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"heute wichtig" Olympia-Attentat 1972 – zwischen Versagen und Vertuschung

Ein bewaffneter Polizeibeamter sichert im Olympischen Dorf den Block, in dem Terroristen die israelischen Geiseln festhalten
Ein bewaffneter Polizeibeamter im Trainingsanzug sichert im Olympischen Dorf den Block, in dem Terroristen die israelischen Geiseln festhalten
© Horst Ossinger / DPA
Bei den Olympischen Sommerspielen in München sind bei einem grausamen Attentat palästinensischer Terroristen am 5. und 6 September 1972 elf Mitglieder der israelischen Olympia-Mannschaft und ein deutscher Polizist ums Leben gekommen. Noch immer gibt es Nachholbedarf bei der Aufarbeitung.
Die Olympischen Spiele in München hätten Deutschland der Welt 1972 in einem neuen Licht zeigen sollen – herausgewachsen aus dem Schatten seiner Nazi-Vergangenheit. Es sollte ein Sommerfest der Völkerverständigung werden, bunt, heiter und vor allem entmilitarisiert – mit so wenigen Sicherheitsvorkehrungen wie möglich. Eine Entscheidung, die in einer Katastrophe mündete. "Die deutschen Organisatoren wurden da ein Stück weit Opfer ihrer besten Absicht", sagt der Chefreporter der "Süddeutschen Zeitung", Roman Deininger, in der 354. Folge "heute wichtig".

Fatale Fehler, ein dilettantischer Einsatz: "Es ist schiefgegangen, was schiefgehen kann."

Palästinensische Terroristen dringen am 5. September 1972 in das olympische Dorf ein, sie erschießen zwei Israelis sofort und nehmen neun als Geiseln. Mehrere Befreiungsversuche scheitern. Zuletzt fordern die Terroristen, mit den Geiseln nach Ägypten ausgeflogen zu werden. Der Einsatz am Militärflughafen Fürstenfeldbruck, bei dem man versuchte, die Attentäter auszuschalten, scheitert. Am Ende sterben alle Geiseln, ein Polizist und fünf der acht Attentäter.
Der Einsatz am Tag des Anschlags war dilettantisch, sagt Roman Deininger. "Man war nicht vorbereitet, aber man hätte es sein sollen." Die Polizei hatte keine Einsatzstrategie, keine gut ausgebildeten Scharfschützen und Präzisionsgewehre. "Man war wirklich blank, als am 5. September die Attentäter über den Zaun des olympischen Dorfs geklettert sind", sagt der "SZ"-Journalist. "Es ist schiefgegangen, was schiefgehen kann."

Das deutsche Versagen im Umgang mit dem Münchener Attentat: Vor 50 Jahren und heute

Nach dem Tod der elf Israelis und des Polizisten ging das Versagen weiter. "Das erste Versagen war der dilettantische Polizeieinsatz und das Ignorieren von Warnhinweisen. Das zweite aber war die schäbige Behandlung der Hinterbliebenen und die Verweigerung der Aufklärung, die Vertuschung. Das ist für mich moralisch fast noch schlimmer", sagt Roman Deininger. Es habe nach Olympia ‘72 in Deutschland den starken Willen gegeben, einfach den Deckel auf dieses schreckliche Ereignis draufzumachen. "Man wollte das eigene Scheitern nicht noch ausstellen."
Der deutsche Umgang mit dem Attentat beschäftigt die Angehörigen noch heute. Und fast hätte der Streit um eine angemessene Entschädigung zwischen den Hinterbliebenen der Opfer und der Bundesregierung die Gedenkfeier zum 50. Jahrestag zur Farce werden lassen. Die Angehörigen drohten mit einer Absage. Erst im letzten Moment gab es eine Einigung. Auf 28 Millionen Entschädigung sollen sich die Hinterbliebenen und die Bundesregierung eingelassen haben – ein Kompromiss. "Es ist unglaublich wichtig, dass es diese Einigung gegeben hat", sagt Roman Deininger, "denn sonst wäre das Bemühen um ein würdiges Erinnern in diesem Jahr würdelos geendet. Gedenken kann man nur mit den Angehörigen der Opfer."
Und die deutsche Regierung habe den Angehörigen sehr lange alles verweigert, was anständig gewesen wäre, meint Roman Deininger: "Die Wahrheit über die Ereignisse, Akteneinsicht, eine Entschuldigung, aber auch eine Entschädigung." Noch heute gibt es historische Widersprüchlichkeiten, Lücken. Eine deutsch-israelische Historiker-Kommission soll nun den Dingen nachgehen, die noch offen sind. Und "das ist dringend nötig", glaubt Roman Deininger. "Die Recherche ist nie abgeschlossen. Es gibt immer neue Erkenntnisse."
Michel Abdollahi
© TVNOW / Andreas Friese

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rw

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