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Akte 17. Juni 53 - Teil 1: Der Aufstand

Vor 50 Jahren gingen die Arbeiter der DDR für Recht und Freiheit auf die Straße. Als gegen Mittag des 17. Juni sowjetische Panzer am Potsdamer Platz anrollten, wurde die Revolte blutig niedergeschlagen.

Hochbetrieb im "Rübezahl". Es wird gegessen und getrunken, einer hält eine launige Rede, das Helle für 36 Pfennig fließt nur so, dazwischen wird Korn gekippt, laut diskutiert, noch ein Pfefferminzlikör bestellt und noch eine Runde Bier.

Aber plötzlich verstummen alle. Der stämmige Brigadier Alfred Metzdorf ist auf den Tisch gestiegen. Steht da zwischen Flaschen, Gläsern, Aschenbechern, Zigarettenkippen und ruft laut in die verrauchte Runde hinein: Am 15. Juni wird gestreikt! Also übermorgen. Montag.

Die Betriebsleiter sind sprachlos.

Gestreikt? Also die Jungs haben wohl zu viel getrunken. Doch die Chefs haben nicht miterlebt, was passierte, als alle sich auf dem Müggelsee in Berlin zum Betriebsausflug einschifften. Die Vorgesetzten fuhren mit dem Dampfer "Seid bereit", die Arbeiter mit der "Triumph". Und da, auf der Fahrt zum Ausflugslokal "Rübezahl", hatten die Brigaden der Großbaustelle Friedrichshain die SED-Führung heftig kritisiert. Was denken sich die Bonzen im Politbüro bloß! Lebensmittel rationiert, Branntweinsteuer erhöht, Butter, Fleisch, Zucker, Öl, alles knapp. Aber fast 1000 Mauersteine am Tag verputzen!

Mittags am Bau wird auch keiner mehr richtig satt. Die Margarine auf den Stullen ist gekratzt. Statt Wurst gibt's Kunsthonig oder Marmelade. Auch gekratzt. Und in der Thermosflasche flauer Muckefuck.

So reden sie sich schon auf dem Dampfer bei Bier und Korn in Wut und Rage. Und von da an nimmt die Revolte gegen die Führung der DDR ihren Lauf.

Der Arbeiteraufstand vom 17. Juni 53 hat im Juli 52 begonnen, als Walter Ulbricht auf der 2. Parteikonferenz der SED den Aufbau des Sozialismus verkündet. Und das mit Schwung. Er und Otto Grotewohl schippen sogar symbolisch Schutt auf der Stalinallee weg. Ihre Losung: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.

Und sie wollen den Sieg im Schnellverfahren.

Banker und Junker werden über Nacht enteignet. Die Junker auch schon mal brutal mit vorgehaltenem Gewehr zwangskollektiviert. Wer nicht mitmacht, kriegt Post vom Finanzamt. Steuerhinterziehung. Die erklügelten Strafgelder kann keiner bezahlen. Also wandern die Gutsbesitzer hinter Gitter. Wer es schafft, flieht vorher in den Westen.

Getreu der Partei, die uns Kindern der Masse, / Proleten und Bauern ein Antlitz verlieh, / erstürmte die einige Arbeiterklasse/ die Nester der Junker und Bourgeoise, jubelt der Staats- und Parteidichter Kurt Barthel, der sich Kuba nennt.

Nun ist Junkerland in Bauernhand. Aber so viele Äcker liegen brach und Ländereien verkommen, Maschinen verrotten, Ersatzteile fehlen, die Versorgung wird knapp. Es war ja überhaupt noch fast alles zerstört, sagt Herbert Häber, der schon 1950, mit 20 Jahren, im Zentralkomitee der SED mitarbeitet. Später wird er stellvertretender Staatssekretär für gesamtdeutsche Fragen. Als die Stasi ihn verdächtigt, für den BND zu spionieren, wird er 1986 vorübergehend auf einer Station für Geistesgestörte festgehalten und dann zur Unperson erklärt.

