VG-Wort Pixel

Coronakrise Warum deutsche Firmen nicht auf Teufel komm raus Masken herstellen können, die gegen Viren schützen

Maskenproduktion
Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, steht mit einer Mundschutzmaske in einer Produktionshalle des Automobilzulieferers Zettl. Das Unternehmen hat angesichts der Corona-Krise seinen Betrieb auf die Produktion von Schutzmasken umgestellt.
© Armin Weigel / DPA
Die Bundesregierung will rasch die Produktion von professionellen Schutzmasken für Krankenhäuser, Arztpraxen und Pflegeheime ausbauen. Doch das geht nicht von heute auf morgen. Der Autobauer BMW prüft den Maskenbau, andere Firmen winken ab. Immerhin: Um die zehn Firmen haben mit ihren Masken bereits einen neuen Schnelltest der Dekra bestanden.

In Kliniken, Praxen und Pflegeheimen fehlt es an Schutzmasken für Ärzte, Schwestern und Pfleger, aber die Politik verspricht Abhilfe. Erstens will man mehr Ware aus Ländern wie China heranschaffen – was aber schwierig ist, weil die ganze Welt auf der Jagd nach den Masken ist. Zweitens will die Bundesregierung wieder mehr dieser Medizinprodukte in Deutschland selbst herstellen – was leichter gesagt ist, als getan.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) versprüht dennoch Optimismus: "Das kann jetzt ganz schnell geschehen", versicherte er am Dienstag. Zusammen mit dem von CDU-Mann Jens Spahn geführten Gesundheitsministerium werde man Firmen unterstützen, die ihre Produktion umstellen wollen. Spahn kündigte Mittwoch Abend auf Twitter und am Donnerstag in der "Bild"-Zeitung gar eine Abnahmegarantie für hierzulande produzierte Masken an. Und besonders drastisch formulierte es Innenminister Horst Seehofer (CSU): Die Krise lasse sich nur bewältigen, wenn "man auf Teufel komm raus produziert".

Nur kann die Bundesregierung die Firmen schlecht dazu zwingen, rasch in diese Produktion einzusteigen. Siemens zum Beispiel überlässt dem Bund und Bayern zwei Millionen Masken, die man bei Herstellern in China beschafft, wie Unternehmenssprecher Jürgen Homeyer dem stern sagte. Von einer eigenen Maskenproduktion, die durch die sozialen Medien geisterte, sei aber nicht die Rede: "Ich weiß nicht wo das herkommt, nicht von uns", sagt Homeyer.

Eine Meldung nannte wiederum die Firma Sandler in Oberfranken als künftigen Maskenproduzenten - aber das wird in der Firmenzentrale dementiert. Man liefere Vliesstoffe für Masken zu, "jedoch keinerlei Zuschnitte oder fertige Masken", bekräftigte ein Firmensprecher. Diese Stoffe für Masken fertigen die Oberfranken schon seit Februar rund um die Uhr, 24 Stunden lang an sieben Tagen in der Woche.

Nicht dass es gar keine Interessenten gäbe. Der Autobauer BMW prüft "eine eigene Produktion von medizinischen Masken", bestätigte eine Sprecherin dem stern. Einstweilen bleibt es aber erstmal dabei, dass der Konzern die eigenen Bestände plündert und dem Land Bayern 100 000 Masken überlässt: "Die Atemschutzmasken stammen aus einem Vorhalt für eigene Einsatzkräfte wie Gesundheitsdienst oder Werkfeuerwehr", sagte die Sprecherin des Autoherstellers.

Medizinische Masken brauchen eine Zulassung

Aber rasch eine eigene Produktion in Deutschland?  Auch Spahn scheint das zu wissen, dass das nicht von heute auf morgen geht. Die von ihm angekündigte Abnahmegarantie sorgte laut der Deutschen Apotheker-Zeitung bereits für teils "ungläubige Reaktionen". Denn laut den Bedingungen des Ministeriums muss die "erste Lieferung" von Schutzkleidung bis Mitte August zur Verfügung stehen - also relativ spät. Dabei, so das Apotheker-Blatt, werde das Material "bereits jetzt benötigt".

Doch für eine rasche Produktion gibt es Hürden. Nicht jeder kann einfach Schutzmasken für das medizinische Personal herstellen, schon gar nicht von heute auf morgen. Wie andere Medizin- und Arbeitsschutzprodukte auch müssen die Masken zertifiziert oder zumindest geprüft werden. Sie müssen für den Einsatz in Krankenhaus und Praxen sicher sein, gerade im Umgang mit einem tückischen Virus. Das verlangen auch die Schwestern und Pfleger, die Mitte März eine Online-Petition an Gesundheitsminister Spahn gestartet haben: "Bitte Schutzkleidung, die wir brauchen und die zugelassen ist!", verlangten sie.

Normalerweise dauere dieser Prozess der Zulassung nach EU-Vorgaben mindestens 60 Tage, zitierte die "Financial Times" am Dienstag den chinesischen Ableger der Prüforganisation TÜV Süd. Deren deutsche Zentrale bestätigt, dass man "die ungefähren Zeitläufe solcher Zertifizierungen" kenne. Schutzmasken seien aber bisher "nicht im Prüfportfolio von TÜV Süd".

Spahns Gesundheitsministerium hat zusammen mit dem Arbeitsministerium von Hubertus Heil (SPD) in einem gemeinsamen Schreiben den zuständigen Behörden empfohlen, Schutzgüter und Schutzausrüstungen, die in den USA, Kanada, Australien oder Japan verkehrsfähig wären, auch in Deutschland als zulässig anzuerkennen. "Für Produkte aus anderen Ländern" oder "für Produkte, bei denen Zweifel über die Verkehrsfähigkeit bestehen, können die zuständigen Behörden in einem vereinfachten Verfahren bewerten, ob das Produkt ein angemessenes Gesundheitsschutz- und Sicherheitsniveau erreichen kann", sagte eine Sprecherin des bayerischen Umweltministeriums dem stern. Bei ihm ist die Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik angesiedelt.

