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TV-Kritik

"Maybrit Illner": Mischmasch-Talk im ZDF – ein Gast hat keine Lust mehr auf die immergleichen Themen

Es sollte um Gerechtigkeit gehen bei "Maybrit Illner" im ZDF. Wer sich Lösungsvorschläge erhoffte, war jedoch fehl am Platz. Die Sendung geriet zum ergebnislosen Kuddelmuddel-Talk.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Maybrit Illner und ihre Gäste

Maybrit Illner (Mitte) und ihre Gäste: Markus Feldenkirchen, Linda Teuteberg, Olaf Scholz, Ralph Brinkhaus, Katja Kipping und Dagmar Rosenfeld (v.l.n.r.)

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Alle müssen gefälligst was zu Kevin K. sagen. Währenddessen ist sein Gesicht im Hintergrund riesengroß eingeblendet. Damit wären wir bei der derzeit aktuellen Talkshow-Nötigung, wie wir es beispielsweise vor ein paar Tagen auch bei Anne Will erlebt haben: Kühnert bitte mit Schnappatmung kommentieren. Zig Sendeminuten verstreichen, Wohnungen werden deshalb nicht billiger. Unhaltbare Spannung, die Kartoffelchips verirren sich in der Luftröhre: Dauert das Kopfzerbrechen über Kühnert die gesamten 60 Minuten oder kriegt Maybrit Illner noch die Kurve zu dem Thema dieser Sendung "Zukunft ohne Gerechtigkeit – wofür hat die Regierung noch Geld?".

Aus "Wünsch dir was" wird "Streich mal was"

Die Gäste im Überblick samt ausgewähltem Zitat:

  • Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister: "Die fetten Jahre sind vorbei, aber wir sind gut vorbereitet."
  • Ralph Brinkhaus (CDU), Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion: "Wir müssen das Land zukunftsfest machen, dass wir im Jahr 2030 noch gut unterwegs sind."
  • Katja Kipping (Die Linke) Parteivorsitzende: "Wie wollen die Große Koalition ablösen."
  • Linda Teuteberg (FDP), Generalsekretärin: "Der Soli gehört abgeschafft."
  • Markus Feldenkirchen, "Spiegel“-Autor: "Das Auseinanderdriften von Arm und Reich ist eine Schande für die Gesellschaft."
  • Dagmar Rosenfeld, "Die Welt"-Chefredakteurin: "Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, die Steuern zu senken."

Laut einer neuen Steuerschätzung werden allein dem Bund für die kommenden Jahre um die 70 Milliarden Euro mehr fehlen als man im Herbst angenommen hatte. Eine schwächelnde Konjunktur, die, wie es in der Sendung heißt, aus einem "Wünsch dir was" ein "Streich mal was" macht.

Während bei Germany´s Next Topmodel nur die Kandidatinnen wackeln, sind es hier milliardenteure Projekte. Ist etwa die von der SPD eingebrachte Grundrente gefährdet oder die von CDU/CSU plädierte Abschaffung des Soli? Allein in diesem Jahr sollen bereits zehn Milliarden Euro fehlen. Muss das Angst machen? Wem ja, dem empfiehlt Olaf Scholz den Gang zum Heilpraktiker. In seinen Worten: "Wer vor so was erschreckt, muss Akupunktur machen." Fragt sich nur, welche Globuli gegen knappen und teuren Wohnraum einzunehmen sind. Denn: Lösungen kommen auch aus dieser Runde nicht. 

"Da werden Sie sich nicht einkriegen"

Ralph Brinkhaus hat nicht nur das "Brink" im Namen, sondern verteilt wie einst Schwarzwaldklinik-Kollege Dr. Brinkmann die richtige Pille. Er setzt, metaphorisch gesprochen, auf Sedativa. Sein Slogan: "Raus aus dem Alarmismus." Stattdessen gelte es anzupacken. Wo Wolfgang Petry "Hölle, Hölle, Hölle" brüllt, heißt der Brinkhaus-Schlager: "Zukunft, Zukunft, Zukunft." Er macht gegenüber Illner mehr als deutlich, dass ihn ihre Fragen langweilen, weil gestrig: "Das ist ja wie eine Zeitreise." Er habe nun wirklich keine Lust mehr auf die ewiggleichen Themen: "Die diskutieren wir dauernd in allen deutschen Talkshows." Illner stellt in Aussicht, dass über die Zukunft des Landes noch gesprochen werde. Großer Zweifel bei Brinkhaus, da die Sendung bereits zu zwei Drittel rum ist: "Wir haben aber nicht mehr viel Zeit."

Und tatsächlich kommt dann auch nicht viel mehr in einer Sendung, in der ohnehin wenig kam. Höchstens: ein bisschen was von hier, ein bisschen was von da. Katja Kipping wehrt sich gegen die "DDR-Keule", wenn über Sozialismus geredet wird, der heutzutage freilich nur innerhalb der demokratischen Werteordnung gedacht werden könne.

Scholz macht in der Diskussion um die Steuersätze für Unternehmen noch deutlich, es sei nicht richtig, das weltweite Unternehmensdumping mitzumachen, also kein Senkungswettbewerb um Steuersätze. Zudem verspricht er in Bezug auf die "Respekt-Rente" einen "Vorschlag von Herrn Heil, da werden Sie sich nicht einkriegen". 

"Maybrit Illner": Mischmasch-Talk im ZDF

Linda Teuteberg hofft inständig auf einen Politikwechsel, macht aber deutlich, dass die Bürger nicht auf Steuersenkungen hoffen können, da die Große Koalition nicht die Politik gemacht habe, "die Luft dazu gibt".

Dagmar Rosenfeld plädiert dafür, die "breite Mitte" nicht zu vergessen und weist darauf hin, dass, wenn über Zukunftsinvestitionen geredet wird, immer auch über Bildung geredet wird. Aber: "Wenn man sich Realität anguckt, sinken die Bildungsausgaben."

Markus Feldenkirchen meinte, das Bahnfahren dürfe nicht stärker besteuert werden als das Fliegen. Auf sein "Da könnte man rangehen", reagierte Illner brüsk mit: "Bitte keine Klimadiskussion." Ein Mischmasch-Talk wie dieser hätte allerdings auch das locker verkraftet. 

Die komplette "Maybrit Illner"-Sendung können Sie in der ZDF-Mediathek sehen.

wue