Im Westen, erzählt Häber, der heute 72 ist, wurde damals aufgebaut und im Osten abgebaut. Demontiert. 1900 Betriebe und 13500 Kilometer Bahngleise wurden einfach abgerissen und in die Sowjetunion gebracht. Der armseligen DDR, sagt er, ist damals das ökonomische Rückgrat gebrochen worden.

Aber ich war für den Sozialismus

, für die Bodenreform, für die Einheitspartei, sagt Häber, und für den Slogan: Was des Volkes Hände schaffen, soll des Volkes Eigen sein. Und wir waren verbündet mit der großen Sowjetunion.

Da konnte man doch eine dicke Lippe riskieren. He, kommt rüber und kauft bei uns in der DDR! Er sieht es noch wie heute, das riesige Transparent: Der kluge Berliner kauft in der HO. Und sie kamen, die aus dem Westen. Das war gewollt, sagt Häber. Aber es war eben auch wieder Plünderung.

Dann stirbt am 5. März 1953 Gott in Rußland: Stalin, der große Diktator, der verdiente Mörder des Volkes, wie Bert Brecht ihn nennt. Das Politbüro der DDR steht unter Schock. Funktionäre weinen öffentlich. Studenten im Blauhemd bewachen Stalinbüsten mit geschultertem Luftgewehr.

Fackelzüge begleiten Trauermärsche für den besten Freund des deutschen Volkes, und proletarische Dichter hämmern und meißeln Oden und Verse von Frauen in roten Socken, mit ihren Röcken wischen sie die Augen trocken?

Johannes R. Becher, der künftige Kulturminister der DDR, dichtet sein berühmtestes Stalin-Poem: Mit Marx und Engels geht er durch Stralsund, / bei Rostock überprüft er die Traktoren? und am Ende vieler Strophen kommt Stalin schließlich an am Bodensee, und winkt zu sich heran ein scheues Reh. Witze werden nur geflüstert: Stalin kommt nach seinem Tod mit großem Trara in der Hölle an. Er wird als Ehrengast empfangen. Nach ein paar Tagen steht der Teufel vor der Himmelstür und bittet um Asyl.

Nach Stalins Tod, sagt Fritz Schenk, der damals Assistent von Politbüromitglied Bruno Leuschner ist, dem Vorsitzenden der staatlichen Plankommission, war totaler Stillstand. Und vor jeder Poltibürositzung wurde erst mal eine Stunde lang aus des Diktators Schriften vorgelesen. Es war elend, sagt er. Wilhelm Pieck, der Präsident, schlief manchmal ein. Aber Ministerpräsident Grotewohl jubelte immer wieder über den Scharfsinn Stalins.

So war das, erzählt er.

Innen Beton, und außen brach alles zusammen. Dabei geht es ihm nicht schlecht. Schenk - der 1957 als Geheimnisträger ins Visier der Stasi gerät, vor drohender Verhaftung in den Westen flieht und später Co-Moderator von Gerhard Löwenthals "ZDF-Magazin" wird - Schenk hat 1953 ein Auto, einen Tatraplan, das ist der Tscheche mit der berühmten Heckflosse. Und einen Fahrer hat er. Wohnt in Adlershof im Herrenzimmer der Witwe Steinbach, die ihm morgens ein gutes Frühstück macht, denn Schenk hat nicht nur die normale, sondern auch noch eine "I-Karte", eine Intelligenzsonderlebensmittelkarte.

Als Schenk bei Leuschner anfängt und vom Vorgänger einen Panzerschrank voll unerledigter Briefe vorfindet, zeigt der Chef seinem Assistenten, wie man hier Post erledigt: Bringen Sie mal alle Papierkörbe her, sagt er zur Sekretärin. Und dann geht es los. Von oben weg. Was ist das? Materialanforderung? Ham wa nich. Also weg damit. Ersatzteile? Weg damit. Mangelhafte Butterzuteilung? Kann er auch nicht ändern.

So geht das, bis alle Körbe voll sind.

