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Aus dem Landgericht Magdeburg Tag 2 im Halle-Prozess: Wortgefechte, Verhöhnung und das grausige Tatvideo

Sehen Sie im Video: Tatvorwürfe, Richterin, Urteil – die Fakten und Hintergründe zum Halle-Prozess.
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Die Aufarbeitung eines der schlimmsten antisemitischen Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte geht weiter. Angeklagt ist Stephan B., der in Halle im Oktober 2019 zwei Menschen ermordete und in der Synagoge ein Blutbad anrichten wollte. Der stern berichtet vom Prozess in Magdeburg.

Es geht um Mord in zwei Fällen, versuchten Mord an 68 weiteren Menschen, um gefährliche Körperverletzung, versuchte räuberische Erpressung mit Todesfolge, besonders schwere räuberische Erpressung, fahrlässige Körperverletzung und Volksverhetzung. Vor dem Oberlandesgericht Naumburg läuft der Prozess gegen Halle-Attentäter Stephan B. Verhandelt wird jedoch aus Platz- und Sicherheitsgründen im Gebäude des Landgerichts Magdeburg – unter massiven Sicherheitsvorkehrungen und riesigem Medieninteresse. Das Gerichtsverfahren gilt als eines der größten und bedeutendsten in der Geschichte Sachsen-Anhalts.

+++ Alle Informationen zum Anschlag von Halle und zum Prozess in Magdeburg lesen Sie im stern-Spezial: "Rekonstruktion einer Wahnsinnstat +++

Stephan B. hat am 9. Oktober vergangenen Jahres geplant, ein Blutbad unter gläubigen Juden in der Synagoge von Halle anzurichten. Der Versuch, in das Gebäude einzudringen, scheiterte. Eine schwere Holztür hielt den Schüssen des Attentäters stand. In der Folge erschoss B. die zufällig vorbeikommende Passantin Jana L. vor der Synagoge und den Malergehilfen Kevin S. in einem Döner-Imbiss. Weitere Menschen wurden bedroht oder durch Schüsse verletzt.

Die Taten hat B. selbst auf Video festgehalten und sie in mehreren Vernehmungen gestanden. Ein Gutachter hält den inzwischen 28-Jährigen für voll schuldfähig. Ermittler nehmen als Motiv eine "rechtsextremistische und antisemitische Gesinnung" an.

Der stern berichtet vom Prozess im Sitzungssaal C 24 des Landgerichts Magdeburg:

Nachrichten von Mittwoch, den 22. Juli (2. Prozesstag)


+++ 16.14 Uhr: Zweiter Prozesstag beendet – die Zusammenfassung +++

Der zweite Prozesstag ist damit beendet. Er war vor allem geprägt von der Vorführung des rund 35 Minuten langen Tatvideos. Das Video sorgte bei vielen Prozessbeobachtern und Nebenklägern für blankes Entsetzen, einige verließen den Saal. Stephan B. hatte dabei sichtbar Freude am Video seiner Taten. Am Nachmittag hatten Vertreter der Bundesanwaltschaft und Nebenkläger die Gelegenheit, Fragen an B. zu stellen. Er antwortete wie schon am Vortag selbstgefällig mit rassistischen und antisemitischen Weltbildern. Stephan B. führt dabei viel zu seinen Waffen aus und schildert, dass er erwogen habe, weitere Synagogen anzugreifen. 

Der Angeklagte reagierte auf Fragen der Anwälte der Nebenklage häufig gereizt. Er entschied sich später, mit drei Anwälten nicht mehr zu sprechen, nachdem es zu Schlagabtauschen kam. B. verhöhnte im Verlauf des Prozesstages auch seine beiden Opfer Jana L. und Kevin S. Die beiden Toten seien "bedauerliche Kollateralschäden", sagte der Rassist vor Gericht. 

+++ 15.58 Uhr: Stephan B. verhöhnt Opfer erneut +++

Stephan B. verhöhnt die Opfer ein weiteres Mal. Die beiden Toten seien "bedauerliche Kollateralschäden" seines "Kampfes" – Kopfschütteln im Saal.

+++ 15.20 Uhr: Schlagabtausch zwischen B. und Anwälten +++

Stephan B. versucht weiterhin, den Prozess zu seiner Bühne zu machen. Auf Fragen der Nebenklage reagiert er mit Gegenfragen, er herrscht die Juristen an, versucht, sie lächerlich zu machen. Zwischenzeitlich entwickelt sich ein Schlagabtausch zwischen dem Angeklagten und den Anwälten, unter anderem zur Arbeitsmarktlage und zur Einwanderungspolitik. "So einen Quatsch können wir hier nicht gebrauchen", sagt einer der Anwälte der Nebenklage. Den Vertretern der Nebenklage gelingt es dabei. B. klar in Grenzen zu weisen. "Wenn Sie Faxen machen wollen, hat niemand daran ein Interesse. Sie benehmen sich wie ein neunmalkluger 17-Jähriger. Das will keiner. Sagen Sie einfach, wenn Sie die Fragen nicht mehr beantworten wollen. Hören Sie auf, Spielchen zu spielen", sagt ein weiterer Anwalt. B. gibt auf und entschließt sich, mit zunächst zwei Anwälten nicht mehr zu reden.

Stephan B. entschließt sich später einem dritten Anwalt keine Fragen mehr zu beantworten – jedes Mal, wenn er auch nur den Hauch von Gegenwind bekommt.

+++ 14.42 Uhr: Stephan B. erwog Angriffe auf weitere Synagogen +++

Stephan B. hat im Oktober 2019 in Erwägung gezogen, weitere Synagogen anzugreifen, hätte er seine Autoreifen nicht zerschossen, sagte er auf Nachfrage einer Nebenklage-Anwältin. Konkrete Orte nannte nicht.

