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TV-Kritik

"Maischberger. Die Woche": Immun gegen Söder: Merz sieht sich als Gewinner im Kampf um den CDU-Vorsitz

Corona-Allerlei: Maischbergers Gäste debattierten über das Pro und Contra von Ramelows Vorstoß und über die Notwendigkeit, sich auch in Covid-19-Zeiten zu verlieben – und Friedrich Merz berichtete von seiner neuen Nähe zu Angela Merkel.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Maischerger Merz

Doppelt gefragt: Friedrich Merz berichtete bei "Maischberger" von seiner Corona-Infektion und untermauerte seine Ambitionen, CDU-Vorsitzender zu werden

stern

Die Quasselbuden-Sommerpause naht, und damit stehen wir, nicht nur Karl Lauterbach allein, vor der bangen Frage: Ist ein Leben ohne Covid-19-Talk überhaupt möglich? Und: wie überhaupt lässt sich talken, wenn nicht über Corona?

Bei "Maischberger. Die Woche" durfte gestern einer ran, der von der vordersten Viren-Front berichten konnte: Friedrich Merz ist zurück. Der CDU-Politiker gehört zu denen, die "es" überstanden haben. Trotz Risikogruppen-Zugehörigkeit mit seinen 64 Jahren berichtete der Corona-Ritter über einen verhältnismäßig milden Verlauf. Kein Fieber, keine Atemnot. "Es war wie eine leichte bis mittlere Grippe, ich hatte einen unangenehmen Schnupfen und war ein bisschen müde", so Merz, der sich nach eigenen Angaben bei einem Journalisten angesteckt hatte. Die anderen 81 Kontaktpersonen, die er nennen konnte, seien nicht infiziert gewesen.

Merz will Immunitätsausweis

Um Menschen in Zukunft die Sorge zu nehmen, ansteckend zu sein, brachte er den umstrittenen virologischen Freifahrtschein ins Spiel: "Ich hätte gerne einen Immunitätsausweis." Maischberger verpasste an dieser Stelle, hier wenigstens den medizinischen Einwand anzubringen. Denn noch gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, ob und wie lange die Immunität beim Coronavirus trägt. Stattdessen wandte Merz selbst ein: "Aber da wird halt gesagt, es gebe ein Restrisiko." Was kein Hinderungsgrund sei: "Das ganze Leben ist ein einziges Restrisiko." Was, nur mal angemerkt, eigentlich genauso ein Argument gegen einen Immunitätsausweis wäre.

Wie immun aber ist Merz eigentlich gegen Söder? In Sachen Beliebtheit verweist ihn der bayerische Ministerpräsident ganz eindeutig auf die Plätze. Auch in einer aktuellen Umfrage unter deutschen Führungskräften heißt es bei der Frage, wer ein guter Kanzlerkandidat für die Union wäre: 45 Prozent pro Söder, 17 Prozent pro Merz. Allein: Will Söder überhaupt Kanzlerkandidat werden? "Sie glauben, er wolle es auf gar keinen Fall?", so Maischberger. "Das ist meine Annahme", antwortete Merz. "Und Sie, wollen Sie CDU-Vorsitzender werden?" Dazu ein eindeutiges Ja von Merz: "Ich bin entschlossen, zu gewinnen". Er habe innerhalb seiner Partei große Unterstützung. Ob auch die Kanzlerin seine Kandidatur unterstütze? "Wir reden über Personalfragen nicht." In der Corona-Krise habe sich sein Verhältnis zu Merkel allerdings verbessert. "Das ist doch mal eine Nachricht", befand die Moderatorin.