Und dem verblüfften Schenk sagt er, was er zerrissen, lasse sich nicht beschaffen. Und wenn einer Krach schlägt?, fragt Schenk. Keiner wird Krach schlagen, sagt Leuschner und lacht. Das ist nämlich der Knalleffekt, Schenk, den musst du wissen, sagt er. Die schreiben doch nur, damit sie die Verantwortung los sind.

Schenk ist damals auch Bote zwischen Leuschner und Walter Ulbricht. Er bringt Akten, Verschlusssachen oder Reden zu ihm nach Pankow zum Absegnen. Klingelt, und da steht der Generalsekretär der SED in Hausschuhen und Strickjacke in der Tür. Ruft kurz nach hinten: Lotte, mach uns mal einen Kaffee. Und schlurft ins Arbeitszimmer.

Ulbricht, sagt Schenk, las in einem Affentempo, strich und korrigierte. Und wehe, wer sich nicht dran hielt. Wenn Lotte, seine Frau, reinkommt, spricht Ulbricht mit ihr in einem Ton wie im "Neuen Deutschland". Er fragt auch den jungen Genossen Schenk, der knapp über 20 ist, in all den Jahren nicht einmal etwas Privates. Der sitzt da zwischen Glasvitrinen und Klöppeldecken, und die Bücher im Regal stehen stramm wie Soldaten.

Am Wochenende trifft das Politbüro sich draußen

in der Schorfheide, im "Seehaus", einem Schloss am Döllnsee. Mit Frau und Kindern müssen die hohen Funktionäre antreten. Jeder hat seine kleine Wohnung. Ulbricht ist misstrauisch. Will alle um sich haben. Entschuldigt ist nur, wer unaufschiebbare Arbeit hat.

Bruno Leuschner hat oft Arbeit. Er hasst diesen Schorfheidenklüngel. Und wenn er da ist, macht Ulbricht seine Witzchen: Gebt dem Genossen Bruno mal ordentlich zu essen, damit er bei Kräften bleibt. Der tut ja so viel. Und dann lachen alle gezwungen und ergeben.

Nach dem Essen zieht sich Fred Oelßner, Chefideologe der SED, der nur gelten lässt, was Lenin und Stalin schon einmal gedacht haben, ins Kaminzimmer zurück und trinkt seinen Wodka zur dicken Zigarre. Ulbricht ist einfach zu ungemütlich. Raucht nicht, trinkt nicht, lacht nicht. Nur wenn er auslüften will, spielt er schon mal Volleyball oder rudert. Es gibt auch Aussprachen. Aber Ulbricht duldet keine Widerrede. Noch ein Wort!, sagt er dann, und wir sprechen uns an anderer Stelle wieder. Jeder wusste, was das heißt: Dann kam am nächsten Morgen der Wagen, der von innen keine Klinken hat. Stasi. Das war so die Situation, sagt Schenk.

Der Schriftsteller Heiner Müller beschreibt Ulbricht

als Feigling. Deshalb war er so geeignet für die Diktatur. Ihm steckte die Angst in den Knochen, die Angst, die er in Moskau gelernt. Stalin hatte ihn nicht gemocht, und das Volk mochte ihn auch nicht. Doch wenn Not am Mann war, schreibt Müller, hat er natürlich auch Kinder geküsst. Eine finstere Figur.

Die neuen Herren in Moskau - Malenkow, Molotow und Berija, Stalins einstiger Scharfrichter und Geheimdienstchef - sind höchst unzufrieden mit dieser Führung und dem Satelliten DDR. Was machen Ulbricht und seine Mannen da bloß! Sperren die Junker ein, schließen Selbstständige von der Sozialversicherung aus, rechnen Krankentage auf den Urlaub an, kappen Witwenrenten und erhöhen auch noch die Arbeitsnorm. Und das alles in einem völlig überspannten Tempo. Ulbricht will den Sozialismus wohl mit Brachialgewalt durchsetzen.

