Teil 2: Militärischer Zusammenbruch Die letzten Tage von Klessin


Oderbruch, Winter 1945. Die Rote Armee rückt auf Berlin vor, die Deutschen verteidigen fanatisch jeden Meter. Ein Dorf nahe der Oder wird von Hitler zur Festung erklärt: "Fällt Klessin, fällt auch Berlin." Eine Geschichte vom Irrsinn des Krieges.

Barbara von Albedyhll schaut auf die Fotos. Das Dorf, die Scheunen, der Gutshof, das Schloss der Eltern. Die Terrasse, auf der sie mit Blick ins Oderbruch selbst gebackenes Brot mit Honig gegessen hat. Dann packt sie alles wieder ein. So soll es bleiben in der Erinnerung, denn die Gegenwart ist unerträglich. Das Dorf Klessin gibt es nicht mehr. Verbrannt die Scheunen, abgeräumt die zerstörten Bauernhäuser, Gut und Schloss eine Brache. Wer ins Gestrüpp tritt, findet nach hundert Metern zwei Treppenstufen, den Rest vom Schloss. Futtertröge deuten die Gutshofställe an. Sechzig Jahre danach.

Hier fand er statt, der Untergang.

Nirgendwo in Deutschland wurde so lange und so blutig gekämpft wie im Oderbruch in den letzten Monaten des Krieges. Elf Wochen Nahangriffe und Panzerattacken mit wechselnden Siegern. Kaum ein Dorf ohne Soldatengräber oder Kirchenruine. In Ortwig, Alt Tucheband, Werbig, Manschnow, Rathstock...

Die flache Ebene ist noch heute ein Friedhof. Auf den 16 Kilometern zwischen Oder und den Seelower Höhen liegen Tausende, die nie gesucht worden sind und nur bei Deich- oder Straßenbau noch zum Vorschein kommen. 150 bei den Aufräumungsarbeiten nach der Oderflut von 1997 allein bei Bleyen, erzählt der Umbetter Erwin Kowalke.

Klessin war mittendrin. Ahnungslos. Noch am 12. Januar 1945 hatte die Rote Armee hinter Warschau gestanden, dann fegte die 1. Weißrussische Front des Marschalls Schukow in nur zweieinhalb Wochen durch Polen und über die deutsche Grenze hinein ins Reich.

In Klessin liegt Ende Januar Schnee. Fernes Grollen der Artillerie begleitet das Köpfen der Weiden. "Aber der Ostwall ist ja noch da", schreibt Barbara von Albedyhlls Vater ins Tagebuch. Wer weiß schon, dass die 1934/1935 errichteten Festungsbauten nur leere Hülsen sind. Nach Hitlers Kritik - "Wertlose Mausefallen" - und dem Baustopp von 1938 wurden die Geschütze an den "West- und Atlantikwall" verfrachtet. Jetzt ist keine Zeit mehr, Truppen und Gerät in die ausgeschlachtete Anlage zu schicken. Am 29. Januar 1945 passiert eine Vorhut der 8. Gardearmee unter Stalingrad-Sieger Wassilij Tschuikow diese "Festungsfront Oder-Warthe-Bogen", bei Kalau ist nicht mal die Straßensperre besetzt.

Überrascht sieht der Herr auf Schloss Klessin am 31. Januar flüchtende deutsche Soldaten über die zugefrorene Oder strömen, "sehr oft schon haben sie keine Waffen mehr". Am 1. Februar folgen russische Stoßtrupps und dringen ins Nachbardorf Reitwein ein. Einen Tag später stürmt ein Regiment der 8. Gardearmee auf Brettern und Reisigbündeln über die auftauende Oder mitten in ein Bataillon des Reichsarbeitsdienstes von 200 kümmerlich Bewaffneten, das sich um Flüchtlinge kümmern sollte. Es kommt zu erbitterten Kämpfen, die Dörfler flüchten, einige werden von den Russen geschnappt und über die Oder gebracht.

Wo ist die Wehrmacht?

Liegt es an Himmler, dem unfähigen und gerade erst ernannten Chef der Heeresgruppe Weichsel, die nun fern der Weichsel unkoordiniert ums Überleben kämpft?