Für die Prüfung der besonders anspruchsvollen Filtermasken der Typen FFP 2 und FFP 3, die auch vor Viren schützen, gibt es zwei zuständige Stellen in Deutschland, das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und die Dekra. Weil das traditionelle Zertifizierungsverfahren wegen der Maskenknappheit jetzt zu viel Zeit kosten würde, haben Dekra und DGUV gemeinsam bereits vor einer Woche einen Schnelltest für Masken eingeführt, die diesen Qualitätsstufen entsprechen. Ein kleiner Stab arbeite jetzt in Sankt Augustin bei Bonn "Tag und Nacht", um Produktmuster auf ihre Tauglichkeit zu untersuchen, sagte DGUV-Referatsleiterin Ina Neitzner dem stern.

Der Ruf auf einen Schnelltest ist groß

Der Run auf diesen Schnelltest ist groß: "Die Zahl der Anfragen" sei "extrem hoch", sagt Neitzner. "Täglich erreichen uns zurzeit etwa 100 solcher Anfragen sowohl von Herstellern als auch von Importeuren." Dabei gibt es einige Anforderungen. Interessenten müssen in der Lage sein, innerhalb von drei Wochen 50 000 Stück zu fertigen. Und sie müssen 21 Baumuster an das Prüflabor in Sankt Augustin schicken, sowie drei bis vierstellige Gebühren bezahlen. Auch das Prüflabor der Dekra in Essen ist nach den Angaben eines Sprechers "voll ausgelastet". Dort habe man bereits um die zehn Maskenmuster mit einem positiven Prüfbericht versehen. Unter denen, die jetzt in die Produktion einsteigen wollen, seien auch "bekannte Firmen" aus der Industrie, versicherte der Sprecher der Prüforganisation.

Bereits am 13. März hatte die EU-Kommission als oberste Hüterin über die Normen den Weg für solche Schnelltests freigemacht. Solange die Atemschutzmasken ein angemessenes Gesundheits- und Sicherheitsniveau gewährleisten, so die Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik, könnten Masken für die Dauer der Krise freigegeben werden, "obwohl die entsprechenden Konformitätsbewertungsverfahren für diese Produkte nicht vollständig im Einklang mit den harmonisierten Normen erfolgten".

Zugleich beharrt die DGUV darauf, dass in Praxen und Kliniken keine ungetesteten Masken verwendet werden, im Interesse der Beschäftigten: "Nicht zertifizierte medizinische Gesichtsmasken sollten im beruflichen Bereich nicht verwendet werden".

Auch bei den zugelassenen Produkten ist Maske nicht gleich Maske. Selbst zertifizierte und nach DIN-Norm hergestellte OP-Masken schützen den Träger nicht vor Viren. Das können nur die aufwendigeren FFP-Masken. Und schon gar nicht schaffen das selbstgenähte Produkte - auch wenn selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einer Ansprache am Donnerstag eine Krankenhausangestellte lobend erwähnte, "die gemeinsam mit ihren Kindern daheim Schutzmasken für die Klinik näht".

Mit der selbstgenähten Maske ins Pflegeheim

Weil die Not so groß ist, schaffen es die Do-it-yourself-Masken offenbar in der Tat bis an den Arbeitsplatz. Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) hat von Pflegeheimen gehört, die ihre Mitarbeiter angewiesen hätten, sich selbst Masken zu nähen.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte spricht von sogenannten "Community"-Masken. Sie haben ihren Nutzen. Sie helfen dem Träger, andere vor den Tröpfchen zu schützen, die man selbst beim Sprechen oder Husten ausstößt. Auf diese Weise können sie "einen Beitrag zur Reduzierung der weiteren Ausbreitung" des Virus leisten, sagt das Bundesinstitut.

Das gilt auch für die Masken, wie sie die Textilhersteller Mey und Trigema jetzt produzieren (* siehe Fußnote). Auch sie bieten keinen Virenschutz – was beide Hersteller auch offen kommunizieren. Dass jemand wie der Unternehmer Wolfgang Grupp von der Firma Trigema im schwäbischen Burladingen nun trotzdem 80 Prozent seiner Näherinnen Masken produzieren lässt, geschah auf Wunsch der Politik und von Kliniken. "Vor vier oder fünf Wochen kamen Kliniken und Pflegeeinrichtungen aus der Umgebung auf mich zu, ob wir nicht Masken produzieren könnten", erzählte Grupp dem stern.

Der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) persönlich ermutigte den Unternehmer offenbar zu dem Schritt – obwohl Baden-Württemberg zu denjenigen Ländern gehört, die es besser als andere geschafft haben, auch zugelassene Masken zu besorgen. "Unsere Masken sind nicht als Medizinprodukt zertifiziert, und das wissen unsere Kunden", sagt Grupp. Ein lokales Klinikum lässt seine Beschäftigte die Masken jetzt nicht bei der Behandlung von Patienten tragen, sondern in Konferenzen und auf den Gängen.

Grupp findet, das sei bereits ein Erfolg: "Mit dem Tragen dieser Maske ist man nicht vor Viren geschützt. Aber sie schützen andere. Und wenn der andere auch eine Maske trägt, sind beide geschützt."

* Nachtrag 2. April 2020, 18:00: Nach Erscheinen dieses Artikels informierte Hersteller Matthias Mey den stern, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte seiner Stoffmaske eine Sonderzulassung als Medizinprodukt erteilt habe. Siehe auch der Bericht von Bernhard Albrecht.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker