Döbler ist schon über fünf Stunden im Wasser - ändert er seinen Kurs, schwimmt Richtung Westen. Er summt Volkslieder, malt sich sein neues Leben in der Bundesrepublik aus. Das Leben in der DDR ist für ihn unerträglich. Fast hätte er - trotz eines Notendurchschnitts von 1,5 - nicht studieren dürfen, weil sein Vater Wirtschaftsprüfer war. Ein von der SED misstrauisch beäugter Beruf. Als der Vater jedoch an Speiseröhrenkrebs starb, wurde der Abiturient innerhalb weniger Wochen doch noch zum Medizinstudium zugelassen. "Ich war kein anderer Mensch geworden, durfte aber plötzlich studieren, weil mein Vater tot war."

Auch Döblers Ehe ist, wie er sagt, an der DDR gescheitert. "Die Behörden haben es fünf Jahre lang nicht geschafft, mir und meiner Frau eine gemeinsame Wohnung zuzuweisen." Am meisten aber stört ihn, dass er in der DDR eingesperrt ist, nicht reisen darf. Peter Döbler liebt das Buch: "Der alte Mann und das Meer" von Ernest Hemingway. Seitdem er die Novelle als Jugendlicher gelesen hat, träumt er davon, wie Hemingways Held, der Fischer Santiago, hinaus aufs Meer zu fahren und einen "Blue Marlin" zu fangen.

Inzwischen ist es stockdunkel. Döbler hat etwa zwölf Kilometer zurückgelegt. Es ist kurz vor Mitternacht. Plötzlich schweifen die Lichtstrahlen der Suchscheinwerfer in Strandnähe übers Wasser. Döbler taucht sofort ab. Er hört die Signale eines Patrouillenbootes. Doch er bleibt ganz ruhig, fürchtet nicht, erwischt zu werden. Ohne Licht - auch das hat der Arzt vor seiner Flucht ausprobiert - sehen die Grenzsoldaten durch ihre Fernstecher auf dem Wasser, das schwarz ist wie die Nacht, nichts. Und selbst wenn die Patrouille im offenen Meer nach ihm fahnden sollte, gliche das der Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Döbler schwimmt weiter. Angst hat er nicht. Dafür sorgen die Appetitzügler, die nicht nur den Hunger in Schach halten, sondern auch seine Laune aufhellen. Alle vier Stunden schluckt der Arzt eine Tablette. Es ist ganz still auf dem Meer. Über Wasser hört Döbler nur das Plätschern seiner gleichmäßigen Schwimmbewegung, die das Plankton in Wallung bringt, so dass es anfängt zu leuchten und Döbler seinen Kompass unter Wasser lesen kann. Unzählige Herden geleeartiger Ohrenquallen kreuzen seinen Weg. Unter Wasser hört Döbler manchmal das Dröhnen einer Schiffsschraube in der Ferne. Ab und an legt sich der Arzt auf den Rücken, lässt sich treiben, um sich auszuruhen. So schwimmt der Flüchtling Stunde um Stunde gen Westen. Die ganze Nacht hindurch.

Als am Morgen langsam die Sonne durchbricht, taucht im Dunst plötzlich etwas Dunkles vor ihm auf. Döbler kann nicht genau erkennen, was es ist. Ein Boot? Vorsichtig schwimmt er näher an das dunkle Objekt heran. Dann erkennt der Arzt die Tonne, die einen Schifffahrtsweg markiert. Nur einen Moment später rauscht eine Fähre heran. Peter Döbler erkennt die westdeutsche Flagge, winkt und ruft. Doch der Koloss fährt an ihm vorbei. Der Arzt schwimmt weiter. Immerhin hat er schon internationales Gewässer erreicht. Jetzt muss er nur noch durchhalten. In den nächsten Stunden sieht er noch mehr Schiffe, die Kurs auf Westdeutschland genommen haben. Doch sie sind alle zu weit weg. Döbler hat es aufgegeben, sich bemerkbar zu machen. Es kostet zu viel Kraft. Entmutigen lässt er sich trotzdem nicht. Er hat sich zwei Jahre lang jeden Abend vor dem Einschlafen vorgestellt, dass er es schaffen wird. Hat sich selbst hypnotisiert, auf Erfolg geeicht. Der Arzt glaubt so fest an das Gelingen seiner Flucht, dass ihn nichts erschüttern kann.

Doch dann durchzuckt ein stechender Schmerz seine Wade. Ein Krampf. Der Arzt spült eine Schmerztablette mit etwas Seewasser herunter, massiert das Bein und streckt es. Der Krampf löst sich. Döbler schwimmt weiter. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel. Gewitterwolken ziehen auf. Blitze zucken kurz darauf übers dunkle Wasser. Regen plätschert. Döbler schwimmt inzwischen mehr als 20 Stunden in der Ostsee. Seine Lippen brennen vom Salzwasser. Er hat Durst. Doch der Arzt schwimmt einfach weiter, taucht unter den Wellen hindurch, damit er nicht vom Kurs abtreibt.

