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Kanzlerin und weinendes Mädchen Das sagt ein Experte für Körpersprache zu Merkels Reaktion

Angela Merkels Reaktion auf das weinende Flüchtlingsmädchen Reem wird im Netz mittlerweile hitzig diskutiert.
Angela Merkel im Gespräch mit dem Flüchtlingsmädchen Reem
© Steffen Kugler/Bundesregierung/DPA
Angela Merkels Reaktion auf das weinende Flüchtlingsmädchen Reem wird im Netz mittlerweile hitzig diskutiert. Ulrich Sollmann ist Experte für Körpersprache und nonverbale Kommunikation - er hat sich das Video für den stern genauer angesehen.
Von Beke Detlefsen

Herr Sollmann: Könnte das Merkel-Video aus Rostock zum großen Symbol für die Grausamkeit der Flüchtlingspolitik werden?

Die Bundeskanzlerin kennt den hohen Stellenwert der politischen Kommunikation - und sie hat darin eine bemerkenswerte Souveränität entwickelt. Hier ist es die Mischung, die stimmt. Einerseits erklärt sie dem Mädchen ganz nüchtern, dass Politik auch "manchmal hart" ist. Andererseits berührt sie das Mädchen und wendet sich ihr persönlich zu. Das reflektiert die Position der Mehrheit in unserer Gesellschaft: Sie empfindet mit Flüchtlingen, ist aber gleichzeitig der Meinung, Deutschland könne eben nicht alle aufnehmen. Als Kommunikationsberater von Frau Merkel hätte ich das Video sofort dafür genutzt, um der Diskussion zur Aufnahme von Flüchtlingen eine wichtige weitere Perspektive zu eröffnen. Nämlich, dass es dabei um Politik und persönliche Betroffenheit geht. 

Merkel wirkt bestürzt, als das Mädchen anfängt zu weinen. Was signalisiert ihre Körpersprache in diesem Moment?

Sie unterbricht ihre offizielle Rhetorik, geht auf das Mädchen zu und streichelt es. Ihr Handeln wirkt echt und natürlich. Berührungen, Umarmungen -  das sind Gesten von Betroffenheit. Sie reagiert angemessen in dieser Situation.

 Während dieser Umarmung redet Merkel weiter auf das Mädchen ein und lobt es - weil es ihre Sache so toll vorgetragen habe. Das klingt zynisch. Ist da Merkel etwas außer Kontrolle geraten?

Die Worte sind von Frau Merkel als Kanzlerin gesprochen. Berührt hat sie das Mädchen als Person. Gerade die Überraschung zeigt, dass Frau Merkel nicht kontrolliert war und aus persönlichem Antrieb zu dem Mädchen hingegangen ist. Sie war auf diesen Moment eben wirklich nicht vorbereitet, ihre Reaktion nicht einstudiert. Deswegen wirkt sie etwas tollpatschig, aber menschlich.

Andere Politiker hätten es sich womöglich leicht gemacht, und in dieser Situation der Hilfe versprochen. Merkel hat das nicht getan. Warum?

Richtig, viele Politiker hätten die Situation sogar noch genutzt, um Versprechungen zu machen und sich vorteilhaft zu präsentieren. Die Wirklichkeit hat aber vielfach gezeigt, dass solche Versprechungen später nicht eingehalten wurden. Frau Merkel ist trotz der  Überraschung ihrer Rolle als Bundeskanzlerin treu geblieben. Inhaltlich agiert sie nüchtern und professionell. Das kann aber auch einen ganz simplen Grund haben: Vielleicht ist ihr der Ausweg, einfach ein Versprechen zu machen, in dieser Situation schlicht nicht eingefallen. Vielleicht hat sie es aber im Anschluss an das Gespräch noch gemacht. Wer weiß. 

Ulrich Sollmann arbeitet seit 35 Jahren als Medienexperte für Körpersprache und nonverbale Kommunikation. Er berät und coacht Führungskräfte sowie Politiker und bloggt regelmäßig für den Carl-Auer Verlag, bei dem auch sein aktuelles Buch „Einführung in Körpersprache und nonverbale Kommunikation“ erschienen ist.


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