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"heute wichtig" Journalistin über die Abschaffung der Sittenpolizei im Iran: "Das ist alles Desinformation"

Proteste im Iran
Seit mehr als zwei Monaten protestieren die Menschen im Iran gegen das Regime
© Onur Dogman / SOPA Images via ZUMA Press Wire / DPA
"Die islamische Republik braucht keine Sittenpolizei, um Frauen zu unterdrücken", sagt die iranische Journalistin Gilda Sahebi über die überraschende Ankündigung der iranischen Regierung, die Sittenpolizei aufzulösen.

Es war eine Meldung, über die viele inzwischen sagen, sie sei eine Farce, ein Ablenkungsmanöver. "Die Meldung stimmt nicht. Das ist alles Desinformation", sagt Gilda Sahebi in der 419. Folge "heute wichtig". Seit 2005 gebe es die Sittenpolizei, die auch die Kurdin Mahsa Jina Amini Mitte September verhaftet hat. Ihr Tod hat die Proteste im Iran ausgelöst, die inzwischen zwei Monate andauern. Die Sittenpolizei – das sind laut Gilda Sahebi "Männer und Frauen, die im Land in ihren Vans hin und her fahren, Frauen misshandeln, verschleppen und in Umerziehungszentren bringen, wenn sie nicht so gekleidet sind, wie die das wollen". Diese Institution aufzulösen, sei ein Ding der Unmöglichkeit für das iranische Regime, denn dabei handle es sich um Tausende Männer und Frauen, die dann auf der Straße stünden. Nur braucht es ihrer Meinung nach keine Sittenpolizei, um Frauen zu unterdrücken. "Das hat die islamische Republik auch vor 2005 erfolgreich geschafft", sagt Gilda Sahebi.

"Die Iraner:innen sind es nicht gewöhnt, dass die Welt hinschaut"

Gilda Sahebi ist Journalistin, sie ist selbst im Iran geboren und sie versucht, das, was sie von den Menschen vor Ort hört, einzuordnen und zu verstehen. "Jede Familie hat eine eigene Geschichte mit diesem Land, mit diesem Regime – und die habe ich natürlich auch."  Und gleichzeitig versucht sie, so gut sie kann und so genau wie möglich über den Iran zu berichten. "Denn unabhängigen Journalismus gibt es dort nicht." Was sie vor allem liest, sind Nachrichten voller Wut, voller Entschlossenheit, aber auch voller Glück, erzählt Gilda Sahebi im Podcast. Denn endlich hätten Iraner:innen das Gefühl, gesehen zu werden. "Und sie sind es nicht gewöhnt, dass die Welt hinschaut, was passiert."

Journalistin Sahebi fordert von Deutschland weitere Maßnahmen

Dass der UN-Menschenrechtsrat kürzlich mit einer Resolution entschieden hat, die Gewalt im Iran zu untersuchen, ist für Gilda Sahebi vor allem ein internationales Signal, dass die Welt auf das Land blickt – wenn auch ohne Konsequenz, denn das iranische Regime habe bereits verkündet, nicht mit der UN kooperieren zu wollen. Es braucht ihrer Meinung nach also weitere Maßnahmen und Sanktionen. Da sieht die Journalistin Deutschland in der Pflicht. "Deutschland hat so einen Einfluss und es passiert nichts", sagt Gilda Sahebi.

Aus Gesprächen mit Politiker:innen, darunter auch Bundeskanzler Olaf Scholz, nimmt die Journalistin mit, dass man ihrer Meinung nach immer noch nicht recht glauben will, dass das, was im Iran passiert, eine echte Revolution ist. Man wolle abwarten. "Nur wenn man gar nichts macht, ist es, als stünde man auf deren Seite." Dabei gehe es gar nicht darum, dass die Sanktionen unbedingt dazu führen, dass dieses Regime stürzt, sagt Gilda Sahebi. "Aber Deutschland kann etwas tun, damit es nicht weiter dieses Regime stützt." 

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