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Streit um Stuttgart 21: Parkschützer in Lauerstellung

Die Bahn baut wieder in Stuttgart - doch kaum jemand demonstriert. Die Gegner sind ermattet, sie streiten ein bisschen und hoffen, dass der Protest doch wieder aufflammt.

Von Anna Hunger, Stuttgart

"Die wird nichts mehr", sagt Bruno Baumann und zeigt auf eine junge Hainbuche, die die Äste hängen lässt. Es ist der Widerstandsbaum, den der Schauspieler Walter Sittler als Symbol für den Protest gepflanzt hat. Der Baum verkümmert.

Baumann ist Gärtner in der Wilhelma, dem Stuttgarter Zoo. Er trägt einen Strohhut voller kleiner "Oben bleiben"- Anstecker, er war dabei, als Bauarbeiter im vergangenen Jahr Äste und Stämme zu Sägespänen häckselten. Und er war entsetzt. Seitdem bietet er Baumführungen im Schlossgarten an. Die Hainbuche hat er auf seinem Baumführungsplan mit einer 1 gekennzeichnet. Irgendjemand hat sie angesägt und bis ins Mark verletzt - "Sägeanschlag" nennt es Bruno. Das Widerstandssymbol lässt die Zweige hängen, es wirkt kraftlos. So wie der Widerstand zurzeit.

Die Bahn rasselt leise mit den Säbeln

Zur Sitzblockade gegen den Weiterbau am Grundwassermanagement, einem Areal hinterm Bahnhof, kamen am vergangenen Dienstag nicht Tausende, wie erhofft, sondern nur noch dreihundert Teilnehmer. Die große Protestwelle blieb aus. Die Montagsdemos sind ohnehin zur ermüdenden Gewohnheit geworden. Am heutigen Montagmorgen sind es gerade einmal 150 Hartnäckige, die sich am Bauzaun postiert haben und das Gelände zu blockieren versuchen. Die Polizei hat kein Problem, die "Blockade" zu räumen, lediglich acht Demonstranten muss sie wegtragen.

Es passiert allerdings auch nicht sonderlich Aufregendes hinter dem Bauzaun in diesen Tagen. Die Bahn liefert Rohre für das Grundwassermanagement und sucht den Südflügel des Stuttgarter Bahnhofs nach Fledermäusen ab. Das ist kein "Fakten schaffen", das Hunderttausende auf die Straße treibt, sondern ein leises Säbelrasseln des Unternehmens, das Massenproteste wie im vergangenen Jahr unbedingt vermeiden möchte. Eine erneute Protestwelle aufgrund von Bauarbeiten wäre schlechte Publicity für die Deutsche Bahn AG. Zumal die Ergebnisse des Stresstests, der in der Schlichtung beschlossenen Zulassungsprüfung für den Tiefbahnhof, noch nicht vorliegen. Erst, wenn die für die Bahn positiv ausfallen, darf sie anfangen, Tunnel zu graben. Am 14. Juli soll Schlichter Heiner Geißler das Testergebnis vorstellen.

Erst dann wird die breite Masse, die sich momentan wieder auf Familie, Arbeit und Freizeit konzentriert, wieder auf die Straße gehen, weil Dauerprotest für viele nicht leistbar ist. Zudem hat sich der schlagkräftigste und größte Teil des Protests, das Aktionsbündnis, in den vergangenen Monaten zur Klausur zurückgezogen.

Führungswechsel beim "Aktionsbündnis"

Während die Bahn versucht, möglichst unauffällig weiterzuwerkeln, sortiert sich das Bündnis neu. Kurz nach der Landtagswahl hatte Gangolf Stocker, Stadtrat des parteifreien Bündnisses "Stuttgart Ökonomisch Sozial" (SÖS) und der bekannteste Kopf des Widerstands, seine Rolle als Sprecher des Bündnisses aufgegeben. Unter anderem, weil "das ständige Mitredenwollen" von allen die Entscheidungsfähigkeit erstickte, wie er sagt. "Alle haben immer die Finger in die Luft gestreckt, alle wollten immer auch mal was dazu sagen", kritisiert Stocker. Das Bündnis lähme sich auf diese Weise selbst, es sei zu einem "lahmen Haufen" verkommen.

