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Meinung

Umstrittenes Interview: Schluss mit dem Geschwätz, ran an die Probleme, Herr Schäfer-Gümbel!

Thorsten Schäfer-Gümbel hat äußerst zweifelhafte Parallelen zwischen Grünen und AfD gezogen. Damit lieferte der SPD-Politiker ein Paradebeispiel für jene inhaltsleeren Polit-Ränkespiele, die viele Menschen so leid sind. Dass er inzwischen via Twitter zurückgerudert ist, macht die Sache nicht besser.

Thorsten Schäfer-Gümbel geht die Grünen an

War angeblich selbst erstaunt, wie sein Vergleich von Grünen und AfD aufgenommen wurde: SPD-Co-Übergangschef Thorsten Schäfer Gümbel

AFP

Man sollte meinen, so allmählich müssten es die Regierungs- und auch einige Oppositionsparteien im Bundestag doch begriffen haben. Wie selten zuvor und deutlich vernehmbar signalisiert ein Großteil der Wählerinnen und Wähler, dass sie einen Politikwechsel wollen. Gemeint ist damit: Statt sich in den alten, viel zu lange geduldeten Ritualen zu ergehen, sollen die Politiker in verantwortlichen Positionen bei den drängenden Themen der Zeit zu Potte kommen - vor allem beim Klimawandel, aber nicht nur da. Und was fast noch wichtiger ist: Die Wählerschaft der Zukunft macht sehr klar, dass sie bereit und gewillt ist, die damit einhergehenden tiefgreifenden Veränderungen für ihr alltägliches Leben zu akzeptieren. 

Wie gesagt, allmählich müssten sie es doch kapiert haben. Doch stattdessen: Thorsten Schäfer-Gümbel. Die Äußerung des Drittel-SPD-Übergangspräsidenten im "Tagesspiegel", die Grünen würden die Welt genauso unzulässig auf den Klimawandel reduzieren wie die AfD auf die Migrationsfrage und beide seien daher gleichermaßen populistisch, ist genauso "hilfreich" wie das aktuelle Lieblings-Schreckgespenst von FDP-Chef Christian Lindner: das schnitzelbefreite Deutschland. Solches Wortgeklingel findet man in der (verbliebenen) Wählerschaft vielleicht noch originell, allen anderen signalisiert es aber, dass offenbar Ideen und wohl auch Wille fehlen, sich angesichts einer außergewöhnlichen Situation wie den Klimawandel auf ebenso außergewöhnliche Problemlösungen zu konzentrieren.

Thorsten Schäfer-Gümbel: AfD noch hoffähig gemacht

Immerhin: Bei "Maybrit Illner" am Donnerstagabend klang ein wenig die Bereitschaft an - auch von Groko-Vertretern - parteiübergreifend nach Lösungen des Klimaproblems suchen zu wollen. Etwas in dieser Art würde man sich gerne konkreter wünschen. Schon wenig später aber gingen die Meldungen über die Ticker, dass Schäfer-Gümbel ausgerechnet den derzeit potentesten potenziellen politischen Verbündeten tief unter der Gürtellinie getroffen hatte. Das war nicht nur sachlich falsch (die Grünen haben in vielen Regierungsbeteiligungen längst belegt, dass sie nicht nur eine Klimapartei sind), sondern er hat auch in Kauf genommen, die AfD - eine Partei, die den Klimawandel weitgehend leugnet und die demokratischen Institutionen infrage stellt - damit ein weiteres Stückchen hoffähig zu machen. Schließlich kann man die Worte des SPD-Cos nur allzu leicht umdeuten in: Die AfD ist auch nicht schlimmer als die Grünen. Egal, ob man die Grünen nun für jene Heilsbringer hält, als die sie derzeit erscheinen, oder nicht. Da hat sich TSG in der SPD-Not wahrlich gründlich vergaloppiert.

Dass Schäfer-Gümbel das inzwischen eingesehen und die Grünen in einer Serie von Tweets als "Stütze der Demokratie" sowie die AfD als "das absolute Gegenteil" bezeichnet hat, macht die Sache kein bisschen besser. Etwas raushauen, oft sachlich fraglich, dann zurückrudern - genau derartige Rituale sind viele Menschen mehr als leid. Nicht zuletzt, da sie nirgendwohin führen - schon gar nicht zu Antworten auf die Frage aller Fragen: "Wie werden wir in Zukunft leben (können)?" Das sollten Parteien und Politiker doch inzwischen nun wirklich verstanden haben. Sollte man meinen.

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