B. reagiert auf die Fragen der Nebenklage-Anwälte merklich gereizter. Fragen einer bestimmten Juristin will er überhaupt nicht mehr beantworten, weil ihm deren Fragestellungen nicht passe. Anderen Anwälten gegenüber gibt er sich belehrend und aggressiv im Tonfall, fragt zum Beispiel empört: "Haben Sie mir überhaupt richtig zugehört?" Die dünne Stimme des Angeklagten überschlägt sich dabei immer wieder.

+++ 14.32 Uhr: Nebenklage stellt Fragen an Stephan B. +++

Nun sind die Vertreter der Nebenklage an der Reihe, Fragen an den Angeklagten zu stellen. Zunächst geht es um Sprengvorrichtungen, die B. gebastelt hat. Sofort verfällt er wieder in den Duktus eines Waffensachverständigen, redet von "Energieübertragungen", "Detonationsfähigkeiten", "Anti-Personen-Wirkung", "Letalitätseigenschaften". Es ist ein verquerer Täterstolz, den B. zu erkennen gibt, er genießt es förmlich, sein Wissen referieren zu können.

+++ 13.36 Uhr: Die Verhandlung wird für eine Mittagspause unterbrochen +++ 

+++ 13.16 Uhr: Verteidigung versucht, Tötungsvorsatz in Zweifel zu ziehen +++

Nach der Unterbrechung geht die Verhandlung weiter. Der Verteidiger beantragt die schriftliche Protokollierung der Aussage von Stephan B., dass er am 9. Oktober 2019 nicht gewusst habe, dass die Synagoge von Halle voll besetzt gewesen ist. Offenbar soll der von der Anklage angenommene feste Tötungsvorsatz des Angeklagten an den anwesenden Gemeindemitgliedern in Zweifel gezogen werden.

Um die Frage der Protokollierung entwickeln sich ein juristisches Scharmützel zwischen Verteidigung und Anklage. Der Senat um die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens entscheidet: Antrag abgelehnt. Die entsprechende Aussage wird nicht schriftlich Wort für Wort protokolliert. Das Wortprotokoll wäre vor allem für eine mögliche Revision vor dem Bundesgerichtshof interessant gewesen. .

+++ 12.26 Uhr: Kurze Unterbrechung +++

Die Sitzung ist für 15 Minuten unterbrochen, weil der Verteidiger des Angeklagten ein Schriftstück vorbereiten möchte. In der kurzen Verhandlungspause bleibt Stephan B. im Gerichtssaal. Eine Reihe vermummter und bewaffneter Justizbeamter schirmt ihn eng ab und soll jeden Fluchtversuch unterbinden.

+++ 12.07 Uhr: Stephan B. spricht von "Plan B" +++

Stephan B. gibt sich weiterhin, als befinde er sich in einem Krieg. Er spricht von "Feinden", die er suchen müsse – und meint Mitmenschen anderen Glaubens. Er spricht von einem "Plan B", womit er Mordanschläge auf weitere Opfer meint. Er erzählt von "Ausrüstung" und meint damit sein tödliches Waffenarsenal. Seine Schilderungen von Tatvorbereitung, -ausführung und Flucht sind kalt.

+++ 11.58 Uhr: Befragung durch Bundesanwalt wird fortgesetzt +++ 

Nach der Verhandlungspause wird der Prozess mit der Befragung des Angeklagten durch Bundesanwalt Kai Lohse fortgesetzt. Er arbeitet das Video chronologisch durch und lässt sich vom Angeklagten Erläuterungen geben. Auf die Frage nach seinem Empfinden beim Schauen des Videos sagt B.: "Es lief schon ziemlich viel schief". Sein Lachen während der Vorführung begründet der 28-Jährige mit "dämlichen Witzen", die er darin gemacht habe – die vollständige Empathielosigkeit vom gestrigen Prozessauftakt setzt sich fort.

+++ 11.49 Uhr: Verteidiger im Halle-Prozess: Angeklagter voll schuldfähig +++ 

Im Prozess um den rechtsextremen Attentäter von Halle hält ein Gutachter den Angeklagten nach Darstellung seiner Verteidigung für voll schuldfähig. "Das ist jedenfalls die vorläufige Auffassung des Sachverständigen", sagte Verteidiger Hans-Dieter Weber. Unklar blieb am zweiten Prozesstag zunächst, auf welches Gutachten genau er sich dabei bezog.  Der Verteidiger von Stephan B. sehe seine Hauptaufgabe darin, für den Ablauf eines rechtsstaatlichen Verfahrens zu sorgen, da die Tat im Wesentlichen auf einem Video festgehalten sei. Zu den Aussagen seines Mandanten sagte er, es sei die freie Entscheidung des Angeklagten, was er mache. "Es ist nicht meine Aufgabe, ihn in irgendeiner Form zu maßregeln." 

In dem "ein oder anderen Punkt" sei er mit Blick auf die Vorwürfe anderer Auffassung als die Staatsanwaltschaft. Genauer wurde er nicht. Natürlich habe sich sein Mandant beraten lassen. "Das heißt jetzt nicht, dass er unseren Ratschlägen unbedingt folgt."

