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Kleine TV-Debatte zur Wahl: Ein überraschend schöner Schlagabtausch - nur: Wen will ich jetzt nochmal wählen?

Bevor am Sonntag das große TV-Duell Merkel vs. Schulz ansteht, bereitete Sat.1 den Parteien der zweiten Reihe die Bühne. Ein schöner schneller Schlagabtausch war's. Doch weil für Details wenig Platz blieb, war es schwierig, Unterschiede aufzuschnappen.

Schaulaufen der sogenannten kleinen Parteien (nicht zu verwechseln mit den sonstigen!). Es geht um die Frage: Wer kann mit wem, wenn bei der Bundestagswahl in knapp vier Wochen etwas anderes rauskommen soll als die fast schon übliche GroKo? Mit die spannendste Entscheidung also, die ein Wähler diesmal treffen kann. Umso mieser der von Sat.1 gewählte Sendetermin: 22:30 Uhr, mitten in der Woche. Da muss so mancher passen, der am nächsten Morgen beim Chef nicht unangenehm auffallen darf. Wahl-Duell statt "Renovierungsduell" zur Prime Time. Einmal alle vier Jahre sollte das doch selbst auf Sat.1 möglich sein.

Geht aber offenbar nicht. Die Besetzung ist mit Katja Kipping (Linke), Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Christian Lindner (FDP) und (AfD) hochkarätig - es sind jeweils die Spitzenkandidaten bzw. die Parteivorsitzenden angetreten. Moderator Claus Strunz darf sich für das große Duell am kommenden Sonntag schon mal warmlaufen. "Bei mir müssen alle Klartext reden", verspricht er schon im Trailer zur Sendung. Das Versprechen wird mühelos eingehalten. Wie auch nicht: Bei vier Statements zu jedem der "zehn drängendsten Fragen der Deutschen", Kurzauftritten betroffener Bürger, Personality-Runden für jeden Kandidaten, kurzen Social-Media-Reviews und Werbeunterbrechungen innerhalb von zwei Stunden bleibt keine Zeit für Erklärungen.

Kein Platz für Geschwafel, keine Zeit für Details

Atemlos durch die Partei-Programme sozusagen. Für Geschwafel ist hier wirklich kein Platz. Das kann man gut finden, aber eines fällt auf: In der extrem komprimierten Form wird es schwierig, die Unterschiede aufzuschnappen. Mehr Sicherheit wollen alle, klar. Mehr Stellen und bessere Ausrüstungen für die , mehr Stellen und bessere Bezahlung in der Pflege auch, alle halten irgendwie wenig vom Fallpauschalensystem in den Krankenhäusern in der jetzigen Form, ein Einwanderungsgesetz - wollen alle, jedenfalls klare Zuwanderungsregelungen und die Abschiebung identifizierter Gefährder, mehr Jobs wollen alle, man soll von seiner Arbeit leben können und letztlich auch nicht in die Altersarmut rutschen. Und gegen den islamistischen Terror und die Radikalisierung junger Menschen im eigenen Land muss man natürlich auch was tun.

Stopp!!! Kaum Unterschiede zwischen Grünen und ? Zwischen der Linken und der FDP? Wirklich? Natürlich nicht! Aber wer all' das hastig Hingeworfene aufschnappen und dann auch noch vergleichen will, der muss bei diesem Parforce-Ritt intensiv dranbleiben. Wer das schafft, dem schwirrt bald der Kopf. In der Werbepause wächst die Erkenntnis, die Unterschiede, ja der Teufel liegen wohl eher im Detail. Wird womöglich deshalb in anderen TV-Runden soviel gequatscht? Und wie war das doch gleich mit den einfachen Antworten auf komplizierte Fragen...? Eben.

Welche Partei passt zu mir? Der Wahl-O-Mat hilft bei der Entscheidungsfindung.