Hinter Reitwein geht es 81 Meter hinauf zum Sporn. Die Anhöhe nahe der Oder, weithin sichtbar und ideale Verteidigungsstellung, ist unbesetzt. Die Russen sehen ihre Chance und krallen sich oben fest. Nur ein paar Kilometer sind sie da noch von den Höhendörfern Wuhden, Klessin und Podelzig entfernt.

Am Abend sieht der Schlossgärtner Richard Stephan einen russischen Panzerspähwagen an seinem Haus vorbeifahren. Jenseits der Oder brennen die Dörfer. Klessin wird unruhig. Evakuierung? Ein Bote des Kreisleiters richtet Otto von Albedyll aus, dass "ich an die Wand gestellt würde, wenn ich eigenmächtig etwas unternehme". Sie ducken sich unter den ersten Granateinschlägen, die Bauern der vier Höfe, die 22 Landarbeiterfamilien, Stellmacher, Treckerfahrer, Schweinemeister und Schmied, die Dienstmädchen und Mägde vom Schloss, die Albedylls und zwei Familien, die vor den Bomben aus Krefeld geflüchtet sind und hier vom Regen in die Traufe geraten.

Am 4. Februar

rückt ein Bataillon "Volkssturm" aus Potsdam an, "alte Leute, kaum bewaffnet, gar nicht ausgebildet", wie Herr von Albedyll notiert. Sie graben sich am Hang unterhalb des Schlosses ein, viele sterben durch Artillerievolltreffer. Da lässt der Gutsherr anspannen. Über einen Feldweg machen sich die 126 Bewohner von Klessin davon. "Als wir vom Hof fuhren", sagt Barbara von Albedyhll, die nach dem Krieg einen entfernten Verwandten geheiratet hat und nun ein h im Familiennamen trägt, "brach ich einen Zweig von der Linde ab und dachte: Wenn der treibt, kommst du zurück - aber mir war klar, das wird nichts mehr."

In den Scheunen bleiben 2000 Zentner Weizen und 3000 Zentner Hafer zurück, Raps, Kartoffeln, Saaterbsen und Rübensamen, auch 232 Schweine und 54 Kühe, dazu Pferde, Schafe, Gänse, Enten, Hühner und Puten. Beim Nachbardorf Wuhden läuft schon der erste deutsche Gegenangriff auf den Reitweiner Sporn.

Mit den paar Russen werde er schon fertig, tönt ein eigens herbeigeeilter SS-Standartenführer, doch die Attacke auf Eliteregimenter der Proletarischen Divisionen 8. November und 1. Mai bleibt liegen, die Panzer der Division Kurmark fahren sich in den morastigen Oderwiesen fest, die Panzergrenadiere müssen abgeschlagen auf die Höhe bei Klessin zurück. Im Schlosskeller überwältigen sie betrunkene Russen, die zuvor betrunkene Deutsche überwältigt hatten.

Mit dem Treck am 4. Februar

hat auch die Bauerntochter Ilse Kaul den Hof in Klessin verlassen. "Vater sagte: Seht euch noch einmal um, so sehen wir das Dorf nicht wieder", erzählt Frau Kaul, heute Nowak, die im nahen Podelzig lebt. "Da hat meine Mutter geantwortet: Richard, red doch keinen Blödsinn." Wäre nur damals die Oder nicht aufgetaut, ärgert sich Frau Nowak noch heute. Dann hätte der Fluss den Nachschub nicht gebremst und Schukows Divisionen wären die 100 Kilometer bis Berlin gleich weitermarschiert, an Klessin vorbei. Doch der Marschall zögert. Fürchtet er nach dem schnellen Vorstoß um seine Flanken? Will er erst Truppen, Fahrzeuge, Benzin, Munition nachführen?

Atempause für Hitler. Der hat gerade seine letzten Reserven bei der Ardennenoffensive im Westen verheizt, nun brennt es an der Oderfront: Wenn es Schukow gelingt, die Brückenköpfe auszuweiten und zu vereinen, hat er den Aufmarschraum für den Sturm auf Berlin. Und Schukow weiß, dass die Deutschen von ihren Höhenstellungen auf dem Reitweiner Sporn seine Pontonbrücken beobachten und beschießen können.

