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Islamischer Staat: Dschihadisten-Tinder und Sexsucht: Leben an der Seite eines IS-Kämpfers

Vor wenigen Tagen wurden in Mossul 20 mutmaßliche IS-Anhängerinnen festgenommen. Eine von ihnen könnte Linda W. aus Sachsen sein. Die 16-Jährige wäre eine von vielen Frauen, die ins "Kalifat" zogen. Einige wenige sprechen jetzt. 

Die weibliche Seite des "Kalifats": Diese Frauen flohen vor den Kämpfen in Mossul

Die junge Frau, die Linda W. aus Pulsnitz in Sachsen sein könnte, trägt hellbraune Haare und ein gestreiftes Halstuch. Verängstigt und erschöpft soll sie geblickt haben, als sie vergangene Woche in Mossul festgenommen wurde. Das Mädchen soll eine Anhängerin der Terrormiliz Islamischer Staat sein. Mit vier anderen Frauen aus Deutschland sowie Anhängerinnen aus Russland, der Türkei, Kanada, Libyen, dem Kaukasus und Syrien sei sie in einer Tunnelanlage geschnappt worden, ausgerüstet offenbar mit Waffen und Sprengstoffgürteln, bereit zum Angriff. Das berichtete am Dienstag "Welt" online.

Vor einem Jahr soll Linda W. zum Islam konvertiert und nach Syrien gereist sein, um sich dort dem IS anzuschließen. Die Staatsanwaltschaft Dresden prüft jetzt die Berichte über ihre Festnahme. Das Auswärtige Amt bestätigte sie bisher nicht. Die irakische Armee widerspricht ihnen gar: Alle 20 festgenommenen mutmaßlichen Kämpferinnen seien über 30 Jahre alt, sagte ein Offizier der irakischen Anti-Terror-Einheiten der Nachrichtenagentur DPA.

Terror-Experte

Über 900 Islamisten aus Deutschland reisten nach Syrien und in den Irak

Sollte sich dennoch herausstellen, dass eine der festgenommenen IS-Anhängerinnen in Mossul tatsächlich Linda W. aus Sachsen ist - die junge Frau wäre eine von vielen. Nach der Ausrufung des Kalifats 2014 gingen die Ausreisezahlen zunächst sehr nach oben. Die Szene war euphorisiert, die propagandistischen Lockrufe nahmen zu. Laut Verfassungsschutz reisten in den vergangenen Jahren mehr als 930 Islamisten aus Deutschland in die Kriegsgebiete in Syrien und im Irak, um sich dort der Terrorgruppe anzuschließen. 20 Prozent waren Frauen.

Es zählte zur Methode des Islamischen Staates, über Facebook und Twitter mit Mädchen und Frauen in Kontakt zu treten und sie in die Kriegsgebiete zu locken. Fachleute aus Beratungsstellen berichteten, die IS-Kämpfer würden im Internet teilweise wie Popstars gefeiert, würden regelrecht angehimmelt. Einige Frauen wollten "sich einen Prinzen angeln - einen 'Löwen', einen tapferen Helden", sagte auch der Islamwissenschaftler Marwan Abou-Taam. Am Ende brachen sie auf, viele folgten einem süßen Versprechen: dort, in dieser vermeintlich idealen islamischen Welt leben zu können, an der Seite eines frommen Ehemannes.

"Speed-Dating" beim IS

Auch die Französin Saida war eine dieser Frauen. Ursprünglich aus Montpellier in Südfrankreich sagte sie Ja zu einem Soldaten des Islamischen Staates. Damals habe Saida einen starken, gläubigen Mann an ihrer Seite haben wollen, berichtet der Nachrichtensender CNN, und wohl gedacht ihn im Kalifat, das IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi im Juni vor drei Jahren im Irak und in Syrien ausgerufen hatte, zu finden. In Raqqa angekommen, sei Saida in ein Frauenhaus gebracht worden. Dort sollte sie von einem der Kämpfer als Ehefrau auserwählt werden.

"Du erstellst so eine Art Lebenslauf", erinnert sich Saida im Gespräch mit dem Nachrichtensender. "Du schreibst dein Alter auf, deinen Namen, schreibst über deinen Charakter und welchen Typen Mann du suchst. Die Männer machen dasselbe." Dann treffe man sich, es folge ein Gespräch von 15 bis 20 Minuten, am Ende stehe ein Ja oder ein Nein. Der Nachrichtensender berichtet von mehreren Runden "Speed-Dating", eine "Dschihadisten-Version von Tinder". "Wenn beide einverstanden sind, wird geheiratet", sagt Saida. Der Mann, zu dem sie Ja sagte, trug den Namen Yassine.