Natürlich will er das. Stalin hatte es ihm doch vorgemacht mit seinem Kollektivierungswahn, der eine lange Blutspur in der Sowjetunion hinterließ. Denn wer den Plan nicht erfüllte, wurde von Geheimagenten abgeknallt. Doch Stalin ist tot. Und Berija, sein Schlächter, hat Kreide gefressen. Der zitiert die erfolglose Troika Ulbricht, Grotewohl und Oelßner am 2. Juni 53 nach Moskau. Da werden sie regelrecht zusammengestaucht. Und die Ost-Berliner sind entsetzt, wie gut die Russen über alles Bescheid wissen.

Die sitzen da und ziehen eine Horrormeldung

nach der anderen aus ihren Akten: über die miserable Wirtschaftslage, über die Verwaltung des Mangels, und dann knallen sie Zahlen auf den Tisch. 18 000 Arbeiter, 9000 Bauern, Handwerker und Rentner sind in den letzten Monaten geflohen, 17 000 Angestellte und 24 000 Hausfrauen. Wenn das so weitergeht, ist die DDR bald leer. Die drei aus der Zone werden aufgefordert, über Nacht eine Erklärung zu verfassen, wie die verheerende Lage verbessert werden kann.

Völlig paralysiert gehen sie an die Arbeit. Sie können sich die harte russische Haltung gegen ihren linksradikalen Kurs nicht erklären. Doch all ihre Vorschläge werden nach heftigen Beschimpfungen vom Tisch gefegt. Wie die Schuljungen müssen die drei sich anbrüllen lassen. Keine Kosmetik! Keine Reparaturen! Sondern Schluss mit dem Experiment DDR!

Wie bitte? Haben sie richtig gehört?

Der Sozialismus in der DDR soll beendet werden? So ist es, Genossen. Alle Mitglieder des Politbüros der KPdSU stimmen zu. Berija schlägt freie und geheime Wahlen vor. Die Russen würden dann für Neutralität und Entwaffnung sorgen. Dabei aber hilft - und das heißt natürlich kontrolliert - der Hochkommissar Wladimir Semjonow, der in Karlshorst stationiert wird.

Kurz bevor Ulbricht, Grotewohl und Oelßner am 5. Juni abfliegen, telegrafieren sie von Moskau aus ans Politbüro in Ost-Berlin: Stop mit dem Aufbau des Sozialismus. In Windeseile wird nun ein "neuer Kurs" verkündet. Die Partei gibt öffentlich Fehler zu und korrigiert sie: Alle Verhaftungen und Strafverfahren werden überprüft, alle Republikflüchtigen sollen wiederkommen, die Renten werden erhöht, und Wohnungen sollen gebaut werden, viele neue Wohnungen. Leuschner, dessen Büro die Schaltstelle der staatlichen Planwirtschaft war, ist entsetzt. Das Politbüro, sagt er, hat ja keine Ahnung. Die wollen über Nacht gebratene Tauben fliegen sehen. Aber wer soll die bezahlen?

Die Arbeiter. Dafür hat Ulbricht gesorgt.

Denn die Normerhöhung von zehn Prozent ist die einzige Maßnahme, die ausdrücklich nicht zurückgenommen wird. Und so kommt es, dass am 15. Juni die Arbeiter der Großbaustelle Friedrichshain - die am Samstag im "Rübezahl" protestiert hatten - einen Brief zu Otto Grotewohl bringen lassen, in dem sie die sofortige Normsenkung fordern. Sonst gibt es Streik. Eine Delegation des Betriebs will sich am nächsten Morgen, also am 16., die Antwort des Ministerpräsidenten holen. Ulbricht, der in einer Sitzung davon erfährt, schlägt mit der Faust auf den Tisch und brüllt: Das kommt überhaupt nicht in Frage. Wir werden keinen Rückzug antreten.

