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Schwarz-Grüne Koalition in Hessen: Es regiert: Joschka II

Tarek Al-Wazir wagt Deutschlands größtes politisches Abenteuer: Schwarz-Grün - ausgerechnet in Hessen. Damit könnte er Geschichte schreiben, wie einst sein grüner Übervater Joschka Fischer.

Von Tilman Gerwien

Bloß keine großen Gefühle jetzt, den Ball schön flach halten. Als Tarek Al-Wazir in einem Radio-Interview gefragt wird, ob es für ihn ein "historischer Moment" gewesen sei, als er den schwarz-grünen Koalitionsvertrag unterschrieb, antwortet er trocken: "Vielleicht war es 'n historischer Moment. Ich hab mich in dem Moment nicht so gefühlt, sondern ich hab versucht, einfach nur meinen Namen unter einen Vertrag zu setzen."

In Wahrheit ist das, was Tarek Al-Wazir gerade versucht, ein großes Abenteuer: Ausgerechnet in Hessen, dieser politischen Kampfzone, dem Land der Häuserschlachten und Startbahn-West-Proteste, dem Land von Dregger, Kanther, Koch, wagt Tarek Al-Wazir eine Koalition mit dem Erzfeind von einst: mit Volker Bouffier und dessen tiefschwarzer CDU. In gut einer Woche soll die neue Regierung im Landtag gewählt werden, zwei Tage später Tarek Al- Wazir sein Amt übernehmen: stellvertretender Regierungschef, Minister für Wirtschaft und Verkehr, zuständig damit auch für den Flughafen Frankfurt. Ausgerechnet.

"Nicht mal im Traum" hätte er gedacht, dass es so weit kommen könnte, sagt er. Es war ein sehr, sehr weiter Weg für Tarek Mohamed Al-Wazir, den Sohn eines jemenitischen Diplomaten und Geschäftsmanns und einer deutschen Lehrerin. Noch als junger Abgeordneter erlebte er, wie sich in der Schlange der Landtagskantine ein CDUMann von hinten näherte und zu ihm herüberzischte: "Na, Al-Wazir, wenn die Moslems die Macht übernehmen, legst du doch ein gutes Wort für mich ein, oder?"

Die Verletzungen von einst sind nicht vergessen - aber die Chancen von heute zu verlockend. Al-Wazir hat einen guten Riecher dafür. Nach der Landtagswahl im September 2013 scherzte er in einer Fraktionssitzung: "Wahrscheinlich kommt gleich ein Bote rein mit einem Gesprächsangebot von Volker Bouffier." Sekunden später öffnete sich die Tür. Ein Bote kam rein - mit dem Gesprächsangebot von Bouffier. Großes Gelächter und Gegröle.

Hessen als Politlabor

Al-Wazir aber griff kurz danach zum Handy und schickte eine SMS an Joschka Fischer mit der Bitte um Rat: Sollten sich die Grünen wirklich auf Koalitionsverhandlungen mit Bouffier einlassen? 30 Sekunden später der Rückruf. Fischer empfahl dringend, das Angebot anzunehmen - und schickte noch eine SMS hinterher: "Nur Mut, du packst das."

Die Parallelen sind offensichtlich. Fischer hat einst unter großen Qualen Hessens Grüne in die erste Landesregierung mit der SPD geführt. Rot-Grün in Hessen 1985 war das Pionier- und Modellprojekt für Rot- Grün im Bund 1998 mit Gerhard Schröder als Kanzler und Fischer als Außenminister. Jetzt könnte Tarek Al-Wazir mit der ersten schwarzgrünen Regierung in einem großen Bundesland den Weg bereiten für die erste schwarz-grüne Bundesregierung, vielleicht schon 2017. Wieder ist Hessen das Politlabor. Und Al-Wazir: Joschka der Zweite.

Zu Tode gesiegt

Er sitzt jetzt in seinem Büro im Wiesbadener Landtag, ein drahtiger Mann, sehr schlank, hellwache, neugierige Augen hinter runder Brille. Der neue Joschka, Politlabor - er will von alldem nichts wissen. "Ich würde das nicht überhöhen. Was wir machen, ist kein schwarz-grünes Projekt, sondern ein Zweckbündnis auf Zeit." Auch sein Verhältnis zu Fischer ist nüchtern: andere Zeit, andere Generation, anderer Typ. Als Fischer 1985 in Turnschuhen als Umweltminister vereidigt wurde, war Al-Wazir 14 Jahre alt.

