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Interview

ZDF-Journalist: Thomas Walde über sein Interview: "Gauland hätte das Thema Migration jederzeit ansprechen können"

Für Thomas Walde gab es nach dem Sommerinterview mit Alexander Gauland viel Lob. Im stern erklärt der ZDF-Journalist, warum er mit dem AfD-Chef nicht über die Flüchtlingspolitik sprach.

An einem Holztisch sitzen Alexander Gauland von der AfD und Journalist Thomas Walde von ZDF. Im Hintergrund glänzt ein See

"Die AfD ist eine Partei ohne Antworten", "Gauland ist blank" oder "Gauland ohne Antworten" - die Reaktionen auf das ZDF-Sommerinterview mit AfD-Chef Alexander Gauland gehen fast nur in eine Richtung, "vier Fünftel der Reaktionen" seien positiv, betont ZDF-Journalist Thomas Walde im Interview mit dem stern. Gauland war auf viele Fragen Waldes eine klare Antwort schuldig geblieben, ob zur Rente oder zur Digitalisierung. 

Das dürfte auch daran gelegen haben, dass das Leib-und-Magen-Thema der AfD, die Flüchtlingspolitik, in dem Gespräch nicht stattfand.

Kritik an der Interviewführung kommt von Alexander Gauland selbst. "Es ist unverhältnismäßig einseitig, dass Walde offensichtlich die Mission hatte, die AfD von vorne herein als konzeptlos darzustellen", teilte der AfD-Chef auf Anfrage mit. "Das ist gelinde gesagt absolut unjournalistisch." 

+++ Lesen Sie hier den stern-Kommentar: "Bei den wichtigen Fragen hat die 'Alternative für Deutschland' keine Alternativen" +++

Im stern-Interview verrät Thomas Walde, warum er in seinem Gespräch mit Gauland das Migrationsthema aussparte und dass er die Gespräche mit FDP-Chef Lindner oder Bernd Riexinger von der Linken als ähnlich "robust" empfunden hat.

ZDF-Journalist Thomas Walde im Interview

Sie haben in Potsdam 20 Minuten mit AfD-Chef Alexander Gauland gesprochen, das Wort "Flüchtlinge" fiel dabei nur ein einziges Mal - Zufall oder Absicht?

Wir haben uns in der Redaktion vorher überlegt, dass wir mit Herrn Gauland gerne über mehrere wichtige und relevante Themen sprechen möchten, über die Rente zum Beispiel, das nach Umfragen für die Menschen im Land wichtigste Thema. Und dazu noch über ein paar andere Themen, die wir bei der AfD für - im wahrsten Sinne des Wortes - fragwürdig halten. Herr Gauland hätte das Thema Migration von sich aus aber jederzeit ansprechen können.

War das Vorgehen mit Herrn Gauland so abgesprochen?

Wie bei allen anderen Sommerinterviews hatten wir auch mit Herrn Gauland die Absprache, dass es um aktuelle politische Themen, um das Programm seiner Partei und deren Lage gehen wird. Wir sagen nie, welches Thema explizit stattfindet oder eben nicht stattfindet.

Es wird häufig kritisiert, dass es der AfD zu einfach gemacht wird, ihre Themen zu platzieren. Spielte das bei der Vorbereitung ihres Interviews eine Rolle?

Sicherlich spielt diese allgemeine Diskussion eine Rolle, wir bewegen uns ja nicht im luftleeren Raum. Mein Eindruck ist aber vielmehr, dass wir in den vergangenen Wochen und Monaten von der AfD schon sehr viel zum Thema Flüchtlinge gehört haben. Und mich hat eben interessiert, welche programmatischen Ideen die Partei für andere Politikfelder hat.

Vor allem von Unterstützern der AfD gibt es viel Kritik an dem Interview …

In meiner Twitter-Timeline habe ich innerhalb von einer Stunde rund 4500 Mitteilungen bekommen, nur etwa ein Fünftel äußert sich negativ und wirft mir vor, Alexander Gauland vorgeführt zu haben. Vier Fünftel der Reaktionen sind positiv, nach dem Motto "Endlich hat mal jemand die AfD ganz sachlich gestellt". Das scheint mir darauf hinzudeuten, dass es bei vielen Menschen ein Bedürfnis danach gibt. Auch in den Kommentaren anderer Medien ist der Tenor, dass Gauland viele Antworten schuldig geblieben ist.

Hat es Sie überrascht, dass Ihr Gesprächspartner auf so viele Fragen keine Antworten hatte?

Die Beurteilung dessen, was Herr Gauland gesagt hat, überlasse ich den Zuschauern. Ich habe meine Fragen gestellt und Herr Gauland hat geantwortet. Im Nachhinein Noten zu verteilen, halte ich für Nachtreten. Das mache ich nicht.

Die Flüchtlingspolitik bleibt der Markenkern der AfD. Würden Sie im Gespräch mit den Grünen auch deren Markenkern, die Umweltpolitik, ausklammern?

Klar. Wenn es andere Themen gibt, die ich für fragwürdig halte. Schauen Sie sich die vorherigen Sommerinterviews an: Habe ich mit Herrn Riexinger von der Linkspartei die ganze Zeit über Sozialpolitik geredet? Nein. Ich darf meine Gesprächsgäste ja auch nicht unterfordern.

Am Rande ging es mit Herrn Gauland auch um die deutsche Geschichte. Er hat sich dabei deutlich von der Zeit des Nationalsozialismus distanziert. Wie glaubwürdig empfanden sie das?

Auch diese Bewertung möchte ich den Zuschauern überlassen. Ich habe nach der deutschen Geschichte gefragt, weil er sich in Zukunftsfragen immer wieder auf die Vergangenheit bezieht, das ist schon etwas Besonderes. Alexander Gauland hat die Frage ausführlich beantworten können. Ich denke, das hat zur Meinungsbildung beitragen können.

Ist ihr Interview eine Blaupause für den professionellen Umgang mit der Partei?

Schon bei der Ankündigung des Interviews vorab gab es Menschen, die sich gefragt haben, warum wir der AfD überhaupt ein Forum geben. Meine Haltung dazu ist, dass wir mit der AfD umgehen wie mit allen anderen Bundestagsparteien. Wenn ich mir das Interview mit Alexander Gauland und die mit FDP-Chef Christian Lindner oder mit Bernd Riexinger anschaue, kann ich sagen, dass das Gespräch ähnlich robust war und ich immer die Gegenposition zu meinem Interviewpartner einnehme. Nur so ist es sinnvoll. Uns ist es so gelungen, einen eigenen Akzent in dem Sommerinterview zu setzen. Ob das einen Vorbildcharakter hat, sollen andere entscheiden.

Das ZDF-Sommerinterview mit AfD-Chef Alexander Gauland können Sie in der Mediathek des Senders nachsehen.

+++ Im Video sehen Sie, wie Twitter-User das Sommerinterview mit Gauland kommentieren. +++

An einem Holztisch sitzen Alexander Gauland von der AfD und Journalist Thomas Walde von ZDF. Im Hintergrund glänzt ein See