Christian Lindner ist plötzlich der Beau

Trotzdem: Die Sendung hat durchaus ihre Momente:  findet sich als einziger Mann in der Runde plötzlich in der Situation, dass nur noch sein Aussehen diskutiert wird. Der sonst stets offensive Liberale fühlt sich in dieser Rolle sichtlich nicht zu Hause. "Ob das die Gleichberechtigung ist, die ich immer gewollt habe, weiß ich nicht", feixt Linken-Frau Katja Kipping. Und AfD-Kandidatin Alice Weidel springt Lindner sogar bei.

Weidel selbst wirkt wenig später tatsächlich ein wenig angefasst, weil sie in einer Straßenumfrage als unsympathisch beschrieben wird. 88 Prozent wollen sie laut Umfrage nicht als Nachbarin haben und 81 Prozent finden, sie habe keinen Humor. "Das ist schon hart so'n Image", sagt Weidel, "das ist nicht gut. Da muss ich an mir arbeiten. Das nehme ich jetzt mal so mit."

Wenig später ist sie dann in ihrem Element, als sie vehement die vebalen Angriffe ihres Parteifreundes Alexander Gauland gegen die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özuguz (SPD), verteidigt. Diese gehöre "nach Anatolien entsorgt", hatte Gauland gesagt. "Da habe er sich im Ton vergriffen und es tue ihm Leid", sagt Weidel. Gemeint gewesen sei, dass Özuguz umgehend von ihrem Amt suspendiert werden müsse. Unter anderem, weil sie angeblich Kinderehen toleriere.

Katrin Göring-Eckardt geht dagegen ziemlich souverän damit um, dass sie bei den Deutschen konservativ und bieder rüberkommt. Moderator Strunz hat einen seiner guten Momente, als er sie nach dem Verrücktesten fragt, was sie je getan habe. "Das wolle sie nicht sagen", antwortet Göring-Eckardt - und Strunz schiebt nach: "das Zweitverrücktest? Das Drittverrückteste? Das Viertverrückteste?" Wir erfahren schließlich, dass Göring-Eckardt den Überschlag beim Rock'n'Roll-Tanzen beherrscht, und dass sie - angestubst durch Christian Lindner, eine schwarz-grüne Koalition "nicht verrückt, aber anstrengend" finden würde. Es ist die einzige Koalitionsaussage des Abends.


Kipping und Göring-Eckardt punkten mit zugewandten Statements

Zum guten Schluss fördert "das kleine TV-Duell" noch etwas Bemerkenswertes zutage. In den sozialen Medien punkten vor allem Lindner und Weidel, die dort doch noch ein paar Sympathiepunkte bekommt. Die Linke und die Grüne, heißt es etwas mitleidig, kämen praktisch nicht vor. Im Studio können die betroffenen Bürger, nachdem sie ihr Anliegen geschildert und die Statements der Politiker gehört haben, symbolisch ihre Stimmen abgeben. Weidel geht leer aus, Lindner bekommt nur eine halbherzige Stimme von einem Polizisten. Der geringverdienende Paketbote fühlt sich bei Göring-Eckardt am besten aufgehoben und sowohl die Krankenschwester als auch die junge Frau, die dem Terror im Pariser "Bataclan" knapp entkam, geben Katja Kipping ihre Stimme. Beide Frauen punkten mit einer direkten Ansprache und menschlichen Aspekten. Ob das das gesuchte Detail ist, das bei der Wahlentscheidung hilft, entscheidet jeder für sich in der Wahlkabine.

Update: Wie sich herausgestellt hat, ist die in der Sendung aufgetretene Krankenschwester Dana Lützkendorf aktives Mitglied der Linken. Das rückt die symbolische Vergabe ihrer Stimme an die Linken-Chefin Katja Kipping natürlich in ein anderes Licht. Moderator Claus Strunz hat sich dafür entschuldigt, dass dies der Redaktion der Sendung aufgrund einer "lückenhaften Recherche" nicht bekannt war.

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