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Auto-Wahl Umfragen-Wirrwarr: Finden Grünen-Wähler SUV nun besonders gut oder besonders schlecht?

DISKUTHEK: Malte Dringenberg (Automobilclub von Deutschland) streitet mit Marion Tiemann (Greenpeace)
Innerhalb von 14 Tagen erscheinen zwei Umfragen über Grünen-Wähler und ihr Verhältnis zum SUV. Einem Ergebnis zufolge sind die Ungetüme das Lieblingsauto, laut dem anderen genau das Gegenteil. Was denn nun? Über die Kniffe der Statistik. 

Das eine Klischee lautet, dass Wählerinnen und Wähler der Grünen besonders oft umweltschädlich viel fliegen und dicke Autos fahren. Einem anderen Klischee zufolge soll man keiner Statistik trauen, die man nicht selbst gefälscht hat. Verknüpft man beide Stereotypen, verstärken sie sich gegenseitig auf wundersame Weise. Das klappt umso besser, wenn dazu noch das Bundesumweltamt eine passende Untersuchung liefert: "In Schichten, die besonders viele Ressourcen verbrauchen, sind positive Umwelteinstellungen sowie das Wissen weit verbreitet, dass ein sparsamer Umgang mit Ressourcen notwendig ist", zitierte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) jüngst eine Studie.

Gestützt wurde damit eine Umfrage, nach der Symphatisantinnen der Grünen besonders gerne mit dem Kauf eines Geländewagens liebäugeln würden, mehr jedenfalls als die Wähler anderer Parteien. Jeder Sechste habe laut einer Untersuchung des Beratungsunternehmens "Puls", von der die "FAS" berichtet, im vergangenen Jahr einen SUV gekauft oder plane dies zu tun. Gleich dahinter rangierten Anhänger von SPD und AfD – und erst dann die der Union. Mit der Spritschleuder auf den Ökohof, diese hämische Botschaft wollte sich das konservative Blatt dann auch nicht verkneifen. Doch nur zwei Wochen später kommt eine ähnliche Befragung zu einem anderen Ergebnis. Dass nämlich, so der "Spiegel", nicht die Grünen-Anhänger und -Anhängerinnen am liebsten SUV fahren würden, sondern, in dieser Reihenfolge: Wähler der AFD, der FDP und der Union.

Was ist da also los?

Zunächst zur Ende Mai im "Spiegel" veröffentlichten, repräsentativen Civey-Umfrage. Danach können sich "24 Prozent der Anhänger der Grünen grundsätzlich vorstellen, ein SUV zu kaufen – der zweitniedrigste Wert nach den Anhängern der Linken", schreibt das Magazin. Für 48 Prozent der Wähler:innen von CDU/CSU, 52 Prozent der FDP- und 54 Prozent der AfD-Wähler dagegen sei der Kauf eines SUV vorstellbar. Was auf den ersten Blick widersprüchlich klingt, ist es nicht zwingend. Denn in der "Puls"-Befragung über die die "FAS" berichtet, haben/wollen nur 16,3 Prozent der Grünen-Wähler einen Stadtgeländewagen, laut der "Spiegel"-Stichprobe aber immerhin 24 Prozent – also rund 30 Prozent mehr. Anders aber fallen die Ergebnisse bei den Anhängerinnen von Union, FDP und AfD aus.

Eine Umfrage, viele Ausgeschlosssene

Solche Unterschiede kommen bei unterschiedlichen Umfragen häufig vor. Manchmal liegt es an der Art der Befragung – etwa Online vs. Telefon, an der Anzahl der Befragten oder an der Schwerpunktsetzung der Umfrage. So auch hier: Die "Puls"-Befragung richtet sich an Menschen, die sich im vergangenen Jahr einen Wagen gekauft haben, oder es im kommenden Jahr planen. Das aber schließt alle aus – und damit natürlich auch Grünen-Wähler und -Wählerinnen, die bereits einen Wagen besitzen, sich keinen neuen kaufen wollen, oder die weder einen haben noch einen wollen – was mutmaßlich die Mehrheit an Bürgerinnen und Bürgern sein dürfte – und zwar ganz unabhängig von der Parteipräferenz.

Doch auf das eigentliche Problem der Umfrage beziehungsweise ihrer Interpretation weisen die Macherinnen und Macher der "Unstatistik des Monats" hin, einem Projekt des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Denn laut der "Puls"-Umfrage geben 16,3 Prozent der Grünen-Sympathisanten an, einen SUV gekauft zu haben oder kaufen zu wollen. Das bedeutet allerdings nicht, dass auch 16,3 Prozent der Leute – also rund jeder sechste – bereits einen SUV fahren, wie es die "Frankfurter Allgemeine" über ihren Artikel schreibt: "Die Ergebnisse der 'Puls'-Studie zeigen nur, dass unter denjenigen, die sich in den vergangenen zwölf Monaten einen SUV gekauft haben, 16,3 Prozent Sympathisanten von Bündnis 90/Die Grünen sind", heißt es bei der "Mai-Unstatistik".

Die Statistiker nennen das eine "Verwechslung von bedingten und bedingenden Ereignissen", die häufig vorkomme. Als Beispiel nennen sie Sportunfälle: Bei Männern entfielen von denen rund 60 Prozent auf Fußballspieler. Doch daraus zu schlussfolgern, dass Fußball die gefährlichste Sportart sei, stimme nicht. "Das nahezu 60 Prozent aller registrierten Sportunfälle auf fußballspielende Männer zurückzuführen sind, ist überwiegend damit zu erklären, dass viele Männer Fußball spielen", heißt es bei "Unstatistik des Monats".

Über den Antrieb sagen die Umfragen nichts

Im besten Fall lässt sich aus dieser "Puls"-Statistik herauslesen, dass SUV-Fahrer:innen mitunter die Grünen wählen. Sehr viel mehr sagt allerdings auch die Civey/"Spiegel"-Umfrage nicht. Dass 24 Prozent der Grünen-Sympathisanten und -Anhängerinnen sich vorstellen können, einen Stadtgeländewagen zu kaufen, heißt erst einmal nicht viel. Vermutlich kann sich auch ein Viertel aller Lehrerinnen und Lehrer vorstellen, einen Urlaub auf dem Malediven zu verbringen. Ob sie das dann am Ende auch tun, steht auf einem ganz anderen Blatt. Abgesehen davon, mögen diese Auto-Ungetüme vielleicht Platz im öffentlichen Raum wegnehmen, anfälliger für Unfälle und überhaupt aufwändiger in der Herstellung sein, aber sie sind nicht zwingend auch Benzinfresser. Wer von den Befragten aber auf Verbrenner steht oder auf E-Antrieb, darüber verraten die Zahlen nichts.

Quellen: "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", "Spiegel", Unstatistik des Monats


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