+++ 11.40 Uhr: Prozess wird fortgesetzt +++

+++ 10.53 Uhr: Pause nach dem Tatvideo +++

Im Video ist zum Schluss zu sehen, wie Stephan B. seine Kamera aus dem Autofenster wirft. Minutenlang ist der Bildschirm dunkel, während Straßengeräusche zu hören sind. Im Gerichtssaal herrscht minutenlang gespenstische Stimmung. Niemand redet, die Menschen verarbeiten still, was sie in den vergangenen gut 30 Minuten gesehen haben. Selbst den mitunter martialisch wirkenden Justizbeamten ist die Betroffenheit anzusehen. Die Vorsitzende entlässt die Beteiligten in eine 45-minütige Pause.

+++ 10.35 Uhr: Nebenkläger verlassen den Saal +++

Einige Nebenkläger halten es nicht mehr aus, Stephan B. beim Morden zuzuschauen. Sie verlassen den Gerichtssaal, andere halten sich Augen oder Ohren zu – auch bei Journalisten und Zuschauern fließen Tränen. Den Angeklagten selbst lassen die Aufnahmen weiterhin vollkommen kalt – immer wieder ist ein Grinsen in seinem Gesicht zu sehen.

+++ 10.15 Uhr: Tatvideo wird gezeigt – Stephan B. schmunzelt beim Ansehen +++

Nun beginnt die "Inaugenscheinnahme" des rund 35 Minuten langen Tatvideos. Es wird auf Bildschirmen im Gerichtssaal gezeigt. Einige der Nebenkläger wissen offenbar, was sie sehen würden, und sind zunächst nicht in den Gerichtssaal gekommen. Viele der anwesenden Journalisten kennen die Aufnahmen bereits – es zeigt unverstellt die Morde von Stephan B. Der Angeklagte betrachtet den Film ebenfalls auf einem Monitor, schmunzelt beim Ansehen. Während er in der Aufnahme den Holocaust leugnet, nickt B. im Gerichtssaal zustimmend. Eine weiter Provokation für die Opfer des Anschlags. In den Gesichtern einiger Nebenkläger spiegelt sich Ekel wider.

Stephan B. hat sichtliche Freude daran, sich seine Taten noch einmal anzusehen – er steht dabei unter ständiger Beobachtung des vom Gericht bestellten forensischen Psychiaters. Bei einigen Nebenklägern fließen bereits Tränen, während sie auf den Bildschirmen ansehen müssen, wie Stephan B. im Oktober 2019 versucht hat, in die Synagoge von Halle einzudringen, um sie dort zu töten.

Es ist ein furchtbares Dokument, dass das Gericht den Prozessbeteiligten zumuten muss. Im Saal herrscht blankes Entsetzen über die Aufnahmen und die Brutalität des Angeklagten. Es sind Bilder, die die Menschen im Gerichtssaal auch noch weit über den heutigen Prozesstag beschäftigen werden. Der stern verzichtet darauf, Details aus den Aufnahmen zu beschreiben. Warum, lesen Sie hier.

+++ 10.05 Uhr: Familie des Angeklagten wird nicht aussagen +++ 

Die Familienangehörigen des Angeklagten (Vater, Mutter und Halbschwester) machen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, verkündet die Vorsitzende. Sie werden demnach nicht in der kommenden Woche als Zeugen auftreten. Möglicherweise müssen die Familienangehörigen ihre Erklärung allerdings noch im Gerichtssaal abgeben.

+++ 10 Uhr: Verhandlung startet, Video des Angeklagten soll gezeigt werden +++

Der zweite Prozesstag beginnt pünktlich. Um 10 Uhr eröffnet die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens die Sitzung. Lange Schlangen vor den Sicherheitskontrollen sind ausgeblieben, auch weil weniger Besucher als zum Prozessauftakt zum Magdeburger Landgericht gekommen sind.

Zunächst soll das Video gezeigt werden, das Stephan B. während seiner Taten mit der Helmkamera aufgezeichnet hat – für die Opfer des Anschlags eine große Belastung. Die Aufnahmen zeigen die schonungslose Brutalität des Attentäters. Der stern verzichtet darauf, Details aus den Aufnahmen zu beschreiben. Warum, lesen Sie hier.

+++ 9.54 Uhr: Stephan B. betritt Verhandlungssaal +++

Stephan B. wird kurz vor Verhandlungsbeginn in den Saal geführt, erneut begleitet von bewaffneten Justizbeamten in Kampfmontur – der 28-Jährige ist weiter an Händen und Füßen gefesselt. Auf der Anklagebank lässt er – diesmal ohne Mund-Nasen-Schutz – das Blitzlichtgewitter regungslos über sich ergehen.

+++ 9.49 Uhr: Weniger Andrang am 2. Prozesstag +++ 

Am zweiten Prozesstag ist der Medienandrang geringer geworden, dennoch befinden sich rund 60 Journalisten aus dem In- und Ausland im Gericht. Auf den übrigen Zuschauerplätzen haben etwa 30 Personen eingefunden. 

+++ 9.47 Uhr: Pflichtverteidiger äußert sich zu Stephan B. +++

Vor Beginn des ersten Prozesstages äußert sich Hans-Dieter Weber, einer der beiden Pflichtverteidiger von Stephan B. Die gestrigen Äußerungen seines Mandanten will er nicht kommentieren, der Jurist sehe es als seine Aufgabe an, gemeinsam mit seinem Kollegen, "ein rechtsstaatliches Verfahren zu gewährleisten". Sie hätten B. gemeinsam beraten. "Inwiefern er sich daran hält, was wir ihm sagen, ist eine andere Sache." Ob sich der Angeklagte auf die Fragen von Bundesanwaltschaft und Nebenklägern einlassen wird, sei offen.