Ulbricht ist dauernd gereizt,

seit er aus Moskau zurück ist. Hat sich auch wahnsinnig geärgert, dass Semjonow ihm geraten hat, seinen 60. Geburtstag am 30. Juni bescheiden zu feiern. Wenigstens nicht größer als Lenin seinen 50. Und wie hat der gefeiert? Semjonow lässt ausrichten: Er hat am Abend ein paar Gäste eingeladen. Also die Normerhöhung bleibt. Und Bruno Baum, Sekretär der Berliner Bezirksleitung der SED, beruhigt auch Grotewohl.

Er soll mal nicht in Panik geraten. Und auf keinen Fall klein beigeben. In Berlin sei alles ruhig. Und wenn die paar Arbeiter hier erst mal über den roten Teppich laufen, sagt er, wird ihnen so feierlich zumute sein, dass sie ganz zahm verhandeln. Also: Brief nicht beantworten, sondern morgen von der hohen Warte des Ministerpräsidenten her knallhart bleiben.

Aber da ist schon alles zu spät. Auf der Großbaustelle Friedrichshain haben bereits acht Kolonnen die Arbeit niedergelegt, beim VEB Wohnungsbau streiken seit neun Uhr früh 450 Beschäftigte, um zwölf Uhr schließen sich 250 vom VEB Tiefbau an, und um 15 Uhr solidarisiert sich Block 40 der Stalinallee.

Der große Marsch beginnt am 16. Juni um 7 Uhr früh am Strausberger Platz an der Stalinallee mit etwa 400 Arbeitern. Alle in Maurerkluft. Sie wollen der kleinen Delegation zu Grotewohl Begleitschutz geben. Es könnte ja sein, dass die Arbeiter verhaftet werden.

Der Zug wird von Baustelle zu Baustelle größer. Am Alexanderplatz stoppt die Volkspolizei den Verkehr, weil die Vopos glauben, es handle sich um eine genehmigte Demonstration. Ungenehmigte gibt es ja nicht in der DDR. Die Funktionäre Bruno Baum und Heinz Brandt, der für Agitation zuständig ist, werden auf die Straße geschickt und sollen versuchen, das langsam zum Lindwurm mutierende Ungeheuer irgendwie zu stoppen. Baum kapituliert bereits am Alex. Er sieht, da ist nichts mehr zu stoppen. Das wälzt sich voran.

Das war nicht die stumpfe Ordnung der gewohnten Zwangsdemonstrationen, schreibt Heinz Brandt später in seinem Buch "Ein Traum, der nicht entführbar ist". Es war ein dumpfes Brodeln und Summen in ihm, wie er da anquoll.

Vom Alexanderplatz geht es zur Wallstraße und zum Spittelmarkt, von dort Unter die Linden. Und überall Verbrüderungen. Hausfrauen laufen mit, Passanten, Kinder, und Büro-Angestellte jubeln aus den Fenstern. Berliner kommt und reiht euch ein, wir wollen keine Sklaven sein! Und sie ziehen weiter zum Haus der Ministerien in die Wilhelmstraße, Ecke Leipziger.

Hier will die kleine Delegation

endlich zu Grotewohl, um sich seine Antwort auf die Normerhöhung zu holen. Doch der Pförtner sagt: Grotewohl ist nicht im Haus. Das glaubt ihm kein Mensch. Aber es ist Dienstag. Und dienstags ist Politbürositzung im Parteigebäude an der Wilhelm-Pieck-Straße. Dort wird nun angerufen, weil die Masse langsam schäumt und weil die ersten Steine fliegen. In Windeseile werden die Rollgitter runtergelassen. Und die Volkspolizisten sausen entsetzt zurück ins Polizeipräsidium, weil sie keine Order haben und niemand ihnen was sagt. Das sind ja mindestens 10 000 Mann, die da unerlaubt vor dem Regierungsgebäude randalieren.

Dringlicher Anruf im Politbüro. Grotewohl soll sofort kommen. Am besten auch Ulbricht. Der Zerberus vom Vorzimmer wiegelt ab. Hier wird nicht gestört. Wir haben Sitzung. Und sagt dann schnippisch: Is denn im janzen Haus keen handfester Jenosse, der die paar Männeken da mal beruhjen kann?