Klessin muss fallen. Kein selbst gebackenes Brot mit Honig mehr für Barbara von Albedyhll auf der Schlossterrasse, von der aus nun Soldaten die russischen Panzer zählen, die den Fluss mit aufgeblendeten Scheinwerfern queren. Die Deutschen karren zusammen, was noch ein Gewehr oder eine Panzerfaust halten kann. Kriegsschulen aus Potsdam, Dresden und Wetzlar, "Volkssturm" aus Franken, Matrosen ohne Schiffe, Flieger ohne Flugzeuge, Hitlerjungen, Flakhelfer, Reichsarbeitsdienst, Alarmbataillone aus Urlaubern, Versprengten, Verwundeten.

Der Baron von Freytag-Loringhoven

befehligt Volkssturm-Männer aus Dinkelsbühl und Rothenburg ob der Tauber, die binnen drei Tagen einberufen, in braune Uniformen und Tropenstiefel gesteckt worden sind und direkt vom Bahnhof bei Lebus mit Handgranaten ohne Sprengkapseln in den Einsatz kommen. Kurt Struwe, Fahnenjunker im Volksgrenadierregiment 1241, sieht Einheiten, in denen nur jeder Fünfte bewaffnet ist. Manche ziehen mit Knüppeln los.

Kurt Speer, Jahrgang 1926, rückt bei Podelzig mit der Raketenwerferabteilung 505 der Waffen-SS an, erblickt am 5. Februar das brennende Klessin und freut sich, dass Kameraden Wein, Schnaps, Schinken und Eingemachtes aus dem Schlosskeller geborgen haben. Danach Raketensalven auf den Feind - "Volltreffer, Jubel, wir sehen braune Menschenteile durch die Luft fliegen". Vom Evakuierungsort Plötzenhof aus können die Albedylls den Feuerschein sehen.

Am 10. Februar bricht einer der letzten deutschen Angriffe gegen die Nordspitze der Reitweiner Höhe zusammen. Von den Fahnenjunkern der Kriegsschule Potsdam fällt jeder Dritte, während Himmler im weit entfernten Hauptquartier bei Prenzlau viel zu spät die Evakuierung der Zivilbevölkerung anordnet.

Die durch täglich drei Sturmangriffe dezimierten Verteidiger von Klessin, rund 400 Soldaten des Panzergrenadierregiments Kurmark, bekommen Verstärkung: 40 Unteroffiziere der Offiziersbewerber-Schule Cottbus zur Frontbewährung. Den armseligen Haufen attackiert die 4. sowjetische Schützendivision mit 8000 Mann Gefechtsstärke, unterstützt durch eine Panzerbrigade. Die Verluste der Russen sind entsetzlich, viele Einheiten müssen nach drei Tagen abgelöst werden.

Oben geht der Unteroffizier ErnstAugust Roloff durchs Schloss, notiert stark beschädigte Flügeltüren, Räume voll Staub, Stuckteilen und Tapetenfetzen, in den Ställen verstümmelte Rinder, Schafe, Schweine, das reicht für ein Schlachtessen, kurze Atempause, nicht lange.

Bei einem Stoßtrupp erschießt Roloff zwei überraschte Russen: "Die entsetzten Todesblicke der zusammensackenden Offiziere haben sich bis in die letzten Tiefen meines Gedächtnisses eingebohrt." Später sieht er hilflos zu, wie zwei seiner Kameraden von einer Handgranate getroffen werden. "Mein Freund sackte mit einem Schmerzensschrei zusammen, wie ich ihn noch nie gehört habe." Roloff, unter schwerem Beschuss, schafft die wenigen Meter zu den Verwundeten nicht, am nächsten Morgen findet er den Kameraden verblutet.

Nahkämpfe durch Mauerlücken,

drei Tage Artillerie- und Granatwerferfeuer. An "10 000 Einschläge auf meinem 500 Meter langen Kompanieabschnitt" erinnert sich der Fahnenjunker Otto Kuchenbauer von der Kriegsschule Wetzlar. "Zwei 16-Jährige, durch das Trommelfeuer völlig zermürbt, schrien und wimmerten, als wären sie dem Wahnsinn nahe. Tote mit Kopfschuss lagen oft viele Stunden lang neben dir und schauten dich mit glasigen Augen an."