+++ 9.10 Uhr: Der Angeklagte kommt per Hubschrauber +++

Der Angeklagte wurde am Mittwochmorgen erneut per Hubschrauber vom Gefängnis nach Magdeburg gebracht. Der Attentäter hatte im Herbst 2019 schwer bewaffnet versucht, die Synagoge in Halle zu stürmen. Laut Bundesanwaltschaft wollte er bei der Tat am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur möglichst viele der 52 Besucher der Synagoge töten. Der Mann konnte sich jedoch auch mit Waffengewalt keinen Zutritt zum Gebäude verschaffen. Daraufhin tötete er eine Passantin vor der Synagoge und einen Mann in einem Dönerimbiss.

+++ 9.05 Uhr: Gericht hat bei Einlass nachgebessert +++

An Tag zwei des Prozesses um den rechtsterroristischen Anschlag von Halle hat das Gericht seine Einlasskontrollen deutlich beschleunigt. Anders als am Vortag bildeten sich am Mittwochmorgen keine langen Schlangen mehr vor dem Gerichtsgebäude. Am Dienstag hatte sich der Prozessbeginn um zwei Stunden verzögert, weil für die Sicherheitsmaßnahmen mehr Zeit als veranschlagt nötig war. Vor dem Gebäude warteten Menschen in langen Schlangen. Geändert wurde auch die Sitzordnung im Saal: Die Medienvertreter haben nun einen besseren Blick auf den Angeklagten. Zudem ist WLAN verfügbar.

+++ 8.55 Uhr: Die Beweisaufnahme soll mit Videos der Tat starten +++

An diesem Mittwoch sollen auch Videos der Tat gezeigt werden. Nebenklagevertreter hatten sich gewünscht, diese vor den Fragen zu sehen. Wer die Videos nicht sehen wolle, habe dadurch auch die Möglichkeit, das zu verhindern und später zu kommen, betonte die zuständige Richterin vor der Verhandlung. 

+++ 8.30 Uhr: Strenge Sicherheitskontrollen am Eingang +++

Der Prozess vor dem Oberlandesgericht Naumburg findet wegen des großen öffentlichen Interesses und aus Sicherheitsgründen im größten Verhandlungssaal Sachsen-Anhalts in Magdeburg statt. Zum Auftakt hatten sich am Dienstag vor dem Gerichtsgebäude laut Veranstalter rund 100 Menschen aus Solidarität mit Betroffenen, Hinterbliebenen und Opfern versammelt. Beim Einlass in das Gebäude kam es wegen der strengen Sicherheitskontrollen zu Verzögerungen, so dass der Prozess erst mit zweistündiger Verspätung startete. Ein Gerichtssprecher äußerte die Hoffnung, dass dies am zweiten Prozesstag schneller geht.

Das Gericht hat zunächst 18 Verhandlungstage bis Mitte Oktober angesetzt. 43 Nebenkläger wurden zugelassen, darunter der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki. Außerdem sind bislang 147 Zeugen benannt, darunter 68 Ermittlungsbeamte. "Das wird ein deutlich längerer Prozess, als sich das alle heute vorstellen", mutmaßte Nebenklageanwalt Alexander Hoffmann nach dem ersten Prozesstag.

+++ 8.00 Uhr: Prozess gegen Halle-Attentäter soll mit Nebenklage-Fragen fortgesetzt werden +++

Am zweiten Tag im Terrorprozess um den antisemitischen und rassistischen Anschlag von Halle wird die Nebenklage an diesem Mittwoch den Attentäter befragen. Sie wollen die Gelegenheit ergreifen, den Angeklagten mit seinem kruden Weltbild zu konfrontieren. 

Am Ende des ersten Prozesstages äußerte sich Nebenklage-Anwältin Kristin Pietrzyk verhalten über die erste Fragerunde der Vorsitzenden Richterin Ursula Mertens. Die Aussagen des Angeklagten am ersten Tag hätten klargestellt, es sei ein antisemitischer, rassistischer und antifeministischer Angriff gewesen. Darüber sei von der Richterin "wuschifluschi" hinweggegangen worden. 

Die Richterin habe nicht nach den Wurzeln seiner Ideologie gefragt, oder wie viele Menschen online seinen Thesen zugestimmt hätten, so die Anwältin. "Wenn sie das nicht tut, werden wir das tun", betonte Pietrzyk am Dienstagabend auf einer Kundgebung nach dem ersten Prozesstag.

Nachrichten von Dienstag, den 21. Juli (1. Prozesstag)


+++ 18.00 Uhr: Zusammenfassung: Das war der erste Tag im Halle-Prozess +++

Der erste Tag eines der größten und bedeutendsten Gerichtsverfahren in der Geschichte Sachsen-Anhalts geht zu Ende. Vor allem die Aussage von Halle-Attentäter Stephan B. prägte den Verhandlungstag. 

Durch das große Medieninteresse verzögerte sich der Auftakt zunächst um gut zwei Stunden. Um 11.51 Uhr betritt Stephan B. den Saal, begleitet von maskierten Sicherheitsbeamten der Justiz, die ihm während des gesamten Prozesses nicht von der Seite weichen. Der 28-Jährige ist an den Händen und Füßen gefesselt. Die Anklage wirft ihm unter anderem Mord, versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung vor – Sicherungsverwahrung denkbar. 

Zu Beginn spricht B. von seiner Vergangenheit und Familie. Er schildert sein Weltbild und gibt Einblicke in seine Gedankenwelt, die von Rassismus, Antisemitismus und Verschwörungsideologien geprägt scheint. Der Zuzug von Migranten nach Deutschland sei seine Motivation für die Tat gewesen. Den Mord an der 40-jährigen Jana L. bezeichnet er als "Kurzschlussreaktion", den Mord an dem 20 Jahre alten Kevin S. rechtfertigt er rassistisch mit den "schwarzen, krausen Haaren" des Opfers. B. habe noch mehr Menschen töten wollen. 

