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Nachfolger von Roland Koch: Volker Bouffier - noch einer von der Tankstelle

Man nennt ihn "Prince Charles", den "schwarzen Sheriff" oder auch "Kochs Mann fürs Grobe": Volker Bouffier, Innenminister von Hessen. Er soll Nachfolger Roland Kochs werden. Ein Porträt.

Von Lutz Kinkel

Die Opposition rätselte bereits, was mit ihm los sei. Keine feurigen Reden, keine großen Initiativen - landespolitisch hielt sich Roland Koch seit seiner Wiederwahl als hessischer Ministerpräsident merklich zurück. "Die Lustlosigkeit, die Amtsmüdigkeit waren mit Händen zu greifen", sagt SPD-Fraktionsgeschäftsführer Gerd-Uwe Mende zu stern.de. Doch am Donnerstag vergangener Woche griff Koch plötzlich wieder ein. Die Opposition schütte kübelweise Dreck aus, zürnte Koch in einer Debatte des hessischen Landtags. Sie wolle einen seiner Minister persönlich diskreditieren, weil sie ihm politisch nichts vorwerfen könne. "Das ist eine Sauerei!", röhrte Koch. Der Landtagspräsident sah sich genötigt, den Ministerpräsidenten wegen der ungemessenen Wortwahl zu rügen.

Es war sein Freund und Mitstreiter Volker Bouffier, 58, für den sich Koch so entschlossen in die Bresche warf. Innenminister Bouffier hat derzeit einen Untersuchungsausschuss am Hals, es ist bereits sein dritter. Diesmal geht es um den Vorwurf, er habe einen CDU-Günstling aus seiner Heimatstadt Gießen zum Präsidenten der Bereitschaftspolizei befördert. Inzwischen jedoch ist klar, dass diese Landtagsdebatte noch eine ganz andere Dimension hatte. Koch stellte sich demonstrativ vor jenen Mann, den er als seinen Nachfolger auserkoren hatte. Am Dienstagabend, nach Kochs überraschender Rücktrittsankündigung, schlug er Bouffier als neuen Vorsitzenden der hessischen CDU und künftigen Ministerpräsidenten vor. Der Parteivorstand und die Bezirksvorsitzenden folgten ihm einstimmig. Damit ist Bouffier gesetzt. Wer ist der Mann?

Ein Nachmittag bei Bouffiers

Bouffier erzählte dem Autoren Hajo Schumacher für dessen Biografie "Roland Koch. Verehrt und verachtet" (Fischer-Verlag) eine Anekdote, die anschaulich illustriert, wie er und Koch arbeiten. Weil es im hessischen Innenministerium einfach nichts mehr zu tun gab, sei er eines Tages schon um 16 Uhr nachhause gekommen. Sein Sohn habe vor dem Fernseher gelümmelt, der zweite Sohn vor dem Computer, die Tochter sei unterwegs gewesen. Seine Frau, die gerade Rosen im Garten umtopfte, habe ihn verwundert angesehen und weitergewerkelt. Da wurde Bouffier sauer. Warum freut sich niemand, wenn er endlich mal Zeit für die Familie hat? "Wir haben seit Jahren gelernt, uns ohne Dich zu organisieren. Da kannst Du nicht erwarten, dass an einem Nachmittag plötzlich alles anders ist. Was machst Du eigentlich hier?" habe seine Frau gesagt. Bouffier antwortete: "Ich wohne hier." Seine Frau: "Aber nicht um diese Zeit."

Bouffier ist, ebenso wie Koch, ein Workaholic, ein political animal. Sein Leben ist die Politik und umgekehrt. Nun kann er, wenn alles nach Plan läuft, im September in die Wiesbadener Staatskanzlei einziehen. Damit erfüllt sich ein Lebenstraum Bouffiers. Er wartete schon so lange auf diese Chance, dass er spöttisch der "Prince Charles" von Hessen genannt wurde. Dieser Vergleich ist einerseits richtig, weil auch Prince Charles nur König werden kann, wenn es die Queen so will oder aus anderen Gründen aus dem Amt scheidet. Aber der Vergleich hinkt auch: Die Queen ist älter als Charles, es gibt eine natürliche Rangfolge. Koch hingegen ist sechs Jahre jünger als Bouffier und sie haben die Rangfolge ausgekämpft, beginnend in den 70er Jahren, als beide in der Jungen Union waren. Koch erwies sich als der Flinkere und Härtere und errang den Status des "Anführers". Bouffier blieb nur der Platz hinter ihm, der des ewigen Kronprinzen.