Eine Stunde lang wütet das Gewitter. Plötzlich bricht der Himmel wieder auf, das Gewitter verzieht sich so schnell wie es gekommen ist. Und der Flüchtling glaubt, seinen Augen nicht zu trauen. Als sich das Wetter aufklart, taucht vor ihm - wie eine Fata Morgana - plötzlich die Küste auf. Fehmarn?! Zahllose Boote schwimmen im Wasser. Eine Segelyacht fährt direkt auf ihn zu. Döbler reißt die Arme hoch und schreit. Die Yacht kommt näher, der Skipper beugt sich über die Reling. "Was kann ich für Sie tun", fragt er. "Ich bin aus der DDR geflohen", ruft Döbler, atemlos, mit letzter Kraft. Der Mann sieht ihn verdutzt an, lässt aber sofort die Jakobsleiter herunter. Döbler klettert die Leiter hoch, stolpert an Bord. Seine Beine zittern, er friert, die Schultern schmerzen, und er hat entsetzlichen Durst. Döbler ist 24 Stunden durch die Ostsee geschwommen. Seine Haut ist völlig aufgedunsen und runzelig. Doch er hat es geschafft. Er ist im Westen. "Ich hatte ja nie den leisesten Zweifel daran, dass ich es schaffen würde. Deshalb bin ich auch nicht in Freudentränen ausgebrochen. Aber ich war unendlich froh."

In der Freiheit angekommen

An Bord stürzt Döbler erstmal einen Liter Orangensaft hinunter, spült mit Kaffee nach. Die Skipper, ein Ehepaar aus Fehmarn, schenken dem Flüchtling einen Trainingsanzug, ein paar Turnschuhe und 100 Mark. Sie bringen ihn in Burgtiefe an Land. Mit dem Taxi fährt Döbler zur Polizei. Die Beamten des Bundesgrenzschutzes staunen, als er ihnen seine Geschichte erzählt. Die Beamten wollen ihn ins Krankenhaus bringen. Döbler lehnt ab. "Ich hatte nur unbeschreiblichen Durst. Ansonsten war ich fit, hätte gut noch vier, fünf Stunden weiter schwimmen können."

Döbler ruft seine Cousine in Kiel an. Er hat seine Verwandte noch nie gesehen, kennt sie nur aus Erzählungen. Doch die Cousine erklärt sich sofort bereit, ihn aufzunehmen. "Komm vorbei, bei uns ist genug Platz", sagt sie. Die Polizisten bringen Döbler zum Zug. Als er nach ein paar Stunden in Kiel eintrifft, hat seine Cousine das Gästezimmer hergerichtet. Am nächsten Tag bekommt Döbler Besuch vom Verfassungsschutz. Die Beamten gehen mit ihm einkaufen. "Meine Erstausstattung hat mir der Verfassungsschutz spendiert." Die Verfassungsschützer nehmen Döbler mit nach Lübeck, verhören ihn stundenlang, "in angenehmer Atmosphäre". Als die Beamten ihn zurück nach Kiel bringen, warten vor der Wohnung seiner Cousine schon die Journalisten. "Arzt schwamm 50 Kilometer durch die Ostsee in die Freiheit", titelt die "Bild". Tags darauf steht die Frau eines Autohausbesitzers bei der Cousine vor der Tür, drückt dem Neubürger einen Blumenstrauß in die Hand und stellt ihm leihweise einen BMW zur Verfügung. Auch im Universitätsklinikum Kiel liest man Zeitung. Vier Wochen nach seiner Ankunft findet Döbler dort eine Stelle als Arzt. Er bleibt zunächst in Kiel, zieht dann nach Hamburg, wo er promoviert und sich mit einer Praxis als Urologe niederlässt.

"Ich war der Einsatzleiter, der dich kriegen sollte."

Als 1989 die Mauer fällt, bekommt der Ex-DDR-Bürger nichts davon mit. Er ist auf den Malediven, erholt sich in völliger Abgeschiedenheit, liest keine Zeitungen, sieht kein Fernsehen, geht nicht ans Telefon. Erst auf dem Flughafen erfährt er, was geschehen ist. Die Schlagzeilen sind unübersehbar. "Ich konnte es nicht glauben." Wieder zu Hause in Deutschland, öffnet Döbler eine Flasche Champagner, stößt auf den Mauerfall an. Doch in seine alte Heimat zieht ihn - abgesehen von ein paar Verwandtschaftsbesuchen - nichts mehr.

1994 lässt sich Döbler auf den Kapverdischen Inseln nieder. Er hat seine Praxis verkauft, will noch mal was Neues wagen. Den alten Traum vom "Blue Marlin" hat er noch immer nicht begraben. Döbler kauft sich ein Boot, organisiert Angeltouren für Touristen, mit denen er weit über 1.000 Blue Marlins fängt. Die meisten werden allerdings sofort wieder frei gelassen. Es geht um den Sport, nicht ums Töten. Eines Tages sitzt Döbler bei Sonnenuntergang in einer Bar und kommt mit einem Touristen ins Gespräch, erzählt, dass er aus der DDR geflohen ist. "Wie bist du geflohen", will sein Gegenüber wissen. "Ich bin von Kühlungsborn nach Fehmarn geschwommen." "Ach", entfährt es dem Touristen. "Du musst Peter Döbler sein." Der nickt. "Hast du die Geschichte gelesen?" Der Tourist schüttelt den Kopf. "Gegen 23 Uhr wurde damals in Kühlungsborn vor der Küste Alarm geschlagen. Man hatte Kleidungsstücke im Gebüsch gefunden. Kampfschwimmer und Boote rückten aus. Ich war der Einsatzleiter, der dich kriegen sollte."

Peter Döbler ist vor zwei Jahren mit seiner Frau und dem Sohn nach Hamburg zurückgekehrt. Er arbeitet wieder als Arzt. Zum Weiterlesen: Müller: Über die Ostsee in die Freiheit. Dramatische Fluchtgeschichten, ISBN: 978-376 880 9252 Kölbing & Döbler: Big Marlin. Hochseeangeln in allen Weltmeeren. ISBN: 978-3405132316 (nur noch antiquarisch) Rohrbach, Carmen: Solange ich atme. Meine dramatische Flucht und wie sie mein Leben prägte. ISBN: 978-3890297477