Zum Abschluss schildert Stephan B. seine Flucht aus Halle, bei der er seinen eigenen Tod einkalkuliert habe. Bei seiner Flucht hatte er auf einen Mann und eine Frau Schüsse abgefeuert. B. berichtet auch von Schwierigkeiten, die letzte Etappe sei "orientierungslos" gewesen.

+++ 17.17 Uhr: Befragung durch Richterin endet +++

"Man muss alles tun, um nicht ausgelöscht zu werden." Mit dieser Aussage des Angeklagten endet dessen Befragung durch die Richterin. Das Gespräch ließ tief in die Gedankenwelt von Stephan B. blicken – sie ist offenbar tief durchsetzt von Verschwörungsideologien, Antisemitismus und Rassenwahn. Die Prozessbeteiligten verständigen sich darauf, die Befragung des Angeklagten zu beenden. Die Verhandlung ist für heute beendet. Stephan B. wird erneut mit Fuß- und Handfesseln abgeführt. Ein denkwürdiger erster Prozesstag geht zu Ende.

+++ 16.43 Uhr: "Da war es vorbei": B. schildert letzte Etappe seiner Flucht +++

Die letzte Etappe seiner Flucht über die A9 bezeichnet B. weitgehend als orientierungslos. Seine körperliche Verfassung sei immer schlechter geworden, als er auf einer Landstraße im Stau stand. Dort sei ihm ein Polizeifahrzeug entgegengekommen, habe gewendet und die Verfolgung aufgenommen. Wenig später habe er einen Lkw touchiert, sei ausgestiegen und bemerkte in einer Baustelle die ausweglose Situation. "Da war es vorbei." Ans Aufgeben habe er auf seiner Flucht nicht gedacht.

+++ 16.29 Uhr: Stephan B. schildert Flucht aus Halle +++

Stephan B. schildert inzwischen seine Flucht aus Halle nach den beiden Morden. Er beschreibt, dass er dabei einen schwarzen Menschen am Straßenrand hätte überfahren können – er habe seinen Wagen jedoch nicht am Bordstein weiter beschädigen wollen, sodass er von dem weiteren Mord abgesehen habe. Die Flucht sei für ihn anstrengend gewesen. 

Die Schüsse auf einen Mann und eine Frau in der Ortschaft Wiedersdorf zum Raub eines Autos beschreibt B. kalt. "Da habe ich einfach abgedrückt." Dass das Paar ihm das Fahrzeug nicht ausgehändigt hat, sei für ihn immer noch vollkommen unverständlich. Dennoch schäme er sich, "auf Weiße" geschossen zu haben. Der spätere Raub eines Taxis habe ihn vor Problem gestellt, so B. in seiner Vernehmung. Der Wagen hatte ein Automatikbetriebe, es habe "Minuten gedauert", bis er ihn habe in Bewegung setzen können. Nach eigener Aussage saß er zuvor noch nie am Steuer eines Automatikfahrzeugs.

+++ 16.20 Uhr: Knobloch: Ein jüdischer Mensch lebt immer noch gefährlich +++

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, fordert von der Gesellschaft deutliche Zeichen gegen Antisemitismus. "Ein jüdischer Mensch, der in der Stadt als solcher zu erkennen ist, lebt immer noch gefährlich", sagte Knobloch der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) anlässlich des Prozesses zum antisemitischen Anschlag in Halle. "Es müsste jetzt deutlich sichtbare Zeichen gegen Antisemitismus geben von einer Gesellschaft, die versteht, dass sie selbst mit bedroht ist. Das sehen wir aber noch viel zu selten." Mit jedem Vorfall schwinde das Vertrauen in den jüdischen Gemeinden, sagte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

+++ 16.14 Uhr: B. hat eigenen Tod einkalkuliert +++

Der Angeklagte gibt an, dass er noch mehr Menschen töten wollte, nachdem er Kevin S. erschossen hat. "Das Beste, was ich in der Lage machen konnte, war nach Arabern zu suchen." Seinen eigenen Tod hatte er ebenfalls einkalkuliert.

+++ 16.03 Uhr: Weiter rassistische Äußerungen von Stephan B. +++

Stephan B. empört sich weiter über "Multi-Kulti" in Deutschland. Niemand tue etwas, beklagt er sich zur Rechtfertigung seiner Taten. Sein rassistisches Weltbild wird im Prozess immer klarer.

+++ 15.55 Uhr: Stephan B. äußert sich zu Angriff auf Imbiss – Fassungslosigkeit im Saal +++

Die Vernehmung von Stephan B. wird fortgesetzt. Er schildert seinen Angriff auf den "Kiez-Döner" an der Ludwig-Wucherer-Straße. Der Angeklagte holt erneut zu einem Vortrag über die Funktionsweisen und Schwächen seiner selbst gefertigten Waffen aus. Den Mord an dem 20-jährigen Kevin S. in dem Lokal rechtfertigt er rassistisch mit den "schwarzen, krausen Haaren" des Opfers. "Ich bin davon ausgegangen, dass die Person ein Muslim ist." In den Gesichtern von Prozessbeobachtern ist Fassungslosigkeit abzulesen. "Ich war sehr verwundert darüber, dass mich keiner angegriffen hat. Ich hätte mich weggetacklet", fügt B. hinzu.