Dann erläutert er sein Kalkül. Vier Anläufe als grüner Spitzenkandidat in Hessen - aber jedes Mal keine Mehrheit für Rot-Grün, trotz guter grüner Ergebnisse. Die Linkspartei: letztlich nicht regierungsfähig. "Was also ist die Alternative?", fragt Al- Wazir. "Ganz einfach", sagt er. Und gibt die Antwort gleich selbst. Von der Oppositionsbank zugucken, wie eine Große Koalition das Land regiert, vielleicht für den Rest seines politischen Lebens. Oder eben: ein Bündnis mit den Schwarzen. Er ist erst 43 Jahre alt. Aber auch mit 43 kann ein Politiker das Gefühl haben, sich zu Tode zu siegen.

Also: jetzt springen. Jetzt oder nie.

Sozialisation am Flughafen

Die Absturzgefahren sind immens. Überall in der hessischen Kampfzone lauert auch heute der Vorwurf des Verrats, sobald einer es wagt, die Schützengräben von einst zu verlassen. Al-Wazirs Mutter Gerhild, 74 Jahre alt, Grünen-Mitglied und Attac- Aktivistin, seufzte, als ihr der Sohn von seinen Annäherungsversuchen zur CDU berichtete: "Muss das denn sein?" Wenig später meldete sie sich auf einer Parteiversammlung zu Wort: "Fast alle Bekannten, die ich habe, sagen: Die Grünen wähle ich nicht wieder."

Die Mutter tummelte sich schon in jungen Jahren im Alternativmilieu. Oft nahm sie den kleinen Tarek mit zum Frankfurter Flughafen, wo Protestierer gegen die Startbahn West ein Hüttendorf errichtet hatten. Noch heute erinnert sich Al-Wazir: an die Kälte in den selbst gebastelten Bretterverschlägen, an die ungeheure Brutalität, mit der Startbahn-Gegner und Polizisten aufeinander losgingen.

Gut drei Jahrzehnte später soll er als grüner Minister den Fluglärm eindämmen - aber eben auch darauf achten, dass Europas drittgrößter Airport in der Wohlstandsregion Rhein-Main weiter funktioniert. Eine Zerreißprobe zwischen Mutter und Sohn - und eine Geschichte wie aus einem politischen Roman.

Verhandlungen mit alten Feinden

Solche Geschichten gibt es viele in Hessen, überall verknoten sich die Biografien. In den Koalitionsverhandlungen saß Al-Wazir auch Christean Wagner gegenüber, Anführer der Konservativen in der ohnehin schon konservativen Hessen- CDU. Wagner wollte einst als Kultusminister per Erlass das Auswendiglernen der bundesdeutschen Nationalhymne zum Pflichtstoff an allen hessischen Schulen machen. Dagegen formierte sich massiver Widerstand, vorn mit dabei ein junger Gymnasiast: Tarek Al-Wazir. "Wagner verkörpert viel, was ich nicht denke", sagt er heute. "Umgekehrt gilt das sicher auch." Trotzdem hat er mit Wagner verhandelt.

Al-Wazir hat sich, wohl auch zum Selbstschutz, einen gewissen inneren Abstand zugelegt, um die hessischen Verhältnisse zu ertragen. Manchmal blickt er mit einem Schuss Ironie auf diese seltsame politische Landschaft, die immer wieder ein spezielles Figurenpanorama hervorbringt, vom schneidigen Wehrmachtsoffizier Alfred Dregger bis zum SPD-Genossen Holger Börner, der linke Randalierer einst mit der "Dachlatte" zur Räson bringen wollte, vom kalten Technokraten Roland Koch bis zum Skat spielenden Gemütsmenschen Volker Bouffier.

Zwei Wochen König des Jemens

Sein eigenes Leben hat Al-Wazir gegen all das bis zu einem gewissen Grad immunisiert. Al-Wazir wuchs in Offenbach auf, seine Eltern trennten sich früh, der Vater ging zurück in den Jemen. Mit 14 folgte er dem Vater, auf der Suche nach eigenen Wurzeln. Er wurde in eine einflussreiche jemenitische Großfamilie aufgenommen: Der Großonkel war Jahre zuvor sogar König des Jemen gewesen, allerdings nur für zwei Wochen, dann wurde er enthauptet.

