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Rückzug als SPD-Chef: Warum Außenminister sein und "Zeit für die Familie" für Gabriel kein Widerspruch ist

Sigmar Gabriels Verzicht auf die Kanzlerkandidatur hat dem scheidenden SPD-Chef Respekt eingebracht. Eine Frage aber drängt sich auf: Mehr Zeit für die Familie haben zu wollen und dann das Außenministerium zu übernehmen - wie soll das zusammenpassen?

Sigmar Gabriel - Hat er als Außenminister künftig mehr Zeit für seine Familie?

Sigmar Gabriel - Hat er als Außenminister künftig wirklich mehr Zeit für seine Familie?

Die Nachricht des stern, dass Sigmar Gabriel auf die Kanzlerkandidatur verzichtet, erschütterte am Dienstag gerade das politische Berlin, da folgte auch schon der erste Spott: "Sigmar Gabriel ist vermutlich global der erste Politiker, der Außenminister wird, um seine Familie häufiger zu sehen", lautete nur einer von vielen Tweets mit ähnlicher Schlagrichtung. In der Tat: Während sein Verzicht auf Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz zugunsten des neuen Hoffnungsträgers Martin Schulz Gabriel vor allem Respekt eingebracht hat, passt sein Wechsel an die Spitze des Auswärtigen Amts auf den ersten Blick nicht ins Bild. Vor allem, da er im stern neben politischen auch private Gründe für seinen Rückzug ins Feld führt.

"Es gibt kaum jemanden in der SPD, der mehr internationale Erfahrung hat", beantwortete Gabriel die drängende Frage nach der gemeinsamen Stellungahme mit Schulz im Willy-Brandt-Haus am Dienstagabend. Und: "Außerdem wird Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident, sonst wäre er es geblieben."


Ein "Zückerchen" für Sigmar Gabriel

Alles also nur aus praktischen Erwägungen? Auch ohne Gabriels Entscheidung hätte es schon bald Veränderungen geben müssen. Der Nachfolger von Joachim Gauck wird bereits in wenigen Tagen, am 12. Februar, gewählt. Dass Außenminister Steinmeier durch die Bundesversammlung zum neuen Bundespräsidenten gewählt wird, gilt als sicher. Die einfachste Lösung wäre gewesen, den erfahrenen Europapolitiker Martin Schulz für den Rest der Wahlperiode zum Außenminister zu machen. Doch das hätte ihn für eine kurze Rest-Amtszeit unnötig in einem neuen Amt gebunden.

So gesehen hält Gabriel mit seinem Wechsel ins Auswärtige Amt dem neuen Hoffnungsträger der Sozialdemokratie den Rücken für den Wahlkampf frei. Zudem steht mit der Parlamentarischen Staatssekretärin Brigitte Zypries im Wirtschaftsressort eine Politikerin bereit, die Erfahrung als Bundesministerin hat und daher sofort übernehmen kann, was in Steinmeiers Haus in der Form nicht der Fall ist. Dass die Übernahme des mit hohem Prestige ausgestatteten Amts des Außenministers inmitten seines großen Rückzugs noch ein "Zückerchen" für Gabriel ist, dürfte klar sein. Eine "spannende und große Aufgabe" sei das, sagt er im stern.

Bisher drei Vollzeitjobs

Eine Aufgabe, die zu übernehmen mit Blick auf die eigene Familie allerdings nur Sinn macht, wenn es bei den restlichen Monaten bis zur Wahl im September bleibt. Mehr Zeit für Frau und Kinder zu haben, wäre so gesehen lediglich ein letztes Mal aufgeschoben. Und wenn Gabriel im stern die (zu?) einfache Rechnung aufmacht, dass er als Parteichef, Minister und Vize-Kanzler derzeit drei Vollzeitjobs habe und dies sich nun ändern werde, dann kann die Übernahme des Auswärtigen Amts bis zum September und der Wunsch nach mehr Zeit für die Familie zusammenpassen.

"Heute bin ich ein glücklicher Mensch", beteuert Gabriel im stern-Gespräch. "Ob ich es wäre, wenn ich meine Familie noch weniger sehen würde als jetzt schon, weiß ich nicht." Es wird ganz wesentlich davon abhängen, welche Rolle der Polit-Junkie Sigmar Gabriel für sich nach der Bundestagswahl sieht.



dho / dho