Aber die nächsten Anrufe schrecken dann doch auf. Es wird wild telefoniert. Nein, Grotewohl kommt nicht. Ulbricht auch nicht. Aber sie haben eben beschlossen, die Normerhöhung zurückzunehmen. Ja, das kann verkündet werden. Der Selbmann soll mal runtergehen und den Leuten das sagen.

Die Leute stehen draußen in der Sonne.

Es ist heiß geworden. Viele sitzen auf dem Boden. Und ein paar solidarische Putzfrauen aus dem Haus der Ministerien bringen Wasser und Gläser raus. Um 14 Uhr 15 steht dann Fritz Selbmann, Minister für Hüttenwesen und Erzbergbau, am Fenster des zweiten Stocks.

Er will das von dort aus erledigen. Aber die Leute brüllen: Runterkommen! Runterkommen! Also gut, er kommt mit ein paar Genossen runter. Robert Havemann ist auch dabei. Ein Tisch wird rausgetragen, Selbmann steigt hoch.

Ja, wir haben Fehler gemacht, ruft er, nein, schreit er gegen das Gebrüll der Masse an. Er sei aber ermächtigt, ihnen zu sagen, dass die Normerhöhung zurückgenommen wird. Sie können also wieder an die Arbeit gehen.

Da lachen die Arbeiter.

Das wollen wir von Ulbricht hören! Oder von Grotewohl. Und ein alter Genosse in Maurerkluft geht auf Selbmann zu und sagt: Es geht doch längst nicht mehr um Normen. Es geht um freie Wahlen. Aber ich bin doch selbst Arbeiter, ruft Selbmann in die Menge und zeigt seine Hände. Das hast du aber vergessen, du Bonze, du Arbeiterverräter. Na komm, Fritz, sagt einer seiner Genossen und hilft ihm vom Tisch runter. Das hat hier keinen Zweck mehr.

Da springt Robert Havemann, damals noch kein Regimekritiker, sondern SED-Funktionär und überzeugter Stalinist, Selbmann bei und brüllt: Wir müssen in den Westen ziehen, dort sitzen die Spalter! Dort müssen wir freie Wahlen fordern! Aber die Arbeiter pfeifen. Auch so ein Scharfmacher der Nomenklatura. Sie schreien ihn nieder und ziehen langsam ab. Zurück durch die Friedrichstraße zu den Linden.

Selbmann, sagt Fritz Schenk, kam völlig aufgelöst ins Büro zurück. Und Leuschner sagt noch: Ach Fritze, die rennen doch in ihr Verderben. Die haben doch keine Führung. Und Selbmann sitzt fassungslos da. Was für eine Chance wäre das gewesen. Vielleicht hätte man Ulbricht stürzen können. Selbmann hat tatsächlich geglaubt, die Bauarbeiter würden ihn auf Schultern davontragen.

Selbmann und Ulbricht mochten sich nicht, sagt Schenk. Es gab ja zwei Fraktionen. Die eine kam aus Moskau. Wie Ulbricht. Die andere aus dem KZ. Wie Selbmann. Der hatte Monate in Dunkelhaft gesessen und konnte fast nichts mehr sehen. In seiner Jacke hatte er einen Taschenrechner für Blinde. Wenn gerechnet wurde, sagt Schenk, und bei uns wurde ja dauernd gerechnet, steckte er die Hände in die Tasche und hatte das Ergebnis als Erster. Aber dieser Tag, sagt Schenk, war der Beginn seiner Depression.

Robert Havemann versucht inzwischen, weiter mit den Arbeitern zu reden. Läuft mit ihnen, besteigt am Gendarmenmarkt einen Lautsprecherwagen der SED und verkündet noch einmal mit der gewaltigen Stentorstimme meiner beiden Großlautsprecher auf dem Dach die Rücknahme der Normen, den neuen Kurs und bittet darum, an die Arbeitsplätze zurückzugehen.