Der "schwarze Sheriff"

Dass daraus keine ständigen Spannungen erwuchsen, war Kochs Geschick zu verdanken. Er traf sich Anfang der 80er Jahre mit Bouffier und weiteren Mitstreitern ihrer Generation, darunter Franz Josef Jung, Karin Wolff, Karlheinz Weimar und Jürgen Banzer, immer wieder in einem abgetrennten Raum der Autobahnraststätte Wetterau bei Frankfurt. Dort schlossen sie Frieden, lernten einander zu vertrauen und gemeinsam zu kämpfen. "Wir wollten das Land erobern. Das hielt uns zusammen und trieb uns an", sagte Bouffier zu Schumacher. Der politische Freundeskreis nannte sich "die Tankstelle" - und wurde später das wichtigste personelle Reservoir für Roland Kochs Kabinette. Welche Art von Korpsgeist und die Nibelungentreue die "Tankstelle" entwickelte, zeigte sich bereits 1987. Bouffier fiel bei der Kandidatenaufstellung für den hessischen Landtag durch und wollte sich auf seinen Anwaltsberuf zurückziehen. Koch jedoch intervenierte - und überzeugte seinen eigenen Vater, der Justizminister wurde, Bouffier als Staatssekretär zu berufen. Bouffier war dankbar. Und förderte Koch später ebenso energisch.

Seit 1999 ist Bouffier Innenminister in Hessen. Zwei Mal bekam er wegen seiner Datensammelwut den Big-Brother-Award verliehen, unter anderem, weil er zu Fahndungszwecken die automatische Erfassung von KFZ-Kennzeichen einführte - eine Praxis, die das Bundesverfassungsgericht 2008 untersagte. Ebenso umstritten war, dass Bouffier eine freiwillige Hilfspolizei installierte, Flüchtlinge rigoros abschob oder auch offen für den Polizeichef Partei ergriff, der 2002 dem Entführer des Bankierssohns Jakob von Metzler Folter androhte, um Hinweise auf das Versteck des Opfers zu bekommen. Bouffier wird wegen solcher Aktionen "der schwarze Sheriff" genannt, ein Titel, der vormals am hessischen Bundesinnenminister Manfred Kanther klebte. Auch "Kochs Mann fürs Grobe" ist oft zu hören - wobei auch diese Schmähung teilweise in die Irre führt. Bouffier ist zwar in Sachen Sicherheitspolitik ein Hardliner, wirkt aber wesentlich sympathischer und charmanter als der kühl-analytische Koch. Diese Mischung macht ihn in der stramm konservativen Hessen-CDU beliebt. 2008 wurde er mit 96,3 Prozent als stellvertretender Landesvorsitzender bestätigt - Kochs Ergebnis als Parteichef war schlechter

Das Dilemma der Landespolitik

Die Opposition konnte Bouffier trotz einer Serie von Skandalen - 1999 beriet er als Anwalt zunächst einen Freund und dann dessen Frau, was als "Parteienverrat" gilt und ihn beinahe das Amt kostete - nie wirklich etwas anhaben. Roland Koch hielt seine schützende Hand über ihn, zuletzt am vergangenen Donnerstag. Er schätzt es, dass es Bouffier unter dem Strich gelang, die Kriminalitätsrate in Hessen abzusenken. Auf anderen Politikfeldern sieht es weniger rosig aus: Hessen hat, trotz seiner enormen Wirtschaftskraft, Verbindlichkeiten in Höhe von etwa 60 Milliarden Euro*. Bei den kommenden Landeshaushalten wird Bouffier brutalstmöglich einsparen müssen. Die Opposition nennt ihn schon jetzt höhnisch einen "Konkursverwalter" Kochs.

Unbestreitbar ist, dass Bouffier weder einen Generationenwechsel noch einen Politikwechsel der hessischen CDU symbolisiert - im Gegenteil. Er ist noch einer von der Tankstelle. Ob er Chancen hat, das Spiel bis zur nächsten Landtagswahl in dreieinhalb Jahren zu gewinnen, ist offen. Nach seiner Nominierung am Dienstagabend sagte der überglückliche Bouffier: "Ich freue mich auf die Herausforderung." Was man als Politiker eben so sagt.

*In der ursprünglichen Fassung stand hier das Wort "Schulden" - es handelt sich aber um Verbindlichkeiten, in die Schulden sowie Pensionszusagen etc. miteingerechnet sind. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. Red.

Mitarbeit: Theresa Breuer