+++ 15.30 Uhr: Fortsetzung des Prozesses verzögert sich +++

Die für 15.30 Uhr vorgesehene Fortsetzung des Prozesses verzögert sich. Auch nach der Pause müssen wieder alle Prozessbeobachter durch die Sicherheitsschleuse, penibel werden sie auf verbotene Gegenstände abgesucht. Was nicht zwingend gebraucht wird, muss draußen bleiben. Selbst Kaugummipackungen sind davon betroffen.

Nach der Pause soll die Befragung des Angeklagten weitergehen. B. ist in der Zwischenzeit in eine Zelle am Magdeburger Landgericht gebracht worden, wieder an Händen und Füßen gefesselt. Auch er ist noch nicht zurück im Verhandlungssaal. 

+++ 15.15 Uhr: Vertreter der Nebenklage äußern sich schockiert +++

Vertreter der Nebenklage äußern sich in der Verhandlungspause schockiert über die Äußerungen des Angeklagten. "Wie eiskalt und berechnend B. ist, hat mich in dieser Form überrascht", sagt zum Beispiel Christina F., die am 9. Oktober in der Synagoge von Halle war.

+++ 14.33 Uhr: Erste Verhandlungspause nach zweieinhalb Stunden +++

Erst zweieinhalb Stunden dauert der Prozess gegen den Halle-Attentäter Stephan B., doch schon jetzt ist die Stimmung im Saal aufgeheizt und gereizt. Nach der ausführlichen Befragung des Angeklagten wird der Prozess für eine einstündige Pause unterbrochen. Stephan B. wird aus dem Saal geführt und in einen gesonderten Raum gebracht. Durch das große Medieninteresse und die hohen Sicherheitsvorkehrungen in Magdeburg war der Prozess erst mit reichlich Verspätung am Vormittag gestartet.

+++ 14.25 Uhr: B. zeigt sich größtenteils oberflächlich +++

Was in der mittlerweile rund anderthalb Stunden andauernden Befragung des Angeklagten auffällt, ist die Oberflächlichkeit, mit der B. über seine Regungen und seine Gefühle berichtet. Geht es dagegen um Schusswaffen, holt er zu lang anhaltenden Referaten über deren Mechanismen aus und wirkt verständnislos, wenn die Richterin in diesem Bereich Wissenslücken zugibt.

+++ 14.17 Uhr: Stephan B.: Mord an 40-jähriger Jana L. "Kurzschlussreaktion" +++

Den Mord an der 40-jährigen Jana L. vor der Synagoge begründet B. schlicht mit einer "Kurzschlussreaktion". Sie habe ihn schließlich "von der Seite angeschnauzt". Auf Nachfrage gibt er an, der Tod der Frau tue ihm leid, er habe jedoch keine andere Wahl gehabt. "Hätte ich es nicht gemacht, wäre ich ausgelacht worden." B. sagt, er bereue, dass er weiße Menschen erschossen hat. Die Richterin fragt, warum er ein zweites Mal geschossen habe. Der Angeklagte antwortet: "Wenn man etwas beginnt, dann muss man es auch zu Ende bringen.“

+++ 13.59 Uhr: Angeklagter B. schildert Vorbereitung und Motivation der Tat +++ 

Stephan B. schildert seine Vorbereitungen der Tat. Den Eigenbau der Waffen, das Ausspähen der Synagoge in Halle, den Entschluss, das Gotteshaus anzugreifen. Seine Motivation begründet er unter anderem mit einer antisemitischen Verschwörungserzählung. Demnach sollen die Juden angeblich die Organisatoren des Flüchtlingszuzugs von 2015 sein. Seine Aussagen sind von großer Empathielosigkeit gekennzeichnet. Die Vorbereitungen seines Terroranschlags schildert der Angeklagte beinahe so wie die Planung eines Angelausflugs. Erzählt habe er von seinem Vorhaben zuvor niemandem. 

+++ 13.33 Uhr: Stephan B.: Habe mich wegen Zuzugs von Migranten bewaffnet +++

Die Befragung durch die Vorsitzende Richterin nutzt B., um sein rassistisches und fremdenfeindliches Weltbild zu verbreiten. Er habe sich unter anderem wegen des Zuzugs von Migranten nach Deutschland bewaffnet, schildert er in einer erschreckenden Kälte. Sein selbstgefälliges Auftreten sorgt offenbar für Entsetzen bei einigen der Nebenklägern. Mit großen Augen und offenem Mund folgen sie den Ausführungen des Angeklagten. 

+++ 12.45 Uhr: Richterin droht B. mit Ausschluss von Prozess +++

Schon nach wenigen Minuten droht die Vorsitzende Richterin B. den Ausschluss vom Prozess an. "Ich möchte im Saal keine Beschimpfungen von Menschen und Bevölkerungsgruppen hören", ermahnte Ursula Mertens den Angeklagten, nachdem dieser sich abfällig über schwarze Menschen und Muslime geäußert hat.

+++ 12.41 Uhr: Stephan B.: "Tat hat keinen Bezug zu meiner Familie" und "Das ist unwichtig" +++

Schon die erste Befragung von Stephan B. macht deutlich, in welche Richtung sich der Angeklagte im Prozess verhalten wird. Auf Fragen zu seiner Kindheit blafft B. die Vorsitzende Richterin an: "Das ist unwichtig". Auf weitere Nachfragen zu seinem Vorleben gibt er an: "Die Tat hat keinen Bezug zu meiner Familie." B. antwortet einsilbig, daran ändert sich auch nach Aufforderung der Richterin, in kompletten Sätzen zu antworten, nichts. Auf Nachfragen der Vorsitzenden Richterin sagt der Mann, seine Eltern hätten sich getrennt, als er 14 oder 15 Jahre alt gewesen sei. Das Verhältnis zu beiden Eltern und Schwestern sei gut.