Da fliegt ein Ziegelstein in die Windschutzscheibe,

und ein paar kräftige Burschen vom Bau schaukeln das hochbeinige Mobil, bis es umzukippen droht. Als Havemann rausspringt, übernehmen die Demonstranten den Regierungswagen und rufen per Lautsprecher zum Generalstreik auf.

Als Heinz Brandt am frühen Nachmittag von seiner Mission, die Arbeiter zu beruhigen, in die Bezirksleitung zurückkommt, trifft er dort Waldemar Schmidt, den Chef der Ost-Berliner Volkspolizei. Mit hochrotem Kopf beschwert der sich über die Russen, diese knieweichen Freunde. Schon am Morgen hatte er die Besatzer dringend gebeten, ihn einschreiten zu lassen.

Aber er durfte nicht. Musste sich sogar sagen lassen, sein Vorschlag sei provokativ. Tja, und nun? Läuft alles aus dem Ruder. Und so bestürmt er denn Hans Jendretzky, SED-Chef von Berlin, ihm endlich freie Hand zu lassen. Doch auch der sagt nein. Sagt, er wolle nicht als Arbeiterschlächter in die Geschichte eingehen.

Eine Stunde später kommt in Kreuzberg, in der Kufsteiner Straße 69, die Sekretärin zu Egon Bahr ins Zimmer gelaufen und sagt: Da unten stehen Arbeiter aus der Stalinallee. Die möchten mit Ihnen reden. Na, dann lass sie mal raufkommen, sagt Bahr, damals Chefredakteur vom Rias, dem Rundfunk im amerikanischen Sektor.

Und dann kamen sie, sagt er.

Fünf oder sechs Leute vom Streikkomitee, sprühten vor Begeisterung und Zuversicht. Die wollten, dass wir etwas für sie senden. Einen Aufruf zum Generalstreik.

Die Atmosphäre, erzählt Bahr, war ja den ganzen Tag schon unglaublich. Wir standen doch alle unter Hochspannung. So eine Situation hatte es noch nie gegeben. Aber einen Aufruf zum Generalstreik? Vom amerikanischen Sektor in den russischen? Mitten im Kalten Krieg? Unmöglich, können wir nicht machen.

Die Arbeiter sind bitter enttäuscht, und Bahr lässt erst mal Kaffee kochen und fragt, was sie denn so organisiert haben. Wir haben nichts organisiert, sagen sie. Der Aufruf würde reichen. Alle würden ihm folgen.

Dann muss man das eben anders formulieren.

Muss eine Nachricht draus machen: Arbeiter der Stalinallee besuchten am Nachmittag den Rias und forderten? Also los. Was sind die Forderungen? Zahlung der Löhne nach den alten Normen. Sofortige Senkung der Lebenshaltungskosten. Freie und geheime Wahlen. Und keine Maßreglung der Streikenden.

So. Das wird 19 Uhr 30 erst mal gesendet. Und stündlich wiederholt. Später auch, dass die Arbeiter sich am 17. Juni früh um sieben am Strausberger Platz versammeln sollen.

Die Demonstration hat sich inzwischen aufgelöst. Der gekaperte Lautsprecherwagen ist ordnungsgemäß wieder abgegeben worden. Und das gesamte Politbüro sitzt seit 19 Uhr im überfüllten Friedrichstadtpalast auf der Bühne. Eine Parteiaktivtagung ist zwei Tage zuvor einberufen worden. Der Palast ist überfüllt. Draußen werden Lautsprecher montiert, damit das Volk zuhören kann. Grotewohl und Ulbricht halten ellenlange Reden.

Elisabeth Hauptmann und Manfred Wekwerth, zwei Schüler von Bertolt Brecht, gehören als Delegierte des Berliner Ensembles zu den fast 3000 Anwesenden. Es war das erste Mal, schreibt Wekwerth in seiner Autobiografie "Erinnern ist Leben", dass Fehler zugegeben wurden, dass die Partei zu weit vorgeprescht sei. Als die Kundgebung kurz vor zehn mit dem Singen der Internationale endet, geht Wekwerth mit spürbarer Erleichterung nach Hause.

