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"heute wichtig" Die Bundesregierung vergisst die Klimakrise: "Wir laufen in eine soziale Katastrophe"

Ökonom Marcel Fratzscher
Ökonom Marcel Fratzscher
© Bernd von Jutrczenka / DPA / Picture Alliance
Viele Menschen in der Bevölkerung ächzen unter den steigenden Preisen, weshalb die Bundesregierung die Bürger mit einem großen Paket entlastet. Doch dabei wird ein großes Thema vergessen, kritisiert der Wirtschaftsökonom Marcel Fratzscher: der Klimaschutz. 

Am Sonntag haben sich die Spitzen der Ampelkoalition auf ein drittes Entlastungspaket geeinigt. Es enthält unter anderem Einmalzahlungen für Auszubildende und Rentner:innen, aus Hartz IV wird das sogenannte Bürgergeld und auch das Kindergeld soll erhöht werden. Der bekannte Wirtschaftsökonom Marcel Fratzscher bewertet die Maßnahmen in einem Statement und kritisiert vor allem einen Aspekt: "Das dritte Entlastungspaket der Bundesregierung enthält gute Elemente, ist aber bei wichtigen Fragen unausgegoren, verteilt Gelder zu sehr per Gießkannenprinzip und ignoriert den Klimaschutz." Das kritisiert Fratzscher auch in der 355. Folge des Podcast "heute wichtig": "Wir realisieren nicht: Der Klimawandel ist eine Dauerkrise, die uns in den kommenden Jahrzehnten betreffen wird. Und das wird eher schlimmer als besser." 

Die Bundesregierung vergisst die Klimakrise: "Wir laufen in eine soziale Katastrophe" 

Im Gespräch räumt er auch mit dem Klischee auf, Umweltschutz bedeute automatisch Verzicht: "Das zeugt für mich von einem völligen Fehlverständnis von dem, worum es uns beim Klimaschutz geht."

Fratzscher ist der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und Professor für Makroökonomie in Berlin. Außerdem berät er das Bundeswirtschaftsministerium. Seiner Meinung nach würden zu viele Menschen Wohlstand mit materiellem Wohlstand gleichsetzen: "Wenn man für sich überlegt, was einem wichtig ist, ist das doch eher, ist meine Familie gesund? Sozialer Frieden, eine intakte Umwelt. [...] Diese Dinge wollen wir schützen." Das bedeutet nicht automatisch, aufs Autofahren oder Reisen verzichten zu müssen. Denn die Technologie, um beides klimaschonend tun zu können, sei bereits da, sagt der Wirtschaftsexperte. Deshalb kritisiert er auch, dass es für das 9-Euro-Ticket keinen unmittelbaren Nachfolger gibt: "Gehört Mobilität nicht auch zu einer Grundversorgung, die kostenlos sein sollte?"

Wirtschaftsökonom Marcel Fratzscher: Mobilität gehört zur Grundversorgung 

Ob Deutschland schnell genug der ökologische Umschwung gelingt, werde maßgeblich dafür sein, wie schnell sich das Land auch wirtschaftlich wieder erholt. Denn die Klimakrise werde die soziale Schieflage noch deutlich verschärfen. 40 Prozent der Deutschen hätten keine Rücklagen und keine Ersparnisse, so der Ökonom. Diese 40 Prozent treffe es besonders, wenn die Energiepreise steigen oder teure Umlagen beschlossen werden: "Was wir im Augenblick erleben, höhere Preise für fossile Energieträger, die wir zum großen Teil importieren müssen, bedeutet einen massiven Wohlstandsverlust." Das werde sich erst durch den großflächigen Ausbau von einheimischen, erneuerbaren Energien ändern.

Dabei gebe es aber auch eine gute Nachricht, sagt Marcel Fratzscher: "Erneuerbare Energien – Wind, Solar, Biomasse – sind heute schon viel günstiger als Atomkraft, Kohle, Öl und Gas. Und je schneller uns dieser Umstieg gelingt, desto schneller gehen die Energiepreise auch runter." 

Michel Abdollahi
© TVNOW / Andreas Friese

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