Das sollen nun zwei neue Köpfe an der Spitze richten: Hannes Rockenbauch, Fraktionsvorsitzender der SÖS und enthusiastischer Jungpolitiker, und Brigitte Dahlbender, die Landesvorsitzende des BUND. Die, sagt man, habe die Kraft, die Reingrätscher zu bändigen. "Wir wollen wieder schlagkräftig werden nach außen", sagt sie auf einer Pressekonferenz.

Rockenbauch ist einer, "der gerne überall mitmischt", meint zumindest Parteikollegen Stocker. Und dank seiner verbindlichen Art mit vielen gut kann. Das könnte das angekratzte Verhältnis zu den Parkschützern wieder stärken. Die sind offiziell zwar auch Teil des Aktionsbündnisses, hatten sich aber unter Gangolf Stocker zur Gegenbewegung innerhalb des Protests etabliert. Stocker passte deren Spontaneität nicht. Während das Aktionsbündnis jeden Montag gesittet durch die Stadt marschiert, ruft der nimmermüde Parkschützer Matthias von Herrmann zu Sitzblockadetrainings auf und schreibt Pressemeldungen direkt von der Blockadefront. Die Parkschützer sind die Guerillagruppe im Widerstand - aktivistisch, unberechenbar, die Hummeln im Hintern eines eher gemäßigten Protests. Matthias von Herrmann sei ein "Hochstapler", hatte Gangolf Stocker kurz vor seinem Rücktritt verlauten lassen. Einer, der sich selbst zum Pressesprecher gekrönt habe. Von Herrmann schoss zurück: Stocker sei neidisch, weil er es eben auch an die Spitze geschafft habe. Der Keil sitzt tief zwischen den beiden Kontrahenten, die eigentlich dasselbe wollen.

Vor zwei Wochen gab es ein eher versöhnliches "Koordinierungstreffen" mit von Herrmann und den beiden neuen Bündnissprechern.

"Der Widerstand ist ungebrochen"

Die Parkschützer machen momentan, was sie immer tun. Sie sitzen. "Der Widerstand ist ungebrochen", sagt Matthias von Herrmann. Ganz richtig ist das nicht. Mittlerweile kommt nur noch der harte Kern zu den Aktionen rund um den Bahnhof. Was zum einen daran liegt, dass auch viele Parkschützer zur Alltagsroutine zurückgekehrt sind. Und zum anderen vielleicht auch ein bisschen an der Uhrzeit - wer steht schon freiwillig frühmorgens auf, um gegen halb sechs am Bahnhof zu sein, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.

Ob sich tatsächlich wieder so viele Menschen auf den Straßen versammeln werden wie im vergangenen Jahr, ist offen. Relativ sicher aber ist, dass sich viele Stuttgarter nur vorübergehend zurückgezogen haben; beruhigt durch die Schlichtung, den Regierungswechsel und den Baustopp. Aber die S-21-Gegner sind in Habachtstellung. Immer noch tragen sie Buttons an Jackenaufschlägen und am Heck ihrer Autos - oder an der Hutkrempe wie Bruno Baumann. Seine Führungen sind mittlerweile schon fast legendär, auch wenn manchmal nur zwei Besucher mit ihm durch den Schlossgarten wandern. "Macht nichts", sagt er. Ihm reiche es schon, wenn er nur einen einzigen Besucher für seine Bäume begeistern könne.

Nach eineinhalb Stunden Baumführung steht Baumann an diesem Tag wieder vor der Widerstandsbuche. Letztens hat er einen Verband um die Wunde im Stamm gebunden. Große Ameisen krabbeln unter dem beigen Tuch hervor. "Der ist so gut wie tot", sagt der Gärtner. Man könne ihn absägen, unten am Stamm, dann würde er wieder aufblühen und wachsen. Hainbuchen seien sehr resistent. Aber Baumann will den Baum so lassen, wie er ist. Als Mahnmahl für den Frevel an der Natur - und als Zeichen, was passiert, wenn die anderen aufhören, sich für den Protest zu engagieren.