Da ruft ihn Brecht an. Wekwerth möchte umgehend zu ihm kommen. Es sei ein Irrtum zu glauben, dass die Lage sich beruhigt habe. Er höre stündlich Streikaufrufe im Rias. Sie müssten sich dringend auf die Ereignisse des nächsten Tages vorbereiten.

Und so trifft sich gegen 23 Uhr der harte Kern

des Berliner Ensembles in Weißensee, Berliner Allee 190: Käthe Rülicke, eine Geliebte von Brecht, und die Jungregisseure Peter Palitzsch und Wekwerth. Der schreibt: Wir saßen, während die Partei schlief, die ganze Nacht zusammen.

Irgendwann im Morgengrauen fragt Wekwerth, was Brecht, wenn er könnte, in dieser Situation tun würde. Die Streikenden bewaffnen, antwortet der Dialektiker. Denn die müssten sich am 17. nicht nur gegen die Bevormundung von oben wehren, sondern auch gegen die Ewiggestrigen. Die Faschisten seien längst nicht besiegt, und sie würden die Chance nutzen.

Im Rias herrscht, als Brecht seine Schüler zusammentrommelt, helle Aufregung. Der Sendeleiter steht blass und zitternd bei Bahr im Büro und sagt: Befehl der Amerikaner. Die Streikforderungen dürfen ab sofort nicht mehr gebracht werden. Der amerikanische Rundfunkdirektor Gordon Ewing hat angerufen und gefragt, ob der Rias vielleicht den Dritten Weltkrieg provozieren wolle!

Was nun? Und was passiert, wenn sich morgen früh um sieben nur ein paar Leute am Strausberger Platz versammeln? Nicht auszudenken. Die werden doch sofort verhaftet. Also klingelt Egon Bahr den DGB-Vorsitzenden Ernst Scharnowski aus dem Bett. Könnte der seine Kollegen im Osten nicht einfach zum Streik aufrufen? So als solidarische Geste? Ja, das kann er machen. Und das tut er. Und der Rias sendet bis 4 Uhr früh die schlaue Aufforderung: Alle Arbeiter der DDR sollen früh um sieben ihren Strausberger Platz aufsuchen.

Bahr und seine Kollegen bleiben in dieser Nacht

im Sender. Sie werden abwechselnd auf dem Sofa in seinem Büro schlafen. Aber erst einmal machen sie eine Flasche Wein auf. Zu dieser Stunde hängt Fritz Schenk noch immer am Sondertelefon im Haus der Ministerien und trommelt alle Vorsitzenden Bezirksräte zusammen. Sie sollen morgen früh um 10 Uhr in Ost-Berlin sein. Es geht um Planung, Wohnungsbau und Versorgung. Um Korrekturen am Fünf-Jahr-Plan. Also bitte pünktlich sein.

Was? Nach Berlin? Ihr müsst doch völlig verrückt sein. Wisst ihr denn nicht, was bei uns los ist? In Dresden? In Chemnitz? In Magdeburg, Halle und Leipzig? Unruhen gibt es hier! Es soll gestreikt werden. Tut mir leid, sagt Schenk. Es ist ein Auftrag vom Politbüro.

Kurz vor Mitternacht lässt Schenk sich von seinem Fahrer nach Hause bringen. Wo immer sie auch vorbeikommen, überall sehen sie junge Leute und kleine Trupps von Arbeitern. Die Transparente mit sozialistischen Losungen sind von den Wänden gerissen und liegen zerfetzt auf der Straße. Und an Mauern und Häuserfronten steht frisch gepinselt Generalstreik und Weg mit Ulbricht und Freiheit.

Schenk schläft schlecht in dieser Nacht. Gegen vier Uhr schreckt er hoch. Was ist das für ein rasselndes Geräusch? Er geht ans Fenster und sieht in der rötlichen Morgendämmerung sowjetische Panzer rollen.

Birgit Lahann / Mitarbeit: Dieter Krause

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