Gute Freunde habe er nicht gehabt, er sei auch in keinem Verein gewesen. Er habe vor allem Interesse am Internet gehabt, weil man sich dort frei unterhalten könne. Nach dem Abitur habe er einen verkürzten Wehrdienst absolviert. Er habe den Wehrdienst anstrengend und doof gefunden, es sei "keine richtige Armee" gewesen. Zum Studium sei er nach Magdeburg gegangen. Er habe es wegen einer Krankheit abgebrochen, habe danach keine Pläne mehr für die Zukunft gehabt und in den Tag hineingelebt. "Nach 2015 hab ich entschieden nichts mehr für diese Gesellschaft zu tun", sagte der 28-Jährige. 

+++ 12.32 Uhr: Anklageschrift verlesen – Sicherungsverwahrung denkbar +++

Rund 30 Minuten dauert das Verlesen der Anklage, die auf 16 eng beschriebenen Seiten zusammengefasst ist. Sie lautet auf Mord in zwei Fällen, versuchten Mord in mehreren Fällen zum Nachteil von insgesamt 68 Menschen, gefährliche Körperverletzung, versuchte räuberische Erpressung mit Todesfolge, besonders schwere räuberische Erpressung und fahrlässige Körperverletzung. Es komme für B. auch eine Sicherungsverwahrung in Betracht, so der Bundesanwalt. Die gesamte Anklageschrift hat einen Umfang von 121 Seiten plus Anlagen. Stephan B. nahm die Ausführungen der Bundesanwaltschaft regungslos zur Kenntnis, wirkt fast schon gelangweilt und blickt die meiste Zeit starr nach vorne ins Leere. 

+++ 12.00 Uhr: Stephan B. kündigt Aussage an +++

Zum Auftakt des Prozesses um den Anschlag von Halle kündigt Stephan B. an sich äußern zu wollen. "Ich würde eine Aussage machen", sagt der 28 Jahre alte Angeklagte auf entsprechende Nachfrage der Vorsitzenden Richterin. Fragen zu seiner Person beantwortet er mit fester, klarer Stimme. Anschließend liest der Vertreter der Bundesanwaltschaft die Anklage vor.

+++ 11.51 Uhr: Angeklagter im Gerichtssaal +++

Um 11.51 Uhr betritt Stephan B. den Saal C24, begleitet von maskierten Sicherheitsbeamten der Justiz, die ihm während des gesamten Prozesses nicht von der Seite weichen werden. Der 28-Jährige ist wie angekündigt an den Händen und Füßen gefesselt. Unsicher sieht sich B., ganz in Schwarz gekleidet, im Saal um, nachdem er auf der Anklagebank Platz genommen hat. Minutenlang richten sich die Objektive der Kameraleute und Fotografen auf den Angeklagten. Bis auf das Klicken der Fotoapparate wird es still im Saal. Kurz darauf betritt Richterin Ursula Mertens den Saal.

Zuvor hatte sich der Prozessauftakt verzögert. Die Sicherheitsvorkehrungen mit Kontrollen von Besuchern und Medienvertretern nahmen mehr Zeit in Anspruch als zuvor angenommen, wie ein Gerichtssprecher sagt. 

+++ 11.30 Uhr: Özdemir vor Halle-Prozess: Rechtsstaat muss genau hinschauen +++

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir fordert anlässlich des Prozesses zum Terroranschlag von Halle ein konsequentes Vorgehen gegen rechtsradikale Tendenzen. "Es sind viele Menschen gestorben, die nicht hätten sterben müssen, hätte der Rechtsstaat von Anfang an aufmerksam hingeschaut – übrigens auch in die eigenen Reihen", sagt Özdemir dem Sender ntv vor Prozessbeginn. "Da ist es mal Zeit, dass die Innenminister aufräumen und deutlich machen: Wer hier Dienst macht für uns, der macht bitte schön nur für uns Dienst und nicht für Reichsbürger, nicht für Identitäre, nicht für irgendwelche Fanatiker", so Özdemir. Der Grünen-Politiker mahnt generell "Mechanismen des Hinschauens" an. Zudem warnt er davor, den rechtsterroristischen Anschlag von Halle als Einzelfall abzutun. Ein Täter radikalisiere sich nicht einfach so und unbeobachtet, sagt Özdemir. Özdemir verfolgt den Prozess vor dem Oberlandesgericht Naumburg, der wegen des großen öffentlichen Interesses und aus Sicherheitsgründen im größten Verhandlungssaal Sachsen-Anhalts in Magdeburg stattfindet. 

+++ 11.10 Uhr: Verhandlungssaal gut gefüllt +++

Inzwischen sind die Zuschauerreihen von Saal C 24 im Landgericht Magdeburg gut gefüllt, rund 100 Prozessbeobachter und Journalisten finden im Saal Platz. Vor dem Gebäude stehen jedoch weiterhin Wartende vor den Sicherheitskontrollen. Diese sind vergleichbar mit jenen an Flughäfen mit Metalldetektoren und Durchsuchung von Kleidung und Gepäckstücken. Die angespannte Stimmung ist im gesamten Gerichtsgebäude zu spüren. Auf jedem Stockwerk stehen Justizbeamte, niemand kann hier einen unbeobachteten Schritt machen. Der Prozessbeginn ist nun für frühestens 11.30 Uhr avisiert, ursprünglich war der Auftakt für 10 Uhr geplant.

