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Pressestimmen

Doppelspitze Söder/Seehofer: CSU-Machtkampf beendet: "Eine Partei der Verlierer"

Horst Seehofer macht am Ende eines schmutzigen Machtkampfes Platz für seinen Dauerrivalen Söder. Dessen Kür zum Ministerpräsidenten in spe befriedet erst einmal die erhitzten Gemüter - wird in den Medien aber heftig diskutiert.

CSU: Markus Söder und Horst Seehofer

Händedruck der Rivalen: Markus Söder und Horst Seehofer in der Zentrale der CSU in München

Die CSU will mit einer Doppelspitze aus und Horst Seehofer ins Landtagswahljahr 2018 gehen. Der bisherige Finanzminister Söder (50) soll Seehofer spätestens im Frühjahr als Ministerpräsident in Bayern ablösen und die CSU dann im Herbst in die Landtagswahl führen. Seehofer will auf dem CSU-Parteitag im Dezember erneut für den Parteivorsitz kandidieren. Denkbar ist, dass er im Falle einer Regierungsbildung in Berlin ins Bundeskabinett wechselt.

Knapp zehn Wochen nach der Pleite bei der Bundestagswahl beendet die krisengeschüttelte CSU damit einen erbitterten Machtkampf. "Das Werk ist getan", sagte am Montag nach einer knapp dreistündigen Sitzung des Parteivorstands. Auf dem Parteitag in Nürnberg darf der 68-Jährige dank des Kompromisses nun auf ein gutes Ergebnis hoffen, obwohl er in diesem Jahr das mit 38,8 Prozent schlechteste Ergebnis der CSU bei Bundestagswahlen überhaupt verantworten musste.

"Die CSU ist in einer Abwärtsbewegung"

Die Pressestimmen zum -Machtkampf: 

"Der Tagesspiegel": "Markus Söder wird versuchen, der AfD in das Wasser abzugraben. Das mag eine Chance sein. Doch wie reagieren CSUler, die anderswo CDU wählen würden, auf einen Rechtsruck? Wie diejenigen, denen es ums Soziale geht, ums Christliche, den Erhalt der Schöpfung? Seehofer war und ist, bei aller populistischen Wendigkeit, im Herzen Sozialpolitiker. Söder ist nur Söder. Einer, dem es weniger um Inhalte geht als ums Hochkommen, den Machterhalt, das eigene Ego. Vor allem: Söder kann sich noch so maskieren und zurücknehmen, den gütigen Landesvater nimmt ihm keiner ab. Er kann aus seiner Not nur eine Tugend machen - und auch als Regierender den Dynamiker geben. Mit der paradoxen Botschaft, dass es in Zeiten wie diesen einen solchen braucht, damit alles bleibt, wie es ist. Für die Bürger. Und für die CSU."

"Berliner Zeitung": "Immer weiter ist die CSU gesunken und jetzt hat sie Markus Söder. (...) Horst Seehofer hat nach langem Sträuben den Widerstand aufgegeben. Söder soll es nun richten, die CSU fügt sich seinen Ellbogen. .. Eine zerrüttete Partei zieht sich da nun zurück zur Vorbereitung der Landtagswahl, es ist eine Partei der Verlierer, gefangen in der Hybris jahrzehntelanger Wahlerfolge. ... Die CSU ist in einer Abwärtsbewegung, jeder Umfragewert war ein neues Tief in den vergangenen Monaten, die die gewohnte absolute Mehrheit in Bayern in immer weitere Ferne rückt. Hausgemachte Unglaubwürdigkeit verflüchtigt sich nicht mal eben."

CSU: "Der erste Verlierer ist Horst Seehofer"

"Frankfurter Rundschau": "Eine zerrüttete Partei zieht sich da nun zurück zur Vorbereitung der Landtagswahl, es ist eine Partei der Verlierer, gefangen in der Hybris jahrzehntelanger Wahlerfolge. Der erste Verlierer ist Horst Seehofer. Er kommt aus dieser Geschichte nur auf den ersten Blick einigermaßen gut heraus. Er gehe aus eigenem Antrieb, behauptet Seehofer. Tatsächlich ist er mit seiner Rückzugsankündigung nur der Landtagsfraktion zuvorgekommen, die am Montag auf jeden Fall ihren Lieblingsspitzenkandidaten gekürt hätte. Seehofer hat auch sonst auf voller Linie verloren: Er hat mit seinem Endlos-Streit mit Angela Merkel das schlechte Unions-Wahlergebnis mitverschuldet. Jahrelang hat er außerdem versucht, Söders Aufstieg zu verhindern, den er als zu intrigant, zu ichbezogen, zu machtbesessen hielt für das Ministerpräsidentenamt. Und nun wird es wer? Genau."

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Dazu gehört auch Vertrauen; und genau daran hapert es in der CSU. Ihr Kriegsbeil haben der designierte bayerische Ministerpräsident Markus Söder und sein Vorgänger Horst Seehofer begraben. Für den Moment. Aber seit Jahren ist die politische Feindschaft der beiden legendär. Kaum etwas ließ Seehofer unversucht, um den ungeliebten Konkurrenten aufzuhalten. Schmutzeleien und Charakterschwäche warf er Söder vor und jetzt preist er den Rivalen eifrig an. Welcher Wähler soll das glauben? Es ist sehr zu bezweifeln, dass die beiden Streithähne vertrauensvoll zusammenarbeiten können. Genau das müssen sie als neue Doppelspitze aber hinkriegen."

Markus Söder: "Bei Journalisten beliebt wie Trump"

"Die Welt": "Markus Söder ist bei Journalisten in etwa so beliebt wie Donald Trump oder Matthias Sammer. Dass er nun Ministerpräsident wird, inspiriert zu publizistischen Wutanfällen. Söder wird dies wie stets eher amüsiert zur Kenntnis nehmen. (...) Die Kanzlerin wird bei den GroKo-Gesprächen registrieren, dass sich die Gewichte in der CSU verschoben haben. In Sachen Obergrenze und Familiennachzug wird Söder seine Partei zu einem klaren Kurs drängen, aber auch bei Turbosteuerträumen der Sozialdemokraten wird die CSU viel den Kopf schütteln. Söder wird im Zweifelsfall rücksichtslos Bayern First denken. Und im Praxistest den Bauplan für eine bürgerliche Partei rechts der CDU mitentwickeln."

"Kölner Stadt-Anzeiger": "Über Nacht ist angeblich Frieden eingekehrt in einer Partei, in der sich die Fraktionen hinter den Kulissen gerade noch aufs Übelste bekämpft haben. Mit Schrammen und blauen Augen schleppen sich die Protagonisten auf die Bühne und lesen dort den Text vom "Aufbruch der Partei" von ihrem Zettel. Der künftige König Markus hat schnell noch Zwille und Messer im Anzug verstaut und spricht nun sanft von Anstand und Respekt. Das Publikum müsste lachen. Es applaudiert schon aus reiner Erschöpfung, weil das Stück endlich vorbei ist."

tim / DPA