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Nach Halle und Hanau Deutschland ist das letzte Land, das mit Nazis diskutieren sollte

Zur Person: Ali Can ist Sozialaktivist, Buchautor und Initiator von #MeTwo. Mit #MeTwo hat er auf Diskriminierung und Alltagsrassismus aufmerksam gemacht. Innerhalb weniger Tage haben Tausende teilgenommen und ihre Erfahrungen mit Rassismus geteilt.
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Ein Anschlag wie in Hanau wäre überall auf der Welt eine Schande. In Deutschland ist die Signalwirkung aber noch verheerender. Höchste Zeit, unser Bewusstsein für die historische Schuld wieder zu schärfen, meint unser Autor.

Mein Kumpel Tommy macht gerne Naziwitze, wie so viele seiner amerikanischen Landsleute. Also schrieb er mir gestern, als er die Meldungen aus Hanau gehört hatte: "Ihr wünscht euch in Deutschland wohl die guten, alten Zeiten zurück?!" Das Problem: Diesmal schwang mehr als nur das berühmte Fünkchen Wahrheit in seiner sarkastischen Bemerkung mit. Kurz darauf meldete sich auch Marta aus Barcelona: "Schon wieder? Ich dachte 'Nie wieder'!"

Ich wusste nicht, was ich meinen Freunden antworten sollte. Klar, ein Anschlag wie der in Hanau wäre überall auf der Welt eine Schande, und Deutschland ist nicht das einzige Land, das ein Problem mit rechtem Terror hat. Trotzdem ist die internationale Signalwirkung, die von Halle oder Hanau ausgeht, noch verheerender. 

Trauernder in Hanau
Ein Trauernder in Hanau legt nach dem tödlichen Anschlag in Kesselstadt eine Kerze nieder
© Thomas Lohnes/AFP

Wir haben schon mehr als genug falsch gemacht

Und deshalb ist es höchste Zeit, unser Bewusstsein für die historische Schuld wieder zu schärfen. Wir sind das letzte Land, das sich eine Sehschwäche auf dem rechten Auge leisten darf. Wir sind das letzte Land, das seine Zeit mit Vergleichen zwischen Rechtsextremismus und Linksextremismus verschwenden sollte. Wir sind das letzte Land, das Gefahr und Gefährder unterschätzen darf. Wir sind das letzte Land, das mit Nazis diskutieren sollte.

Und unsere Verantwortung hört nicht gleich hinter Rassismus, Rechtsradikalismus und Antisemitismus auf. Noch weniger als irgendein anderes Land der Welt dürfen wir es uns erlauben, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Diesbezüglich haben wir mit den scheinheiligen Debatten der letzten Jahre schon mehr als genug falsch gemacht.

Die AfD ist nicht die Ursache für rechtsextreme Anschläge. Aber ihre Vertreter tragen mit ihrer diffusen Erzählung von Fremdenfeindlichkeit maßgeblich zur Normalisierung von Hass und Hetze bei und stacheln damit die entsprechende Klientel durchaus zur Gewalt auf. Keine Talkshow muss deshalb so quotengeil sein, dass sie sich das hämische Grinsen einer Alice Weidel in die Runde holt. Wir haben die destruktiven Demagogen lange genug in der Öffentlichkeit zündeln lassen. Jetzt brennt es an allen Ecken und Enden im Land.

Wenn Jörg Meuthen "jede Form politischer Instrumentalisierung dieser schrecklichen Tat" als zynischen Fehlgriff bezeichnet, lacht er uns ins Gesicht wie der Joker, aber solange wir es uns gefallen lassen, werden wir den unseligen Wandel der Gesellschaft nicht aufhalten. Es hat nichts mit Demokratie zu tun, diesen Leuten noch länger zuzuhören. Im Gegenteil.

Noch können wir das bittere Ende verhindern

Jeder von uns muss endlich begreifen, dass er Rassismus nicht ertragen muss. Dass er im Fußballstadion auf den Nazi im Block zeigen muss, wie die Fans in Münster am vergangenen Freitag. Dass er gegen Gewalt auf die Straße gehen muss, wie so viele Tausende am gestrigen Abend. Dass jedes Zeichen gegen Rechtsextremismus ein gutes Zeichen ist, erst recht, wenn es aus Deutschland kommt. 

Ja, wir haben ein Problem mit rechtem Terror. Und ja, noch vor zehn Jahren hätte sich das wohl niemand vorstellen können. Aber heute kann keiner von uns mehr behaupten, er habe es nicht kommen sehen.

Es ist längst zu spät, den Anfängen zu wehren. Aber noch können wir zumindest das bittere Ende verhindern. 


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