+++ 11.00 Uhr: Integrationsrat: Rolle rechtsextremer Netzwerke im Fall Halle klären +++

Zum Prozessauftakt fordert der Bundeszuwanderungs- und Integrationsrat (BZI) die lückenlose Aufarbeitung rechtsextremer Verbindungen in dem Fall. "Ein Gerichtsverfahren kann im Prozess gegen den Attentäter von Halle dem Angeklagten im Zweifelsfall individuelle Schuld als Strafmaß zuweisen", sagte der BZI-Vorsitzende Memet Kilic. Allerdings müssten darüber hinaus rechtsextreme Netzwerke nicht nur innerhalb der Gesellschaft, sondern vor allem innerhalb der staatlichen Institutionen aufgedeckt werden, verlangt der Grünen-Politiker. "Antisemitische, rechtsextremistische und menschenverachtende Anschläge sind keine isolierten Taten, verübt durch "Einzeltäter". Dahinter steckt eine menschenverachtende Ideologie." Dies zu verkennen sei gefährlich.

+++ 10.55 Uhr: Zentralrat der Juden fordert klares Urteil im Halle-Prozess +++

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat eine Bestrafung des Halle-Attentäters "mit aller Härte des Gesetzes" gefordert. Ein klares Urteil über die Taten setzte ein deutliches Signal gegen Gewalt und Rechtsextremismus in Deutschland, erklärt der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, am Dienstag in Berlin. "Die Gesellschaft muss sich Hass und Hetze von Rechts entgegenstellen." 

Es sei unvorstellbar grausam, welchen Judenhass der Täter verbreitet habe. "Der Anschlag von Halle macht deutlich: Mit den wiederkehrenden Tabubrüchen von rechtspopulistischen bis hin zu rechtsextremen öffentlichen Äußerungen ist erschreckenderweise auch die Hemmschwelle für Gewalt abgesunken." Der Attentäter habe offenbar keine Scheu, seinen blanken Hass auf Juden in die Tat umzusetzen und Menschen zu ermorden. Bislang sei bei ihm weder Einsicht noch Reue erkennbar.

Der Zentralrat halte es für unerlässlich, dass die Hintergründe der Tat gründlich und lückenlos aufgearbeitet werden. Es müsse auch der Frage nachgegangen werden, ob der Attentäter Unterstützer gehabt habe oder in rechte Netzwerke eingebunden gewesen sei. 

+++ 10.30 Uhr: Prozessbeginn verzögert sich weiter +++

Der Beginn des Prozesses gegen Stephan B. verzögert sich weiter. Demnach soll der Prozess frühestens um 11.30 Uhr beginnen, berichtet unser Reporter vor Ort.

+++ 10.17 Uhr: Nebenkläger-Anwalt hofft auf Klärung der Hintergründe +++

Nebenkläger im Prozess erhoffen sich vor allem eine Beleuchtung der Strukturen. Es gehe darum, zu klären, wie sich der Täter so radikalisieren konnte, sagt Juri Goldstein, Anwalt von Besuchern der Jüdischen Gemeinde in Halle, vor dem Prozessauftakt. Es gehe um die Frage: Wie konnte jemand so viel Hass entwickeln "auf die Menschen, die er gar nicht kennt". "Wir werden versuchen, diese antisemitische Straftat so gut wie möglich aufzuklären", erklärt Goldstein. Die größte Herausforderung in dem Verfahren sei der Prozess selbst, so der Nebenkläger-Vertreter. "Sie müssen bedenken, es ist eine der größten und schwerwiegendsten antisemitisch motivierten Straftaten, die wir in den vergangenen Jahrzehnten hatten. Das ist Aufgabe genug."

+++ 9.45 Uhr: Prozessbeginn verzögert sich +++

Kurz vor Prozessbeginn um 10 Uhr sind noch mindestens 50 Wartende vor der Schleuse des Gerichtsgebäudes. Der Gerichtssprecher hat zugesagt, dass erst begonnen werde, wenn alle im Gerichtssaal sind. Eine konkrete Uhrzeit wird nicht genannt.

+++ 9.13 Uhr: B. soll mit Hand- und Fußfesseln in den Saal geführt werden +++

Gegen acht Uhr erreicht eine Wagenkolonne aus mehreren Polizeiwagen und Motorrädern mit Blaulicht und Martinshorn das Gericht. Die Straße wird gesperrt. In der Mitte der Kolonne fährt ein schwarzer Kleintransporter mit verdunkelten Scheiben. Die Kolonne fährt anschließend auf den Hof des Gerichts. Stephan B. soll bis zum Prozessbeginn in einer Zelle bleiben. Er wird mit Hand- und Fußfesseln in den Saal geführt werden und während der Verhandlung an den Füßen gefesselt bleiben. Grund dafür ist unter anderem ein vorangegangener Fluchtversuch des Angeklagten.

+++ 7.30 Uhr: Lange Schlangen vor dem Landgericht Magdeburg +++

Schon um 7.30 Uhr, also zweieinhalb Stunden vor Prozessbeginn, bildet sich eine fast 100 Meter lange Schlange von Journalisten vor dem Gerichtsgebäude. Es gibt ein riesiges Medienaufgebot, etliche TV- und Radiosender aus In- und Ausland sind vor Ort. Grund für die lange Schlange: Es gibt nur eine Tür und alle werden einzeln durchsucht und kontrolliert. Es gibt starke Sicherheitsmaßnahmen, auch im Umfeld des Gerichts, die Polizei ist in der Stadt stark präsent. Auf der Straßenseite gegenüber vom Landgericht findet eine Kundgebung mit circa 100 Demonstranten statt, die allumfassende Aufklärung zu Rassismus und Antisemitismus in Deutschland fordern.

wue / rw / mit DPA-Material

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