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Podcast "heute wichtig" Fußball-WM in Katar: Wenn Menschenrechte hintenanstehen

Auch in diesem temporären Fußballstadion in Doha im Bezirk Ras Abu Aboud wird gespielt
Auch in diesem temporären Fußballstadion in Doha im Bezirk Ras Abu Aboud wird gespielt
© Nikku / DPA
"Man macht sich geradezu lächerlich, wenn man behauptet, dass Sport nicht politisch ist", sagt der Historiker René Wildangel. Dass die WM in Katar hochpolitisch ist, könne man gerade jeden Tag erleben. Selten war ein Sportereignis so umstritten wie dieses.

Von einer WM der Schande, einer WM der Lügen ist inzwischen die Rede. Korruption bei der Vergabe, miserable Arbeitsbedingungen beim Bau der luxuriösen Sportstätten, in dessen Folge schätzungsweise Tausende starben, und eine katastrophale Menschenrechtslage vor Ort. Seit der WM-Vergabe 2010 hat sich in Katar – abgesehen von wenigen Reformen – nur bedingt etwas verändert, sagt der Historiker und Autor René Wildangel in der 403. Folge "heute wichtig".

Und trotz aller Kritik, die Katar aktuell erfährt, glaubt er, dass sich die Investitionen in die WM für den Golfstaat durchaus gelohnt haben. Man habe es geschafft, Katar auf die Landkarte zu setzen, Wege und Strategien gefunden, ein positives Image zu schaffen, und den wirtschaftlichen Einfluss verfestigt. Und "ich fürchte an dem Tag, an dem die WM vorbei ist, wird es schwierig die Debatte über Menschenrechtsverletzungen aufrechtzuerhalten", sagt René Wildangel.

Sportveranstaltungen in Katar: "Eine bizarre Entscheidung"

Und noch bevor dieser Tag gekommen ist, sind schon die nächsten Großveranstaltungen im Nachbarland Saudi-Arabien in Sicht: die asiatischen Winterspiele 2029 und möglicherweise sogar eine erfolgreiche Bewerbung für die Fußball-WM 2030. Eine bizarre Entscheidung – findet auch René Wildangel. Denn nicht nur finden diese Sportereignisse dort in der Wüste statt, "wenn man sich die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien anschaut, ist diese nochmal deutlich schwieriger als in Katar. Da reden wir über politische Gefangene, Folter und den schrecklichen Mord an Jamal Khashoggi". 

Verbindliche Standards: Die Fifa ist in der Diskussion blind

Für den Historiker ist es in Hinblick auf die WM in Katar für einen Boykott nun zu spät, vielmehr stelle sich nun die große Frage, wie überhaupt Standards geschaffen werden können, um zu verhindern, dass Großveranstaltungen in solche Länder gegeben werden, nur: "Die Fifa ist ein Laden, der nicht sonderlich bekannt ist für seine Reformfähigkeit. Da gibt es eine gewisse Blindheit in dieser Diskussion." Deshalb seien andere Institutionen und Politiker:innen gefordert, verbindliche Standards zu setzen. "Der Wille ist da, aber nicht bei den Sportfunktionären. Denn mit diesen Großveranstaltungen sind massive Interessen verbunden – ganz konkret – extrem hohe Geldsummen, die hier fließen."

Der Fußball als Symbol für den Kampf um Freiheit im Iran

"Das rebellische Spiel" ist der Titel des Buches, das René Wildangel gemeinsam mit dem Politologen Jan Busse geschrieben hat. Er drückt aus, was die Fifa immer wieder verhindern möchte: Fußball hat eine politische Botschaft – und er mobilisiert. Ganz aktuell sehe man das auch im Iran, wo es eine jahrelange Bewegung von Frauen gegeben hat, die Fußballspiele nicht im Stadion ansehen durften und dafür gekämpft haben, dass ihnen das ermöglicht wird. "Der Fußball und der Kampf dieser Frauen ist ein Symbol für einen viel wichtigeren Kampf, um den es gerade geht, nämlich um die Gleichberechtigung, darum, ein normales Leben im Iran führen zu können." Und auch jetzt werde der Fußball als Bühne genutzt. Einige Spieler der iranischen Nationalmannschaft hätten sich vor der WM in Katar bereits mit den Protestierenden solidarisiert, viele Fußballer hätten Repressionen erfahren. René Wildangel ist sicher: "Auch hier spielt der Sport eine Rolle. Und gerade die Fifa und andere internationale Institutionen müssen sich an der Solidarität mit den Frauen und den Menschen im Iran beteiligen."

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lcs

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