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Interview

Elmar Wiesendahl: Parteienforscher erklärt Merkels Rückzug und das SPD-Dilemma: "Wir sind auf dem Weg zu Medium-Parteien"

Bundeskanzlerin Angela Merkel zieht sich Schritt für Schritt aus der Politik zurück. Was das für Union, SPD und AfD bedeutet und wer die besten Chancen auf ihre Nachfolge hat, erklärt Parteienforscher Elmar Wiesendahl im Interview.

Bundeskanzlerin Angela Merkel verlässt nach ihrer Pressekonferenz die Bühne, auf deren Hintergrund CDU-Logos prangen

Welche Folgen der Abgang Angela Merkels von der politischen Bühne nach sich ziehen wird, ist noch nicht ganz abzusehen

AFP

Herr Wiesendahl, was bedeutet Angela Merkels angekündigter Rückzug für die CDU? War es der richtige Schritt?

Ja, der Schritt war überfällig. Die schlechten Wahlergebnisse in Bayern und Hessen haben gezeigt, dass Merkels Strategie ihrer Öffnung der CDU zur rot-grünen Wählerschaft gescheitert ist. Nun braucht die Partei eine Kurskorrektur – und zwar ohne Merkel.

Einige haben ja schon ihren Hut in den Ring geworfen was Merkels Nachfolge im Parteivorsitz angeht. Wer hat Ihrer Meinung nach die besten Chancen?

Das lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Es sind aber bislang vor allem Leute von den Parteiflügeln: Jens Spahn vom konservativen Flügel, Friedrich Merz vom wirtschaftsliberalen. Annegret Kramp-Karrenbauer ist zu eng an Merkel dran, damit sich die Partei unter ihrer Führung wieder verselbstständigen kann. Aber es gibt ja noch einen, der sich noch nicht bekannt hat: Armin Laschet, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

Wie schätzen Sie die Chancen von Friedrich Merz ein? Ist sein Vorteil, dass er in der CDU in den letzten Jahren keine Rolle gespielt hat?

Merz ist zu lange raus. Bei der Wahl zum Parteivorsitzenden hängt es auch immer davon ab, welche Bataillone man hinter sich bringen kann. Außerdem kollidiert seine Kandidatur mit anderen Kandidaten aus dem NRW-Landesverband, der starkes Gewicht hat innerhalb der CDU. Merz wird mit der Unterstützung des wirtschaftsliberalen Flügels einige Stimmen holen. Aber er wird nicht das Rennen machen.

Würden Sie der SPD auch zu einer personellen Erneuerung raten?

Aufgrund der desaströsen Wahlergebnisse in Bayern und Hessen: ja. Nun braucht man eigentlich jemand Neues, der Verantwortung übernimmt. Andererseits hat die SPD schon viele Vorsitzende verschlissen ohne Besserung der Lage. Ich denke, es ist die allerletzte Chance für Andrea Nahles. Wenn sie jetzt nicht klar die Führung übernimmt, ist sie in sechs Monaten nicht mehr SPD-Vorsitzende.

Wäre die CSU ohne Horst Seehofer an der Spitze besser dran?

Ja, auch die CSU braucht Erneuerung. Mit Markus Söder ist das ja zum Teil schon geschehen. Allerdings trägt Söder Mitverantwortung für die Strategie des Polarisierens, die im Wahlkampf danebengegangen ist. Ich denke, man wird Horst Seehofer die alleinige Schuld dafür in die Schuhe schieben. Und wenn Seehofer zurückgetreten ist, füllt Söder – wenn er klug ist – das Vakuum, das Seehofer hinterlässt.

Was bedeutet Merkels angekündigter Abgang für die AfD und alle "Merkel  muss weg!"-Wähler?

Die Fixierung auf Angela Merkel ist wichtig für die AfD. Nun ist Merkel zwar zum Teil zurückgetreten, aber im Grunde gibt es keine neue Lage. Solange Merkel Bundeskanzlerin bleibt, hat die AfD noch ihre Pappfigur. Die AfD braucht Merkel. Aber das Ende von Merkel als Bundeskanzlerin wird nicht das Ende der AfD sein. Die Partei wird sich auf niedrigerem Niveau stabilisieren.

Merkel hat selber gesagt, dass sie in ihrem Rückzug auch eine "Chance für die Volksparteien CDU, CSU und SPD" sieht. Erwarten Sie nun eine Renaissance der Volksparteien? Oder ist das eh eine Kategorie, von der wir uns verabschieden müssen?

Die Ära der Volksparteien ist schon lange dabei. Der Abstieg hat bereits in den 1980er Jahren begonnen, wurde nur durch Merkels Zwischenerfolge kaschiert. Wir erleben eine Erweiterung und eine Ausdifferenzierung der deutschen Parteienlandschaft. Union und SPD haben viel ihrer früheren Integrationskraft verloren. Damit eine Partei auf 30 Prozent kommt, bedarf es heute einer enormen Kraftanstrengung. Wir sind auf dem Weg zu Medium-Parteien - die SPD sogar schon auf dem Weg zur Kleinpartei.

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