Seine wichtigste Mission, so Merz: die EU fit machen. "Damit wir mithalten können mit dem, was aus Amerika und Asien kommt." Wir befänden uns, so Merz weiter, in einem Epochenwandel, der durch Corona verdichtet und beschleunigt werde. Nun gehe es darum, bei den Überlegungen zu Konjunkturhilfen einen Innovationssprung in Europa zu schaffen. Der Blick nach Deutschland: "Das Wichtigste ist, Arbeitsplätze zu behalten." Die rund zehn Millionen Kurzarbeiter bedeuteten "eine verdeckte hohe Arbeitslosigkeit". Obwohl er die Maßnahmen hierzulande als verhältnismäßig einordne, werde, so prognostizierte Merz, in der Rückschau viel zu kritisieren sein. Er verwies besonders auf den Umstand, dass die Kinder so lange zu Hause geblieben seien: "Das wird Folgen haben, die wir uns noch nicht vorstellen können."

Virologe Schmidt-Chanasit: "Diesen Impfstoff wird es nicht geben und schon gar nicht nächstes Jahr."

Ein bisschen EU, ein bisschen deutsche Wirtschaft, vor allem aber, vor und nach dem Auftritt von Friedrich Merz, viel Corona-Allerlei: am Tresen diskutierten, kommentierten und erklärten: der Moderator Reinhold Beckmann, die SZ-Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt und der stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges. Während Beckmann vor allem über die Bundesliga und deren Geisterspiele fachsimpelte, standen sich Berndt und Jörges in den meisten Fragen gegenüber wie Söder und Laschet: Vorsicht versus Lockerung. Bodo Ramelow, der demnächst in Thüringen von Krisenmanagement auf Regelbetrieb umstellen will, ist Berndt ebenso ein Dorn im Auge wie Menschen, die in Kirchen singen. Allerdings sei auch ihr klar. "Man kann nicht warten, bis es das Virus nicht mehr gibt, sonst müssten wir uns alle einsperren." Ihre sonderbarste Aussage: "Vor Covid selbst kann ich mich nicht schützen, das Virus kommt auf mich zu."

Jörges denkt an die Liebenden

Jörges sieht angesichts der Verhältnismäßigkeit – sinkende Infektionsraten, große regionale Unterschiede – die Notwendigkeit einer bundeseinheitlichen Steuerung nicht mehr als gegeben. Stattdessen gehe es darum, die Verantwortung weiterzugeben, vom Föderalismus an den Regionalismus, von den Ländern in die Landkreise und Städte. Er selbst wolle in Berlin wieder ins Theater gehen und selbst verantwortlich sein für das Risiko, sich anzustecken. Mundschutz? "Der Zweck der Masken ist, daran zu erinnern, dass es das Virus noch gibt, sonst würden die Menschen undiszipliniert", so der Journalist. Zudem brachte er diejenigen ins Spiel, an die so ziemlich keiner denkt: "Die Menschen wollen sich verlieben." Und nicht dem Diktat der Virologie für die nächsten zwei Jahre ausgesetzt sein.

Katja Riemann kam mit einer der wichtigsten Botschaften überhaupt ins Studio: Vergesst die Menschen in den griechischen Flüchtlingslagern nicht. Die Schauspielerin engagiert sich seit über 20 Jahren für humanitäre Projekte. Sie kennt die Situation geflüchteter Menschen und verwies darauf, dass die ohnehin schon katastrophalen Zustände in den griechischen Flüchtlingslagern durch die Corona-Krise weiter verschärft würden. Da die Menschen dicht an dicht hausten, könnten die Hygieneregeln nicht eingehalten werden. Trotzdem, so Riemann, sei kein Corona-Fall bisher bekannt geworden. Ihr gehe es darum, die betroffenen Menschen aus den unhaltbaren Zuständen zu befreien. Die "Superentschuldigung Corona" wolle sie nicht gelten lassen. Nicht allein Deutschland sei gefordert, zu handeln: "Das ist vielmehr eine Frage der EU." Dass ihre Appelle bisher nicht gehört werden, nährt allerdings einen traurigen Verdacht, den auch Jörges bestätigte: Man brauche die Bilder aus den Flüchtlingslagern, um anderen Flüchtenden zu signalisieren, seht her, wenn ihr hierherkommt, dann geht es euch so wie uns.