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Kommentar

G20 in Hamburg: Krawalle und Chaos: Wo wirklich ein Versagen lag - und welche Rolle Merkel dabei spielt

Angela Merkel und Olaf Scholz wollten Hamburg von der besten Seite zeigen - natürlich mit dem Highlight, der Elbphilharmonie. Ausgerechnet an dem Abend des Konzerts eskalierte die Lage - und der Einsatz überforderte die Polizei. Das hätte man ahnen können.

Die Elbphilharmonie in Hamburg: Schmuckstück und Problemfall

Die Elbphilharmonie in Hamburg: Schmuckstück und Problemfall

Der G20-Gipfel hatte viele Seiten. Die Regierungschefs, die sich auf oberflächliche Absichtsbekundungen festgelegt haben. Die zahlreichen friedlichen Demonstrationen. Der kreative Protest. Aber am Ende erbeutete eine andere die Deutungshoheit: die Seite der ungezügelten, idiotischen Zerstörungswut. Und nun, am Tag nach dem Gipfel, offenbart sich in ersten Details, wo falsch geplant wurde, wo die Polizei leichtsinnig und wo richtig handelte - und wo vielleicht ein wenig zu viel Größenwahn vorlag.

Bei der Betrachtung der Ereignisse kann man politische Wünsche und Einsatzkonzept der Polizei kaum trennen. Man muss Angela Merkel genauso erwähnen wie Hamburgs Ersten Bürgermeister Olaf Scholz. Man muss aber auch Hartmut Dudde nennen.

Der Mann, der von vielen gerade kritisiert wird, weil er das Einsatzkonzept der Polizei erarbeitete, saß auf der Bilanz-Pressekonferenz und sagte folgenden Satz über den eskalierten Konflikt im Schanzenviertel am Freitagabend: "Wir mussten erst unsere Kräfte durchsortieren, weil wir die Delegationen noch hatten, dazu Protokollstrecken und Hotels am Abend." Dieser Satz lenkt den Blick in eine ganz besondere Richtung. Wenn man die drei Abende in Hamburg vergleicht, fällt sofort auf: Der Abend, an dem die Polizei auf speziellen Wunsch der Politik einen zusätzlichen Einsatz am Hals hatte, eskalierte am furchtbarsten.

Ein nie dagewesener Sicherheitskorridor

Freitagnachmittag in Hamburg. In der Innenstadt hat die Polizei einen nie dagewesenen Sicherheitskorridor für die Staats- und Regierungschefs geschaffen. Von der Elbe bis hoch zur Messe stehen an jeder noch so kleinen Kreuzung an der Hauptzufahrtsstraße zur Elbphilharmonie Hundertschaften und Wasserwerfer. Niemand, auch nicht die Presse, wird noch durchgelassen. Auf der Westseite der Stadt tobt in St. Pauli bereits der Block-Protest. Auch dort sind Wasserwerfer und Hundertschaften im Einsatz. Die Polizei vertreibt friedliche wie gewalttätige Demonstranten - die sich am Ende alle in der Schanze sammeln. Die weitere Geschichte ist bekannt. Dudde sagt zu dem Abend noch: "Es war eine schwierige, unübersichtliche Lage. Wir haben alles eingesetzt, was wir hatten." Und das, so die bittere Erkenntnis, hat nicht ausgereicht. 20.000 Polizisten waren im Einsatz. Das genügte nicht, um die Stadt an dem Abend zu sichern.


Darum muss man den Blick auch in Richtung Politik lenken - und nicht nur auf die lokale Politik. Denn: Zu den schlimmen Szenen wäre es wohl nicht in dem Maße gekommen, wenn die Delegationen im Bereich der Messe den Tag zuende gebracht hätten, wenn nicht ein kompletter zweiter Stadtteil, die Hafencity mitsamt der Elbphilharmonie, zum Gipfelort erklärt worden wäre - und die Polizei dort Tausende Kräfte hätte einsetzen müssen.

Merkels Highlight, die Elbphilharmonie

Natürlich haben Angela Merkel und Olaf Scholz direkt an die Elbphilharmonie gedacht, als sie sich G20 in Hamburg vorstellten. Es war Angela Merkels expliziter Wunsch, dass Kent Nagano in dem spektakulären Saal vor den Delegationen dirigiert. Merkel wollte zeigen, was für ein einmaliges Konzerthaus da an der Elbe entstanden ist. Die Elbphilharmonie ist trotz der chaotischen Bauphase und der horrenden Kosten schon jetzt der Stolz der Stadt. Und wohl auch ein Stück weit Deutschlands. Weltstadtmäßig, ein Highlight, dachten Merkel und Scholz wohl. Man kann das ja auch verstehen. Man kann eben nur auch die These aufstellen: Es war vor allem die Verlagerung des Gipfels in einen zweiten Stadtteil, die die Polizei endgültig überforderte - und die die Stadt damit ins Chaos stürzte.

Nun wird man nicht rausbekommen, ob Hartmut Dudde im Verlauf der monatelangen Planungen vielleicht einmal Bedenken formuliert hat. Ob er der Politik - also letztlich Angela Merkel - gespiegelt hat: Das geht so nicht. Vielleicht gefragt hat: Wollt ihr nicht das Elphi-Konzert kleiner ausfallen lassen und nur die Staatschefs in Helis rüberfliegen? Damit wir nicht die halbe Stadt absichern müssen? In der Nachbetrachtung dürfte Dudde ohnehin andere Sorgen haben. Schließlich zogen am Freitagmorgen randalierende Idioten durch Stadtviertel und fackelten Autos ab. Das kann man schwer der Politik vorwerfen, da hätte die Polizei selber besser organisiert sein müssen. Dennoch bleibt am Ende das Ergebnis: Merkel, Scholz, Dudde, sie alle haben sich verhoben - vor allem bei dem Versuch, der Welt zu zeigen, wie schön das neue Wahrzeichen von Hamburg ist.

Merkel fährt - und Scholz muss alles ausbaden

Es ist umso wichtiger, dass sich auch Angela Merkel hinterfragt. Merkel wollte nach Hamburg. Sie wollte in die Elbphilharmonie. Merkel hat ein kurzes Statement zur Polizei abgegeben, vollmundig Entschädigung für die Leidtragenden der Krawalle versprochen und hat sich dann schnell aus dem Staub gemacht. Wohlwissend, dass von ihr vor allem Bilder der Weltpolitik und der kulturellen Vergnügung um die Welt gehen. Die Krawalle bleiben an Hamburg hängen, weniger an ihr. Olaf Scholz vom politischen Gegner muss nun jedenfalls das meiste alleine ausbaden.