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Leben im IS: Machtkämpfe, Scheidungen, Sexsucht

Das Leben, das danach auf Frauen wie Saida wartete, hatte mit den Vorstellungen vom perfekten islamischen Staat dann allerdings nichts mehr gemein: Von Machtkämpfen unter den Frauen wird berichtet, von vielen Scheidungen und noch mehr Hochzeiten, von Kämpfern des IS, die süchtig seien nach Sex. 

Drei Schwestern, die von Jakarta in Indonesien nach Raqqa gezogen waren, betonen im Gespräch, die IS-Kämpfer seien keineswegs jene "reinen Muslime", für die man sie gehalten habe. "Sie sagen, sie ziehen wegen Allah in den Dschihad. Aber alles, was sie wirklich wollen, sind Frauen und Sex", sagt eine der Schwestern. "Das ist ekelhaft."

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"Alles, das ich jetzt will, ist zurückkehren"

Damals, als Saida auszog, um ins Kalifat zu ziehen, wollte sie einen Mann. Heute sagt sie CNN: "Alles, was ich jetzt will, ist zurückkehren, mein Auto nehmen und zurückreisen." Aktuell sitze Saida in einem Lager außerhalb von Raqqa und warte. An ihrer Seite ist ihr kleiner Sohn, 14 Monate alt. Als die Familie zu Fuß aus der umkämpften IS-Hochburg Raqqa geflohen sei, hätten Insekten sein kleines Gesicht zerstochen, Vater und Ehemann Yassine sei gestorben. Saida sei jetzt auf sich allein gestellt, irgendwo zwischen der fallenden Hauptstadt des IS und ihrem Heimatland Frankreich, das sie nicht zurückhaben wolle. Ihr geht es wie vielen anderen Frauen, Kindern, Angehörigen der Kämpfer des Islamischen Staates, nahe Raqqa in Syrien oder nahe Mossul im Irak.


Seit Monaten wird der IS militärisch zurückgedrängt. Vor wenigen Tagen fiel Mossul, insgesamt hat die Terrororganisation bereits rund 60 Prozent des Territoriums der größten Ausdehnung des selbst ernannten Kalifats eingebüßt. "Alle Männer sind tot", sagt die 62-jährige Umm Hamoudi Ende Juni der Nachrichtenagentur Reuters. Auch sie war die Frau an der Seite eines IS-Kämpfers, auch er sei wohl tot, wahrscheinlich gefallen in den Kämpfen um Mossul. Hamoudi aber lebt, sie und viele andere Familienangehörige. Wie ihre Leben nun weitergehen, weiß niemand so genau.

Das Leben nach dem IS

Bürger, die jahrelang unter der Schreckensherrschaft des IS gelitten haben, wollten die IS-Angehörigen nicht in ihrer Stadt, Zwangsvertreibungen würden angedroht, berichtet Reuters, eine Bürgerwehr habe schon Granaten auf ihre Häuser geworfen. In Mossul sei zudem ein Dekret erlassen worden, um Angehörige in Lager umzusiedeln und sie dort "ideologisch wieder einzugliedern".

Menschenrechtsorganisationen raten von solchen Maßnahmen ab: Damit schaffe man eine Generation neuer Ausgestoßener, heißt es in dem Bericht. Ende Juni meldete sich auch die Uno zu Wort. Sie warnte vor einer "kollektiven Bestrafung" all jener Menschen, die Verbindungen zum IS unterhalten haben sollen. "Illegale Zwangsräumungen sind Racheakte, die sich nachteilig auf Versöhnung und den sozialen Zusammenhalt auswirken", betonte Rupert Colville, Sprecher des Uno-Menschenrechtskommissars. "Wenn wir sie isolieren, wie holen wir sie wieder in den Schoß der Nation zurück?", fragte sich vor wenigen Tagen auch ein irakischer Beamter im Gespräch mit Reuters. Er ist sich sicher: Lässt man die Menschen allein, schaffe man eine neue Gruppe radikaler Dschihadisten. Das Ende des IS wäre dann erst der Anfang.


pg