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Existenzbedrohung Pandemieungerechtigkeiten und was dagegen hilft

Die Corona-Pandemie hat die soziale Ungerechtigkeit weltweit verschärft
Arbeit statt Schulbank: Weltweit hat die Pandemie die soziale Ungleichheit verschärft. Mancherorts müssen Kinder die Schule verlassen, um den Unterhalt der Familie zu erarbeiten.
© Vijay Pandey / DPA
Die Corona-Pandemie ist nicht nur eine Gefahr für die Gesundheit. Während einige wenige ihren Reichtum vermehren konnten, ist der Überlebenskampf für eine große Mehrheit noch härter geworden. Doch Rettung naht – zumindest für manche.

Wenn wir in Deutschland über das Ende der Pandemie sprechen, dann geht es etwa um die Frage, wann wir uns wieder zu Tausenden dicht an dicht vor einer Bühne von einem Festival mitreißen lassen können. Wann wir uns unser Lieblingsmenü in unserem Lieblingsrestaurant ohne Testnachweis und ohne Plexiglasscheiben schmecken lassen dürfen. Oder wann das Leben einfach wieder so frei und spontan stattfinden kann wie vor den 2020er-Jahren. Die Pandemiedebatte der "Westlichen Welt" ist häufig geprägt von Luxusfragen, die sich ein Teil der Bevölkerung aber nicht leisten kann.

Bereits im Frühjahr 2020 war schnell klar: Die Pandemie ist das i-Tüpfelchen auf die bereits bestehenden sozialen Ungerechtigkeiten. Wer vor der Pandemie von Armut bedroht war, für den gilt das nun umso mehr. So schreiben es Forscher in ihrem jährlichen Sozialbericht für das Jahr 2021. Haushalte, die schon einmal unter die Armutsgrenze gerutscht sind und zu den unteren Bildungs- und Einkommensgruppen gehören, sind häufiger von Freistellung und Arbeitslosigkeit betroffen. Galten ihre Arbeitsplätze dagegen als gesichert, so war das aus Infektionsschutzgründen als sicher eingestufte Homeoffice für sie unmöglich. Nur 24 Prozent aus der unteren Einkommensgruppe konnten ins Homeoffice wechseln, schreibt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Dagegen profitierten 51 Prozent aus der obersten Einkommensgruppe von flexiblen Arbeitszeiten in den eigenen vier Wänden.

Auch finanziell tat sich eine Kluft auf: 17 Prozent der ungelernten Arbeiter und 14 Prozent der einfachen Angestellten berichten von finanziellen Schwierigkeiten. Am niedrigsten war der Anteil unter den Beamten. Hier klagten lediglich zwischen zwei und drei Prozent über finanzielle Sorgen. Prekär war auch die Situation für Alleinerziehende. Hier waren 25 Prozent von finanziellen Engpässen betroffen.

Bekanntlich wirkt sich das soziale Milieu auf die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen aus. Auch das hat die Pandemie noch einmal verdeutlicht. Besonders in Zeiten von Lockdowns, in denen die Schulen schließen mussten und der Unterricht digital stattfinden musste, zeigte sich, wie sehr materielle Voraussetzungen die Bildungschancen beeinflussen. Kinder aus Familien mit einem Haushaltsnettoeinkommen zwischen 5000 und 18.000 Euro im Monat verfügten in der Regel über durchschnittlich vier PCs. Haushalte, denen monatlich weniger als 2000 Euro zum Leben bleiben, hatten dagegen durchschnittlich zwei Geräte zur Verfügung. Neben der materiellen Ausstattung spielt auch der Bildungsstand der Eltern eine Rolle. Studien haben zudem gezeigt, dass Kinder aus bildungsfernen Haushalten durchschnittlich weniger Zeit mit Schulaufgaben verbrachten als Mitschüler aus bildungsnahen Milieus.

Lockdown bedeutet Arbeit

Trotz aller Missstände, die sich in den vergangene zwei Jahren durch Corona in Deutschland aufgetan und verschärft haben, zeigt ein Blick ins Ausland, dass hierzulande trotz schleppendem Impftempo, mangelnden Testkapazitäten und einem belasteten Gesundheitswesen viel mehr geht, als anderswo. Während der Schulunterricht weitestgehend fortgeführt werden konnte, bedeutete die Pandemie für Kinder in Indien etwa das Ende der schulischen Laufbahn. Unter dem Lockdown litten insbesondere die in den Slums angesiedelten Tagelöhner. Weil das Leben in dem Land, wie an so vielen Orten der Welt, plötzlich stillstand, verloren sie ihre Arbeit. Für den Lebensunterhalt reichte es kaum noch. Viele sahen sich deshalb gezwungen, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken.

