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Plädoyer für Große Koalition: Genossen, macht Politik!

Die SPD tut sich schwer, in eine Große Koalition einzuwilligen. Will sie Politik gestalten, hat sie aber keine andere Wahl.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

Dies ist ein Plädoyer für eine Große Koalition. Es ist geschrieben unter dem Eindruck des Bundestagswahlergebnisses und im Bemühen, den dort geäußerten Mehrheitswillen der Deutschen ernst zu nehmen. Es verzichtet an dieser Stelle ausdrücklich auf den Terminus "alternativlos", weil wir aus der jüngeren Vergangenheit ja alle gelernt haben, dass sich dieser Begriff in einer Demokratie eigentlich nicht gehört - bei Lichte besehen und unter Abwägung aller rhetorischen Vorsichtsmaßnahmen fällt deshalb hier die Wahl auf: vernünftig!

Dies ist ein Plädoyer für eine Große Koalition, und es muss sich nicht an die Union richten, die dieses Bündnis insgeheim ohnehin für alternativlos hält. Es richtet sich, bei allem Respekt vor der wundgescheuerten Seele der Genossen, an jene Mitglieder der in ihrem Stolz gekränkten Sozialdemokratischen Partei Deutschland, die in ein paar Wochen vermutlich darüber abstimmen müssen, ob sich die SPD abermals auf ein Zweckbündnis mit Angela Merkel einlassen soll.

Nichts spricht dagegen – außer der gekränkten Eitelkeit, abermals nicht gegen den Regierungsstil Merkels angekommen zu sein. Wer aber das allein zu seiner Handlungsmaxime macht, verhält sich wie ein bockiges Kind. Und er verstößt zumindest gegen solch hehre Sätze wie "Erst das Land, dann die Partei" – Sätze, wie sie früher, als es noch gepasst hat, auch sehr gerne mal von einem Kanzler Gerhard Schröder verwendet worden sind.

Wahlergebnis begreifen

Wer glaubt, dieses Land werde unter Merkel nur rückwärtsgewandt verwaltet, hat das Wahlergebnis nicht begriffen. Es war auch Ausdruck einer mehrheitlichen Zufriedenheit mit der Lage in diesem Land. Drei Viertel der Bundesbürger schätzen sie als gut ein, ebenso viele beziehen das auf ihre persönlichen Lebensumstände.

Welche Koalition wollen Sie?

Wer in dieser Situation so tut, als könne nur ein radikaler Machtwechsel das Land von einem vermeintlich fürchterlichen Irrweg abhalten, hat den politischen Gestaltungsanspruch innerlich eigentlich schon längst aufgegeben. Er hebt aus Selbstschutz vermeintlich unüberbrückbare Gräben aus. Das ist, mit Verlaub, albern. Man kann einer Kanzlerin im Wahlkampf nicht vorwerfen, die eigenen Ideen für eine gerechtere Gesellschaft plagiiert zu haben und nun so tun, als müsse man mit einer Partei koalieren, die, um es mal überspitzt auszudrücken, ernsthaft erwäge, demnächst mal wieder in Polen einzumarschieren.

Erst das Land, dann die Partei? Das darf nicht nur ein Lippenbekenntnis sein. Und es wäre noch schöner, wenn dieser Gedanke nicht erst nach wochenlanger, zermürbender Taktiererei als Gnade der späten Vernunft um die Ecke biege würde. Der Einstieg der SPD in eine Große Koalition eröffnet die Möglichkeit, Politik zu gestalten. Die Verweigerung dieses Bündnisses wäre ein demokratisches Armutszeugnis.

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