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Die 68er: Flegeljahre verwöhnter Wohlstandskinder

Ihr 68er wolltet revoltieren? Ihr habt doch nur Türen eingerannt, die längst offen standen! Ihr 68er wolltet die Vergangenheit bewältigen? Was ist mit Eurer eigenen selbtsverliebten Haltlosigkeit? Hört endlich auf mit Euren falschen Heldengeschichten. Eine Abrechnung von Tilman Gerwien

Entschuldigung, darf ich hier überhaupt mitreden? Es geht doch um 68, um Dutschke und Cohn-Bendit, Kommune 1 und die schöne Uschi O. - und ich bin ja nur Jahrgang 64, in Euren Augen also viiieeel zu jung. Ich kann, das höre ich immer wieder, alles gar nicht richtig nachvollziehen.

Das trifft sich gut, denn da sind wir schon bei der ersten Merkwürdigkeit: Keine Generation hat über die eigenen Väter und Mütter mit solch gnadenloser Härte gerichtet wie Ihr. Ganz selbstverständlich habt Ihr das Recht beansprucht, den letzten kleinen Nazi-Mitläufer moralisch an die Wand zu nageln. Aber was Eure eigene Vergangenheit betrifft, verbittet Ihr Euch jede Einmischung: Nur 68er dürfen über 68er schreiben, reden, diskutieren. Jüngere haben zu huldigen - oder zu schweigen. Vergangenheitsbewältigung? Gibt es für Euch nur als Begeisterung für Euch selbst.

Mit glänzenden Augen sitzt Ihr in Talk-Shows und TV-Dokus und plappert von Eurer Revolte, lasst Euch als zweite Staatsgründer feiern, die Adenauers Mief weggepustet haben. Ich kann das tatsächlich nicht richtig nachvollziehen. Denn als 64er habe ich Euch früh kennen gelernt: in Gestalt des duzenden Oberstufenlehrers.

Abstoßende Mischung aus Macht und Harmoniesucht

Ihr wart damals mit Euren peinlichen Umhängetaschen auf dem Marsch durch die Institutionen, Schwerpunktfächer: Deutsch, Geschichte. Ihr kamt immer so angeschmiert. "Du, ich finde es nicht gut, dass Du Dich nicht mehr am Unterricht beteiligst." Was soll man da sagen? "Duzen Sie mich nicht! Oder haben wir schon mal zusammen an der Pissrinne gestanden?" Geht ja wohl schlecht. Und genau das wolltet Ihr: Widerspruch wegkuscheln. Macht haben - aber gemocht werden, was eine ziemlich abstoßende Mischung ist. In Eurem Fundus gibt es dafür einen schönen Ausdruck: Repressive Toleranz.

Zum Glück endete Euer Marsch oft im warmen Nest der Frühpension. Denn was konnte man lernen? Deutsche Geschichte ist Tätergeschichte, fängt 39 an und ist 45 zu Ende. Linker Trivialkitsch von Wallraff bis Böll ist hohe Literatur. Der 30-jährige Krieg? Der unerreichbar große Thomas Mann? Für Euch alles Fußnoten. Ganze Schülergenerationen habt Ihr betrogen.

Dann die Revolte - was für eine Revolte? Die große Bildungsexpansion begann schon in den frühen 60-ern. Miniröcke, Pille und Stones - alles war vor Euch da. Ihr habt Türen eingerannt, die längst offen standen. Ihr habt das Land durchlüftet? Mit den unsortierten Dutschke-Traktaten, bei deren Lektüre Marx im Grab rotieren würde? Ihr habt das Land sexuell befreit? Mit den lächerlichen Nacktärschen der Kommune 1, in der - wie es sich gehört - nur das Alpha-Männchen die schöne Uschi O. begatten durfte? Kann es sein, dass Ihr Euer höchst durchschnittliches und gar nicht so abenteuerliches Leben nachträglich ein wenig veredeln wollt?

Denn viele haben es sich später in genau jenem Schweinesystem gemütlich gemacht, das sie zuvor mit Verachtung gestraft hatten: als Uni-Dozent, Akademieleiter, Gleichstellungsbeauftragte. Schöne Jobs - und schön langweilig. Nein, Eure Abenteuer waren keine; sie waren Flegeljahre verwöhnter Wohlstandskinder - und so billig zu haben in einer Zeit von Vollbeschäftigung und fetten Renten.

Zuneigung zu fernen Diktatoren

Hört also endlich auf mit Euren falschen Heldengeschichten! Ja, es gab die Schüsse auf Ohnesorg und Dutschke - aber die meisten von Euch sind nur auf dem Kurfürstendamm zu Ho-Ho-Ho-Chi Minh! herumgehopst, was ja wohl so wahnsinnig riskant nicht war. Übrigens: Dass ein paar Kilometer weiter an der Berliner Mauer Menschen wie Hasen abgeknallt wurden, hat Eure sonst stets abrufbare Empörung komischerweise nie stimuliert. Nicht eine Träne war Euch das wert! Dafür war kaum ein ferner Diktator vor Zuneigung sicher: der tolle Fidel, Mao. Später sogar: Pol Pot.

Müsste man da nicht mal was aufarbeiten, um eins Eurer Lieblingswörter zu benutzen? Warum wurde der Brandbombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus 1969 von Ex-Mitgliedern der Kommune 1 verübt? Warum war es einer aus der Frankfurter Studentenbewegung, der Jahre später bei der Flugzeugentführung in Entebbe Pässe einsammelte und Geiseln selektierte: in Nichtjuden (freilassen) und Juden (festhalten)? Warum war Euer Antikapitalismus stets so merkwürdig antisemitisch durchsäuert? Woher kam die romantische Politikverachtung, die Hybris Eures Weltrettertums, der schneidende Ton des pietistischen Pfarrhauses in Euren Traktaten und Reden? Wart Ihr am Ende nicht doch - eine sehr deutsche Bewegung?

Man braucht die von Euch verachteten Sekundärtugenden

Genug Stoff also für genau jene Vergangenheitsbewältigung, die Ihr von anderen immer so rigoros eingefordert habt. Zu reden wäre dann auch über Eure selbstverliebte Halt- und Verantwortungslosigkeit, die Jahre später noch einmal aufblitzte - in der Sympathie für Oskar Lafontaines Attacke auf bürgerliche "Sekundärtugenden" wie "Pflichtgefühl und Standhaftigkeit", mit denen man "auch ein KZ betreiben" könne. Ich verrate Euch jetzt mal was: Man braucht diese Sekundärtugenden. Ja, man braucht Pflichtgefühl und Standhaftigkeit. Denn man kann damit auch etwas ganz Besonderes schaffen. Etwas, das Ihr mit Eurem Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!-Gehopse nie hingekriegt hättet: Man kann damit ein KZ befreien.

Tilman Gerwien ist stern-Reporter im Berliner Büro