So erging es etwa dem zehnjährigen Shekh Zahid. Als die Schulen geschlossen wurden, begann der Viertklässler zu arbeiten. Seine Familie schickte ihn nach Delhi zu einem Onkel, der bereits als Lumpensammler unterwegs war. Shek verdient 150 Rupien am Tag, indem er verwertbares Material auf der Mülldeponie sammelt. Neben den prekären Arbeitsbedingungen leiden die Menschen auch unter der Wohnsituation. In den Slums um die Metropolregionen von Delhi oder Mumbai leben die Menschen in behelfsmäßig errichteten Wellblechhütten – dicht an dicht. Hygiene und Abstand zum Nächsten sind dort so gut wie nicht möglich, die Bedingungen für die Verbreitung des Coronavirus damit optimal.

Daneben beklagt die Organisation Oxfam eine "strukturelle wirtschaftliche Gewalt, mit zum Teil tödlichen Konsequenzen". So hätten im Zuge der Pandemie mindestens 13 Millionen Frauen Arbeit und Einkommen verloren. Allein im ersten Pandemiejahr beliefen sich ihre Verluste auf mindestens 800 Milliarden Dollar (rund 700 Milliarden Euro). Mehr als 20 Millionen Mädchen zusätzlich würden "nie wieder eine Schule besuchen" und jeden Tag stürben "mindestens 15.000 Menschen, weil ihnen eine adäquate medizinische Versorgung verwehrt ist". Menschen mit geringem Einkommen hätten zudem eine geringere Lebenserwartung als wohlhabende Menschen, kritisiert die Organisation.

Unfaire Impfstoffverteilung

Eine Impfung könnte nach derzeitigem Kenntnisstand zumindest die Ausbreitung des Virus einschränken und das Risiko für schwere Krankheitsverläufe und den Tod reduzieren. Mittlerweile schreitet die Impfkampagne in Indien voran, denn das Land hat seinen eigenen Impfstoff entwickelt. Anders sieht es dagegen in Afrika aus. Dort sind gerade einmal knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung geimpft. Grund ist der Impfstoffmangel. Das Geld dafür können viele Länder nicht aufbringen. Andernorts mangelt es am Willen der Regierung, das Geld zum Schutz der Bevölkerung auszugeben. Human Rights Watch berichtet etwa, dass Afrikas größte Volkswirtschaft Nigeria vom Internationalen Währungsfonds ein Covid-19-Hilfspaket im Wert von 3,4 Milliarden US-Dollar erhalten hat. "Wie diese Mittel ausgegeben wurden, ist jedoch unklar", schreibt die Organisation.

Die ungleiche Verteilung des Impfstoffes zeigt sich auch in der weltweiten Impfquote. Statistiken von "Our World in Data" zufolge sind weltweit lediglich 60 Prozent einfach geimpft. In Ländern mit niedrigem Einkommen sind es nur neun Prozent. Die höchste Impfquote verzeichnen aktuell die Vereinigten Arabischen Emirate (99 Prozent), den niedrigsten Anteil zählen derzeit Nigeria und Äthiopien. Oxfam kritisiert die ungerechte Impfstoffverteilung: "Millionen Menschen, die hätten gerettet werden können, sind wegen der ungerechten Impfstoffverteilung an der Pandemie und ihren Folgen gestorben." Die Impfstoffe müssten als öffentliches Gut behandelt werden, auch weil Regierungen ihre Entwicklung mit viel Steuergeld gefördert hätten.

Goldrausch der Superreichen

Aus Sicht der Organisation hat die Pandemie auch das Wohlstandsgefälle signifikant erhöht. Während sich das Vermögen der zehn reichsten Milliardäre verdoppelt habe, lebten über 160 Millionen Menschen zusätzlich in Armut, heißt es in einem Bericht. Der Trend gelte auch für Deutschland.

"Für Milliardäre gleicht die Pandemie einem Goldrausch. Regierungen haben Milliarden in die Wirtschaft gepumpt, doch ein Großteil ist bei Menschen hängen geblieben, die von steigenden Aktienkursen besonders profitieren. Während ihr Vermögen so schnell wächst wie nie zuvor und Einige Ausflüge ins All unternehmen, hat die weltweite Armut drastisch zugenommen", sagt Manuel Schmitt, Referent für soziale Ungleichheit bei Oxfam Deutschland. Oxfam fordert deshalb von den Regierungen weltweit, Konzerne und Superreiche zur Finanzierung sozialer Grunddienste stärker zu besteuern, für globale Impfgerechtigkeit zu sorgen und die Wirtschaft am Gemeinwohl auszurichten.