Ein Jagdpanzer vom Typ "Hetzer" ist in die Eingangshalle gefahren und hat vom Verandafenster aus die russische Pontonbrücke auf der Oder beschossen - eine Heldentat, enthusiastisch gefeiert von Kriegsberichtern. Als Roloffs Truppe am 8. März abgelöst wird, sind von den 40 noch 14 übrig. In der Etappe sehen sie den Durchhaltefilm "Kolberg".

Harald Britzke schaut in Klessin nach dem Rechten. Das Bauernhaus seiner Eltern liegt dem der Kauls gegenüber. Obwohl erst 15, wurde er ins vier Kilometer entfernte Lebus eingezogen. Sein Hauptfeldwebel hat ihn zum Nachsehen nach Hause geschickt. Die Scheune ist abgebrannt, das Wohnhaus von Granaten lädiert, im Keller liegen Soldaten, die sich - "Haste keine kurzen Hosen?" - über den jungen Krieger lustig machen und ihm die Stahlhelme 80 Meter talwärts zeigen, Rotarmisten. Noch in der Nacht wird Britzke wieder verabschiedet: "Wir kämpfen hier bis zur letzten Patrone."

In der Nacht vom 5. zum 6. März

dringt zum letzten Mal Ersatz von der Kriegsschule Wetzlar in die zerschossenen Häuser ein und liegt bald unter verheerendem Feuer, Schloss und Gut fallen zu Schutt und Asche, der Kampf Haus um Haus beginnt Der Weiler Klessin ist vom Führer zur Festung erklärt worden. Parolen wie "Fällt Klessin, fällt auch Berlin" sollen der Besatzung Mut machen. Der Unteroffizier Heinz Mutschinski vergräbt sich mit seinem Zug, 30 Mann, ein paar hundert Meter südlich an einem Hohlweg. Am 10. März liegen die nicht mal mannshohen Stellungen drei Stunden unter Trommelfeuer. Mutschinski baut sich mit Spucke und Lehm ein kleines Dorf mit Kirche, um die Nerven zu behalten.

Drei Attacken weisen sie ab, dann leben von den 30 noch fünf. Mutschinski bekommt einen Granatsplitter dicht neben die Halschlagader. Er übergibt Leuchtpistole und Munition seinem Leutnant, rennt mit seinem verwundeten Melder nach hinten, fällt in den Dreck. Er kann nicht rufen, weil ihm die Zunge geschwollen ist. Fast hätten ihn die eigenen Leute erschossen. Abends sieht er Leuchtkugeln aus seiner Stellung, das letzte Lebenszeichen der zurückgebliebenen drei.

Die Verteidiger von Klessin halten sich noch 13 Tage. Sie werden eingeschlossen, es gibt kein Wasser mehr, keine Arznei. Ein paarmal wird der Ring durchbrochen, zwei Panzer erreichen den Gutshof und bringen zwölf aufgesessene Grenadiere, zum Teil verwundet. Ein paar Tage später kommen noch mal 45 Mann nach Klessin, da kämpfen in Hitlers "Festung" noch knapp 150 Rundum-Verteidiger.

Am 22. März brechen die Russen in die Schlossruine herein, abends sammeln sich die Überlebenden am Ortsausgang. Der Fahnenjunker Joachim-Hans Baumann soll den Feldwebel Schrader erschießen, dem ein Arm abgerissen wurde und der nicht mehr leben will. Er bringt es nicht fertig und drückt dem Schwerverwundeten seine entsicherte Pistole in die Hand. Dann laufen sie die 1000 Meter nach Podelzig, überrennen mit "Hurra"-Rufen drei russische Schützengräben. Eine Gruppe mit 26 Überlebenden, die zweite mit 30, fast alle verwundet, kommt bei den deutschen Linien an. Nach und nach tröpfeln noch ein paar Versprengte ein. Anführer Oberleutnant Schöne erhält das Ritterkreuz.