Zwei Jahre blieb Tarek, er besuchte die internationale Schule in Sanaa, im Familienclan lernte der Junge aus dem Offenbacher Alternativmilieu, was ein stolzer Jemenite lernen muss: Schießen und Autofahren. Er trug das landestypische lange Gewand in Weiß, dazu am Gürtel den Dschambia, einen Krummdolch. Aber es war für ihn keine einfache Zeit. "Man ist im Jemen immer Teil der Familie, man ist nie man selbst. Vielleicht war ich schon zu lange in Deutschland gewesen, um mich eingliedern zu können." Mit 16 entschied er sich zur Rückkehr nach Deutschland.

Alte Verwundungen

Sein politischer Aufstieg begann. Nicht der eines Senkrechtstarters, sondern eines zähen Durchbeißers: Parteieintritt, Chef der grünen Jugend Hessen, Stadtverordneter in Offenbach, Landtagsmandat, Fraktionschef, Landesvorsitzender.

Schon als kleiner Junge hatte er erleben müssen, dass der deutsche Großvater, bis zuletzt ein eingefleischter Nazi, das Enkelkind mit den arabischen Wurzeln nicht in sein Haus lassen wollte. Das tat weh, aber was noch mehr wehtat, war, dass solche Erlebnisse, die er als Ausgrenzung und Zurückweisung empfand, auch in der Politik nicht endeten. Die Unterschriftensammlung der Hessen-CDU 1999 gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Der Zwischenruf eines CDU-Abgeordneten 2000 im Landtag, hinein in eine Rede von Al-Wazir: "Ein Student aus Sanaa!", einige wollen gehört haben: "Geh zurück nach Sanaa!" Der Slogan, den Koch mit betont arglosem Gesichtsausdruck 2008 plakatieren ließ: "Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!"

Al-Wazir ist bis heute überzeugt davon, dass Koch dieses Plakat nie hätte drucken lassen, wenn er nicht den arabischen Nachnamen seines Vaters, sondern den deutschen Mädchennamen seiner Mutter tragen würde: Knirsch. "Knirsch klingt längst nicht so schön nach ausländischer Gefahr, oder?"

Trotz alledem - Al-Wazir springt in das Abenteuer mit der CDU. Zwei Stunden sprachen er und Bouffier zu Beginn der Verhandlungen über die alten Verwundungen. Irgendwann sagte Bouffier, er wolle die Gespräche unter das Motto stellen: "Der andere könnte recht haben." Das war der Moment, in dem Al-Wazir aufhorchte. Der andere könnte recht haben - so was hatte man in Hessen bisher nicht gehört, von niemandem. Die CDU schien es wirklich ernst zu meinen.

Riskante Ehe

Als politische Überlebensversicherung hat der Grüne jetzt den Koalitionsvertrag: Mehr Lärmschutz am Flughafen, Verdoppelung des Anteils regenerativer Energien bis 2019, Nachmittagsbetreuung an Schulen, sogar die Interessen von "Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen" haben es in das Vertragswerk geschafft.

"Wir gehen ganz klar das höhere politische Risiko als Bouffier ein", sagt Al-Wazir. Die CDU sei vor allem eine Machtmaschine, das Regieren ein Wert an sich. Die Grünen dagegen seien immer noch eine "Identitätspartei" mit großen Erwartungen. Mit dem Vorwurf, die grüne Identität für seinen Ministerposten verschachert zu haben, wird er künftig leben müssen: "Ich ahne, was da jetzt kommt." Auch das kann er sich von Joschka erzählen lassen.

Ein seltsames Paar

Viel wird davon abhängen, ob die Zweckbeziehung mit Bouffier funktioniert. Ein seltsames Paar: Neben dem jovialen Ministerpräsidenten, einem massigen Mann, der mit dröhnender Stimme gern gemütliche Duz-Atmosphäre verbreitet, wirkt der stets etwas zappelige Al-Wazir wie der neunmalkluge Sohn, der vom Patriarchen für die große Politik adoptiert wurde.

Beide tragen viel politisches Leben im Gepäck. Auch Bouffier, dem linke Aktivisten einst, als er noch in der Jungen Union war, die Reifen seines R4 aufschlitzten.

"Bouffier und ich standen auf unterschiedlichen Seiten der Barrikade, 15 Jahre lang", sagt Tarek Al-Wazir. Dann lächelt er listig. Und fügt hinzu: "Aber immerhin war es dieselbe Barrikade."

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