Millionäre sprechen sich für Reichensteuer aus

Die jüngst geäußerte Kritik scheint zu wirken. In einem offenen Brief haben sich die Gruppen Patriotic Millionaires, Millionaires for Humanity und Tax Me Now an die Regierungen gewandt. Darin fordern über 100 Millionärinnen und Millionäre eine dauerhafte jährliche Vermögenssteuer für die Reichsten. Dass die Besteuerung helfen kann, zeigt auch eine Analyse von Fight Inequality Alliance mit dem Institute for Policy Studies, Oxfam sowie den Patriotic Millionaires. Durch eine Vermögenssteuer, die bei Millionären mit zwei Prozent jährlich ansetze und bei Milliardären auf fünf Prozent jährlich steige, könnten weltweit 2,52 Billionen Dollar pro Jahr eingenommen werden. Die Analyse wurde demnach von der vorgelegt.

Diese Summe reiche, um 2,3 Milliarden Menschen aus der Armut zu befreien, eine universelle Gesundheitsversorgung und sozialen Schutz für 3,6 Milliarden Menschen in ärmeren Ländern zu gewährleisten – und genügend Corona-Impfstoffe für die ganze Weltbevölkerung herzustellen.

Patentfreier Impfstoff gegen ungerechte Impfstoffverteilung

Zuletzt hatte das internationale Impfstoffprogramm Covax die Milliardenmarke bei der Auslieferung von Corona-Impfdosen geschafft. Den Meilenstein verkündete Gavi, die Impfallianz aus Regierungen, Firmen, Stiftungen und UN-Organisationen, die das Covax-Programm durchführt. Sie versorgen vor allem arme Länder, die sich die Impfstoffe nicht leisten können. Den Angaben zufolge hat Covax inzwischen 144 Länder beliefert.

Das Programm hat mehr als zehn Milliarden Dollar (8,8 Mrd Euro) an Spenden benommen. Das Ziel, bis Ende 2021 in allen Ländern der Welt 40 Prozent der Bevölkerung zu impfen, war in mehreren Dutzend Ländern verfehlt worden. Nun sollen bis Mitte des Jahres 70 Prozent der Menschen in allen Ländern geimpft sein.

Hilfreich könnte ein neuer Impfstoff aus den Vereinigten Staaten sein. US-Forscher haben ein Vakzin entwickelt, das als sicher, wirksam und günstig gilt. "Einfach auf Milliarden Dosen zu skalieren, einfache Kühlung, hervorragendes Sicherheitsprofil", lobte Peter Hotez vom Kinderkrankenhaus und Zentrum für Impfstoffherstellung in Texas das Vakzin. Er selbst war an der Produktion beteiligt.

Der Impfstoff mit dem Namen "Corbevax" soll patentfrei zur Verfügung gestellt werden. In Indien wird der Wirkstoff bereits produziert. Es handelt sich um einen proteinbasierten Impfstoff. Das darin enthaltene Protein von der Oberfläche des Coronavirus wird von gentechnisch veränderten Hefezellen produziert. Ein Vorteil sei, dass der Impfstoff nicht eingefroren werden muss, sondern sogar bei vier Grad Celsius gelagert werden könne, sagte Virologe Florian Krammer von der Icahn School of Medicine gegenüber dem Sender ORF.

Indien hat dem Impfstoff bereits im Dezember vergangenen Jahres eine Notfallzulassung erteilt. Klinische Daten zur Wirksamkeit liegen jedoch noch nicht vor. Hierfür müssen sich die Staaten auf die Angaben der Hersteller verlassen. Erste Vergleichsstudien mit Corbevax und Astrazeneca attestieren dem neuen Vakzin jedoch eine bessere Wirksamkeit gegen die Virusvarianten aus Wuhan und Delta. Die Wirkung gegen Omikron muss noch untersucht werden. Auch Botswana, Indonesien und Bangladesch haben die Rezeptur für die Produktion bereits erhalten. Auch ein Labor in Südafrika arbeitet derzeit an einem neuen mRNA-Impfstoff für arme Länder. Allerdings soll das Mittel erst 2024 marktreif sein.

Quellen: Mit Material von DPA und AFP, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland 2021, Oxfam, Our World in Data, UNDP, "Forschung & Lehre", ORF, Human Rights Watch, World Bank


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