Handgranaten poltern die Treppe zum Keller unter den Gutshofställen hinab, wo der Fahnenjunker Heinrich Fisch bewusstlos liegt. Eine Kugel steckt in der Lunge. Durch die Explosionen wird er wach, eine Stimme ruft "Rauskommen", er taumelt mit acht anderen nach oben und marschiert dann für knapp fünf Jahre in russische Gefangenschaft. Es ist der 23. März 1945. Bis Mitte April haben die Russen das halbe Oderbruch erobert, nun ist Platz für Schukows 68 Divisionen, die mehr als 3000 Panzer und 42 000 Geschütze, 270 auf den Frontkilometer. Am 16. April bricht die Offensive los, überwindet die Seelower Höhen mit grauenhaften Frontalangriffen, am 2. Mai nimmt die Rote Armee Berlin ein, am selben Tag fällt nahe der Hauptstadt Barbara von Albedyhlls Bruder Otto Christer.

Der Krieg ist aus.

Schon am 8. Mai, dem Tag des Sieges für die Befreier, kehren die ersten Einwohner zurück, zögernd. Der Vater von Ilse Kaul lässt seine Familie im nahen Friedersdorf und macht sich allein auf den Weg. Nach der Rückkehr sagt er, es habe ihn noch nie in seinem Leben so gegraust wie in Klessin. Tote überall, "wie hingesät", sagt der Klessiner Horst Vaatz, damals 13. Hunderte liegen neben Panzerwracks und Geschützen, in ihren Stellungen, auf Straßen, in Gehölzen, zwischen Adonisröschen und im hochschießenden Getreide, Freund wie Feind. "Einen großen braunen Haufen" entdeckt der zurückgekehrte Gärtner Stephan hinterm Haus und, näher dran, "gefallene Russen", aufgeschichtet.

Die Rückkehrer werden zum Bergen der Leichen aufgerufen, Verwesungsgeruch liegt über den Feldern, bald fordert Typhus die ersten Opfer. Frauen, Kinder, Greise ziehen Tote und Teile von Toten, manchmal nur einen Stiefel, in Granattrichter, Schützengräben, Erde drüber. Munition liegt herum, Kinder bauen Feuerwerk aus Blindgängern, andere setzen sich einen Stahlhelm auf und zünden darauf die Handgranate, ein Spaß.

Herumliegende Karabiner laden zum Wildern ein. Aus Gasmaskenfiltern werden Schaumlöffel, Kerzenständer aus dem Blech der Panzerfäuste, gekocht wird in Fallschirmjägerhelmen. Auf dem zerstörten Hof des Bauern Britzke und in der Kiesgrube nahe der Straße Klessin - Podelzig werden Tote geborgen. Im Klessiner Gutshof liegen noch heute welche, vermutet der Ortschronist Reinhard Tietz.

Minen, überall Minen. Horst Vaatz sucht sie mit einem Besenstil, an dem ein Stück Draht befestigt ist. Das Fuhrwerk der Familie Wolff explodiert auf dem Weg zum Feld, Horst Wolff verliert Vater und Bruder. Günther Kopp, 12, tritt auf eine Mine und reißt seinen Bruder Gerhard, 17, mit in den Tod. Der Traktorist Paul Arndt fliegt durch die Luft, und Vaatz, der kein Verbandszeug im Haus hat, stürzt mit einem Betttuch nach draußen. Arndt hat einen Schädelbruch, ein Bein ist weg. Ilse Novak sitzt auf der Aussaatmaschine und hört den Knall nicht mal. Sie wird hochgeschleudert und erinnert sich "an ein herrliches Gefühl, so leicht", bis der Vater schreit: "Ich kann nichts sehen." Er hat ein Auge verloren.

Auf den Reitweiner Höhen

wird ungern Holz geschlagen, weil Geschossspitzen die Sägeblätter ruinieren. Klessin soll 1948 neu entstehen, schöner denn je. Aus dem Plan wird nichts. Heute steht ein kleines Häuschen auf dem Grundstück der Britzkes, Neusiedlerhäuser säumen die Straße nach Wuhden. Das alte Klessin ist dahin. Tietz und der Heimatverein von Podelzig wollen auf dem verwahrlosten Gelände von Gut und Schloss - in den ehemaligen Eiskeller ist Jauche gegossen worden - eine Gedenkstätte errichten und kämpfen mit den Behörden. Der Fahnenjunker Heinz Mutschinski ist nun fast 80. Hin und wieder fährt er nach Klessin und streut dort, wo er die Gebeine seiner Kameraden vermutet, Blumensamen aus. Er sortiert alte Fotos, blättert im Soldbuch. Dann kommen die Erinnerungen hoch. Er weint.

Wolf Thieme print

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