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TV-Kritik

Anne Will: Frühlingsspaziergang verbieten? "Bloß nicht!" Virologe Kekulé liest Politikern die Leviten

Von Tag zu Tag werden die Maßnahmen drastischer. Viele Bürger fragen sich: Was kommt da noch?  Bei "Anne Will" mahnt ein Virologe, man sei "viel zu spät dran". Nun müsse man es schaffen, dass sich in den kommenden Wochen immer weniger anstecken.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Anne Will zum Coronavirus

Diskussion um das Coronavirus bei Anne Will (li.): NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (2.v.li.) diskutiert mit dem Virologen Alexander Kekulé (re.). 

Ein einfacher Frühlingsspaziergang - wird der auch bald verboten? Viele hoffen: bloß nicht! Und das sagte auch der Virologe in der ARD-Talkrunde bei Anne Will, Alexander Kekulé: "Die Republik in die Bude einsperren, dafür gibt es keine virologische Begründung." Dauer-Wohnungsinsassen droht sonst der Psycho-Koller. Der Experte betonte, jeder müsse zwischendurch raus, an die frische Luft. So lange sich da keine Gruppen versammeln würden, sondern das im Alleingang oder innerhalb der Familie geschehe.

Zu Unbekannten gelte allerdings weiterhin: zwei Meter Abstand. Seine Botschaft machte Kekulé mehrmals deutlich: "Würden wir es schaffen, dass sich zwei Wochen lang niemand ansteckt, wäre das Virus weg." Nun sei die letzte Chance gekommen, gleichwohl man sehr spät dran sei. Und was, wenn es nicht gelingt?

Das Thema "Die Corona-Krise - wie drastisch müssen die Maßnahmen werden?" diskutierten am Sonntagabend diese Gäste:

Cerstin Gammelin, Stellvertretende Leiterin des Parlamentsbüros der "Süddeutschen Zeitung"
Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga Bayern
Alexander Kekulé, Direktor des Institutes für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen
Olaf Scholz (SPD), Vizekanzler und Bundesfinanzminister
Claudia Spies, Ärztliche Leiterin des CharitéCentrums für Anästhesiologie und Intensivmedizin 

Die Sache mit dem Abstand im Anne Will-Studio

Das Publikum fehlte, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Aber was war mit dem Zwei-Meter-Abstand? Anne Will fiel auf, dass sie und ihre Gäste sich selbst nicht daran hielten – die Sessel waren genauso aufgestellt wie sonst. Anders übrigens in einer zeitlich parallel laufenden Sendung des ORF, in der ebenfalls das Corona-Virus auf der Talk-Agenda stand: dort saßen die Gäste ungewöhnlich weit auseinander. Zwei Meter Abstand. Mindestens.

Auch Ärztin Claudia Spies mahnte und warnte. Und nannte das schlechte Beispiel von Menschen, die sie vor ein paar Stunden noch gesehen habe, in einer Schlange vor einem Eisladen, sehr eng zusammenstehend. Immerhin konnte Armin Laschet sie auf Nachfrage beruhigen: "Die Masken sind da." Damit meinte er die dringend aufzustockende Schutzausrüstung für Klinikpersonal.

Schulschließungen? "Es gab eine lange Debatte"

Bei anderen Fragen absolvierte der CDU-Politiker hingegen Ausweichmanöver. Will blieb zwar erstmal dran, ließ es aber dann doch – warum eigentlich? - schnell wieder sein. Beispiel: Wie sei es zu dem Entschluss gekommen, Schulen und Kitas zu schließen? Laschet verwies auf das "Primat der Wissenschaft", auf namhafte Experten, unter anderem vom Robert-Koch-Institut, die davon abgeraten hätten. Am Donnerstagabend wurde darüber beraten, das Ergebnis ist bekannt: man folgte dem Rat der Experten nicht. Wie es dazu kam, wollte Will wissen. Antwort Laschet: "Es gab eine lange Debatte." 

Zum Thema Grenzschließung - Deutschland macht von diesem Montag an die Grenzen zu Frankreich, Schweiz, Österreich, Luxemburg dicht – sollte Olaf Scholz Stellung nehmen. Lieferketten freilich blieben erhalten. Man wolle aber, sagte er, verhindern, dass Menschen aus anderen Ländern "nur der Freizeit wegen" nach Deutschland kommen. Franzosen etwa sollten nicht zum Einkaufsbummel rüberfahren. Auch diese Erklärung genügte der Moderatorin.

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3000 Ansteckungen durch ein unerkannt infiziertes Kind

Wie war das nochmal mit der europäischen Idee? Laschet immerhin verwies darauf, dass die Grenzen zu Belgien und den Niederlanden offen bleiben würden. Was aufgrund des "grenzüberschreitenden Gesundheitsmanagements" möglich sei. Ob Hamsterkäufe von Belgiern zu befürchten seien, wollte Will wissen. Das sei nicht beobachtet worden und auch nicht erwartbar, so der Ministerpräsident.

Virologe Kekulé ließ die Runde auch hier wieder wissen: "Alles viel zu spät". Auch die Grenzschließungen. Deshalb seien die Zahlen expositionell angestiegen. Damit es alle mal endlich kapieren rechnete er vor, dass ein Kind, das "unerkannt" infiziert sei und weiter zur Schule ginge, acht Wochen später 3000 Menschen infiziert hätte. 0,5 Prozent sterben, also 15 Menschen; 300 würden auf der Intensivstation behandelt werden müssen. "Das Virus lässt sich mathematisch vorhersagen, wie ein Uhrwerk", so Kekulé, der übrigens nicht zu dem Expertenteam gehörte, das die Bundesregierung beriet. Wäre übrigens eine gute Idee gewesen: einen aus diesem Team einzuladen.

Viele gastronomische Betriebe werden Corona nicht überstehen

Während die Krankenhäuser besser vorbereitet und Intensivbetten aufgestockt werden, gibt es auch an anderer Stelle Maßnahmen. Scholz will die finanziell entlasten und entschädigen, die nun Umsatzeinbußen haben wie kleine Betriebe und Solo-Selbstständige. Er sprach von "speziellen Fonds" und "schnellen Hilfen". Angela Inselkammer machte deutlich wie dringend Steuerstundungen und Kredite seien. Die Tourismusbranche sei "in der Klemme". Von 220.000 gastronomischen Betrieben würden die Hälfte nach dieser Krise wohl nicht mehr existieren.

Supermärkte hingegen kann man wohl als Gewinner bezeichnen. Sie bleiben weiterhin geöffnet. Und auch sonst alle Läden, "die man zum Leben braucht": Apotheken, Drogerien, Banken. "Es gibt keinen Anlass, in den Supermarkt zu stürzen, er hat auch übernächste Woche noch auf." Der Mythos von der Lebensmittelknappheit – auch nicht wahr übrigens. Ebenso wenig wie der vom Schnupfen-Symptom bei Corona. Kekulé wiederholte mehrmals, Schnupfen sei "nicht typisch für Corona". Stattdessen seien Fieber, Kopfschmerzen und nach einiger Zeit eintretender Husten mögliche Indizien.