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Verdi-Chef: Bsirske fordert mehr Anstrengungen gegen Mitgliederschwund

Frank Bsirske tritt von der Verdi-Bühne ab. In seinem letzten Geschäftsbericht betont der Langzeitchef die Erfolge seiner Gewerkschaft. In einem zentralen Punkt muss er allerdings auch Rückschläge einräumen.

Frank Bsirske

Frank Bsirske, Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Foto: Sebastian Willnow

Der scheidende Verdi-Chef Frank Bsirske sieht eine entscheidende Aufgabe für die Gewerkschaft darin, dem Mitgliederschwund entgegenzuwirken.

«Kirchen brauchen Gläubige, Parteien Wählerinnen und Wähler. Und Gewerkschaften? Gewerkschaften brauchen Mitglieder», sagte Bsirske am Montag in seinem letzten Geschäftsbericht auf dem Bundeskongress in Leipzig. Gewerkschaften seien nur stark als Mitgliederorganisationen. Doch genau daran hapere es, sagte Bsirske.

Verdi verliert Mitglieder. Jedes Jahr verlassen deutlich mehr Menschen die Gewerkschaft als eintreten, wie Bsirske weiter sagte. Auch 2019 zeichnet sich demnach ein Minus von rund 20.000 Mitgliedern ab. Im Gründungsjahr hatte Verdi noch 2,81 Millionen Mitglieder, vergangenes Jahr waren es noch 1,97 Millionen. Verdi wolle und müsse dort gegensteuern, sagte Bsirske, der nach 18 Jahren an der Spitze abtreten wird. Am Dienstag soll sein Vize Frank Werneke (52) zu seinem Nachfolger gewählt werden. Auf dem Bundeskongress beraten rund 1000 Delegierte noch bis zum Samstag die Schwerpunkte der Gewerkschaftsarbeit für die kommenden Jahre.

Sorgen macht Bsirke auch die bröckelnde Tarifbindung in Deutschland. Waren Anfang der 90er Jahre in Westdeutschland noch 80 Prozent der Beschäftigten tarifgebunden, sind es jetzt nur noch 59 Prozent, im Osten nur noch 46 Prozent. «Das darf so nicht weitergehen», sagte Bsirske. «Stärkung der Tarifbindung ist das Gebot der Stunde.» Die Gewerkschaften müssten von unten Druck machen, die Politik unterstützen. Öffentliche Aufträge von Bund, Ländern und Gemeinden dürften künftig nur noch an tarifgebundene Unternehmen vergeben werden, fordert Verdi ebenso wie die DGB-Gewerkschaften.

Verdi, «die Gewerkschaft der 1000 Berufe», habe in den zurückliegenden Jahren zahlreiche Erfolge verbucht. Dazu zähle die Durchsetzung eines Tarifvertrages bei der irischen Billigfluglinie Ryanair ebenso wie die Ausbildungsvergütung angehender Logopädinnen oder Röntgenassistentinnen an Unikliniken. Bsirske kündigte zudem an, dass auch die seit mehr als sechs Jahren laufenden Streiks bei Amazon fortgesetzt werden sollen. Der Eindruck, dass Verdi dort einen Kampf gegen Windmühlenflügel ausfechte, sei falsch. Seitdem es bei dem US-Versandriesen zu Ausständen komme, gebe es dort regelmäßige Lohnerhöhungen.

Bsirske pochte in seinem Rechenschaftsbericht zudem erneut auf die Grundrente, sprach sich für eine Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro aus und verlangte ein Ende der Politik der schwarzen Null. Deutschland brauche Investitionen - in den sozialen Wohnungsbau, das Bildungssystem, den Breitbandausbau, die Pflege und die öffentliche Infrastruktur.

dpa