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Podcast "heute wichtig" Mindestlohn – aber nicht für alle? Warum Menschen mit Behinderung nicht davon profitieren

Ein Mann trägt seine Einkäufe in Plastiktüten nach Hause
Ein Mann trägt seine Einkäufe in Plastiktüten nach Hause
© Sebastian Gollnow / DPA
Fast jede dritte beschäftigte Person in Deutschland wird mit der Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro ab 1. Oktober mehr verdienen als vorher. Und trotzdem gibt es 320.000 Menschen mit Behinderung, die in Werkstätten arbeiten, und davon nicht profitieren.

Lukas Hildebrand hat für den stern recherchiert, warum das so ist und warum man dieses Thema nicht nur schwarz-weiß sehen kann. "Zunächst werden wohl nach einer aktuellen Studie 6,6 Millionen Menschen in Deutschland vom neuen Mindestlohn profitieren", sagt er in der 373. Folge "heute wichtig". Für viele bedeutet das einen erheblichen Unterschied: Zum Beispiel zeige sich laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung, dass der Ost-West-Unterschied durch die Erhöhung des Mindestlohns ein wenig angeglichen wird. In Ostdeutschland verdienen bislang 28 Prozent der Beschäftigten weniger als 12 Euro pro Stunde, in Westdeutschland sind es nur 16,1 Prozent.

Werkstätten für Menschen mit Behinderung: Schutz oder Ausbeutung?

Auch nach dem 1. Oktober werden Menschen in Deutschland aber nicht mehr als 1,35 Euro pro Stunde für ihre Arbeit verdienen: Sie sind in Werkstätten für behinderte Menschen beschäftigt und gelten nicht als echte Arbeitnehmer:innen. In den vergangenen Jahren ist die Kritik an den Einrichtungen gewachsen, im September 2022 trendet auf Twitter der Hashtag #IhrBeutetUnsAus. Für viele Betroffene ist die Arbeit in den Werkstätten Ausbeutung, aber nicht für alle. Ein Dilemma. "Ich kann nur Falsches sagen, denn eine der beiden Seiten, die mir zuhört, wird den Kopf schütteln", sagt Lukas Hildebrand im Podcast.

"Ganz grundsätzlich gilt, dass sich viele Menschen in den Werkstätten wohlfühlen. Die Mehrheit will diese Werkstätten." Denn auch ohne Mindestlohn erhalten Menschen, die dort beschäftigt sind, viele Leistungen: bezahlte Kultur, sichere Rente, Physiotherapie und andere Sozialleistungen. Und: "Viele Menschen mit Behinderung können keine verbindliche Arbeitsleistung vollbringen, die über drei Stunden hinausgeht." Der Ursprung der Werkstätten liegt in der Nachkriegszeit. Damals wollte man Menschen mit Behinderung über die Werkstätten schützen, denn in der NS-Vergangenheit des Landes wurden Menschen mit Behinderung verfolgt und ermordet. "Und auch heute ist der positive Nebeneffekt, dass Menschen mit Behinderung vor dem rauen Klima der kapitalistischen Leistungsgesellschaft geschützt werden", sagt Lukas Hildebrand.

Ein unerfüllter Inklusionsauftrag: Die Teilhabe am Arbeitsmarkt gelingt nicht

Andererseits aber werde vielen Menschen, die das wollen, die Teilhabe am normalen Arbeitsmarkt verwehrt. Heute gebe es einen Inklusionsauftrag. Und die Integration in den Arbeitsmarkt funktioniere bisher noch nicht. Dabei gibt es laut Lukas Hildebrand wirklich eine ganze Reihe an Bemühungen von Seiten des Arbeitsministeriums, Bedingungen zu schaffen." Wir wissen aber auch, dass kaum jemand diese Werkstätten Richtung Arbeitsmarkt verlässt, sobald einmal jemand diese Werkstätten betreten hat." Inklusion ist ein Auftrag für die ganze Gesellschaft: "Man sollte sich selbst umschauen in seinem Büro und sich fragen, wo sind die Kolleg:innen mit Schwerbehinderung?"Ihr Abo für "heute wichtig"  

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